Прабхупада

Bhagavad-gītā wie sie ist

2015

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A

Глава 1

Die Heere auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra

||1-1||

धृतराष्ट्र उवाच | धर्मक्षेत्रे कुरुक्षेत्रे समवेता युयुत्सवः | मामकाः पाण्डवाश्चैव किमकुर्वत सञ्जय ||१-१||

dhṛtarāṣṭra uvāca . dharmakṣetre kurukṣetre samavetā yuyutsavaḥ . māmakāḥ pāṇḍavāścaiva kimakurvata sañjaya ||1-1||

dhṛtarāṣṭraḥ uvāca — König Dhṛtarāṣṭra sprach; dharma-kṣetre — an der Pilgerstätte; kuru-kṣetre — am Ort namens Kurukṣetra; samavetāḥ — versammelt; yuyutsavaḥ — voller Kampflust; māmakāḥ — meine Partei (meine Söhne); pāṇḍavāḥ — die Söhne Pāṇḍus; ca — und; eva — gewiß; kim — was; akurvata — taten sie; sañjaya — o Sañjaya.


Dhṛtarāṣṭra sprach: O Sañjaya, was taten meine Söhne und die Söhne Pāṇḍus, als sie sich an der Pilgerstätte von Kurukṣetra voller Kampflust versammelt hatten?


Die Bhagavad-gītā ist das vielgelesene Buch der theistischen Wissenschaft. Sie wird in der Gītā-māhātmya, der „Ruhmpreisung der Gītā“, zusammengefaßt, und dort heißt es, man solle die Bhagavad-gītā mit der Hilfe eines Lehrers, der ein Geweihter Śrī Kṛṣṇas ist, eingehend studieren und man solle versuchen, sie frei von subjektiv motivierten Interpretationen zu verstehen. Das Beispiel für jemanden, der diese Lehren richtig verstanden hat, findet man in der Bhagavad-gītā selbst, nämlich in der Person Arjunas, der die Gītā direkt vom Herrn hörte. Wenn jemand das Glück hat, die Bhagavad-gītā in dieser Linie der Schülernachfolge, ohne motivierte Interpretation, zu verstehen, erhebt er sich über alle Studien vedischer Weisheit und alle Schriften der Welt. Man wird in der Bhagavad-gītā alles finden, was in anderen Schriften enthalten ist, doch der Leser wird auch Punkte finden, die anderswo nicht zu finden sind. Das ist die besondere Erhabenheit der Gītā. Sie ist die vollkommene theistische Wissenschaft, weil sie unmittelbar von der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa, gesprochen wurde.
Das im Mahābhārata beschriebene Gespräch zwischen Dhṛtarāṣṭra und Sañjaya bildet die Grundlage dieser erhabenen Philosophie. Aber wie bereits gesagt, wurde diese Philosophie ursprünglich auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra offenbart, einer heiligen Pilgerstätte, die in der vedischen Kultur schon seit unvordenklichen Zeiten verehrt wird. Der Sprecher war Śrī Kṛṣṇa, der persönlich auf der Erde erschienen war, um der Menschheit Führung zu geben.
Das Wort dharma-kṣetra (ein Ort, an dem religiöse Rituale vollzogen werden) ist bedeutsam, weil auf diesem Schlachtfeld von Kurukṣetra die Höchste Persönlichkeit Gottes gegenwärtig war und auf der Seite Arjunas stand. Dhṛtarāṣṭra, der Vater der Kurus, hatte am endgültigen Sieg seiner Söhne starke Zweifel, und so fragte er Sañjaya, seinen Sekretär: „Was taten sie?“ Er war überzeugt, daß sich sowohl seine Söhne als auch die Söhne seines jüngeren Bruders Pāṇḍu auf diesem Feld von Kurukṣetra versammelt hatten, um ihren Krieg mit Entschlossenheit auszutragen. Dennoch ist seine Frage von Bedeutung. Er wünschte keinen Kompromiß zwischen den Vettern und Brüdern, und so wollte er sich über das Schicksal seiner Söhne auf dem Schlachtfeld Gewißheit verschaffen. Weil die Schlacht gemäß den Vorkehrungen in Kurukṣetra stattfinden sollte, das an einer anderen Stelle in den Veden als eine Stätte der Verehrung – selbst für die Bewohner der himmlischen Planeten – bezeichnet wird, befürchtete Dhṛtarāṣṭra sehr, daß dieser heilige Ort den Ausgang der Schlacht beeinflussen könnte. Er wußte sehr wohl, daß dies ein Vorteil für Arjuna und die anderen Söhne Pāṇḍus war, da sie alle von Natur aus tugendhaft waren. Sañjaya war ein Schüler Vyāsas, und daher war er durch die Barmherzigkeit Vyāsas befähigt, das Schlachtfeld von Kurukṣetra visionär wahrzunehmen, obwohl er sich in Dhṛtarāṣṭras Gemach aufhielt. Und so befragte ihn Dhṛtarāṣṭra über die Lage auf dem Schlachtfeld.
Die Pāṇḍavas und die Söhne Dhṛtarāṣṭras gehören zur selben Familie, doch hier wird Dhṛtarāṣṭras Gesinnung enthüllt. Er erhob bewußt den Anspruch, nur seine Söhne seien Kurus, und schloß die Söhne Pāṇḍus vom Familienerbe aus. Man kann somit die besondere Stellung Dhṛtarāṣṭras in Beziehung zu seinen Neffen, den Söhnen Pāṇḍus, verstehen. So wie in einem Reisfeld die nutzlosen Pflanzen ausgerissen werden, so kann man schon jetzt, zu Beginn dieser Beschreibungen, erwarten, daß auf dem religiösen Feld von Kurukṣetra, wo der Vater der Religion, Śrī Kṛṣṇa, anwesend war, die unerwünschten Pflanzen, wie Dhṛtarāṣṭras Sohn Duryodhana und andere, vernichtet werden und daß den wahrhaft religiösen Menschen unter der Führung Yudhiṣṭhiras vom Herrn die Herrschaft übertragen wird. Dies ist die Aussage der Worte dharma- kṣetre und kuru-kṣetre, abgesehen von ihrer historischen und vedischen Bedeutung.

||1-2||

सञ्जय उवाच | दृष्ट्वा तु पाण्डवानीकं व्यूढं दुर्योधनस्तदा | आचार्यमुपसंगम्य राजा वचनमब्रवीत् ||१-२||

sañjaya uvāca . dṛṣṭvā tu pāṇḍavānīkaṃ vyūḍhaṃ duryodhanastadā . ācāryamupasaṃgamya rājā vacanamabravīt ||1-2||

sañjayaḥ uvāca — Sañjaya sagte; dṛṣṭvā — nachdem er gesehen hatte; tu — jedoch; pāṇḍava-anīkam — die Soldaten der Pāṇḍavas; vyūḍham — in militärischer Ordnung aufgestellt; duryodhanaḥ — König Duryodhana; tadā — zu dieser Zeit; ācāryam — dem Lehrer; upasaṅgamya — sich nähernd; rājā — der König; vacanam — Worte; abravīt — sprach.


Sañjaya sagte: O König, nachdem König Duryodhana über die Armee geblickt hatte, die von den Söhnen Pāṇḍus in Schlachtordnung aufgestellt worden war, ging er zu seinem Lehrer und sprach die folgenden Worte.


Dhṛtarāṣṭra war von Geburt an blind, und unglücklicherweise mangelte es ihm auch an spiritueller Sicht. Er wußte sehr wohl, daß seine Söhne in bezug auf Religion gleichermaßen blind waren, und er war sicher, daß sie sich niemals mit den Pāṇḍavas einigen konnten, die alle von Geburt an fromm waren. Dennoch hegte er Zweifel, als er an den Einfluß der Pilgerstätte dachte, und Sañjaya verstand, aus welchem Grund er nach der Lage auf dem Schlachtfeld fragte. Sañjaya wollte daher den verzagten König ermutigen und versicherte ihm, daß seine Söhne nicht daran dachten, unter dem Einfluß der heiligen Stätte irgendeinen Kompromiß einzugehen. Sañjaya teilte dem König weiter mit, daß sein Sohn Duryodhana, gleich nachdem er die Streitkräfte der Pāṇḍavas betrachtet hatte, zu seinem Oberbefehlshaber Droṇācārya ging, um ihn über die Lage auf dem Schlachtfeld zu unterrichten. Obwohl Duryodhana hier als König bezeichnet wird, mußte er dennoch, aufgrund des Ernstes der Lage, zu seinem Befehlshaber gehen. Er war daher durchaus geeignet, Politiker zu sein. Aber Duryodhanas äußerliches diplomatisches Verhalten konnte nicht die Furcht verbergen, die er verspürte, als er die militärische Aufstellung der Pāṇḍavas sah.

||1-3||

पश्यैतां पाण्डुपुत्राणामाचार्य महतीं चमूम् | व्यूढां द्रुपदपुत्रेण तव शिष्येण धीमता ||१-३||

paśyaitāṃ pāṇḍuputrāṇāmācārya mahatīṃ camūm . vyūḍhāṃ drupadaputreṇa tava śiṣyeṇa dhīmatā ||1-3||

paśya — betrachte; etām — diese; pāṇḍu-putrāṇām — der Söhne Pāṇḍus; ācārya — o Lehrer; mahatīm — große; camūm — Streitmacht; vyūḍhām — aufgestellt; drupada-putreṇa — vom Sohne Drupadas; tava — deinem; śiṣyeṇa — Schüler; dhī-matā — sehr intelligent.


O mein Lehrer, betrachte das gewaltige Heer der Söhne Pāṇḍus, das dein intelligenter Schüler, der Sohn Drupadas, auf solch geschickte Weise aufgestellt hat.


Duryodhana, ein geschickter Diplomat, wollte auf die Fehler Droṇācāryas, des großen Oberbefehlshabers und brāhmaṇa, aufmerksam machen. Droṇācārya hatte mit König Drupada, dem Vater Draupadīs, die Arjunas Gattin war, politische Streitigkeiten gehabt. Als Folge dieser Auseinandersetzung vollzog Drupada ein großes Opfer, durch das er die Segnung empfing, einen Sohn zu haben, der fähig sein würde, Droṇācārya zu töten. Droṇācārya wußte dies sehr wohl; doch als ihm der Sohn Drupadas, Dhṛṣṭadyumna, zur militärischen Ausbildung übergeben wurde, zögerte er als großmütiger brāhmaṇa nicht, ihm alle seine militärischen Geheimnisse anzuvertrauen. Auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra wählte Dhṛṣṭadyumna die Seite der Pāṇḍavas, und er war es, der ihre Schlachtordnung aufstellte, nachdem er die Kunst von Droṇācārya erlernt hatte. Duryodhana machte Droṇācārya auf diesen Fehler aufmerksam, damit er während des Kampfes wachsam und unnachgiebig sei. Außerdem wollte er darauf hinweisen, daß Droṇācārya in der Schlacht gegen die Pāṇḍavas, die ebenfalls seine ergebenen Schüler waren, nicht ähnlich milde sein solle. Besonders Arjuna war sein liebster und hervorragendster Schüler. Duryodhana warnte vor solcher Nachsicht, da sie im Kampf zu einer Niederlage führen würde.

||1-4||

अत्र शूरा महेष्वासा भीमार्जुनसमा युधि | युयुधानो विराटश्च द्रुपदश्च महारथः ||१-४||

atra śūrā maheṣvāsā bhīmārjunasamā yudhi . yuyudhāno virāṭaśca drupadaśca mahārathaḥ ||1-4||

atra — hier; śūrāḥ — Helden; mahā-iṣu-āsāḥ — mächtige Bogenschützen; bhīma-arjuna — Bhīma und Arjuna; samāḥ — ebenbürtig; yudhi — im Kampf; yuyudhānaḥ — Yuyudhāna; virāṭaḥ — Virāṭa; ca — auch; drupadaḥ — Drupada; ca — auch; mahā-rathaḥ — großer Kämpfer.


Hier in diesem Heer gibt es viele heldenhafte Bogenschützen, die Bhīma und Arjuna im Kampf ebenbürtig sind – große Kämpfer wie Yuyudhāna, Virāṭa und Drupada.


Angesichts von Droṇācāryas hervorragenden Fähigkeiten in der Kunst der Kriegsführung stellte Dhṛṣṭadyumna kein sehr großes Hindernis dar, aber viele andere, die anwesend waren, gaben Anlaß zu Befürchtungen. Sie werden von Duryodhana als große Hürden auf dem Weg zum Sieg bezeichnet, denn jeder einzelne von ihnen war ebenso furchterregend wie Bhīma und Arjuna. Er kannte die Stärke Bhīmas und Arjunas und verglich daher die anderen mit ihnen.

||1-5||

धृष्टकेतुश्चेकितानः काशिराजश्च वीर्यवान् | पुरुजित्कुन्तिभोजश्च शैब्यश्च नरपुंगवः ||१-५||

dhṛṣṭaketuścekitānaḥ kāśirājaśca vīryavān . purujitkuntibhojaśca śaibyaśca narapuṃgavaḥ ||1-5||

dhṛṣṭaketuḥ — Dhṛṣṭaketu; cekitānaḥ — Cekitāna; kāśirājaḥ — Kāśirāja; ca — auch; vīrya-vān — sehr mächtig; purujit — Purujit; kuntibhojaḥ — Kuntibhoja; ca — und; śaibyaḥ — Śaibya; ca — und; narapuṅgavaḥ — Held in der menschlichen Gesellschaft.


Es sind auch andere große, heldenhafte und mächtige Kämpfer anwesend, wie Dhṛṣṭaketu, Cekitāna, Kāśirāja, Purujit, Kuntibhoja und Śaibya.

||1-6||

युधामन्युश्च विक्रान्त उत्तमौजाश्च वीर्यवान् | सौभद्रो द्रौपदेयाश्च सर्व एव महारथाः ||१-६||

yudhāmanyuśca vikrānta uttamaujāśca vīryavān . saubhadro draupadeyāśca sarva eva mahārathāḥ ||1-6||

yudhāmanyuḥ — Yudhāmanyu; ca — und; vikrāntaḥ — mächtig; uttamaujāḥ — Uttamaujā; ca — und; vīrya-vān — sehr stark; saubhadraḥ — der Sohn Subhadrās; draupadeyāḥ — die Söhne Draupadīs; ca — und; sarve — alle; eva — gewiß; mahā-rathāḥ — große Wagenkämpfer.


Dort stehen der gewaltige Yudhāmanyu, der äußerst mächtige Uttamaujā, der Sohn Subhadrās und die Söhne Draupadīs. All diese Krieger sind große Wagenkämpfer.

||1-7||

अस्माकं तु विशिष्टा ये तान्निबोध द्विजोत्तम | नायका मम सैन्यस्य संज्ञार्थं तान्ब्रवीमि ते ||१-७||

asmākaṃ tu viśiṣṭā ye tānnibodha dvijottama . nāyakā mama sainyasya saṃjñārthaṃ tānbravīmi te ||1-7||

asmākam — unsere; tu — aber; viśiṣṭāḥ — besonders mächtig; ye — diejenigen; tān — ihnen; nibodha — beachte bitte, sei unterrichtet; dvija- uttama — o bester der brāhmaṇas; nāyakāḥ — Hauptleute; mama — meine; sainyasya — der Soldaten; saṁjñā-artham — zur Information; tān — ihnen; bravīmi — ich teile mit; te — dir.


O bester der brāhmaṇas, ich möchte dir zu deiner Information aber auch mitteilen, welches die mächtigsten Anführer meiner Streitmacht sind.

||1-8||

भवान्भीष्मश्च कर्णश्च कृपश्च समितिञ्जयः | अश्वत्थामा विकर्णश्च सौमदत्तिस्तथैव च ||१-८||

bhavānbhīṣmaśca karṇaśca kṛpaśca samitiñjayaḥ . aśvatthāmā vikarṇaśca saumadattistathaiva ca ||1-8||

bhavān — du selbst; bhīṣmaḥ — Großvater Bhīṣma; ca — auch; karṇaḥ — Karṇa; ca — und; kṛpaḥ — Kṛpa; ca — und; samitim-jayaḥ — in der Schlacht immer siegreich; aśvatthāmā — Aśvatthāmā; vikarṇaḥ — Vikarṇa; ca — und auch; saumadattiḥ — der Sohn Somadattas; tathā — wie auch; eva — gewiß; ca — auch.


Es sind dies Persönlichkeiten wie du selbst, Bhīṣma, Karṇa, Kṛpa, Aśvatthāmā, Vikarṇa und der Sohn Somadattas mit Namen Bhūriśravā, die alle in der Schlacht immer siegreich sind.


Duryodhana erwähnt die herausragenden Helden der Schlacht, die alle immer siegreich sind. Vikarṇa ist der Bruder Duryodhanas; Aśvatthāmā ist der Sohn Droṇācāryas, und Saumadatti, auch Bhūriśravā genannt, ist der Sohn des Königs der Bāhlīkas. Karṇa ist der Halbbruder Arjunas, weil er von Kuntī noch vor ihrer Heirat mit König Pāṇḍu geboren wurde. Kṛpācāryas Zwillingsschwester war die Frau von Droṇācārya.

||1-9||

अन्ये च बहवः शूरा मदर्थे त्यक्तजीविताः | नानाशस्त्रप्रहरणाः सर्वे युद्धविशारदाः ||१-९||

anye ca bahavaḥ śūrā madarthe tyaktajīvitāḥ . nānāśastrapraharaṇāḥ sarve yuddhaviśāradāḥ ||1-9||

anye — andere; ca — auch; bahavaḥ — in großer Zahl; śūrāḥ — Helden; mat-arthe — um meinetwillen; tyakta-jīvitāḥ — bereit, das Leben zu wagen; nānā — viele; śastra — Waffen; praharaṇāḥ — ausgerüstet mit; sarve — sie alle; yuddha-viśāradāḥ — in der militärischen Wissenschaft erfahren.


Und noch viele andere Helden sind bereit, für mich ihr Leben hinzugeben. Sie alle sind mit den verschiedensten Waffen ausgerüstet, und alle sind in der militärischen Wissenschaft erfahren.


Was die anderen betrifft – wie Jayadratha, Kṛtavarmā und Śalya –, so waren sie alle entschlossen, für Duryodhana ihr Leben zu opfern. Mit anderen Worten, es stand bereits fest, daß sie alle in der Schlacht von Kurukṣetra sterben würden, weil sie sich der Partei des sündhaften Duryodhana angeschlossen hatten. Was Duryodhana betraf, so war er natürlich aufgrund der obenerwähnten vereinigten Kräfte seiner Freunde von seinem Sieg überzeugt.

||1-10||

अपर्याप्तं तदस्माकं बलं भीष्माभिरक्षितम् | पर्याप्तं त्विदमेतेषां बलं भीमाभिरक्षितम् ||१-१०||

aparyāptaṃ tadasmākaṃ balaṃ bhīṣmābhirakṣitam . paryāptaṃ tvidameteṣāṃ balaṃ bhīmābhirakṣitam ||1-10||

aparyāptam — unermeßlich; tat — diese; asmākam — unsere; balam — Stärke; bhīṣma — von Großvater Bhīṣma; abhirakṣitam — vollkommen beschützt; paryāptam — begrenzt; tu — aber; idam — all diese; eteṣām — der Pāṇḍavas; balam — Stärke; bhīma — von Bhīma; abhirakṣitam — sorgfältig beschützt.


Unsere Stärke ist unermeßlich, und wir werden von Großvater Bhīṣma vollkommen beschützt, wohingegen die Stärke der Pāṇḍavas, die von Bhīma sorgfältig beschützt werden, begrenzt ist.


Hier wird von Duryodhana das Stärkeverhältnis abgeschätzt. Er glaubt, die Stärke seiner Streitkräfte sei unermeßlich, insbesondere weil sie von dem erfahrensten aller Generäle, Großvater Bhīṣma, beschützt wurde. Demgegenüber seien die Streitkräfte der Pāṇḍavas begrenzt, da diese ein weniger erfahrener General, nämlich Bhīma, beschütze, der in der Gegenwart Bhīṣmas wie ein Zwerg erscheine. Duryodhana hatte Bhīma immer schon beneidet, da er sehr genau wußte, daß er, falls er jemals sterben sollte, nur von Bhīma getötet werden konnte. Gleichzeitig jedoch war er aufgrund der Gegenwart Bhīṣmas, der ein weitaus überlegenerer Feldherr war, von seinem Sieg überzeugt. Seine Schlußfolgerung, daß er aus der Schlacht siegreich hervorgehen würde, war also nicht unbegründet.

||1-11||

अयनेषु च सर्वेषु यथाभागमवस्थिताः | भीष्ममेवाभिरक्षन्तु भवन्तः सर्व एव हि ||१-११||

ayaneṣu ca sarveṣu yathābhāgamavasthitāḥ . bhīṣmamevābhirakṣantu bhavantaḥ sarva eva hi ||1-11||

ayaneṣu — an den strategischen Punkten; ca — auch; sarveṣu — überall; yathā-bhāgam — wie sie auf verschiedene Weise aufgestellt sind; avasthitāḥ — befindlich; bhīṣmam — Großvater Bhīṣma; eva — gewiß; abhirakṣantu — solltet Unterstützung gewähren; bhavantaḥ — ihr; sarve — alle; eva hi — gewiß.


Jetzt, wenn ihr eure strategischen Schlüsselstellungen in der Heeresfront einnehmt, müßt ihr alle Großvater Bhīṣma volle Unterstützung gewähren.


Nachdem Duryodhana die Tapferkeit Bhīṣmas gepriesen hatte, bedachte er, daß andere glauben könnten, sie seien als weniger wichtig angesehen worden, und so versuchte er in seiner üblichen diplomatischen Art, die Lage mit den obigen Worten zu bereinigen. Er betonte, Bhīṣmadeva sei zweifellos der größte Held, aber er sei ein alter Mann und daher solle jeder besonders darauf achten, ihm von allen Seiten Deckung zu geben. Es sei gut möglich, daß Bhīṣma sehr in den Kampf verwickelt werde, und wenn er auf der einen Seite völlig in Anspruch genommen sei, könnte der Feind dies unter Umständen ausnutzen. Daher sei es wichtig, daß die anderen Helden ihre strategischen Stellungen nicht verließen, denn dies würde es dem Feind gestatten, die Schlachtreihe zu durchbrechen. Duryodhana spürte deutlich, daß der Sieg der Kurus von der Gegenwart Bhīṣmadevas abhing. Er war sich der vollen Unterstützung Bhīṣmadevas und Droṇācāryas in der Schlacht gewiß, da er sehr wohl wußte, daß sie in der Versammlung der großen Generäle nicht ein einziges Wort gesagt hatten, als man versuchte, Arjunas Gattin Draupadī gewaltsam zu entkleiden, und Draupadī sich in ihrer hilflosen Lage an sie wandte und um Gerechtigkeit flehte. Obwohl Duryodhana wußte, daß die beiden Feldherren eine gewisse Zuneigung zu den Pāṇḍavas hegten, hoffte er, sie würden jetzt ihre Zuneigung vollständig aufgeben, ebenso wie sie es während dieser Glücksspielversammlung getan hatten.

||1-12||

तस्य सञ्जनयन्हर्षं कुरुवृद्धः पितामहः | सिंहनादं विनद्योच्चैः शङ्खं दध्मौ प्रतापवान् ||१-१२||

tasya sañjanayanharṣaṃ kuruvṛddhaḥ pitāmahaḥ . siṃhanādaṃ vinadyoccaiḥ śaṅkhaṃ dadhmau pratāpavān ||1-12||

tasya — seine; sañjanayan — vergrößernd; harṣam — Freude; kuruvṛddhaḥ — der Ahnherr der Kuru-Dynastie (Bhīṣma); pitāmahaḥ — der Großvater; siṁha-nādam — Dröhnen, wie das Brüllen eines Löwen; vinadya — ertönen lassend; uccaiḥ — sehr laut; śaṅkham — Muschelhorn; dadhmau — blies; pratāpa-vān — der heldenhafte.


Bhīṣma, der große, heldenhafte Ahnherr der Kuru-Dynastie, der Großvater der Kämpfer, blies darauf laut in sein Muschelhorn. Es dröhnte wie das Brüllen eines Löwen und erfüllte Duryodhana mit Freude.


Der Ahnherr der Kuru-Dynastie wußte, was im Herzen seines Enkels Duryodhana vorging, und aus natürlichem Mitgefühl versuchte er, ihn anzuspornen, indem er sehr laut in sein Muschelhorn blies, was seiner löwengleichen Stellung angemessen war. Durch die Symbolik des Muschelhorns gab er seinem niedergeschlagenen Enkel indirekt zu verstehen, daß er keine Chance habe, in der Schlacht siegreich zu sein, da der Höchste Herr, Śrī Kṛṣṇa, auf der anderen Seite stand. Nichtsdestoweniger war es seine Pflicht, den Kampf durchzuführen, und er würde dabei keine Mühen scheuen.

||1-13||

ततः शङ्खाश्च भेर्यश्च पणवानकगोमुखाः | सहसैवाभ्यहन्यन्त स शब्दस्तुमुलोऽभवत् ||१-१३||

tataḥ śaṅkhāśca bheryaśca paṇavānakagomukhāḥ . sahasaivābhyahanyanta sa śabdastumulo.abhavat ||1-13||

tataḥ — danach; śaṅkhāḥ — Muschelhörner; ca — auch; bheryaḥ — große Trommeln; ca — und; paṇava-ānaka — kleine Trommeln und Kesselpauken; go-mukhāḥ — Hörner; sahasā — plötzlich; eva — gewiß; abhyahanyanta — ertönten gleichzeitig; saḥ — dieser; śabdaḥ — gemeinsamer Klang; tumulaḥ — tumultartig; abhavat — wurde.


Da ertönten plötzlich alle Muschelhörner, Trommeln, Signalhörner, Trompeten und Fanfaren, und der gemeinsame Klang war tosend.

||1-14||

ततः श्वेतैर्हयैर्युक्ते महति स्यन्दने स्थितौ | माधवः पाण्डवश्चैव दिव्यौ शङ्खौ प्रदध्मतुः ||१-१४||

tataḥ śvetairhayairyukte mahati syandane sthitau . mādhavaḥ pāṇḍavaścaiva divyau śaṅkhau pradadhmatuḥ ||1-14||

tataḥ — danach; śvetaiḥ — von weißen; hayaiḥ — Pferden; yukte — gespannt vor; mahati — in einem großen; syandane — Streitwagen; sthitau — sich befindend; mādhavaḥ — Kṛṣṇa (der Gemahl der Glücksgöttin); pāṇḍavaḥ — Arjuna (der Sohn Pāṇḍus); ca — auch; eva — gewiß; divyau — transzendentalen; śaṅkhau — Muschelhörner; pradadhmatuḥ — ließen erschallen.


Auf der anderen Seite ließen sowohl Śrī Kṛṣṇa als auch Arjuna, die auf einem großen, von weißen Pferden gezogenen Streitwagen standen, ihre transzendentalen Muschelhörner erschallen.


Im Gegensatz zu dem von Bhīṣmadeva geblasenen Muschelhorn werden die Muschelhörner in den Händen von Kṛṣṇa und Arjuna als transzendental bezeichnet. Das Erschallen der transzendentalen Muschelhörner deutet an, daß es für die andere Seite keine Hoffnung auf Sieg gab, da Kṛṣṇa auf der Seite der Pāṇḍavas stand. Jayas tu pāṇḍu-putrāṇāṁ yeṣāṁ pakṣe janārdanaḥ. Gottgeweihte wie die Söhne Pāṇḍus sind immer siegreich, weil Kṛṣṇa bei ihnen ist. Und wann immer und wo immer der Herr gegenwärtig ist, dort findet man auch die Glücksgöttin, denn die Glücksgöttin ist niemals von ihrem Gemahl getrennt. Daher erwarteten Arjuna Sieg und Glück, wie der transzendentale Klang, der aus dem Muschelhorn Viṣṇus, oder Śrī Kṛṣṇas, erschallte, andeutete. Außerdem war der Streitwagen, auf dem die beiden Freunde saßen, ein Geschenk Agnis, des Feuergottes, an Arjuna, was bedeutete, daß man überall in den drei Welten, wo man mit diesem Streitwagen hinfuhr, alle Himmelsrichtungen erobern konnte.

||1-15||

पाञ्चजन्यं हृषीकेशो देवदत्तं धनञ्जयः | पौण्ड्रं दध्मौ महाशङ्खं भीमकर्मा वृकोदरः ||१-१५||

pāñcajanyaṃ hṛṣīkeśo devadattaṃ dhanañjayaḥ . pauṇḍraṃ dadhmau mahāśaṅkhaṃ bhīmakarmā vṛkodaraḥ ||1-15||

pāñcajanyam — das Muschelhorn namens Pāñcajanya; hṛṣīka-īśaḥ — Hṛṣīkeśa (Kṛṣṇa, der Herr, der die Sinne der Gottgeweihten lenkt); devadattam — das Muschelhorn namens Devadatta; dhanam-jayaḥ — Dhanañjaya (Arjuna, der Gewinner von Reichtum); pauṇḍram — das Muschelhorn namens Pauṇḍra; dadhmau — blies; māha-śaṅkham — das furchterregende Muschelhorn; bhīma-karmā — jemand, der herkulische Taten vollbringt; vṛka-udaraḥ — der unersättliche Esser (Bhīma).


Śrī Kṛṣṇa ließ Sein Muschelhorn namens Pāñcajanya erschallen; Arjuna blies in das seine namens Devadatta, und Bhīma, der unersättliche Esser und Vollbringer herkulischer Taten, blies in sein furchterregendes Muschelhorn namens Pauṇḍra.


Śrī Kṛṣṇa wird in diesem Vers als Hṛṣīkeśa bezeichnet, weil Er der Eigentümer aller Sinne ist. Die Lebewesen sind winzige Bestandteile von Ihm, und daher sind die Sinne der Lebewesen ebenfalls Bestandteile Seiner Sinne. Die Unpersönlichkeitsanhänger sind unfähig, für die Gegenwart der Sinne des Lebewesens eine befriedigende Erklärung zu geben, und deswegen sind sie immer bestrebt zu behaupten, die Lebewesen besäßen weder Sinne noch Persönlichkeit. Der Herr, der Sich im Herzen aller Lebewesen befindet, lenkt ihre Sinne, aber Er lenkt sie je nach dem Grad ihrer Hingabe. Im Falle eines reinen Gottgeweihten lenkt der Herr die Sinne direkt. Hier auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra lenkt der Herr die transzendentalen Sinne Arjunas direkt, und so erklärt es sich, daß Er in diesem Vers als Hṛṣīkeśa bezeichnet wird. Der Herr hat verschiedene Namen, je nach Seinen Taten. Zum Beispiel trägt Er den Namen Madhusūdana, weil Er den Dämon Madhu tötete; Sein Name ist Govinda, weil Er den Kühen und den Sinnen Freude schenkt; Sein Name ist Vāsudeva, weil Er als der Sohn Vasudevas erschien; Sein Name ist Devakī-nandana, weil Er Devakī als Seine Mutter annahm; Sein Name ist Yaśodā- nandana, weil Er in Vṛndāvana Yaśodā mit Seinen Kindheitsspielen beglückte, und Sein Name lautet Pārtha-sārathi, weil Er der Wagenlenker Seines Freundes Arjuna war. In ähnlicher Weise trägt Er den Namen Hṛṣīkeśa, weil Er Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra Führung gab.
Arjuna wird in diesem Vers als Dhanañjaya bezeichnet, weil er seinem älteren Bruder, der König war, dabei half, Reichtum zusammenzutragen, als dieser mit großem Aufwand verschiedene Opfer durchführen wollte. Was Bhīma betrifft, so ist er als Vṛkodara bekannt, weil er Mengen essen konnte, die ebenso erstaunlich waren wie seine herkulischen Taten, wie zum Beispiel das Töten des Dämons Hiḍimba. So war der Klang der Muschelhörner, die die verschiedenen Persönlichkeiten auf seiten der Pāṇḍavas bliesen, angefangen mit dem Muschelhorn des Herrn, für die kampfbereiten Soldaten sehr ermutigend. Die Gegenseite erfreute sich keiner solcher Begünstigungen, auch nicht der Gegenwart Śrī Kṛṣṇas, des höchsten Lenkers, und auch nicht der Gegenwart der Glücksgöttin. So war es den Kurus vorherbestimmt, die Schlacht zu verlieren – das war die Botschaft, die der Klang der Muschelhörner verkündete.

||1-16||

अनन्तविजयं राजा कुन्तीपुत्रो युधिष्ठिरः | नकुलः सहदेवश्च सुघोषमणिपुष्पकौ ||१-१६||

anantavijayaṃ rājā kuntīputro yudhiṣṭhiraḥ . nakulaḥ sahadevaśca sughoṣamaṇipuṣpakau ||1-16||

ananta-vijayam — das Muschelhorn namens Anantavijaya; rājā — der König; kuntī-putraḥ — der Sohn Kuntīs; yudhiṣṭhiraḥ — Yudhiṣṭhira; nakulaḥ — Nakula; sahadevaḥ — Sahadeva; ca — und; sughoṣa- maṇipuṣpakau — die Muschelhörner namens Sughoṣa und Maṇipuṣpaka; kāśyaḥ — der König von Kāśī (Vārāṇasī); ca — und; parama-iṣu-āsaḥ — der große Bogenschütze; śikhaṇḍī — Śikhaṇḍī; ca — auch; mahā-rathaḥ — jemand, der allein gegen Tausende kämpfen kann; dhṛṣṭadyumnaḥ — Dhṛṣṭadyumna (der Sohn Drupadas); virāṭaḥ — Virāṭa (der König, der den Pāṇḍavas Zuflucht gewährte, als sie sich verbergen mußten); ca — auch; sātyakiḥ — Sātyaki (auch Yuyudhāna genannt, der Wagenlenker Śrī Kṛṣṇas); ca — und; aparājitaḥ — die niemals zuvor besiegt worden waren; drupadaḥ — Drupada, der König von Pāñcāla; draupadeyāḥ — die Söhne Draupadīs; ca — auch; sarvaśaḥ — alle; pṛthivī-pate — o König; saubhadraḥ — Abhimanyu, der Sohn Subhadrās; ca — auch; mahā- bāhuḥ — starkarmig; śaṅkhān — Muschelhörner; dadhmuḥ — bliesen; pṛthak pṛthak — jeder für sich.


König Yudhiṣṭhira, der Sohn Kuntīs, ließ sein Muschelhorn, das Anantavijaya, ertönen, und Nakula und Sahadeva bliesen das Sughoṣa und das Maṇipuṣpaka. Der König von Kāśī, ein großer Bogenschütze, der große Kämpfer Śikhaṇḍī, Dhṛṣṭadyumna, Virāṭa und der unbezwingbare Sātyaki, Drupada, die Söhne Draupadīs, und die anderen, o König, wie der starkarmige Sohn Subhadrās, ließen ebenfalls ihre Muschelhörner erschallen.


Sañjaya gab König Dhṛtarāṣṭra auf sehr taktvolle Weise zu verstehen, daß seine unkluge Politik, die Söhne Pāṇḍus zu betrügen und sich darum zu bemühen, die eigenen Söhne auf den Thron des Königreichs zu bringen, nicht sehr lobenswert war. Die Vorzeichen deuteten schon jetzt klar darauf hin, daß in dieser großen Schlacht die gesamte Kuru-Dynastie vernichtet werden würde. Angefangen mit dem Ahnherrn, Bhīṣma, bis hinab zu den Enkeln, wie Abhimanyu und anderen – einschließlich der Könige aus vielen Reichen der Welt –, waren alle dort Anwesenden dem Untergang geweiht. Die ganze Katastrophe war die Schuld König Dhṛtarāṣṭras, weil er die Pläne seiner Söhne unterstützte.

||1-17||

काश्यश्च परमेष्वासः शिखण्डी च महारथः | धृष्टद्युम्नो विराटश्च सात्यकिश्चापराजितः ||१-१७||

kāśyaśca parameṣvāsaḥ śikhaṇḍī ca mahārathaḥ . dhṛṣṭadyumno virāṭaśca sātyakiścāparājitaḥ ||1-17||

||1-18||

द्रुपदो द्रौपदेयाश्च सर्वशः पृथिवीपते | सौभद्रश्च महाबाहुः शङ्खान्दध्मुः पृथक्पृथक् ||१-१८||

drupado draupadeyāśca sarvaśaḥ pṛthivīpate . saubhadraśca mahābāhuḥ śaṅkhāndadhmuḥ pṛthakpṛthak ||1-18||

||1-19||

स घोषो धार्तराष्ट्राणां हृदयानि व्यदारयत् | नभश्च पृथिवीं चैव तुमुलोऽभ्यनुनादयन् (or लोव्यनु) ||१-१९||

sa ghoṣo dhārtarāṣṭrāṇāṃ hṛdayāni vyadārayat . nabhaśca pṛthivīṃ caiva tumulo.abhyanunādayan (lo vyanu)||1-19||

saḥ — diese; ghoṣaḥ — Klangschwingung; dhārtarāṣṭrāṇām — der Söhne Dhṛtarāṣṭras; hṛdayāni — Herzen; vyadārayat — zerriß; nabhaḥ — der Himmel; ca — auch; pṛthivīm — die Oberfläche der Erde; ca — auch; eva — gewiß; tumulaḥ — gewaltig; abhyanunādayan — widerhallend.


Der Klang der Muschelhörner war gewaltig, und da er sowohl im Himmel als auch auf der Erde widerhallte, zerriß er die Herzen der Söhne Dhṛtarāṣṭras.


Als Bhīṣma und die anderen Krieger auf der Seite Duryodhanas ihre Muschelhörner ertönen ließen, erstarrten die Herzen der Pāṇḍavas nicht. An keiner Stelle wird so etwas erwähnt; im Gegenteil, in ebendiesem Vers heißt es, daß es das Herz der Söhne Dhṛtarāṣṭras zerriß, als sie den Klang vernahmen, den die Partei der Pāṇḍavas erzeugte. Daß den Pāṇḍavas dies gelang, war auf ihr Vertrauen in Śrī Kṛṣṇa zurückzuführen. Jemand, der beim Höchsten Herrn Zuflucht sucht, hat selbst inmitten des größten Unheils nichts zu befürchten.

||1-20||

अथ व्यवस्थितान्दृष्ट्वा धार्तराष्ट्रान् कपिध्वजः | प्रवृत्ते शस्त्रसम्पाते धनुरुद्यम्य पाण्डवः | हृषीकेशं तदा वाक्यमिदमाह महीपते ||१-२०||

atha vyavasthitāndṛṣṭvā dhārtarāṣṭrān kapidhvajaḥ . pravṛtte śastrasampāte dhanurudyamya pāṇḍavaḥ ||1-20||

atha — darauf; vyavasthitān — sich befindend; dṛṣṭvā — betrachtend; dhārtarāṣṭrān — die Söhne Dhṛtarāṣṭras; kapi-dhvajaḥ — derjenige, dessen Fahne mit dem Zeichen Hanumāns versehen ist; pravṛtte — während er sich anschickte; śastra-sampāte — die Pfeile abzuschießen; dhanuḥ — Bogen; udyamya — aufnehmend; pāṇḍavaḥ — der Sohn Pāṇḍus (Arjuna); hṛṣīkeśam — zu Śrī Kṛṣṇa; tadā — zu diesem Zeitpunkt; vākyam — Worte; idam — diese; āha — sprach; mahī-pate — o König.


Da nahm Arjuna, der Sohn Pāṇḍus, auf dessen Streitwagen sich die Fahne mit dem Zeichen Hanumāns befand, seinen Bogen auf und machte sich bereit, seine Pfeile abzuschießen. Er blickte über die Schlachtreihe der Söhne Dhṛtarāṣṭras, und dann, o König, sprach er zu Śrī Kṛṣṇa die folgenden Worte.


Die Schlacht sollte jeden Augenblick beginnen. Man kann der obigen Darstellung entnehmen, daß die Söhne Dhṛtarāṣṭras mehr oder weniger entmutigt waren, als sie die unerwartete Aufstellung der Streitkräfte der Pāṇḍavas sahen, die auf dem Schlachtfeld durch die direkten Unterweisungen Śrī Kṛṣṇas geführt wurden. Das Emblem Hanumāns auf der Fahne Arjunas ist ein weiteres Zeichen des Sieges, denn Hanumān stellte sich in der Schlacht zwischen Rāma und Rāvaṇa auf die Seite Śrī Rāmas, und am Ende war Śrī Rāma siegreich. Jetzt waren sowohl Rāma als auch Hanumān auf dem Streitwagen Arjunas anwesend, um Arjuna beizustehen. Śrī Kṛṣṇa ist Rāma Selbst, und wo immer Sich Śrī Rāma aufhält, dort befindet sich auch Sein ewiger Diener Hanumān und Seine ewige Gemahlin Sītā, die Glücksgöttin. Es gab daher für Arjuna keinen Grund, irgendwelche Feinde zu fürchten. Und vor allem war der Herr der Sinne, Śrī Kṛṣṇa, persönlich gegenwärtig, um ihm Weisungen zu erteilen. Was also die Durchführung der Schlacht betraf, so standen Arjuna alle guten Ratschläge zur Verfügung. In solch glückverheißenden Umständen, die vom Herrn für Seinen ewigen Geweihten geschaffen werden, liegen die Zeichen sicheren Sieges.

||1-21||

अर्जुन उवाच | सेनयोरुभयोर्मध्ये रथं स्थापय मेऽच्युत ||१-२१||

hṛṣīkeśaṃ tadā vākyamidamāha mahīpate . arjuna uvāca . senayorubhayormadhye rathaṃ sthāpaya me.acyuta ||1-21||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; senayoḥ — der Heere; ubhayoḥ — beider; madhye — zwischen; ratham — den Streitwagen; sthāpaya — bitte lenke; me — meinen; acyuta — o Unfehlbarer; yāvat — solange wie; etān — all diese; nirīkṣe — kann betrachten; aham — ich; yoddhu-kāmān — kampfbegierig; avasthitān — auf dem Schlachtfeld aufgestellt; kaiḥ — mit wem; mayā — von mir; saha — mit; yoddhavyam — muß kämpfen; asmin — in diesem; raṇa — Kampf; samudyame — bei dem Versuch.


Arjuna sagte: O Unfehlbarer, bitte lenke meinen Streitwagen zwischen die beiden Heere, damit ich all diejenigen sehen kann, die sich hier voller Kampfbegierde versammelt haben und gegen die ich in dieser großen Schlacht meine Waffen richten muß.


Obwohl Śrī Kṛṣṇa die Höchste Persönlichkeit Gottes ist, betätigte Er Sich aus Seiner grundlosen Barmherzigkeit im Dienst Seines Freundes. Er verfehlt es nie, Seine Geweihten zuneigungsvoll zu behandeln, und deshalb wird Er hier als unfehlbar bezeichnet. Als Wagenlenker mußte Er Arjunas Befehle ausführen, und da Er nicht zögerte, dies zu tun, wird Er als unfehlbar bezeichnet. Obwohl Er die Rolle des Wagenlenkers Seines Geweihten angenommen hatte, wurde Seine Stellung als der Höchste nicht in Frage gestellt. Unabhängig von allen Umständen, ist Er die Höchste Persönlichkeit Gottes, Hṛṣīkeśa, der Herr der Gesamtheit aller Sinne. Die Beziehung zwischen dem Herrn und Seinem Diener ist sehr süß und transzendental. Der Diener ist immer bereit, dem Herrn einen Dienst zu leisten, und in ähnlicher Weise sucht auch der Herr immer nach einer Gelegenheit, Seinem Geweihten irgendeinen Dienst zu erweisen. Er findet größere Freude daran, wenn Sein reiner Geweihter die übergeordnete Stellung einnimmt, Ihm zu befehlen, als wenn Er es ist, der Befehle erteilt. Da Er der Meister ist, muß jeder Seinen Anordnungen nachkommen – niemand steht über Ihm, der Ihm Befehle geben könnte –, doch wenn Er sieht, daß ein reiner Gottgeweihter Ihm befiehlt, erfährt Er transzendentale Freude, obwohl Er unter allen Umständen der unfehlbare Herr ist.
Als reiner Geweihter des Herrn hatte Arjuna kein Verlangen, mit Seinen Vettern und Brüdern zu kämpfen, doch aufgrund des Starrsinns von Duryodhana, der niemals irgendeinem Friedensangebot zugestimmt hatte, war er gezwungen, auf das Schlachtfeld zu kommen. Deshalb war er sehr bestrebt zu sehen, wer die auf dem Schlachtfeld versammelten führenden Persönlichkeiten waren. Obwohl eine Friedensbemühung auf dem Schlachtfeld ausgeschlossen war, wollte er sie dennoch wiedersehen, und er wollte wissen, wie sehr sie darauf drängten, diesen unerwünschten Krieg zu führen.

||1-22||

यावदेतान्निरीक्षेऽहं योद्धुकामानवस्थितान् | कैर्मया सह योद्धव्यमस्मिन् रणसमुद्यमे ||१-२२||

yāvadetānnirikṣe.ahaṃ yoddhukāmānavasthitān . kairmayā saha yoddhavyamasmin raṇasamudyame ||1-22||

||1-23||

योत्स्यमानानवेक्षेऽहं य एतेऽत्र समागताः | धार्तराष्ट्रस्य दुर्बुद्धेर्युद्धे प्रियचिकीर्षवः ||१-२३||

yotsyamānānavekṣe.ahaṃ ya ete.atra samāgatāḥ . dhārtarāṣṭrasya durbuddheryuddhe priyacikīrṣavaḥ ||1-23||

yotsyamānān — diejenigen, die kämpfen werden; avekṣe — laß mich sehen; aham — ich; ye — die; ete — diejenigen; atra — hier; samāgatāḥ — versammelt; dhārtarāṣṭrasya — für den Sohn Dhṛtarāṣṭras; durbuddheḥ — niederträchtig; yuddhe — im Kampf; priya — gut; cikīrṣavaḥ — wünschend.


Laß mich diejenigen sehen, die hierher zum Kampf gekommen sind, um den niederträchtigen Sohn Dhṛtarāṣṭras zu erfreuen.


Es war ein offenes Geheimnis, daß Duryodhana, in Zusammenarbeit mit seinem Vater Dhṛtarāṣṭra, durch üble Machenschaften das Königreich der Pāṇḍavas an sich reißen wollte. Daher mußten all diejenigen, die sich Duryodhana angeschlossen hatten, von gleicher Gesinnung sein. Arjuna wollte sie vor Beginn des Kampfes auf dem Schlachtfeld nur sehen, um zu erfahren, um wen es sich handelte; er hatte nicht die Absicht, ihnen Friedensverhandlungen vorzuschlagen. Außerdem wollte er sie auch sehen, um die Stärke abzuschätzen, der er zu begegnen hatte, obgleich er sich des Sieges völlig sicher war, da Kṛṣṇa an seiner Seite saß.

||1-24||

सञ्जय उवाच | एवमुक्तो हृषीकेशो गुडाकेशेन भारत | सेनयोरुभयोर्मध्ये स्थापयित्वा रथोत्तमम् ||१-२४||

sañjaya uvāca . evamukto hṛṣīkeśo guḍākeśena bhārata . senayorubhayormadhye sthāpayitvā rathottamam ||1-24||

sañjayaḥ uvāca — Sañjaya sprach; evam — so; uktaḥ — angesprochen; hṛṣīkeśaḥ — Śrī Kṛṣṇa; guḍākeśena — von Arjuna; bhārata — o Nachkomme Bharatas; senayoḥ — der Heere; ubhayoḥ — beider; madhye — in der Mitte von; sthāpayitvā — indem Er führte; ratha-uttamam — den höchst vortrefflichen Streitwagen.


Sañjaya sprach: O Nachkomme Bharatas, so von Arjuna angesprochen, lenkte Śrī Kṛṣṇa den vortrefflichen Streitwagen zwischen die Heere beider Parteien.


In diesem Vers wird Arjuna als Guḍākeśa bezeichnet. Guḍākā bedeutet „Schlaf“, und jemand, der den Schlaf bezwungen hat, wird guḍākeśa genannt. Schlaf bedeutet auch Unwissenheit, und so bezwang Arjuna dank seiner Freundschaft mit Kṛṣṇa sowohl Schlaf als auch Unwissenheit. Als großer Gottgeweihter konnte er Kṛṣṇa nicht einmal für einen Augenblick vergessen, denn dies ist das Wesen eines Gottgeweihten. Ob im Wach- oder im Schlafzustand – ein Gottgeweihter kann niemals aufhören, an Kṛṣṇas Namen, Gestalt, Eigenschaften und Spiele zu denken. So kann ein Geweihter Kṛṣṇas sowohl Schlaf als auch Unwissenheit bezwingen, indem er einfach unablässig an Kṛṣṇa denkt. Das nennt man Kṛṣṇa-Bewußtsein oder samādhi. Als Hṛṣīkeśa, der Lenker der Sinne und des Geistes eines jeden Lebewesens, konnte Kṛṣṇa Arjunas Absicht verstehen, als dieser Ihm befahl, den Streitwagen zwischen beide Heere zu lenken. Er folgte also dieser Anweisung und sprach dann wie folgt.

||1-25||

भीष्मद्रोणप्रमुखतः सर्वेषां च महीक्षिताम् | उवाच पार्थ पश्यैतान्समवेतान्कुरूनिति ||१-२५||

bhīṣmadroṇapramukhataḥ sarveṣāṃ ca mahīkṣitām . uvāca pārtha paśyaitānsamavetānkurūniti ||1-25||

bhīṣma — Großvater Bhīṣma; droṇa — Droṇa, der Lehrer; pramukhataḥ — angesichts von; sarveṣām — allen; ca — auch; mahī-kṣitām — Herrscher der Welt; uvāca — sagte; pārtha — o Sohn Pṛthās; paśya — sieh nur; etān — sie alle; samavetān — versammelt; kurūn — die Angehörigen der Kuru-Dynastie; iti — so.


In der Gegenwart von Bhīṣma, Droṇa und allen anderen Herrschern der Welt sprach der Herr: O Pārtha, sieh nur all die Kurus, die sich hier versammelt haben.


Weil Śrī Kṛṣṇa die Überseele aller Lebewesen ist, konnte Er verstehen, was in Arjunas Geist vorging. Der Gebrauch des Wortes Hṛṣīkeśa in diesem Zusammenhang weist darauf hin, daß Er alles wußte. Ebenso ist es bedeutsam, daß Arjuna hier als Pārtha angesprochen wird, was soviel bedeutet wie „der Sohn Kuntīs oder Pṛthās“. Als Freund wollte Kṛṣṇa Arjuna zu verstehen geben, daß Er eingewilligt hatte, Sein Wagenlenker zu sein, weil Arjuna der Sohn Pṛthās, der Schwester Seines Vaters Vasudeva, war. Was aber meinte Kṛṣṇa nun, als Er zu Arjuna sagte: „Sieh nur all die Kurus“? Wollte Arjuna jetzt etwa innehalten und nicht kämpfen? Kṛṣṇa hätte so etwas vom Sohn Seiner Tante Pṛthā niemals erwartet. Es war eine freundschaftliche, scherzende Bemerkung, mit welcher der Herr Arjunas Geisteshaltung vorhersagte.

||1-26||

तत्रापश्यत्स्थितान्पार्थः पितॄनथ पितामहान् | आचार्यान्मातुलान्भ्रातॄन्पुत्रान्पौत्रान्सखींस्तथा ||१-२६||

tatrāpaśyatsthitānpārthaḥ pitṝnatha pitāmahān . ācāryānmātulānbhrātṛnputrānpautrānsakhīṃstathā ||1-26||

tatra — dort; apaśyat — er konnte sehen; sthitān — stehend; pārthaḥ — Arjuna; pitṛn — Väter; atha — auch; pitāmahān — Großväter; ācāryān — Lehrer; mātulān — Onkel mütterlicherseits; bhrātṛn — Brüder; putrān — Söhne; pautrān — Enkel; sakhīn — Freunde; tathā — auch; śvaśurān — Schwiegerväter; suhṛdaḥ — Gönner; ca — auch; eva — gewiß; senayoḥ — der Heere; ubhayoḥ — beider Parteien; api — einschließlich.


Da erkannte Arjuna, der mitten zwischen den Heeren beider Parteien stand, seine Väter, Großväter, Lehrer, Onkel mütterlicherseits, Brüder, Söhne, Enkel, Freunde und auch seine Schwiegerväter und seine Gönner.


Auf dem Schlachtfeld sah Arjuna alle möglichen Verwandten. Er erkannte Persönlichkeiten wie Bhūriśravā, die Altersgenossen seines Vaters waren, sowie seine Großväter Bhīṣma und Somadatta, Lehrer wie Droṇācārya und Kṛpācārya, Onkel mütterlicherseits wie Śalya und Śakuni, Brüder wie Duryodhana, Söhne wie Lakṣmaṇa, Freunde wie Aśvatthāmā, Gönner wie Kṛtavarmā usw. Ebenso konnte er in den Heeren viele seiner Freunde erkennen.

||1-27||

श्वशुरान्सुहृदश्चैव सेनयोरुभयोरपि | तान्समीक्ष्य स कौन्तेयः सर्वान्बन्धूनवस्थितान् ||१-२७||

śvaśurānsuhṛdaścaiva senayorubhayorapi . tānsamīkṣya sa kaunteyaḥ sarvānbandhūnavasthitān ||1-27||

tān — sie alle; samīkṣya — nachdem er gesehen hatte; saḥ — er; kaunteyaḥ — der Sohn Kuntīs; sarvān — alle Arten von; bandhūn — Verwandten; avasthitān — sich befindend; kṛpayā — von Mitleid; parayā — hohen Grades; āviṣṭaḥ — überwältigt von; viṣīdan — während er klagte; idam — so; abravīt — sprach.


Als der Sohn Kuntīs, Arjuna, all diese verschiedenen Freunde und Verwandten sah, wurde er von Mitleid überwältigt und sprach wie folgt.

||1-28||

कृपया परयाविष्टो विषीदन्निदमब्रवीत् | अर्जुन उवाच | दृष्ट्वेमं स्वजनं कृष्ण युयुत्सुं समुपस्थितम् ||१-२८||

kṛpayā parayāviṣṭo viṣīdannidamabravīt . arjuna uvāca . dṛṣṭvemaṃ svajanaṃ kṛṣṇa yuyutsuṃ samupasthitam ||1-28||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; dṛṣṭvā — nachdem ich gesehen habe; imam — all diese; sva-janam — Verwandten; kṛṣṇa — o Kṛṣṇa; yuyutsum — alle voller Kampfbegierde; samupasthitam — anwesend; sīdanti — zittern; mama — meine; gātrāṇi — Glieder des Körpers; mukham — Mund; ca — auch; pariśuṣyati — trocknet aus.


Arjuna sagte: Mein lieber Kṛṣṇa, beim Anblick meiner Freunde und Verwandten, die mit solcher Kampfbegierde vor mir stehen, beginne ich am ganzen Körper zu zittern, und mein Mund trocknet aus.


Jeder, der echte Hingabe zum Herrn besitzt, birgt in sich alle guten Eigenschaften, die man bei heiligen Menschen und Halbgöttern findet, wohingegen ein Nichtgottgeweihter keine göttlichen Eigenschaften aufweist, mag er durch Bildung und Kultur auch noch so viel materiellen Fortschritt gemacht haben. Als Arjuna daher seine Familienangehörigen, seine Freunde und Verwandten auf dem Schlachtfeld sah, die sich entschieden hatten, gegeneinander zu kämpfen, wurde er sogleich von Mitleid überwältigt. Schon von Anfang an hatte in ihm der Gedanke an seine eigenen Soldaten Mitgefühl erweckt, doch jetzt bemitleidete er sogar die Soldaten der gegnerischen Partei, da er ihren unausweichlichen Tod voraussah. Bei diesem Gedanken begann er am ganzen Körper zu zittern, und sein Mund wurde trocken. Es verwunderte ihn eigentlich, sie so voller Kampfbegierde zu sehen. Nahezu die gesamte Dynastie, das heißt alle Blutsverwandten Arjunas, waren gekommen, um gegen ihn zu kämpfen. Dies überwältigte einen gutherzigen Gottgeweihten wie Arjuna. Obwohl es hier nicht erwähnt wird, kann man es sich leicht vorstellen, daß Arjuna nicht nur zitterte und daß nicht nur sein Mund ausgetrocknet war, sondern daß er auch aus Mitleid weinte. Daß Arjuna so reagierte, beruhte nicht auf Schwäche, sondern auf Weichherzigkeit, einem der Merkmale eines reinen Gottgeweihten. Deshalb heißt es:
yasyāsti bhaktir bhagavaty akiñcanā
sarvair guṇais tatra samāsate surāḥ
harāv abhaktasya kuto mahad-guṇā
mano-rathenāsati dhāvato bahiḥ
„Wer unerschütterliche Hingabe an die Höchste Persönlichkeit Gottes hat, besitzt alle guten Eigenschaften der Halbgötter. Wer aber kein Geweihter des Herrn ist, verfügt nur über materielle Fähigkeiten, die von geringem Wert sind. Dies ist so, weil er sich auf der Ebene des Geistes bewegt und mit Sicherheit von der flimmernden materiellen Energie betört wird.“ (Śrīmad-Bhāgavatam 5.18.12)

||1-29||

सीदन्ति मम गात्राणि मुखं च परिशुष्यति | वेपथुश्च शरीरे मे रोमहर्षश्च जायते ||१-२९||

sīdanti mama gātrāṇi mukhaṃ ca pariśuṣyati . vepathuśca śarīre me romaharṣaśca jāyate ||1-29||

vepathuḥ — Zittern des Körpers; ca — auch; śarīre — auf dem Körper; me — meinem; roma-harṣaḥ — Sträuben der Haare; ca — auch; jāyate — geschieht; gāṇḍīvam — der Bogen Arjunas; sraṁsate — gleitet; hastāt — aus der Hand; tvak — Haut; ca — auch; eva — gewiß; paridahyate — brennt.


Mein ganzer Körper zittert, und meine Haare sträuben sich. Mein Bogen Gāṇḍīva gleitet mir aus der Hand, und meine Haut brennt.


Das Phänomen, daß der Körper zu zittern beginnt und daß sich die Haare sträuben, tritt in zwei bestimmten Fällen auf, entweder in großer spiritueller Ekstase oder aus großer Angst unter materiellen Bedingungen. Im Falle transzendentaler Erkenntnis gibt es keine Angst. Arjunas Merkmale in dieser Lage entspringen materieller Angst, nämlich der Befürchtung, das Leben zu verlieren. Diese Tatsache geht auch aus anderen Merkmalen hervor; er war so verstört, daß ihm sein berühmter Bogen Gāṇḍīva aus den Händen glitt, und weil sein Herz im Innern brannte, spürte er ein Brennen auf der Haut. All dies rührt von einer materiellen Lebensauffassung her.

||1-30||

गाण्डीवं स्रंसते हस्तात्त्वक्चैव परिदह्यते | न च शक्नोम्यवस्थातुं भ्रमतीव च मे मनः ||१-३०||

gāṇḍīvaṃ sraṃsate hastāttvakcaiva paridahyate . na ca śaknomyavasthātuṃ bhramatīva ca me manaḥ ||1-30||

na — nicht; ca — auch; śaknomi — bin ich imstande; avasthātum — zu bleiben; bhramati — vergessend; iva — wie; ca — und; me — mein; manaḥ — Geist; nimittāni — verursacht; ca — auch; paśyāmi — ich sehe; viparītāni — genau das Gegenteil; keśava — o Töter des Dämons Keśī (Kṛṣṇa).


Ich bin nicht imstande, hier noch länger stehenzubleiben. Mein Geist ist verwirrt, und mir schwindelt. Ich sehe nur Unheil drohen, o Kṛṣṇa, Töter des Dämons Keśī.


Aufgrund seiner Verstörtheit war es Arjuna nicht möglich, länger auf dem Schlachtfeld zu bleiben, und wegen dieser inneren Schwäche war er sehr verwirrt. Daß man in einen solch verwirrten Daseinszustand gerät, ist auf übermäßige Anhaftung an materielle Dinge zurückzuführen. Bhayaṁ dvitīyābhiniveśataḥ syāt (Bhāgavatam 11.2.37): Solche Furcht und der Verlust der Ausgeglichenheit des Geistes treten bei Menschen auf, die zu sehr von materiellen Umständen beeinflußt werden. Arjuna sah in dieser Schlacht nur Leid und Unglück voraus – selbst wenn er den Feind besiegen würde, könnte er nicht glücklich sein. Die Worte nimittāni viparītāni sind von Bedeutung. Wenn ein Mensch in seinen Erwartungen nur Enttäuschung sieht, denkt er: „Warum bin ich überhaupt hier?“ Jeder ist an sich selbst und seinem eigenen Wohl interessiert. Niemand interessiert sich für das Höchste Selbst. Durch Kṛṣṇas Willen befindet sich hier auch Arjuna in Unwissenheit über das wahre Selbstinteresse. Das wahre Selbstinteresse liegt in Viṣṇu, oder Kṛṣṇa, doch die bedingte Seele vergißt dies und erfährt deshalb materielles Leid. Arjuna dachte, sein Sieg in der Schlacht werde für ihn nur ein Grund zum Klagen sein.

||1-31||

निमित्तानि च पश्यामि विपरीतानि केशव | न च श्रेयोऽनुपश्यामि हत्वा स्वजनमाहवे ||१-३१||

nimittāni ca paśyāmi viparītāni keśava . na ca śreyo.anupaśyāmi hatvā svajanamāhave ||1-31||

na — weder; ca — auch; śreyaḥ — Gutes; anupaśyāmi — sehe ich voraus; hatvā — durch Töten; sva-janam — eigene Verwandte; āhave — im Kampf; na — noch; kāṅkṣe — ich wünsche; vijayam — Sieg; kṛṣṇa — o Kṛṣṇa; na — noch; ca — auch; rājyam — Königreich; sukhāni — darauf folgendes Glück; ca — auch.


Ich sehe nicht, wie etwas Gutes entstehen kann, wenn ich in dieser Schlacht meine eigenen Verwandten töte; mein lieber Kṛṣṇa, ebensowenig begehre ich die Folgen dieses Tötens, wie Sieg, Besitz des Königreichs oder Glück.


Ohne zu wissen, daß Viṣṇu (Kṛṣṇa) ihr wahres Selbstinteresse ist, fühlen sich die bedingten Seelen zu körperlichen Beziehungen hingezogen, in der Hoffnung, auf diese Weise glücklich zu werden. In ihrer Verblendung vergessen sie sogar, was die Ursachen materiellen Glücks sind. Arjuna scheint sogar die für einen kṣatriya geltenden Moralgesetze vergessen zu haben. Es wird gesagt, daß zwei Arten von Menschen befähigt sind, auf den mächtigen, gleißenden Sonnenplaneten erhoben zu werden, nämlich der kṣatriya, der an der Schlachtfront direkt unter Kṛṣṇas Befehlen fällt, und der Mensch im Lebensstand der Entsagung, der sich völlig dem spirituellen Pfad geweiht hat. Arjuna widerstrebt es, seine Feinde zu töten, von seinen Verwandten also ganz zu schweigen. Er dachte, es gäbe kein Glück in seinem Leben, wenn er seine Verwandten tötete, und deswegen wollte er nicht kämpfen, ebenso wie jemand, der keinen Hunger verspürt, nichts kochen möchte. Zu diesem Zeitpunkt entschloß er sich, in den Wald zu gehen und ein einsames Leben der Resignation zu verbringen. Doch als kṣatriya brauchte er ein Königreich für seinen Unterhalt, denn kṣatriyas können nicht einer anderen Beschäftigung nachgehen. Aber Arjuna besaß kein Königreich. Arjunas einzige Möglichkeit, ein Königreich zu gewinnen, bestand darin, mit seinen Vettern und Brüdern zu kämpfen und das Königreich zurückzufordern, das er von seinem Vater geerbt hatte. Aber das will er nicht tun. Deshalb hält er es für das beste, in den Wald zu gehen, um dort ein zurückgezogenes Leben der Resignation zu fristen.

||1-32||

न काङ्क्षे विजयं कृष्ण न च राज्यं सुखानि च | किं नो राज्येन गोविन्द किं भोगैर्जीवितेन वा ||१-३२||

na kāṅkṣe vijayaṃ kṛṣṇa na ca rājyaṃ sukhāni ca . kiṃ no rājyena govinda kiṃ bhogairjīvitena vā ||1-32||

kim — welchen Nutzen; naḥ — für uns; rājyena — hat das Königreich; govinda — o Kṛṣṇa; kim — welchen; bhogaiḥ — Genuß; jīvitena — lebend; vā — entweder; yeṣām — für diejenigen; arthe — im Interesse von; kāṅkṣitam — wird begehrt; naḥ — von uns; rājyam — Königreich; bhogāḥ — materieller Genuß; sukhāni — alles Glück; ca — auch; te — sie alle; ime — diese; avasthitāḥ — sich befindend; yuddhe — auf diesem Schlachtfeld; prāṇān — Leben; tyaktvā — aufgebend; dhanāni — Reichtümer; ca — ebenfalls; ācāryāḥ — Lehrer; pitaraḥ — Väter; putrāḥ — Söhne; tathā — ebenso wie; eva — gewiß; ca — auch; pitāmahāḥ — Großväter; mātulāḥ — Onkel mütterlicherseits; śvaśurāḥ — Schwiegerväter; pautrāḥ — Enkel; śyālāḥ — Schwäger; sambandhinaḥ — Verwandte; tathā — ebenso wie; etān — all diese; na — niemals; hantum — zu töten; icchāmi — ich wünsche; ghnataḥ — getötet werdend; api — sogar; madhusūdana — o Töter des Dämons Madhu (Kṛṣṇa); api — sogar wenn; trai-lokya — der drei Welten; rājyasya — für das Königreich; hetoḥ — im Austausch; kim nu — ganz zu schweigen von; mahī-kṛte — für die Erde; nihatya — indem ich töte; dhārtarāṣṭrān — die Söhne Dhṛtarāṣṭras; naḥ — unsere; kā — welche; prītiḥ — Freude; syāt — wird es geben; janārdana — o Erhalter aller Lebewesen.


O Govinda, was nützt uns ein Königreich, Glück oder sogar das bloße Leben, wenn all jene, für die wir dies begehren, jetzt in Reih und Glied vor uns auf dem Schlachtfeld stehen? O Madhusūdana, wenn Lehrer, Väter, Söhne, Großväter, Onkel mütterlicherseits, Schwiegerväter, Enkel, Schwäger und andere Verwandte bereit sind, ihr Leben und ihre Besitztümer aufzugeben, und vor mir stehen – warum sollte ich da den Wunsch haben, sie zu töten, selbst wenn sie sonst mich töten? O Erhalter aller Lebewesen, ich bin nicht bereit, mit ihnen zu kämpfen, nicht einmal wenn ich dafür die drei Welten bekäme, geschweige denn diese Erde. Welche Freude werden wir daraus ziehen, wenn wir die Söhne Dhṛtarāṣṭras töten?


Arjuna sprach Śrī Kṛṣṇa als Govinda an, weil Kṛṣṇa für die Kühe und die Sinne der Gegenstand aller Freude ist. Indem Arjuna dieses bedeutungsvolle Wort gebraucht, möchte er Kṛṣṇa zu verstehen geben, daß Er, Kṛṣṇa, für die Befriedigung seiner Sinne sorgen solle. Aber Govinda ist nicht dafür da, für die Befriedigung unserer Sinne zu sorgen. Wenn wir hingegen versuchen, die Sinne Govindas zufriedenzustellen, sind unsere eigenen Sinne automatisch ebenfalls zufrieden. Im materiellen Bewußtsein möchte jeder seine eigenen Sinne befriedigen, und Gott soll der Lieferant dieser Befriedigung sein. Der Herr wird die Sinne der Lebewesen in dem Maße befriedigen, wie sie es verdienen, und nicht, wie sie es begehren. Wenn man jedoch die entgegengesetzte Richtung einschlägt, das heißt, wenn man versucht, die Sinne Govindas zu erfreuen, ohne dabei nach eigener Sinnenbefriedigung zu trachten, gehen durch die Gnade Govindas alle Wünsche des Lebewesens in Erfüllung. Arjunas tiefe Zuneigung zu seinen Freunden, Lehrern und Verwandten zeigt sich hier teilweise darin, daß er aufgrund seines natürlichen Mitleids für sie nicht bereit ist zu kämpfen. Jeder will Freunden und Verwandten seinen Reichtum zeigen, aber Arjuna befürchtet, daß alle seine Verwandten und Freunde auf dem Schlachtfeld getötet werden und daß er nach dem Sieg seinen Reichtum nicht mit ihnen teilen kann. Dies ist eine typische Überlegung im materiellen Leben. Das transzendentale Leben ist jedoch anders. Da ein Gottgeweihter die Wünsche des Herrn erfüllen möchte, kann er, wenn der Herr es will, alle Arten von Reichtum annehmen und sie in Seinem Dienst verwenden, und wenn der Herr es nicht will, sollte er nicht das geringste annehmen. Arjuna wollte seine Verwandten nicht töten, und wenn es aus irgendeinem Grunde notwendig war, sie zu töten, wollte er, daß Kṛṣṇa sie persönlich tötete. Zu diesem Zeitpunkt wußte er noch nicht, daß Kṛṣṇa sie bereits getötet hatte, bevor sie auf das Schlachtfeld gekommen waren, und daß er nur ein Werkzeug Kṛṣṇas werden sollte. Diese Tatsache wird in späteren Kapiteln enthüllt werden. Als reiner Geweihter des Herrn wollte sich Arjuna nicht an seinen ruchlosen Vettern und Brüdern rächen; doch es war der Plan des Herrn, daß sie alle getötet werden sollten. Der Geweihte des Herrn rächt sich nicht an einem Übeltäter; aber der Herr duldet kein Unrecht, das niederträchtige Menschen Seinem Geweihten zufügen. Wenn es um Ihn Selbst geht, so macht es dem Herrn nichts aus, jemandem zu verzeihen, doch Er verzeiht niemandem, der Seinen Geweihten Leid zufügt. Deshalb war der Herr entschlossen, die Gottlosen zu töten, obwohl Arjuna ihnen verzeihen wollte.

||1-33||

येषामर्थे काङ्क्षितं नो राज्यं भोगाः सुखानि च | त इमेऽवस्थिता युद्धे प्राणांस्त्यक्त्वा धनानि च ||१-३३||

yeṣāmarthe kāṅkṣitaṃ no rājyaṃ bhogāḥ sukhāni ca . ta ime.avasthitā yuddhe prāṇāṃstyaktvā dhanāni ca ||1-33||

||1-34||

आचार्याः पितरः पुत्रास्तथैव च पितामहाः | मातुलाः श्वशुराः पौत्राः श्यालाः सम्बन्धिनस्तथा ||१-३४||

ācāryāḥ pitaraḥ putrāstathaiva ca pitāmahāḥ . mātulāḥ śvaśurāḥ pautrāḥ śyālāḥ sambandhinastathā ||1-34||

||1-35||

एतान्न हन्तुमिच्छामि घ्नतोऽपि मधुसूदन | अपि त्रैलोक्यराज्यस्य हेतोः किं नु महीकृते ||१-३५||

etānna hantumicchāmi ghnato.api madhusūdana . api trailokyarājyasya hetoḥ kiṃ nu mahīkṛte ||1-35||

||1-36||

निहत्य धार्तराष्ट्रान्नः का प्रीतिः स्याज्जनार्दन | पापमेवाश्रयेदस्मान्हत्वैतानाततायिनः ||१-३६||

nihatya dhārtarāṣṭrānnaḥ kā prītiḥ syājjanārdana . pāpamevāśrayedasmānhatvaitānātatāyinaḥ ||1-36||

pāpam — Sünden; eva — gewiß; āśrayet — müssen kommen über; asmān — uns; hatvā — indem wir töten; etān — all diese; ātatāyinaḥ — Angreifer; tasmāt — daher; na — niemals; arhāḥ — verdienend; vayam — wir; hantum — zu töten; dhārtarāṣṭrān — die Söhne Dhṛtarāṣṭras; sabāndhavān — zusammen mit Freunden; sva-janam — Verwandten; hi — bestimmt; katham — wie; hatvā — durch Töten; sukhinaḥ — glücklich; syāma — werden wir werden; mādhava — o Kṛṣṇa, Gemahl der Glücksgöttin.


Sünde wird über uns kommen, wenn wir solche Angreifer töten. Daher ziemt es sich nicht für uns, die Söhne Dhṛtarāṣṭras und unsere Freunde zu töten. Was können wir schon gewinnen, o Kṛṣṇa, Gemahl der Glücksgöttin, und wie können wir glücklich sein, wenn wir unsere eigenen Verwandten töten?


Gemäß den Veden gibt es sechs Arten von Angreifern: (1) ein Giftmörder; (2) ein Brandstifter; (3) jemand, der mit tödlichen Waffen angreift; (4) jemand, der fremdes Eigentum raubt; (5) jemand, der fremdes Land besetzt, und (6) jemand, der die Frau eines anderen entführt. Solche Angreifer sollten sofort getötet werden, und man begeht keine Sünde, wenn solche Angreifer das Leben verlieren. Für einen gewöhnlichen Menschen ist es durchaus angebracht, solche Angreifer zu töten; doch Arjuna war kein gewöhnlicher Mensch. Dem Charakter nach war er ein Heiliger, und deshalb wollte er sich ihnen gegenüber wie ein solcher verhalten. Aber diese Art von Heiligkeit ist nicht für einen kṣatriya bestimmt. Obwohl es notwendig ist, daß ein verantwortlicher Mensch in der Verwaltung eines Staates heilige Eigenschaften hat, sollte er kein Feigling sein. Śrī Rāma zum Beispiel war so fromm, daß die Menschen sogar noch heute danach streben, in Rāmas Königreich (rāma-rājya) zu leben. Aber Śrī Rāma zeigte nie auch nur die geringsten Anzeichen von Feigheit. Rāvaṇa war für Śrī Rāma ein Angreifer, da er dessen Frau, Sītā, entführte, doch Śrī Rāma erteilte ihm ausreichende Lehren, die in der Geschichte der Welt nicht ihresgleichen finden. In Arjunas Fall jedoch sollte man die besondere Art der Angreifer bedenken, denn es handelte sich um seinen eigenen Großvater, seinen Lehrer, seine Freunde, Söhne, Enkel usw. Ihretwegen dachte Arjuna, daß er nicht die schweren Schritte unternehmen sollte, die bei gewöhnlichen Angreifern notwendig sind. Außerdem wird heiligen Menschen angeraten zu verzeihen, eine Anweisung, die für sie wichtiger ist als jede politische Zwangslage. Arjuna war der Meinung, es sei besser, seinen Verwandten aus religiösen Gründen zu verzeihen und ein heiliges Verhalten zu bewahren, als sie aus politischen Erwägungen zu töten. Er war daher der Ansicht, daß solches Töten, nur um zeitweiligen, körperlichen Glücks willen, keinen Gewinn bringen würde. Schließlich sind Königreiche und andere auf solche Weise gewonnene materielle Freuden nicht beständig; warum sollte er also sein Leben und seine ewige Erlösung aufs Spiel setzen, indem er seine eigenen Verwandten tötete? Daß Arjuna Kṛṣṇa als „Mādhava“, Gemahl der Glücksgöttin, ansprach, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls von Bedeutung. Er wollte darauf hinweisen, daß Kṛṣṇa als Gemahl der Glücksgöttin ihn nicht dazu verleiten solle, sich auf etwas einzulassen, was letztlich nur Unglück bringen würde. Kṛṣṇa jedoch bringt niemandem Unglück, vor allem nicht Seinen Geweihten.

||1-37||

तस्मान्नार्हा वयं हन्तुं धार्तराष्ट्रान्स्वबान्धवान् | स्वजनं हि कथं हत्वा सुखिनः स्याम माधव ||१-३७||

tasmānnārhā vayaṃ hantuṃ dhārtarāṣṭrānsvabāndhavān . svajanaṃ hi kathaṃ hatvā sukhinaḥ syāma mādhava ||1-37||

yadi — wenn; api — sogar; ete — sie; na — nicht; paśyanti — sehen; lobha — von Gier; upahata — überwältigt; cetasaḥ — ihre Herzen; kula-kṣaya — im Töten der Familie; kṛtam — begangen; doṣam — Fehler; mitra-drohe — im Streiten mit Freunden; ca — auch; pātakam — sündhafte Reaktionen; katham — warum; na — sollten nicht; jñeyam — gewußt sein; asmābhiḥ — von uns; pāpāt — von Sünden; asmāt — diesen; nivartitum — abzulassen; kula-kṣaya — von der Zerstörung einer Dynastie; kṛtam — begangen; doṣam — Verbrechen; prapaśyadbhiḥ — von denen, die sehen können; janārdana — o Kṛṣṇa.


O Janārdana, diese Männer, deren Herzen von Gier überwältigt sind, mögen keinen Fehler darin sehen, die eigene Familie zu töten oder mit Freunden zu streiten, aber warum sollten wir, die wir sehen können, welches Verbrechen es ist, eine Familie zu zerstören, solche Taten der Sünde begehen?


Ein kṣatriya darf sich nicht weigern, an einem Kampf oder Glücksspiel teilzunehmen, wenn er von einer rivalisierenden Partei dazu aufgefordert wird. Gemäß dieser Verpflichtung durfte sich Arjuna also nicht weigern zu kämpfen, da er von der Partei Duryodhanas herausgefordert worden war. Es konnte jedoch sein, so überlegte Arjuna, daß sich die andere Seite über die Auswirkungen einer solchen Herausforderung nicht bewußt war. Arjuna hingegen konnte die verheerenden Folgen voraussehen und wollte die Herausforderung deshalb nicht annehmen. Eine Verpflichtung ist erst dann wirklich bindend, wenn die Auswirkung gut ist – wenn die Auswirkung aber andersgeartet ist, kann niemand verpflichtet werden, einer Herausforderung nachzukommen. Indem Arjuna so das Für und Wider erwog, entschloß er sich, nicht zu kämpfen.

||1-38||

यद्यप्येते न पश्यन्ति लोभोपहतचेतसः | कुलक्षयकृतं दोषं मित्रद्रोहे च पातकम् ||१-३८||

yadyapyete na paśyanti lobhopahatacetasaḥ . kulakṣayakṛtaṃ doṣaṃ mitradrohe ca pātakam ||1-38||

||1-39||

कथं न ज्ञेयमस्माभिः पापादस्मान्निवर्तितुम् | कुलक्षयकृतं दोषं प्रपश्यद्भिर्जनार्दन ||१-३९||

kathaṃ na jñeyamasmābhiḥ pāpādasmānnivartitum . kulakṣayakṛtaṃ doṣaṃ prapaśyadbhirjanārdana ||1-39||

kula-kṣaye — durch die Zerstörung der Familie; praṇaśyanti — wird vernichtet; kula-dharmāḥ — die Familientradition; sanātanāḥ — ewig; dharme — Religion; naṣṭe — zerstört werdend; kulam — Familie; kṛtsnam — gesamte; adharmaḥ — Irreligion; abhibhavati — wandelt sich; uta — man sagt.


Mit der Zerstörung der Dynastie wird die ewige Familientradition vernichtet, und so gerät der Rest der Familie auf den Pfad der Irreligion.


Im System des varṇāśrama gibt es viele Prinzipien der religiösen Tradition, die den Familienmitgliedern helfen sollen, in rechter Weise aufzuwachsen und spirituell wertvolle Eigenschaften zu entwickeln. Die Läuterungsvorgänge beginnen mit der Geburt und werden bis zum Tod fortgesetzt, und es ist die Verantwortung der älteren Mitglieder, daß diese Zeremonien in der Familie durchgeführt werden. Wenn aber die älteren Mitglieder der Familie sterben, kann es geschehen, daß solche traditionellen Läuterungszeremonien eingestellt werden und daß die zurückbleibenden jüngeren Familienangehörigen irreligiöse Gewohnheiten entwickeln und so ihre Gelegenheit zu spiritueller Erlösung verpassen. Deshalb dürfen die älteren Familienangehörigen unter keinen Umständen getötet werden.

||1-40||

कुलक्षये प्रणश्यन्ति कुलधर्माः सनातनाः | धर्मे नष्टे कुलं कृत्स्नमधर्मोऽभिभवत्युत ||१-४०||

kulakṣaye praṇaśyanti kuladharmāḥ sanātanāḥ . dharme naṣṭe kulaṃ kṛtsnamadharmo.abhibhavatyuta ||1-40||

adharma — Irreligion; abhibhavāt — wenn vorherrschend geworden ist; kṛṣṇa — o Kṛṣṇa; praduṣyanti — werden unrein; kula-striyaḥ — Frauen der Familie; strīṣu — der Frauen; duṣṭāsu — auf solche Weise verunreinigt; vārṣṇeya — o Nachkomme Vṛṣṇis; jāyate — entsteht; varṇa-saṅkaraḥ — unerwünschte Nachkommenschaft.


Wenn in der Familie Irreligiosität vorherrscht, o Kṛṣṇa, verlieren die Frauen der Familie ihre Reinheit, und wenn auf diese Weise die Moral der Frauen verfällt, o Nachkomme Vṛṣṇis, entsteht unerwünschte Nachkommenschaft.


Eine gute Bevölkerung ist das Grundprinzip für Frieden, Wohlstand und spirituellen Fortschritt in der menschlichen Gesellschaft. Die Grundsätze der varṇāśrama-Religion waren so angelegt, daß die gute Bevölkerung überwog und so den allgemeinen spirituellen Fortschritt des Staates und der Gesellschaft gewährleistete. Eine solche Bevölkerung hängt von der Keuschheit und Treue ihrer Frauen ab. So wie Kinder sich leicht verleiten lassen, lassen sich Frauen leicht verführen. Daher müssen sowohl die Kinder als auch die Frauen von den älteren Familienmitgliedern beschützt werden. Wenn die Frauen mit verschiedenen religiösen Pflichten beschäftigt sind, besteht nicht die Gefahr, daß sie zum Ehebruch verleitet werden. Laut Cāṇakya Paṇḍita sind Frauen im allgemeinen nicht sehr intelligent und deshalb nicht vertrauenswürdig. Folglich sollten sie sich immer im Rahmen ihrer Familientradition und deren religiösen Aufgaben beschäftigen, und dann wird ihre Keuschheit und Hingabe eine gute Bevölkerung hervorbringen, die geeignet ist, am varṇāśrama-System teilzunehmen. Wenn dieser varṇāśrama-dharma scheitert, bekommen die Frauen die Freiheit, nach Belieben zu handeln und sich mit Männern einzulassen, was zu Ehebruch und in der Folge zu unerwünschter Bevölkerung führt. Auch unverantwortliche Männer fördern den Ehebruch in der Gesellschaft, und so überschwemmen unerwünschte Kinder die menschliche Gesellschaft, was Gefahren wie Kriege und Seuchen heraufbeschwört.

||1-41||

अधर्माभिभवात्कृष्ण प्रदुष्यन्ति कुलस्त्रियः | स्त्रीषु दुष्टासु वार्ष्णेय जायते वर्णसङ्करः ||१-४१||

adharmābhibhavātkṛṣṇa praduṣyanti kulastriyaḥ . strīṣu duṣṭāsu vārṣṇeya jāyate varṇasaṅkaraḥ ||1-41||

saṅkaraḥ — solche unerwünschten Kinder; narakāya — führen zu höllischem Leben; eva — gewiß; kula-ghnānām — für diejenigen, die die Familie zerstören; kulasya — für die Familie; ca — auch; patanti — kommen zu Fall; pitaraḥ — Vorväter; hi — gewiß; eṣām — von ihnen; lupta — eingestellt; piṇḍa — der Opferungen von Speisen; udaka — und Wasser; kriyāḥ — Durchführungen.


Wenn die unerwünschte Bevölkerung zunimmt, verursacht dies sowohl für die Familie als auch für diejenigen, die die Familientradition zerstören, ein höllisches Dasein. Die Vorväter solch entarteter Familien kommen zu Fall, weil die Zeremonien, bei denen man ihnen Speise und Wasser darbringt, vollständig eingestellt werden.


Gemäß den Regeln und Vorschriften für fruchtbringende Tätigkeiten muß man den Vorvätern der Familie in bestimmten Zeitabständen Speise und Wasser opfern. Diese Opferung wird durchgeführt, indem man Viṣṇu verehrt, denn wenn man die Reste der Nahrung zu sich nimmt, die Viṣṇu geopfert wurde, kann man von allen Arten sündhafter Handlungen befreit werden. Manchmal kommt es vor, daß die Vorväter unter verschiedensten Arten sündhafter Reaktionen zu leiden haben, und manchmal können einige von ihnen nicht einmal einen grobstofflichen Körper annehmen und sind gezwungen, in feinstofflichen Körpern als Geister zu leben. Wenn daher die Nachkommen ihren Vorvätern Überreste von prasādam-Speisen opfern, werden die Vorväter aus ihrem Leben als Geist oder aus anderen leidvollen Umständen befreit. Es ist eine Familientradition, den Vorvätern auf diese Weise zu helfen, und diejenigen, die kein gottergebenes Leben führen, müssen solche Rituale vollziehen. Wer jedoch ein gottergebenes Leben führt, braucht solche Handlungen nicht zu verrichten. Indem man einfach hingebungsvollen Dienst ausführt, kann man Hunderte, ja Tausende von Vorvätern von allen Arten des Elends befreien. Im Bhāgavatam (11.5.41) heißt es:
devarṣi-bhūtāpta-nṛṇāṁ pitṝṇāṁ
na kiṅkaro nāyam ṛṇī ca rājan
sarvātmanā yaḥ śaraṇaṁ śaraṇyaṁ
gato mukundaṁ parihṛtya kartam
„Jeder, der bei den Lotosfüßen Mukundas, des Gewährers von Befreiung, Zuflucht gesucht hat, indem er alle Arten von Verpflichtungen aufgab, und der diesem Pfad mit aller Ernsthaftigkeit folgt, ist weder den Halbgöttern noch den Weisen, noch anderen Lebewesen, noch seinen Familienangehörigen, noch der Menschheit, noch den Vorvätern verpflichtet oder verschuldet.“
Solche Verpflichtungen sind von selbst erfüllt, wenn man im hingebungsvollen Dienst für die Höchste Persönlichkeit Gottes tätig ist.

||1-42||

सङ्करो नरकायैव कुलघ्नानां कुलस्य च | पतन्ति पितरो ह्येषां लुप्तपिण्डोदकक्रियाः ||१-४२||

saṅkaro narakāyaiva kulaghnānāṃ kulasya ca . patanti pitaro hyeṣāṃ luptapiṇḍodakakriyāḥ ||1-42||

doṣaiḥ — durch solche Fehler; etaiḥ — all diese; kula-ghnānām — der Zerstörer der Familie; varṇa-saṅkara — von unerwünschten Kindern; kārakaiḥ — die Ursachen sind; utsādyante — werden zunichte gemacht; jāti-dharmāḥ — pflichtgemäße Tätigkeiten für die Gesellschaft; kula-dharmāḥ — Familientraditionen; ca — auch; śāśvatāḥ — ewig.


Durch die üblen Machenschaften derer, die die Familientradition zerstören und somit die Entstehung unerwünschter Kinder verursachen, werden alle pflichtgemäßen Tätigkeiten, die für das Wohl der Gesellschaft und der Familie bestimmt sind, zunichte gemacht.


Die pflichtgemäßen Tätigkeiten der vier Klassen der menschlichen Gesellschaft sowie die Tätigkeiten für das Wohl der Familie, wie sie in der Einrichtung des sanātana-dharma, oder varṇāśrama- dharma, festgelegt sind, sollen es dem Menschen ermöglichen, seine endgültige Erlösung zu erlangen. Wenn daher unverantwortliche Führer der Gesellschaft die Tradition des sanātana-dharma zerstören, entsteht in dieser Gesellschaft ein Chaos, und als Folge davon vergessen die Menschen das Ziel des Lebens – Viṣṇu. Solche Führer sind blind, und Menschen, die ihnen folgen, werden unweigerlich in ein Chaos geführt.

||1-43||

दोषैरेतैः कुलघ्नानां वर्णसङ्करकारकैः | उत्साद्यन्ते जातिधर्माः कुलधर्माश्च शाश्वताः ||१-४३||

doṣairetaiḥ kulaghnānāṃ varṇasaṅkarakārakaiḥ . utsādyante jātidharmāḥ kuladharmāśca śāśvatāḥ ||1-43||

utsanna — verdorben; kula-dharmāṇām — von denen, die Familientraditionen folgen; manuṣyāṇām — solcher Menschen; janārdana — o Kṛṣṇa; narake — in der Hölle; niyatam — immer; vāsaḥ — Aufenthaltsort; bhavati — es wird; iti — auf diese Weise; anuśuśruma — ich habe durch die Schülernachfolge gehört.


O Kṛṣṇa, Erhalter aller Menschen, ich habe durch die Schülernachfolge gehört, daß diejenigen, deren Familientraditionen zerstört sind, für immer in der Hölle leiden.


Arjuna stützt seinen Einwand nicht auf seine eigene, persönliche Erfahrung, sondern auf das, was er von Autoritäten gehört hat. Das ist der Weg, wirkliches Wissen zu empfangen. Man kann nicht zu dem Punkt kommen, wo man wirkliches Wissen besitzt, ohne daß einem von der richtigen Person geholfen wird, die bereits in diesem Wissen verankert ist. In der Einrichtung des varṇāśrama gibt es ein System, das vorschreibt, daß man sich vor dem Tod einer bestimmten Zeremonie unterziehen muß, um von seinen Sünden geläutert zu werden. Wer ständig sündhaften Tätigkeiten nachgeht, muß sich diesem Vorgang der Buße (prāyaścitta) unterziehen. Wenn man dies versäumt, wird man mit Sicherheit zu den höllischen Planeten gebracht, um dort als Folge dieser sündhaften Tätigkeiten ein jammervolles Leben zu erleiden.

||1-44||

उत्सन्नकुलधर्माणां मनुष्याणां जनार्दन | नरके नियतं वासो भवतीत्यनुशुश्रुम (or नरकेऽनियतं) ||१-४४||

utsannakuladharmāṇāṃ manuṣyāṇāṃ janārdana . narake niyataṃ vāso bhavatītyanuśuśruma ||1-44||

aho — ach; bata — wie seltsam es ist; mahat — große; pāpam — Sünden; kartum — zu begehen; vyavasitāḥ — haben uns entschlossen; vayam — wir; yat — weil; rājya-sukha-lobhena — getrieben von der Gier nach königlichem Glück; hantum — zu töten; sva-janam — Verwandte; udyatāḥ — versuchend.


Ach, wie seltsam es ist, daß wir uns anschicken, schwere Sünden zu begehen. Getrieben von dem Wunsch, königliches Glück zu genießen, sind wir bestrebt, unsere eigenen Verwandten zu töten.


Wenn man von selbstsüchtigen Beweggründen getrieben wird, ist man sogar bereit, die schwersten Sünden zu begehen, wie den Bruder, den Vater oder die Mutter zu ermorden. Es gibt hierfür viele Beispiele in der Weltgeschichte. Arjuna aber ist sich als heiliger Geweihter des Herrn stets der moralischen Grundsätze bewußt und bemüht sich daher, solche Tätigkeiten zu vermeiden.

||1-45||

अहो बत महत्पापं कर्तुं व्यवसिता वयम् | यद्राज्यसुखलोभेन हन्तुं स्वजनमुद्यताः ||१-४५||

aho bata mahatpāpaṃ kartuṃ vyavasitā vayam . yadrājyasukhalobhena hantuṃ svajanamudyatāḥ ||1-45||

yadi — sogar wenn; mām — mich; apratīkāram — ohne Widerstand zu leisten; aśastram — ohne voll ausgerüstet zu sein; śastra-pāṇayaḥ — jene mit Waffen in der Hand; dhārtarāṣṭrāḥ — die Söhne Dhṛtarāṣṭras; raṇe — auf dem Schlachtfeld; hanyuḥ — mögen töten; tat — das; me — für mich; kṣema-taram — besser; bhavet — würde sein.


Es wäre besser für mich, wenn ich auf dem Schlachtfeld unter den Waffen der Söhne Dhṛtarāṣṭras unbewaffnet sterben würde, ohne Widerstand zu leisten.


Nach den Kampfregeln der kṣatriyas ist es üblich, einen unbewaffneten und unwilligen Gegner nicht anzugreifen. Arjuna jedoch beschloß, nicht zu kämpfen, selbst wenn ihn der Feind in einer solch mißlichen Lage angreifen würde. Es war ihm gleich, wie sehr die Gegenseite zum Kampf drängte. All diese Merkmale sind auf Arjunas Weichherzigkeit zurückzuführen, was von der Tatsache herrührte, daß er ein großer Geweihter des Herrn war.

||1-46||

यदि मामप्रतीकारमशस्त्रं शस्त्रपाणयः | धार्तराष्ट्रा रणे हन्युस्तन्मे क्षेमतरं भवेत् ||१-४६||

yadi māmapratīkāramaśastraṃ śastrapāṇayaḥ . dhārtarāṣṭrā raṇe hanyustanme kṣemataraṃ bhavet ||1-46||

sañjayaḥ uvāca — Sañjaya sprach; evam — so; uktvā — sprechend; arjunaḥ — Arjuna; saṅkhye — auf dem Schlachtfeld; ratha — des Streitwagens; upasthe — auf den Sitz; upāviśat — setzte sich wieder nieder; visṛjya — beiseite legend; sa-śaram — zusammen mit den Pfeilen; cāpam — den Bogen; śoka — von Klagen; saṁvigna — leidend; mānasaḥ — im Geist.


Sañjaya sagte: Nachdem Arjuna auf dem Schlachtfeld diese Worte gesprochen hatte, warf er seinen Bogen und seine Pfeile zur Seite und setzte sich, von Schmerz überwältigt, auf dem Streitwagen nieder.


Während Arjuna seinen Blick über die Feinde gleiten ließ, stand er aufrecht auf dem Streitwagen, doch nun wurde er von solchem Schmerz überwältigt, daß er sich wieder niedersetzte und Bogen und Pfeile beiseite legte. Ein solch gütiger und weichherziger Mensch, der sich im hingebungsvollen Dienst des Herrn betätigt, ist geeignet, Wissen über das Selbst zu empfangen.

||1-47||

सञ्जय उवाच | एवमुक्त्वार्जुनः सङ्ख्ये रथोपस्थ उपाविशत् | विसृज्य सशरं चापं शोकसंविग्नमानसः ||१-४७||

sañjaya uvāca . evamuktvārjunaḥ saṅkhye rathopastha upāviśat . visṛjya saśaraṃ cāpaṃ śokasaṃvignamānasaḥ ||1-47||

Глава 2

Zusammenfassung des Inhalts der Gītā

||2-1||

सञ्जय उवाच | तं तथा कृपयाविष्टमश्रुपूर्णाकुलेक्षणम् | विषीदन्तमिदं वाक्यमुवाच मधुसूदनः ||२-१||

sañjaya uvāca . taṃ tathā kṛpayāviṣṭamaśrupūrṇākulekṣaṇam . viṣīdantamidaṃ vākyamuvāca madhusūdanaḥ ||2-1||

sañjayaḥ uvāca — Sañjaya sagte; tam — zu Arjuna; tathā — auf diese Weise; kṛpayā — von Mitleid; āviṣṭam — überwältigt; aśru-pūrṇa-ākula — voller Tränen; īkṣaṇam — Augen; viṣīdantam — klagend; idam — diese; vākyam — Worte; uvāca — sagte; madhu-sūdanaḥ — der Töter Madhus.


Sañjaya sagte: Als Madhusūdana, Kṛṣṇa, Arjuna voller Mitleid und sehr betrübt sah, mit Tränen in den Augen, sprach Er die folgenden Worte.


Materielles Mitleid, Klagen und Tränen sind Zeichen dafür, daß man das wirkliche Selbst nicht kennt. Mitleid mit der ewigen Seele bedeutet Selbstverwirklichung. Das Wort „Madhusūdana“ ist in diesem Vers von Bedeutung. Śrī Kṛṣṇa tötete den Dämon Madhu, und jetzt wollte Arjuna, daß Kṛṣṇa den Dämon des Mißverständnisses, der ihn während der Erfüllung seiner Pflicht überwältigt hatte, vernichtete. Niemand weiß, worauf Mitleid gerichtet werden soll. Welchen Sinn hat es, die Kleider eines Ertrinkenden zu bemitleiden? Ein Mensch, der in das Meer der Unwissenheit gefallen ist, kann nicht dadurch gerettet werden, daß man nur sein äußeres Gewand rettet – den grobstofflichen materiellen Körper. Wer dies nicht weiß und um das äußere Gewand klagt, wird als śūdra bezeichnet, als jemand, der unnötig klagt. Von Arjuna, der ein kṣatriya war, wurde ein solches Verhalten nicht erwartet. Śrī Kṛṣṇa jedoch kann das Klagen des unwissenden Menschen vertreiben, und zu diesem Zweck sang Er die Bhagavad-gītā. In diesem Kapitel erklärt uns die höchste Autorität, Śrī Kṛṣṇa, durch ein analytisches Studium des materiellen Körpers und der spirituellen Seele, was Selbstverwirklichung ist. Diese Verwirklichung wird möglich, wenn man tätig ist, ohne an die fruchttragenden Ergebnisse angehaftet zu sein, und wenn man sich in einem gefestigten Verständnis vom wahren Selbst befindet.

||2-2||

श्रीभगवानुवाच | कुतस्त्वा कश्मलमिदं विषमे समुपस्थितम् | अनार्यजुष्टमस्वर्ग्यमकीर्तिकरमर्जुन ||२-२||

śrībhagavānuvāca . kutastvā kaśmalamidaṃ viṣame samupasthitam . anāryajuṣṭamasvargyamakīrtikaramarjuna ||2-2||

śrī-bhagavān uvāca — die Höchste Persönlichkeit Gottes sagte; kutaḥ — woher; tvā — zu dir; kaśmalam — Unreinheit; idam — dieses Klagen; viṣame — in dieser schwierigen Stunde; samupasthitam — gekommen; anārya — Menschen, die die Werte des Lebens nicht kennen; juṣṭam — ausgeübt von; asvargyam — was nicht zu höheren Planeten führt; akīrti — Schande; karam — Ursache von; arjuna — o Arjuna.


Die Höchste Persönlichkeit Gottes sagte: Mein lieber Arjuna, wie konnten diese Unreinheiten über dich kommen? Sie ziemen sich in keiner Weise für einen Menschen, der die höheren Werte des Lebens kennt. Sie führen nicht zu höheren Planeten, sondern zu Schande.


Kṛṣṇa und die Höchste Persönlichkeit Gottes sind identisch. Deshalb wird Śrī Kṛṣṇa die ganze Gītā hindurch als Bhagavān bezeichnet. Bhagavān ist der höchste Aspekt der Absoluten Wahrheit. Die Erkenntnis der Absoluten Wahrheit wird in drei Stufen unterteilt, nämlich in die Erkenntnis der Absoluten Wahrheit als Brahman oder die unpersönliche, alldurchdringende spirituelle Energie, als Paramātmā, der lokalisierte Aspekt des Höchsten im Herzen aller Lebewesen, und als Bhagavān oder die Höchste Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa. Im Śrīmad-Bhāgavatam (1.2.11) wird dieses Verständnis von der Absoluten Wahrheit wie folgt erklärt:
vadanti tat tattva-vidas
tattvaṁ yaj jñānam advayam
brahmeti paramātmeti
bhagavān iti śabdyate
„Die Absolute Wahrheit wird von demjenigen, der sie kennt, in drei Aspekten wahrgenommen, die alle miteinander identisch sind. Diese Aspekte der Absoluten Wahrheit werden als Brahman, Paramātmā und Bhagavān bezeichnet.“
Diese drei göttlichen Aspekte können am Beispiel der Sonne näher erklärt werden, die ebenfalls drei verschiedene Aspekte hat, nämlich den Sonnenschein, die Sonnenoberfläche und den Sonnenplaneten. Wer nur den Sonnenschein studiert, ist ein Schüler auf der untersten Stufe; wer die Oberfläche der Sonne versteht, ist weiter fortgeschritten, und wer in den Sonnenplaneten einzugehen vermag, befindet sich auf der höchsten Stufe. Gewöhnliche Schüler, die sich einfach damit zufriedengeben, den Sonnenschein zu verstehen, das heißt seine universale Ausbreitung und die gleißende Ausstrahlung seines unpersönlichen Wesens, können mit denen verglichen werden, die nur den Brahman-Aspekt der Absoluten Wahrheit zu erkennen vermögen. Der Schüler, der weiter fortgeschritten ist, kann darüber hinaus die Sonnenscheibe erkennen, was mit dem Wissen über den Paramātmā-Aspekt der Absoluten Wahrheit verglichen wird. Und der Schüler, der in das Herz des Sonnenplaneten eindringen kann, wird mit demjenigen verglichen, der die persönlichen Aspekte der Höchsten Absoluten Wahrheit erkennt. Daher sind die bhaktas, das heißt die Transzendentalisten, die den Bhagavān-Aspekt der Absoluten Wahrheit erkannt haben, die höchsten Transzendentalisten, wenngleich alle, die sich dem Studium der Absoluten Wahrheit widmen, sich mit dem gleichen Thema befassen. Der Sonnenschein, die Sonnenscheibe und die Geschehnisse auf dem Sonnenplaneten können nicht voneinander getrennt werden, und dennoch gehören die Schüler, die diese drei verschiedenen Aspekte studieren, nicht zur gleichen Kategorie.
Das Sanskritwort bhagavān wird von der großen Autorität Parāśara Muni, dem Vater Vyāsadevas, wie folgt erklärt: Die Höchste Persönlichkeit, die allen Reichtum, alle Stärke, allen Ruhm, alle Schönheit, alles Wissen und alle Entsagung in Sich birgt, wird Bhagavān genannt. Es gibt viele Menschen, die sehr reich, sehr mächtig, sehr schön, sehr berühmt, sehr gelehrt und sehr entsagungsvoll sind, aber niemand kann behaupten, er besitze allen Reichtum, alle Stärke usw. in vollem Umfang. Nur Kṛṣṇa kann diesen Anspruch erheben, denn Er ist die Höchste Persönlichkeit Gottes. Kein Lebewesen, nicht einmal Brahmā, Śiva oder Nārāyaṇa, kann Reichtümer in solcher Fülle besitzen wie Kṛṣṇa. Deshalb kommt Brahmā in der Brahma-saṁhitā zu dem Schluß, daß Śrī Kṛṣṇa die Höchste Persönlichkeit Gottes ist. Niemand kommt Ihm gleich, und niemand steht über Ihm. Er ist der urerste Herr, Bhagavān, bekannt als Govinda, und Er ist die höchste Ursache aller Ursachen.
īśvaraḥ paramaḥ kṛṣṇaḥ
sac-cid-ānanda-vigrahaḥ
anādir ādir govindaḥ
sarva-kāraṇa-kāraṇam
„Es gibt viele Persönlichkeiten, die die Eigenschaften Bhagavāns besitzen, aber Kṛṣṇa ist die höchste, da Ihn niemand übertreffen kann. Er ist die Höchste Person, und Sein Körper ist ewig, voller Wissen und voller Glückseligkeit. Er ist der urerste Herr, Govinda, und Er ist die Ursache aller Ursachen.“ (Brahma-saṁhitā 5.1)
Im Śrīmad-Bhāgavatam findet man eine Liste vieler Inkarnationen der Höchsten Persönlichkeit Gottes, doch auch dort wird Kṛṣṇa als die ursprüngliche Persönlichkeit Gottes beschrieben, von der viele, viele Inkarnationen und Persönlichkeiten Gottes ausgehen:
ete cāṁśa-kalāḥ puṁsaḥ
kṛṣṇas tu bhagavān svayam
indrāri-vyākulaṁ lokaṁ
mṛḍayanti yuge yuge
„All die hier aufgeführten Inkarnationen Gottes sind entweder vollständige Erweiterungen oder Teile der vollständigen Erweiterungen des Höchsten Gottes, doch Kṛṣṇa ist die Höchste Persönlichkeit Gottes Selbst.“ (Śrīmad-Bhāgavatam 1.3.28)
Somit ist Kṛṣṇa die ursprüngliche Höchste Persönlichkeit Gottes, die Absolute Wahrheit, der Ursprung sowohl der Überseele als auch des unpersönlichen Brahman.
In der Gegenwart der Höchsten Persönlichkeit Gottes war Arjunas Klage um seine Verwandten gewiß unangebracht, und daher gebrauchte Kṛṣṇa das Wort kutaḥ („woher“), um Seine Überraschung zum Ausdruck zu bringen. Solche Unreinheiten erwartet man niemals von jemandem, der zur zivilisierten Klasse der Menschen, den Āryas, gehört. Das Wort ārya trifft auf Menschen zu, die den Wert des Lebens kennen und eine auf spirituelle Erkenntnis gründende Zivilisation haben. Menschen, die sich von der materiellen Lebensauffassung leiten lassen, wissen nicht, daß das Ziel des Lebens die Erkenntnis der Absoluten Wahrheit ist, das heißt die Erkenntnis Viṣṇus oder Bhagavāns. Sie lassen sich von den äußeren Erscheinungen der materiellen Welt fesseln und wissen deshalb nicht, was Befreiung ist. Menschen, die nicht wissen, was Befreiung aus materieller Knechtschaft bedeutet, werden als Nicht- Āryas bezeichnet. Als Arjuna, der ein kṣatriya war, sich weigerte zu kämpfen, bedeutete dies, daß er von seinen vorgeschriebenen Pflichten abwich. Ein solch feiges Verhalten geziemt sich niemals für einen Ārya. Auf diese Weise von der Pflicht abzuweichen hilft einem nicht, im spirituellen Leben fortzuschreiten; ebensowenig verschafft es einem die Möglichkeit, in dieser Welt zu Ruhm zu kommen. Śrī Kṛṣṇa billigte Arjunas sogenanntes Mitleid mit seinen Verwandten nicht.

||2-3||

क्लैब्यं मा स्म गमः पार्थ नैतत्त्वय्युपपद्यते | क्षुद्रं हृदयदौर्बल्यं त्यक्त्वोत्तिष्ठ परन्तप ||२-३||

klaibyaṃ mā sma gamaḥ pārtha naitattvayyupapadyate . kṣudraṃ hṛdayadaurbalyaṃ tyaktvottiṣṭha parantapa ||2-3||

klaibyam — Kraftlosigkeit; mā sma — nicht; gamaḥ — nimm an; pārtha — o Sohn Pṛthās; na — niemals; etat — diese; tvayi — dir; upapadyate — ist angemessen; kṣudram — kleinlich; hṛdaya — des Herzens; daurbalyam — Schwäche; tyaktvā — aufgebend; uttiṣṭha — erhebe dich; param-tapa — o Bezwinger der Feinde.


O Sohn Pṛthās, gib dieser entwürdigenden Schwachheit nicht nach. Sie ist dir nicht angemessen. Gib diese kleinliche Schwäche des Herzens auf und erhebe dich, o Bezwinger des Feindes.


Indem Kṛṣṇa Arjuna hier als „Sohn Pṛthās“ anspricht, weist Er darauf hin, daß sie Blutsverwandte sind, denn Pṛthā ist die Schwester Seines Vaters Vasudeva. Wenn sich der Sohn eines kṣatriya weigert zu kämpfen, ist er nur dem Namen nach ein kṣatriya, ebenso wie der Sohn eines brāhmaṇa, der gottlos handelt, nur dem Namen nach ein brāhmaṇa ist. Solche kṣatriyas und brāhmaṇas sind unwürdige Söhne ihrer Väter. Kṛṣṇa wollte nicht, daß Arjuna der unwürdige Sohn eines kṣatriya wurde, denn Arjuna war Sein engster Freund, weshalb Er ihm auf dem Streitwagen direkte Führung gab. Aber wenn sich Arjuna nun trotz all dieser Vorteile, die er genoß, von der Schlacht zurückzöge, wäre dies eine Handlung, die zu Schande führt. Deshalb sagte Kṛṣṇa, eine solche Haltung zieme sich nicht für eine Persönlichkeit wie Arjuna. Arjuna könnte einwenden, daß seine Haltung die der Großmut gegenüber dem höchst ehrwürdigen Bhīṣma und seinen Verwandten sei und daß er deshalb nicht an der Schlacht teilnehmen wolle, doch Kṛṣṇa bezeichnete diese Art von Großmut als bloße Schwachheit des Herzens. Solche falsche Großmut wird von keiner Autorität gebilligt. Deshalb sollten Menschen wie Arjuna unter der direkten Führung Kṛṣṇas solche Großmut oder sogenannte Gewaltlosigkeit aufgeben.

||2-4||

अर्जुन उवाच | कथं भीष्ममहं सङ्ख्ये द्रोणं च मधुसूदन | इषुभिः प्रतियोत्स्यामि पूजार्हावरिसूदन ||२-४||

arjuna uvāca . kathaṃ bhīṣmamahaṃ saṅkhye droṇaṃ ca madhusūdana . iṣubhiḥ pratiyotsyāmi pūjārhāvarisūdana ||2-4||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; katham — wie; bhīṣmam — Bhīṣma; aham — ich; saṅkhye — im Kampf; droṇam — Droṇa; ca — ebenfalls; madhu-sūdana — o Töter Madhus; iṣubhiḥ — mit Pfeilen; pratiyotsyāmi — soll bekämpfen; pūjā-arhau — diejenigen, die verehrungswürdig sind; ari-sūdana — o Töter der Feinde.


Arjuna sagte: O Töter der Feinde, o Töter Madhus, wie kann ich Männer wie Bhīṣma und Droṇa, die meiner Verehrung würdig sind, in dieser Schlacht mit Pfeilen bekämpfen?


Achtbare Höhergestellte, wie Bhīṣma, der Großvater, und Droṇācārya, der Lehrer, sind immer verehrenswert. Selbst wenn sie angreifen, sollte man sie nicht bekämpfen. Es ist eine allgemeine Verhaltensregel, daß man mit Höherstehenden nicht einmal ein Wortgefecht führen soll. Selbst wenn sie manchmal grob sein mögen, sollte man ihnen nicht grob begegnen. Wie soll es also Arjuna möglich sein, ihnen entgegenzutreten? Würde Kṛṣṇa jemals Seinen eigenen Großvater, Ugrasena, oder Seinen Lehrer, Sāndīpani Muni, angreifen? So lauteten einige der Einwände, die Arjuna Kṛṣṇa gegenüber vorbrachte.

||2-5||

गुरूनहत्वा हि महानुभावान् श्रेयो भोक्तुं भैक्ष्यमपीह लोके | हत्वार्थकामांस्तु गुरूनिहैव भुञ्जीय भोगान् रुधिरप्रदिग्धान् ||२-५||

gurūnahatvā hi mahānubhāvān śreyo bhoktuṃ bhaikṣyamapīha loke . hatvārthakāmāṃstu gurūnihaiva bhuñjīya bhogān rudhirapradigdhān ||2-5||

gurūn — die Höhergestellten; ahatvā — nicht zu töten; hi — gewiß; mahā- anubhāvān — große Seelen; śreyaḥ — es ist besser; bhoktum — das Leben zu genießen; bhaikṣyam — durch Betteln; api — sogar; iha — in diesem Leben; loke — auf dieser Welt; hatvā — zu töten; artha — Gewinn; kāmān — begehrend; tu — aber; gurūn — Höhergestellte; iha — auf dieser Welt; eva — gewiß; bhuñjīya — man muß genießen; bhogān — angenehme Dinge; rudhira — Blut; pradigdhān — befleckt mit.


Es wäre besser, in dieser Welt vom Betteln zu leben als auf Kosten des Lebens großer Seelen, die meine Lehrer sind. Obwohl sie vom Wunsch nach weltlichem Gewinn getrieben werden, sind sie immer noch Höhergestellte. Wenn sie getötet werden, würde alles, was wir genießen, mit Blut befleckt sein.


Den Unterweisungen der Schriften gemäß soll man einen Lehrer, der eine abscheuliche Handlung begeht und sein Unterscheidungsvermögen verloren hat, aufgeben. Bhīṣma und Droṇa waren wegen Duryodhanas finanzieller Hilfe verpflichtet, sich auf seine Seite zu stellen, wenngleich sie eine solche Stellung, nur aufgrund finanzieller Überlegungen, nicht hätten annehmen sollen. Unter diesen Umständen hatten sie ihr Ansehen als Lehrer verloren. Arjuna jedoch glaubte, sie blieben trotzdem seine Vorgesetzten, und sie zu töten, um nachher materiellen Reichtum zu genießen, würde bedeuten, blutbefleckten Reichtum zu genießen.

||2-6||

न चैतद्विद्मः कतरन्नो गरीयो यद्वा जयेम यदि वा नो जयेयुः | यानेव हत्वा न जिजीविषामस्- तेऽवस्थिताः प्रमुखे धार्तराष्ट्राः ||२-६||

na caitadvidmaḥ kataranno garīyo yadvā jayema yadi vā no jayeyuḥ . yāneva hatvā na jijīviṣāmaḥ te.avasthitāḥ pramukhe dhārtarāṣṭrāḥ ||2-6||

na — nicht; ca — auch; etat — dies; vidmaḥ — wissen wir; katarat — was; naḥ — für uns; garīyaḥ — besser; yat vā — ob; jayema — wir besiegen; yadi — falls; vā — oder; naḥ — uns; jayeyuḥ — sie besiegen; yān — diejenigen, die; eva — gewiß; hatvā — durch Töten; na — niemals; jijīviṣāmaḥ — wir werden leben wollen; te — sie alle; avasthitāḥ — befinden sich; pramukhe — gegenüber; dhārtarāṣṭrāḥ — die Söhne Dhṛtarāṣṭras.


Auch wissen wir nicht, was besser ist – die Söhne Dhṛtarāṣṭras zu besiegen oder von ihnen besiegt zu werden. Wenn wir sie töten, wäre es besser, nicht mehr zu leben. Doch nun stehen sie vor uns auf dem Schlachtfeld.


Obwohl Kämpfen die Pflicht der kṣatriyas ist, hatte Arjuna Zweifel: Sollte er kämpfen und es damit riskieren, unnötig Gewalt anzuwenden, oder sollte er sich zurückziehen und vom Betteln leben. Falls er den Feind nicht bezwänge, wäre Betteln das einzige Mittel, um für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Auch war der Sieg nicht sicher, da jede Seite aus der Schlacht siegreich hervorgehen konnte. Selbst wenn der Sieg sie erwartete (und ihre Sache war gerecht), wäre es sehr schwer, in der Abwesenheit der Söhne Dhṛtarāṣṭras zu leben, wenn diese in der Schlacht fielen. Unter diesen Umständen wäre das eine andere Art von Niederlage. All diese Überlegungen Arjunas beweisen eindeutig, daß er nicht nur ein großer Geweihter des Herrn war, sondern daß er auch sehr erleuchtet war und vollkommene Herrschaft über seinen Geist und seine Sinne besaß. Sein Wunsch, sich durch Betteln am Leben zu erhalten, obwohl er in einer königlichen Familie geboren worden war, ist ein weiteres Zeichen von Loslösung. Arjunas Tugendhaftigkeit steht außer Frage, wie diese Eigenschaften und sein Glauben an die unterweisenden Worte Śrī Kṛṣṇas (seines spirituellen Meisters) zeigen. Man kann hieraus schließen, daß Arjuna durchaus geeignet war, Befreiung zu erlangen. Solange die Sinne nicht beherrscht sind, besteht keine Möglichkeit, auf die Ebene von Wissen erhoben zu werden, und ohne Wissen und Hingabe ist es nicht möglich, Befreiung zu erlangen. Arjuna erfüllte all diese Voraussetzungen, abgesehen davon, daß er auch in materieller Hinsicht hervorragende Eigenschaften besaß.

||2-7||

कार्पण्यदोषोपहतस्वभावः पृच्छामि त्वां धर्मसम्मूढचेताः | यच्छ्रेयः स्यान्निश्चितं ब्रूहि तन्मे शिष्यस्तेऽहं शाधि मां त्वां प्रपन्नम् ||२-७||

kārpaṇyadoṣopahatasvabhāvaḥ pṛcchāmi tvāṃ dharmasammūḍhacetāḥ . yacchreyaḥ syānniścitaṃ brūhi tanme śiṣyaste.ahaṃ śādhi māṃ tvāṃ prapannam ||2-7||

kārpaṇya — des Geizes; doṣa — durch Schwäche; upahata — beeinflußt; sva-bhāvaḥ — Kennzeichen; pṛcchāmi — ich frage; tvām — Dich; dharma — Religion; sammūḍha — verwirrt; cetāḥ — im Herzen; yat — was; śreyaḥ — in jeder Beziehung gut; syāt — möge sein; niścitam — im Vertrauen; brūhi — sage; tat — das; me — mir; śiṣyaḥ — Schüler; te — Dein; aham — ich bin; śādhi — unterweise; mām — mich; tvām — Dir; prapannam — ergeben.


Nun bin ich verwirrt und weiß nicht mehr, was meine Pflicht ist, und ich habe aus geiziger Schwäche meine Fassung verloren. In diesem Zustand bitte ich Dich, mir klar zu sagen, was das Beste für mich ist. Jetzt bin ich Dein Schüler und eine Dir ergebene Seele. Bitte unterweise mich.


Es liegt in der Natur dieser Welt, daß das ganze System materieller Tätigkeiten für jeden eine Quelle der Verwirrung darstellt. Auf Schritt und Tritt gibt es Verwirrung, und deswegen ist es erforderlich, sich an einen echten spirituellen Meister zu wenden, der einem die richtige Führung geben kann, so daß man in der Lage ist, den Sinn des Lebens zu erfüllen. Alle vedischen Schriften geben uns den Rat, einen spirituellen Meister aufzusuchen, um von den Verwirrungen des Lebens frei zu werden, die auftreten, ohne daß wir es uns wünschen. Sie gleichen einem Waldbrand, der wütet, ohne von jemandem entfacht worden zu sein. Die Lage dieser Welt ist so beschaffen, daß Verwirrungen im Leben von selbst entstehen, obwohl wir sie uns nicht wünschen. Niemand will, daß es brennt, aber dennoch geschieht es, und wir sind verwirrt. Damit man diese Verwirrungen des Lebens lösen und die Wissenschaft dieser Lösung verstehen kann, rät uns die vedische Weisheit, einen spirituellen Meister aufzusuchen, der sich in der Schülernachfolge befindet. Von einem Menschen mit einem echten spirituellen Meister erwartet man, daß er alles weiß. Man sollte deshalb nicht in materiellen Verwirrungen verstrickt bleiben, sondern sich an einen spirituellen Meister wenden. Das ist die Bedeutung dieses Verses.
Wer ist den materiellen Verwirrungen ausgesetzt? Es ist derjenige, der die Probleme des Lebens nicht versteht. In der Bṛhad-āraṇyaka Upaniṣad (3.8.10) wird der verwirrte Mensch wie folgt beschrieben: yo vā etad akṣaraṁ gārgy aviditvāsmāl lokāt praiti sa kṛpaṇaḥ. „Wer in der menschlichen Form die Probleme des Lebens nicht löst, ist ein Geizhals, und daher verläßt er diese Welt wie die Katzen und Hunde, ohne die Wissenschaft der Selbstverwirklichung zu verstehen.“
Die menschliche Lebensform ist ein überaus kostbares Gut für das Lebewesen, denn es kann sie zur Lösung der Probleme des Lebens nutzen; wer daher diese Gelegenheit nicht richtig nutzt, ist ein Geizhals. Andererseits gibt es den brāhmaṇa, das heißt den Menschen, der intelligent genug ist, den Körper zur Lösung aller Probleme des Lebens zu nutzen. Ya etad akṣaraṁ gārgi viditvāsmāl lokāt praiti sa brāhmaṇaḥ.
Die kṛpaṇas oder Geizhälse verschwenden ihre Zeit mit übermäßiger Zuneigung zu Familie, Gesellschaft, Land usw. in der materiellen Lebensauffassung. Der Mensch ist oft ans Familienleben, an die Frau, die Kinder und die anderen Angehörigen angehaftet, und dies aufgrund von „Hautkrankheit“. Der kṛpaṇa glaubt, er könne seine Familienangehörigen vor dem Tode schützen, oder er denkt, seine Familie oder Gesellschaft könne ihn vor dem Rachen des Todes retten. Solche Familienanhaftung kann man selbst bei niederen Tieren finden, die sich ebenfalls um ihre Jungen sorgen. Da Arjuna intelligent war, konnte er erkennen, daß die Zuneigung zu seinen Familienangehörigen und sein Wunsch, sie vor dem Tode zu schützen, die Ursachen seiner Verwirrung waren. Obwohl er verstand, daß es seine Pflicht war zu kämpfen, konnte er aufgrund geiziger Schwäche seine Pflichten nicht erfüllen. Er bittet daher Śrī Kṛṣṇa, den höchsten spirituellen Meister, eine endgültige Lösung zu finden. Er bietet sich Kṛṣṇa als Schüler an, und er möchte alle freundschaftlichen Gespräche beenden. Gespräche zwischen dem Meister und dem Schüler sind ernst, und nun will sich Arjuna mit seinem anerkannten spirituellen Meister mit Ernsthaftigkeit unterhalten. Kṛṣṇa ist daher der ursprüngliche spirituelle Meister in der Wissenschaft der Bhagavad-gītā, und Arjuna ist der erste Schüler, der die Gītā versteht. Wie Arjuna die Bhagavad-gītā versteht, wird in der Gītā selbst gesagt. Und dennoch erklären törichte weltliche Gelehrte, es sei nicht notwendig, sich Kṛṣṇa als Person zu ergeben, sondern vielmehr dem „Ungeborenen in Kṛṣṇa“. Es besteht kein Unterschied zwischen Kṛṣṇas Innerem und Kṛṣṇas Äußerem. Jemand, der unfähig ist, dies zu verstehen, erweist sich bei dem Versuch, die Bhagavad-gītā zu verstehen, als der größte Narr.

||2-8||

न हि प्रपश्यामि ममापनुद्याद् यच्छोकमुच्छोषणमिन्द्रियाणाम् | अवाप्य भूमावसपत्नमृद्धं राज्यं सुराणामपि चाधिपत्यम् ||२-८||

na hi prapaśyāmi mamāpanudyād yacchokamucchoṣaṇamindriyāṇām . avāpya bhūmāvasapatnamṛddhaṃ rājyaṃ surāṇāmapi cādhipatyam ||2-8||

na — nicht; hi — gewiß; prapaśyāmi — ich sehe; mama — meine; apanudyāt — kann vertreiben; yat — das, was; śokam — Klage; ucchoṣaṇam — austrocknend; indriyāṇām — der Sinne; avāpya — erreichend; bhūmau — auf der Erde; asapatnam — ohne Rivalen; ṛddham — blühendes; rājyam — Königreich; surāṇām — der Halbgötter; api — sogar; ca — auch; ādhipatyam — Oberherrschaft.


Ich kann kein Mittel finden, diesen Kummer zu vertreiben, der meine Sinne austrocknet. Ich könnte nicht einmal davon frei werden, wenn ich ein blühendes und unangefochtenes Königreich auf der Erde gewänne und die Macht der Halbgötter im Himmel besäße.


Obwohl Arjuna so viele Einwände vorbrachte, die auf Kenntnis der Grundsätze von Religion und Moral beruhten, stellt es sich hier nun heraus, daß er seine eigentlichen Probleme nicht ohne die Hilfe des spirituellen Meisters, Śrī Kṛṣṇa, zu lösen vermochte. Er sah, daß sein sogenanntes Wissen nutzlos war, wenn es darum ging, die Probleme zu bewältigen, die seine ganze Existenz austrockneten, und es war ihm unmöglich, seine Verwirrung ohne die Hilfe eines spirituellen Meisters wie Śrī Kṛṣṇa zu lösen. Akademisches Wissen, Gelehrsamkeit, eine hohe Stellung usw. sind nutzlos, wenn es darum geht, die Probleme des Lebens zu lösen. Hilfe kann nur ein spiritueller Meister wie Kṛṣṇa geben. Die Schlußfolgerung lautet daher, daß ein spiritueller Meister, der zu einhundert Prozent Kṛṣṇa-bewußt ist, der echte spirituelle Meister ist, da er die Probleme des Lebens lösen kann. Śrī Caitanya sagte, daß jemand, der Meister in der Wissenschaft des Kṛṣṇa-Bewußtseins ist, ungeachtet seiner sozialen Stellung, der wahre spirituelle Meister ist. Im Caitanya-caritāmṛta (Madhya 8.128) heißt es:
kibā vipra, kibā nyāsī, śūdra kene naya
yei kṛṣṇa-tattva-vettā, sei ‘guru’ haya
„Es ist gleichgültig, ob jemand ein vipra [ein großer Gelehrter im vedischen Wissen] ist, ob er in einer niedrigen Familie geboren wurde oder ob er im Lebensstand der Entsagung steht – wenn er Meister in der Wissenschaft von Kṛṣṇa ist, ist er der vollkommene und echte spirituelle Meister.“
Mit anderen Worten, nur jemand, der ein Meister in der Wissenschaft des Kṛṣṇa-Bewußtseins ist, kann als echter spiritueller Meister bezeichnet werden. In den vedischen Schriften heißt es auch:
ṣaṭ-karma-nipuṇo vipro
mantra-tantra-viśāradaḥ
avaiṣṇavo gurur na syād
vaiṣṇavaḥ śva-paco guruḥ
„Ein gelehrter brāhmaṇa, der auf allen Gebieten des vedischen Wissens bewandert ist, eignet sich nicht als spiritueller Meister, wenn er kein Vaiṣṇava, kein Kenner der Wissenschaft des Kṛṣṇa-Bewußtseins, ist. Jemand aber, der in einer Familie aus einer niederen Kaste geboren wurde, kann spiritueller Meister werden, wenn er ein Vaiṣṇava ist, das heißt, wenn er Kṛṣṇa-bewußt ist.“ (Padma Purāṇa)
Den Problemen des materiellen Daseins – Geburt, Alter, Krankheit und Tod – kann nicht durch Anhäufung von Reichtum und nicht durch wirtschaftlichen Fortschritt entgegengewirkt werden. In vielen Teilen der Welt gibt es Staaten, denen alle Annehmlichkeiten des Lebens zur Verfügung stehen, die sehr reich und wirtschaftlich fortgeschritten sind und die trotzdem immer noch mit den Problemen des materiellen Daseins zu kämpfen haben. Sie suchen auf verschiedenen Wegen nach Frieden, aber wirkliches Glück können sie nur dann erlangen, wenn sie Kṛṣṇa bzw. die Bhagavad-gītā und das Śrīmad-Bhāgavatam – die die Wissenschaft Kṛṣṇas beinhalten – zu Rate ziehen, und zwar unter der Führung von Kṛṣṇas echtem Stellvertreter, das heißt jemandem, der Kṛṣṇa-bewußt ist.
Wenn wirtschaftlicher Fortschritt und materielle Annehmlichkeiten das Klagen um familiäre, soziale, nationale und internationale Trugbilder vertreiben könnten, hätte Arjuna nicht gesagt, daß selbst ein unangefochtenes Königreich auf Erden oder eine mächtige Stellung wie die der Halbgötter auf den himmlischen Planeten nicht imstande seien, sein Leid zu vertreiben. Er suchte daher Zuflucht im Kṛṣṇa-Bewußtsein, und das ist der richtige Weg zu Frieden und Harmonie. Wirtschaftlicher Fortschritt oder Herrschaft über die Welt können jeden Augenblick durch die Umwälzungen der materiellen Natur beendet werden. Selbst das Leben auf einem höheren Planeten, wie zum Beispiel auf dem Mond, den die Menschen heute zu erreichen versuchen, kann mit einem Schlag beendet werden. Die Bhagavad-gītā bestätigt dies: kṣīṇe puṇye martya- lokaṁ viśanti. „Wenn die Früchte frommer Werke aufgezehrt sind, fällt man vom Gipfel höchsten Glücks wieder auf die niedrigste Stufe des Lebens zurück.“ Viele Politiker der Welt sind auf diese Weise zu Fall gekommen, und so endeten ihre Laufbahnen nur in Klagen.
Wenn wir daher unser Klagen ein für allemal bezwingen wollen, müssen wir bei Kṛṣṇa Zuflucht suchen, wie es auch Arjuna erstrebt. Arjuna bat also Kṛṣṇa, seine Probleme endgültig zu lösen, und darin besteht der Vorgang des Kṛṣṇa-Bewußtseins.

||2-9||

सञ्जय उवाच | एवमुक्त्वा हृषीकेशं गुडाकेशः परन्तप | न योत्स्य इति गोविन्दमुक्त्वा तूष्णीं बभूव ह ||२-९||

sañjaya uvāca . evamuktvā hṛṣīkeśaṃ guḍākeśaḥ parantapaḥ . na yotsya iti govindamuktvā tūṣṇīṃ babhūva ha ||2-9||

sañjayaḥ uvāca — Sañjaya sagte; evam — so; uktvā — sprechend; hṛṣīkeśam — zu Kṛṣṇa, dem Meister der Sinne; guḍākeśaḥ — Arjuna, der Meister im Bezwingen von Unwissenheit; param-tapaḥ — der Bezwinger der Feinde; na yotsye — ich werde nicht kämpfen; iti — so; govindam — zu Kṛṣṇa, der den Sinnen Freude spendet; uktvā — sagend; tūṣṇīm — schweigend; babhūva — wurde; ha — gewiß.


Sañjaya sagte: Nachdem Arjuna, der Bezwinger der Feinde, so gesprochen hatte, sagte er zu Kṛṣṇa: „Govinda, ich werde nicht kämpfen!“ und verstummte.


Dhṛtarāṣṭra muß sehr erfreut gewesen sein, als er hörte, daß Arjuna nicht kämpfen wollte und statt dessen beabsichtigte, das Schlachtfeld zu verlassen, um ein Bettler zu werden. Aber gleichzeitig mußte Sañjaya ihn wieder enttäuschen, indem er ihm mitteilte, daß Arjuna fähig war, seine Feinde zu töten (paran-tapaḥ). Obwohl Arjuna aus Zuneigung zu seiner Familie vorübergehend von falschem Schmerz überwältigt war, hatte er sich Kṛṣṇa, dem höchsten spirituellen Meister, als Schüler ergeben. Dies deutete auf das baldige Ende seiner falschen Klagen hin, die aus Familienzuneigung entstanden waren; erleuchtet mit vollkommenem Wissen über Selbstverwirklichung oder Kṛṣṇa-Bewußtsein, würde er dann mit Sicherheit kämpfen. Auf diese Weise sollte sich Dhṛtarāṣṭra schon bald in seinen Hoffnungen getäuscht sehen, weil Arjuna dank Kṛṣṇas Unterweisungen bis zum letzten kämpfen würde.

||2-10||

तमुवाच हृषीकेशः प्रहसन्निव भारत | सेनयोरुभयोर्मध्ये विषीदन्तमिदं वचः ||२-१०||

tamuvāca hṛṣīkeśaḥ prahasanniva bhārata . senayorubhayormadhye viṣīdantamidaṃ vacaḥ ||2-10||

tam — zu ihm; uvāca — sagte; hṛṣīkeśaḥ — der Meister der Sinne, Kṛṣṇa; prahasan — lächelnd; iva — so; bhārata — o Dhṛtarāṣṭra, Nachkomme Bharatas; senayoḥ — der Heere; ubhayoḥ — beider Seiten; madhye — zwischen; viṣīdantam — zu dem Klagenden; idam — die folgenden; vacaḥ — Worte.


O Nachkomme Bharatas, da sprach Kṛṣṇa in der Mitte zwischen den beiden Heeren zu dem kummervollen Arjuna lächelnd die folgenden Worte.


Das Gespräch fand zwischen engen Freunden statt, zwischen Hṛṣīkeśa und Guḍākeśa. Als Freunde befanden sich beide auf der gleichen Ebene, doch einer wurde freiwillig der Schüler des anderen. Kṛṣṇa lächelte, weil sich ein Freund entschlossen hatte, ein Schüler zu werden. Er ist der Herr allen Seins, der Meister eines jeden, und deshalb befindet Er Sich immer in einer höheren Stellung; und doch ist Er bereit, als Freund, Sohn oder Geliebter zu erscheinen, wenn ein Gottgeweihter Ihn in einer solchen Rolle sehen will. Als Er aber als Meister akzeptiert wurde, nahm Er sogleich diese Rolle an und sprach mit dem Schüler wie ein Meister – mit Ernst, wie es der Lage angemessen war. Offensichtlich wurde dieses Gespräch zwischen dem Meister und dem Schüler öffentlich, vor beiden Heeren, geführt, so daß alle ihren Nutzen daraus ziehen konnten. Die Gespräche der Bhagavad-gītā sind also nicht für eine bestimmte Person, Gesellschaft oder Gemeinschaft gedacht, sondern für alle, und Freunde wie Feinde haben gleichermaßen das Recht, sie zu hören.

||2-11||

श्रीभगवानुवाच | अशोच्यानन्वशोचस्त्वं प्रज्ञावादांश्च भाषसे | गतासूनगतासूंश्च नानुशोचन्ति पण्डिताः ||२-११||

śrībhagavānuvāca . aśocyānanvaśocastvaṃ prajñāvādāṃśca bhāṣase . gatāsūnagatāsūṃśca nānuśocanti paṇḍitāḥ ||2-11||

śrī-bhagavān uvāca — die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach; aśocyān — das, was nicht des Klagens wert ist; anvaśocaḥ — du beklagst; tvam — du; prajñā-vādān — gelehrte Worte; ca — auch; bhāṣase — sprechend; gata — verlorenes; asūn — Leben; agata — nicht vergangenes; asūn — Leben; ca — auch; na — niemals; anuśocanti — beklagen; paṇḍitāḥ — die Gelehrten.


Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Während du gelehrte Worte sprichst, betrauerst du, was des Kummers nicht wert ist. Die Weisen beklagen weder die Lebenden noch die Toten.


Der Herr nahm sogleich die Stellung des Lehrers ein und rügte den Schüler, indem Er ihn indirekt einen Toren nannte. Der Herr sagte: „Du sprichst wie ein Gelehrter, aber du weißt nicht, daß jemand, der wirklich gelehrt ist – der weiß, was der Körper und was die Seele ist –, zu keiner Zeit die Verfassung des Körpers beklagt, weder im lebenden noch im toten Zustand.“ Wie aus späteren Kapiteln eindeutig hervorgehen wird, bedeutet Wissen, die Materie, die spirituelle Seele und den Lenker von beiden zu kennen. Arjuna wandte ein, religiösen Grundsätzen solle mehr Bedeutung beigemessen werden als Politik oder Soziologie, aber er wußte nicht, daß Wissen von der Materie, der Seele und dem Höchsten sogar noch wichtiger ist als religiöse Formeln. Und weil es ihm an diesem Wissen fehlte, hätte er sich nicht als großer Gelehrter ausgeben sollen. Da er nun tatsächlich kein großer Gelehrter war, klagte er um etwas, was des Klagens nicht wert war. Der Körper wird geboren und hat das Schicksal, heute oder morgen zu vergehen; deshalb ist der Körper nicht so wichtig wie die Seele. Wer dies weiß, ist wahrhaft gelehrt, und für ihn gibt es keinen Grund zu klagen – ungeachtet des Zustands, in dem sich der materielle Körper befindet.

||2-12||

न त्वेवाहं जातु नासं न त्वं नेमे जनाधिपाः | न चैव न भविष्यामः सर्वे वयमतः परम् ||२-१२||

na tvevāhaṃ jātu nāsaṃ na tvaṃ neme janādhipāḥ . na caiva na bhaviṣyāmaḥ sarve vayamataḥ param ||2-12||

na — niemals; tu — aber; eva — gewiß; aham — Ich; jātu — zu irgendeiner Zeit; na — nicht; āsam — existierte; na — nicht; tvam — du; na — nicht; ime — all diese; jana-adhipāḥ — Könige; na — niemals; ca — auch; eva — gewiß; na — nicht; bhaviṣyāmaḥ — werden existieren; sarve vayam — wir alle; ataḥ param — hiernach.


Niemals gab es eine Zeit, als Ich oder du oder all diese Könige nicht existierten, und ebenso wird niemals in der Zukunft einer von uns aufhören zu sein.


In den Veden, in der Kaṭha Upaniṣad wie auch in der Śvetāśvatara Upaniṣad, heißt es, daß die Höchste Persönlichkeit Gottes der Erhalter unzähliger Lebewesen ist und sie versorgt – je nach ihren unterschiedlichen Lebensumständen, die aus individueller Tätigkeit und der Reaktion auf diese Tätigkeit resultieren. Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, befindet Sich durch Seine vollständigen Teilerweiterungen im Herzen eines jeden Lebewesens. Nur heilige Menschen, die den gleichen Höchsten Herrn sowohl innerhalb als auch außerhalb aller Dinge wahrnehmen können, sind imstande, wahrhaft vollkommenen und ewigen Frieden zu erlangen.
nityo nityānāṁ cetanaś cetanānām
eko bahūnāṁ yo vidadhāti kāmān
tam ātma-sthaṁ ye ’nupaśyanti dhīrās
teṣāṁ śāntiḥ śāśvatī netareṣām
(Kaṭha Upaniṣad 2.2.13)
Die gleiche vedische Wahrheit, die Arjuna verkündet wurde, wird allen Menschen auf der Welt verkündet, die sich als sehr gelehrt hinstellen, aber in Wirklichkeit nur über dürftiges Wissen verfügen. Der Herr sagt eindeutig, daß Er Selbst, Arjuna und all die auf dem Schlachtfeld versammelten Könige ewig individuelle Wesen sind und daß Er ewig der Erhalter der individuellen Lebewesen ist, sowohl in ihrem bedingten als auch in ihrem befreiten Zustand. Die Höchste Persönlichkeit Gottes ist die höchste individuelle Person, und Arjuna, der ewige Gefährte des Herrn, und all die dort versammelten Könige sind ebenfalls individuelle, ewige Personen. Es ist nicht so, daß sie in der Vergangenheit nicht als Individuen existiert haben, und es ist nicht so, daß sie nicht ewige Individuen bleiben werden. Ihre Individualität existierte in der Vergangenheit, und ihre Individualität wird in der Zukunft ohne Unterbrechung weiterbestehen. Deshalb besteht für niemanden Grund zu klagen.
Śrī Kṛṣṇa, die höchste Autorität, widerspricht hier der Theorie der Māyāvādīs, die besagt, daß die Individualität der Seele nur so lange existiere, wie sie von māyā oder Illusion bedeckt sei, und daß sie nach der Befreiung mit dem unpersönlichen Brahman verschmelzen und ihre individuelle Existenz verlieren werde. Ebensowenig wird die Theorie unterstützt, daß wir uns im bedingten Zustand Individualität nur einbilden. Kṛṣṇa sagt hier unmißverständlich, daß Seine Individualität und die aller anderen Lebewesen, wie in den Upaniṣaden bestätigt wird, auch in der Zukunft ewiglich fortbestehen wird. Diese Erklärung Kṛṣṇas ist maßgebend, denn Kṛṣṇa kann nicht der Illusion unterliegen. Wenn Individualität keine Tatsache wäre, hätte Kṛṣṇa sie nicht so sehr betont – sogar für die Zukunft. Die Māyāvādīs mögen einwenden, die Individualität, von der Kṛṣṇa spreche, sei nicht spirituell, sondern materiell. Aber wenn dieses Argument, daß Individualität materiell ist, wahr wäre, wie ist dann Kṛṣṇas Individualität zu verstehen? Kṛṣṇa erklärt, daß Seine Individualität in der Vergangenheit existierte und daß sie auch in Zukunft weiter existieren wird. Er hat Seine Individualität auf vielerlei Weise bestätigt, und dazu kommt auch, daß das unpersönliche Brahman Ihm untergeordnet ist. Dabei hat Kṛṣṇa Seine spirituelle Individualität zu jeder Zeit bewahrt. Wenn Er eine gewöhnliche bedingte Seele mit individuellem Bewußtsein wäre, wie manche glauben, dann hätte Seine Bhagavad-gītā als maßgebende Schrift keinen Wert. Ein gewöhnlicher Mensch mit den vier Mängeln menschlicher Unvollkommenheit ist unfähig, etwas zu lehren, was es wert ist, gehört zu werden. Die Gītā steht über solcher Literatur. Kein weltliches Buch ist mit der Bhagavad- gītā vergleichbar. Wenn man Kṛṣṇa für einen gewöhnlichen Menschen hält, verliert die Gītā ihre ganze Bedeutung. Die Māyāvādīs bringen das Argument vor, die in diesem Vers angesprochene Pluralität sei im herkömmlichen Sinne zu verstehen und beziehe sich auf den Körper. Aber bereits im Vers zuvor ist eine solche körperliche Auffassung verurteilt worden. Wie hätte Kṛṣṇa also eine übliche Vorstellung vom Körper vertreten können, nachdem Er doch die körperliche Lebensauffassung der Lebewesen bereits verurteilt hatte? Die Auffassung der Individualität wird daher auf spiritueller Grundlage aufrechterhalten, wie es von großen ācāryas wie Śrī Rāmānuja und anderen bestätigt wird. An vielen Stellen in der Gītā heißt es eindeutig, daß diese spirituelle Individualität nur von denen verstanden wird, die Geweihte des Herrn sind. Diejenigen, die Kṛṣṇa als die Höchste Persönlichkeit Gottes beneiden, haben keinen wahren Zugang zu diesem großartigen Werk. Ein Nichtgottgeweihter, der sich mit den Lehren der Bhagavad-gītā befassen will, gleicht einer Biene, die von außen an einem Honigglas leckt. Man kann den Geschmack des Honigs nicht erfahren, solange man das Glas nicht öffnet. Ebenso können nur die Gottgeweihten die Mystik der Bhagavad-gītā verstehen, und niemand sonst kann davon einen Geschmack bekommen, wie im Vierten Kapitel bestätigt wird. Darüber hinaus ist die Gītā auch nicht für Menschen zugänglich, die auf die bloße Existenz des Herrn neidisch sind. Deshalb ist die Māyāvādī-Auslegung der Gītā eine höchst irreführende Darstellung der Wahrheit. Śrī Caitanya hat uns verboten, Kommentare der Māyāvādīs zu lesen, und Er warnt uns, daß derjenige, der sich der Philosophie der Māyāvādīs zuwendet, jegliche Fähigkeit verliere, das eigentliche Geheimnis der Gītā zu verstehen. Wenn sich Individualität auf das empirische Universum bezöge, dann wären die Lehren des Herrn überflüssig. Die Pluralität der individuellen Seelen und des Herrn ist eine ewige Tatsache und wird, wie oben erwähnt, von den Veden bestätigt.

||2-13||

देहिनोऽस्मिन्यथा देहे कौमारं यौवनं जरा | तथा देहान्तरप्राप्तिर्धीरस्तत्र न मुह्यति ||२-१३||

dehino.asminyathā dehe kaumāraṃ yauvanaṃ jarā . tathā dehāntaraprāptirdhīrastatra na muhyati ||2-13||

dehinaḥ — des Verkörperten; asmin — in diesem; yathā — so wie; dehe — im Körper; kaumāram — Knabenzeit; yauvanam — Jugend; jarā — Alter; tathā — ebenso; deha-antara — des Wechsels des Körpers; prāptiḥ — Erlangung; dhīraḥ — der Besonnene; tatra — diesbezüglich; na — niemals; muhyati — ist getäuscht.


So wie die verkörperte Seele in diesem Körper fortgesetzt von Knabenzeit zu Jugend und zu Alter wandert, so geht die Seele beim Tod in ähnlicher Weise in einen anderen Körper ein. Ein besonnener Mensch wird durch einen solchen Wechsel nicht verwirrt.


Da jedes Lebewesen eine individuelle Seele ist, wechselt es seinen Körper in jedem Augenblick und manifestiert sich so manchmal als Kind, manchmal als Jugendlicher und manchmal als alter Mann. Dennoch handelt es sich immer um die gleiche spirituelle Seele, die sich nie wandelt. Diese individuelle Seele wechselt den Körper zum Zeitpunkt des Todes endgültig und geht in einen anderen Körper ein, und da sie mit Sicherheit bei der nächsten Geburt einen anderen Körper bekommt – entweder einen materiellen oder einen spirituellen –, gab es für Arjuna keinen Grund, den Tod zu beklagen, auch den Bhīṣmas oder Droṇas nicht, um die er sich so sehr sorgte. Vielmehr sollte er sich freuen, daß sie ihre alten Körper gegen neue eintauschen und so auch neue Kraft bekommen würden. Solche Körperwechsel bedeuten eine Vielfalt von Freuden und Leiden, die sich je nach der Handlungsweise im Leben richten. Da Bhīṣma und Droṇa edle Seelen waren, würden sie in ihrem nächsten Leben mit Gewißheit entweder einen spirituellen Körper oder zumindest ein Leben in einem himmlischen Körper erhalten, in dem ein höherer Genuß des materiellen Daseins möglich ist. In beiden Fällen gab es also keinen Grund zu klagen.
Jeder Mensch, der über vollkommenes Wissen von der Beschaffenheit der individuellen Seele, der Überseele und der Natur, der materiellen wie der spirituellen, verfügt, wird als dhīra, das heißt als höchst besonnener Mensch, bezeichnet. Ein solcher Mensch läßt sich niemals durch den Wechsel von Körpern täuschen.
Die Tatsache, daß die spirituelle Seele nicht in fragmentarische Teile zerlegt werden kann, widerlegt die Māyāvādī-Theorie des Einsseins aller spirituellen Seelen. Wenn der Höchste in verschiedene individuelle Seelen zerteilt werden könnte, würde dies bedeuten, daß Er zerteilbar oder wandelbar ist, was jedoch dem Prinzip widerspricht, daß die Höchste Seele unwandelbar ist. Wie in der Gītā bestätigt wird, bestehen die fragmentarischen Teile des Höchsten ewig (sanātana) und werden kṣara genannt, was bedeutet, daß sie die Neigung haben, in die materielle Natur zu fallen. Diese fragmentarischen Teile sind ewig so beschaffen, und selbst nach der Befreiung bleibt die individuelle Seele der gleiche fragmentarische Teil. Aber wenn sie einmal befreit ist, erreicht sie in der Gemeinschaft der Persönlichkeit Gottes ein ewiges Leben voller Glückseligkeit und Wissen. Die Überseele, auch Paramātmā genannt, befindet Sich in jedem einzelnen individuellen Körper, und obwohl sich die Überseele und das individuelle Lebewesen im selben Körper befinden, sind sie voneinander verschieden. Dies wird durch das folgende Beispiel illustriert. Wenn sich der Himmel auf dem Wasser widerspiegelt, werden sowohl die Sonne und der Mond wie auch die Sterne widergespiegelt. Die Sterne können mit den Lebewesen verglichen werden und die Sonne oder der Mond mit dem Höchsten Herrn. Die individuelle, fragmentarische spirituelle Seele wird von Arjuna repräsentiert, und die Höchste Seele ist die Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa. Sie befinden sich nicht auf der gleichen Ebene, wie der Beginn des Vierten Kapitels deutlich werden läßt. Wenn sich Arjuna auf der gleichen Ebene wie Kṛṣṇa befände und Kṛṣṇa nicht über Arjuna stünde, dann wäre ihre Beziehung als Lehrer und Belehrter bedeutungslos. Wenn beide von der illusionierenden Energie (māyā) getäuscht wären, bestünde keine Notwendigkeit, daß der eine Lehrer und der andere Schüler ist. Solche Unterweisungen wären nutzlos, da niemand, der sich in der Gewalt māyās befindet, ein maßgebender Lehrer sein kann. Hier jedoch wird Śrī Kṛṣṇa als der Höchste Herr anerkannt, der Sich in einer höheren Stellung befindet als das Lebewesen, Arjuna, der eine von māyā irregeführte, vergeßliche Seele ist.

||2-14||

मात्रास्पर्शास्तु कौन्तेय शीतोष्णसुखदुःखदाः | आगमापायिनोऽनित्यास्तांस्तितिक्षस्व भारत ||२-१४||

mātrāsparśāstu kaunteya śītoṣṇasukhaduḥkhadāḥ . āgamāpāyino.anityāstāṃstitikṣasva bhārata ||2-14||

mātrā-sparśāḥ — sinnliche Wahrnehmung; tu — bloß; kaunteya — o Sohn Kuntīs; śīta — Winter; uṣṇa — Sommer; sukha — Glück; duḥkha — und Leid; dāḥ — bereitend; āgama — erscheinend; apāyinaḥ — verschwindend; anityāḥ — unbeständig; tān — sie alle; titikṣasva — versuche einfach zu erdulden; bhārata — o Nachkomme der Bharata-Dynastie.


O Sohn Kuntīs, das unbeständige Erscheinen von Glück und Leid und ihr Verschwinden im Laufe der Zeit gleichen dem Kommen und Gehen von Sommer und Winter. Sie entstehen durch Sinneswahrnehmung, o Nachkomme Bharatas, und man muß lernen, sie zu dulden, ohne sich verwirren zu lassen.


Wenn man seine Pflicht richtig erfüllen will, muß man lernen, das unbeständige Erscheinen und Vergehen von Glück und Leid zu erdulden. Nach vedischer Unterweisung muß man frühmorgens ein Bad nehmen, sogar im Monat Māgha (Januar-Februar). Zu dieser Zeit ist es sehr kalt, aber trotzdem zögert ein Mann, der an den religiösen Grundsätzen festhält, nicht, sein Bad zu nehmen. Ebenso zögert eine Frau nicht, während der Monate Mai und Juni, dem heißesten Teil der Sommerzeit, in der Küche zu kochen. Man muß trotz klimabedingter Unbequemlichkeiten seine Pflicht erfüllen. In ähnlicher Weise ist Kämpfen das religiöse Prinzip der kṣatriyas, und auch wenn man mit einem Freund oder Verwandten kämpfen muß, sollte man nicht von seiner vorgeschriebenen Pflicht abweichen. Man muß den vorgeschriebenen Regeln und Regulierungen der religiösen Prinzipien folgen, um zur Ebene des Wissens aufzusteigen, denn nur durch Wissen und Hingabe kann man sich aus den Klauen māyās (der Illusion) befreien.
Die beiden Namen, mit denen Arjuna hier angesprochen wird, sind ebenfalls bedeutsam. Der Name „Kaunteya“ weist auf seine Blutsverwandtschaft mit der berühmten Familie seiner Mutter hin, und der Name „Bhārata“ auf seine Größe von seiten seines Vaters. So ruhte also von beiden Seiten her ein großes Erbe auf ihm, und ein großes Erbe bringt in bezug auf die richtige Erfüllung von Pflichten Verantwortung mit sich. Daher kann er den Kampf nicht vermeiden.

||2-15||

यं हि न व्यथयन्त्येते पुरुषं पुरुषर्षभ | समदुःखसुखं धीरं सोऽमृतत्वाय कल्पते ||२-१५||

yaṃ hi na vyathayantyete puruṣaṃ puruṣarṣabha . samaduḥkhasukhaṃ dhīraṃ so.amṛtatvāya kalpate ||2-15||

yam — jemand, dem; hi — gewiß; na — niemals; vyathayanti — fügen Leid zu; ete — all diese; puruṣam — einem Menschen; puruṣa-ṛṣabha — o bester unter den Menschen; sama — unverändert; duḥkha — in Leid; sukham — und Glück; dhīram — geduldig; saḥ — er; amṛtatvāya — für Befreiung; kalpate — gilt als geeignet.


O bester unter den Menschen [Arjuna], wer sich durch Glück und Leid nicht stören läßt, sondern in beidem stetig ist, eignet sich gewiß dazu, Befreiung zu erlangen.


Jeder, der mit fester Entschlossenheit nach der fortgeschrittenen Stufe spiritueller Erkenntnis strebt und mit Gleichmut die Angriffe von Leid und Glück erduldet, ist gewiß geeignet, Befreiung zu erlangen. In der varṇāśrama-Einrichtung stellt die vierte Stufe des Lebens, nämlich der Lebensstand der Entsagung (sannyāsa), ein mühevolles Leben dar. Doch jemand, dem es ernst damit ist, sein Leben zu vervollkommnen, tritt mit Sicherheit trotz aller Schwierigkeiten in den sannyāsa-Stand des Lebens ein. Die Schwierigkeiten entstehen im allgemeinen daraus, daß man die Beziehung zu seiner Familie, das heißt die Verbindung zu Frau und Kindern, aufgeben muß. Aber wenn jemand fähig ist, solche Schwierigkeiten auf sich zu nehmen, ist sein Weg zur spirituellen Erkenntnis zweifellos vollkommen. Ebenso bekommt Arjuna bei seiner Pflichterfüllung als kṣatriya den Rat, standhaft zu bleiben – auch wenn es schwierig ist, mit seinen Familienangehörigen oder anderen nahestehenden Menschen zu kämpfen. Als Śrī Caitanya im Alter von vierundzwanzig Jahren sannyāsa annahm, hatten Seine Angehörigen, nämlich Seine junge Frau und Seine alte Mutter, niemanden außer Ihm, der sich um sie kümmerte. Dennoch nahm Er um einer höheren Sache willen sannyāsa an und erfüllte mit Beständigkeit Seine höheren Pflichten. Das ist der Weg, Befreiung aus der materiellen Knechtschaft zu erlangen.

||2-16||

नासतो विद्यते भावो नाभावो विद्यते सतः | उभयोरपि दृष्टोऽन्तस्त्वनयोस्तत्त्वदर्शिभिः ||२-१६||

nāsato vidyate bhāvo nābhāvo vidyate sataḥ . ubhayorapi dṛṣṭo.antastvanayostattvadarśibhiḥ ||2-16||

na — nie; asataḥ — des Inexistenten; vidyate — es gibt; bhāvaḥ — Beständigkeit; na — niemals; abhāvaḥ — wechselnde Eigenschaften; vidyate — es gibt; sataḥ — des Ewigen; ubhayoḥ — der beiden; api — wahrlich; dṛṣṭaḥ — beobachtet; antaḥ — Schlußfolgerung; tu — in der Tat; anayoḥ — von ihnen; tattva — der Wahrheit; darśibhiḥ — von denjenigen, die sehen.


Diejenigen, die die Wahrheit sehen, haben erkannt, daß das Inexistente [der materielle Körper] ohne Dauer und das Ewige [die Seele] ohne Wechsel ist. Zu diesem Schluß sind sie gekommen, nachdem sie das Wesen von beidem studiert hatten.


Der sich wandelnde Körper ist nicht von Dauer. Daß sich der Körper in jedem Augenblick durch die Aktionen und Reaktionen der verschiedenen Zellen verändert, wird von der modernen Medizin bestätigt, und so finden im Körper Wachstum und Alter statt. Aber die spirituelle Seele besteht fortwährend und bleibt trotz aller Wandlungen des Körpers und des Geistes dieselbe. Das ist der Unterschied zwischen Materie und spiritueller Natur. Von Natur aus wandelt sich der Körper ständig, wohingegen die Seele ewig ist. Dies ist die Schlußfolgerung all derjenigen, die die Wahrheit sehen, sowohl der Unpersönlichkeits- als auch der Persönlichkeitsanhänger. Im Viṣṇu Purāṇa (2.12.38) heißt es, daß Viṣṇu und Seine Planeten alle von selbstleuchtender spiritueller Existenz sind (jyotīṁṣi viṣṇur bhuva nāni viṣṇuḥ). Die Worte „existent“ und „inexistent“ beziehen sich ausschließlich auf die spirituelle Natur bzw. Materie. Dies ist die Ansicht all derjenigen, die die Wahrheit kennen.
Hier beginnen die Unterweisungen des Herrn an die Lebewesen, die durch den Einfluß der Unwissenheit verwirrt sind. Unwissenheit zu beseitigen bedeutet, daß man die ewige Beziehung zwischen dem Verehrenden und dem Verehrten wiederherstellt und folglich den Unterschied zwischen den winzigen, fragmentarischen Lebewesen und der Höchsten Persönlichkeit Gottes versteht. Man kann das Wesen des Höchsten anhand eines eingehenden Studiums seinerselbst verstehen, vorausgesetzt, man sieht den Unterschied zwischen sich selbst und dem Höchsten im Sinne der Beziehung zwischen dem Teil und dem Ganzen. In den Vedānta-sūtras wie auch im Śrīmad-Bhāgavatam wird anerkannt, daß der Höchste der Ursprung aller Emanationen ist. Diese Emanationen lassen sich in der Kategorie höherer und niederer Natur wahrnehmen. Wie im Siebten Kapitel offenbart wird, gehören die Lebewesen zur höheren Natur. Obwohl zwischen der Energie und dem Energieursprung kein Unterschied besteht, heißt es, daß der Ursprung der Höchste ist und daß die Energie oder Natur Ihm untergeordnet ist. Die Lebewesen sind deshalb immer dem Höchsten Herrn untergeordnet – wie der Diener dem Meister oder der Schüler dem Lehrer. Solch klares Wissen ist unter dem Zauber der Unwissenheit unmöglich zu verstehen, und um solche Unwissenheit zu vertreiben, lehrt der Herr die Bhagavad-gītā zur Erleuchtung aller Lebewesen zu allen Zeiten.

||2-17||

अविनाशि तु तद्विद्धि येन सर्वमिदं ततम् | विनाशमव्ययस्यास्य न कश्चित्कर्तुमर्हति ||२-१७||

avināśi tu tadviddhi yena sarvamidaṃ tatam . vināśamavyayasyāsya na kaścitkartumarhati ||2-17||

avināśi — unvergänglich; tu — aber; tat — dies; viddhi — wisse es; yena — von dem; sarvam — der gesamte Körper; idam — dieser; tatam — durchdrungen; vināśam — Zerstörung; avyayasya — des Unvergänglichen; asya — von ihr; na kaścit — niemand; kartum — zu tun; arhati — ist imstande.


Wisse, das, was den gesamten Körper durchdringt, ist unzerstörbar. Niemand ist imstande, die unvergängliche Seele zu zerstören.


Dieser Vers erklärt noch deutlicher das wirkliche Wesen der Seele, die im gesamten Körper verbreitet ist. Jeder kann verstehen, was im ganzen Körper verbreitet ist: Es ist Bewußtsein. Jeder ist sich der Schmerzen und Freuden bewußt, die entweder in einem Teil des Körpers oder im gesamten Körper empfunden werden. Diese Verbreitung von Bewußtsein beschränkt sich auf den eigenen Körper. Die Schmerzen und Freuden des einen Körpers sind einem anderen unbekannt. Daher ist jeder einzelne Körper die Verkörperung einer individuellen Seele, und das Symptom für die Anwesenheit der Seele wird als individuelles Bewußtsein erfahren. Die Größe der Seele wird mit dem zehntausendsten Teil einer Haarspitze verglichen. Die Śvetāśvatara Upaniṣad (5.9) bestätigt dies wie folgt:
bālāgra-śata-bhāgasya
śatadhā kalpitasya ca
bhāgo jīvaḥ sa vijñeyaḥ
sa cānantyāya kalpate
„Wenn eine Haarspitze in hundert Teile und jedes dieser Teile in weitere hundert Teile zerlegt wird, dann entspricht eines dieser Teile der Größe der spirituellen Seele.“ Das gleiche wird auch an anderer Stelle bestätigt:
keśāgra-śata-bhāgasya
śatāṁśaḥ sādṛśātmakaḥ
jīvaḥ sūkṣma-svarūpo ’yaṁ
saṅkhyātīto hi cit-kaṇaḥ
„Es gibt unzählige Partikeln von spirituellen Atomen, und jedes von ihnen ist so groß wie der zehntausendste Teil einer Haarspitze.“
Demnach ist das individuelle Partikel, das eine spirituelle Seele darstellt, ein spirituelles Atom, das kleiner ist als die materiellen Atome, und diese Atome sind unzählbar. Dieser winzige spirituelle Funke bildet das Grundprinzip des materiellen Körpers, und der Einfluß eines solchen spirituellen Funkens ist im gesamten Körper verbreitet, ebenso wie sich der Einfluß der heilenden Kraft eines Medikaments im gesamten Körper verbreitet. Diese Ausstrahlung der Seele wird überall im Körper als Bewußtsein verspürt, und das ist der Beweis für die Gegenwart der Seele. Jeder Laie weiß, daß ein materieller Körper minus Bewußtsein ein toter Körper ist und daß dieses Bewußtsein im Körper durch keine materielle Bemühung wiederbelebt werden kann. Bewußtsein ist daher nicht auf verschiedene materielle Verbindungen zurückzuführen, sondern auf die spirituelle Seele. In der Muṇḍaka Upaniṣad (3.1.9) wird die Dimension der atomischen spirituellen Seele weiter erklärt:
eṣo ’ṇur ātmā cetasā veditavyo
yasmin prāṇaḥ pañcadhā saṁviveśa
prāṇaiś cittaṁ sarvam otaṁ prajānāṁ
yasmin viśuddhe vibhavaty eṣa ātmā
„Die Seele ist atomisch klein und kann durch vollkommene Intelligenz wahrgenommen werden. Diese atomische Seele schwebt in den fünf Luftarten (prāṇa, apāna, vyāna, samāna und udāna). Sie befindet sich im Herzen und verbreitet ihren Einfluß über den gesamten Körper des verkörperten Lebewesens. Wenn die Seele von der Verunreinigung durch die fünf Arten materieller Luft geläutert ist, entfaltet sich ihre spirituelle Kraft.“
Das haṭha-yoga-System ist dazu gedacht, die fünf Luftarten, die die reine Seele umkreisen, durch verschiedene Sitzstellungen unter Kontrolle zu bringen – nicht um irgendeines materiellen Gewinns willen, sondern um die winzige Seele aus der Verstrickung in die materielle Atmosphäre zu befreien.
Alle vedischen Schriften sind sich also darin einig, daß die Seele ihrem Wesen nach atomisch ist, und dies kann auch jeder vernünftige Mensch durch seine praktische Erfahrung verstehen. Nur ein Verrückter kann die atomische Seele mit dem alldurchdringenden viṣṇu-tattva gleichsetzen.
Der Einfluß der atomischen Seele durchdringt den gesamten Körper, in dem sie sich befindet. Wie es in der Muṇḍaka Upaniṣad heißt, befindet sich die atomische Seele im Herzen des Lebewesens; aber weil sich die Messung der atomischen Seele der Reichweite der materialistischen Wissenschaftler entzieht, behaupten einige von ihnen törichterweise, es gäbe keine Seele. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die individuelle atomische Seele zusammen mit der Überseele im Herzen weilt, und daher kommen alle Energien, die zur Bewegung des Körpers benötigt werden, aus diesem Teil des Körpers. Die roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff aus der Lunge mit sich tragen, beziehen ihre Energie von der Seele. Wenn die Seele den Körper verläßt, kommen alle bluterneuernden Vorgänge zum Stillstand. Die Medizin erkennt die Bedeutung der roten Blutkörperchen an, aber sie kann nicht herausfinden, daß die Quelle der Energie die Seele ist. Auf der anderen Seite aber räumt die Medizin ein, daß das Herz der Sitz aller Energien des Körpers ist.
Die atomischen Partikeln des spirituellen Ganzen werden mit den zahllosen leuchtenden Partikeln verglichen, aus denen sich der Sonnenschein zusammensetzt. Ebenso sind die fragmentarischen Teile des Höchsten Herrn atomische Funken Seiner Ausstrahlung, die als prabhā oder höhere Energie bezeichnet wird. Ob man nun dem vedischen Wissen oder der modernen Wissenschaft folgt, in keinem Fall kann man die Existenz der spirituellen Seele im Körper verleugnen, und die Wissenschaft der Seele wird in der Bhagavad-gītā von der Persönlichkeit Gottes Selbst ausführlich erklärt.

||2-18||

अन्तवन्त इमे देहा नित्यस्योक्ताः शरीरिणः | अनाशिनोऽप्रमेयस्य तस्माद्युध्यस्व भारत ||२-१८||

antavanta ime dehā nityasyoktāḥ śarīriṇaḥ . anāśino.aprameyasya tasmādyudhyasva bhārata ||2-18||

anta-vantaḥ — vergänglich; ime — all diese; dehāḥ — materiellen Körper; nityasya — ewig bestehend; uktāḥ — es heißt; śarīriṇaḥ — der verkörperten Seele; anāśinaḥ — kann niemals zerstört werden; aprameyasya — unmeßbar; tasmāt — deshalb; yudhyasva — kämpfe; bhārata — o Nachkomme Bharatas.


Dem materiellen Körper des unzerstörbaren, unmeßbaren und ewigen Lebewesens ist es mit Sicherheit bestimmt zu sterben. Deshalb kämpfe, o Nachkomme Bharatas.


Der materielle Körper ist von Natur aus vergänglich. Er mag sogleich vergehen oder erst nach hundert Jahren. Es ist nur eine Frage der Zeit. Es gibt keine Möglichkeit, ihn unbegrenzt lange am Leben zu erhalten. Die spirituelle Seele aber ist so winzig, daß sie von keinem Feind gesehen, geschweige denn getötet werden kann. Wie im vorherigen Vers erwähnt wurde, ist sie so klein, daß niemand auch nur eine Vorstellung hat, wie man ihre Dimension messen kann. In keinem Fall gibt es also Grund zu klagen, denn das Lebewesen, wie es ist, kann nicht getötet werden, und der materielle Körper kann nicht über eine bestimmte Zeitspanne hinaus erhalten werden und auch nicht ewig beschützt werden. Weil das winzige Partikel des spirituellen Ganzen den materiellen Körper gemäß seinen Tätigkeiten annimmt, sollte man sich während seines Lebens an die religiösen Grundsätze halten. In den Vedānta-sūtras wird das Lebewesen als „Licht“ beschrieben, da es ein Bestandteil des höchsten Lichts ist. So wie das Sonnenlicht das gesamte Universum erhält, so erhält das Licht der Seele den materiellen Körper. Sobald die spirituelle Seele den materiellen Körper verlassen hat, beginnt der Körper zu zerfallen; daher ist es die spirituelle Seele, die den Körper erhält. Der Körper selbst ist unwichtig. Arjuna wurde angewiesen, zu kämpfen und nicht aus materiellen, körperlichen Erwägungen die religiösen Grundsätze zu opfern.

||2-19||

य एनं वेत्ति हन्तारं यश्चैनं मन्यते हतम् | उभौ तौ न विजानीतो नायं हन्ति न हन्यते ||२-१९||

ya enaṃ vetti hantāraṃ yaścainaṃ manyate hatam ubhau tau na vijānīto nāyaṃ hanti na hanyate ||2-19||

yaḥ — jemand, der; enam — dies; vetti — weiß; hantāram — der Töter; yaḥ — jemand, der; ca — auch; enam — dies; manyate — denkt; hatam — getötet; ubhau — beide; tau — sie; na — niemals; vijānītaḥ — sind in Wissen; na — niemals; ayam — diese; hanti — tötet; na — und nicht; hanyate — wird getötet.


Weder derjenige, der denkt, das Lebewesen töte, noch derjenige, der denkt, es werde getötet, besitzt Wissen, denn das Selbst tötet nicht und wird auch nicht getötet.


Wenn ein verkörpertes Lebewesen von tödlichen Waffen getroffen wird, sollte man verstehen, daß das Lebewesen innerhalb des Körpers nicht getötet wird. Wie aus den nächsten Versen klar hervorgehen wird, ist die spirituelle Seele so klein, daß es unmöglich ist, sie mit irgendeiner materiellen Waffe zu töten. Aufgrund seiner spirituellen Beschaffenheit kann das Lebewesen gar nicht getötet werden. Das, was getötet oder angeblich getötet wird, ist nur der Körper. Dies jedoch ist in keiner Hinsicht eine Aufforderung, den Körper zu töten. Die vedische Unterweisung lautet: mā hiṁsyāt sarvā bhūtāni: „Füge niemals irgend jemandem Gewalt zu.“ Ebenso ist es aufgrund der Aussage, daß das Lebewesen nicht getötet werden kann, niemals erlaubt, Tiere zu schlachten. Den Körper irgendeines Lebewesens zu vernichten, ohne dazu befugt zu sein, ist verabscheuungswürdig und wird sowohl vom Gesetz des Staates als auch vom Gesetz des Herrn bestraft. Arjuna jedoch soll für das Prinzip der Religion töten, nicht aus einer Laune heraus.

||2-20||

न जायते म्रियते वा कदाचिन् नायं भूत्वा भविता वा न भूयः | अजो नित्यः शाश्वतोऽयं पुराणो न हन्यते हन्यमाने शरीरे ||२-२०||

na jāyate mriyate vā kadācin nāyaṃ bhūtvā bhavitā vā na bhūyaḥ . ajo nityaḥ śāśvato.ayaṃ purāṇo na hanyate hanyamāne śarīre ||2-20||

na — niemals; jāyate — wird geboren; mriyate — stirbt; vā — oder; kadācit — zu irgendeiner Zeit (Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft); na — niemals; ayam — diese; bhūtvā — ins Dasein gekommen; bhavitā — wird entstehen; vā — oder; na — nicht; bhūyaḥ — oder wird wieder entstehen; ajaḥ — ungeboren; nityaḥ — ewig; śāśvataḥ — immerwährend; ayam — diese; purāṇaḥ — die älteste; na — niemals; hanyate — wird getötet; hanyamāne — wenn getötet wird; śarīre — der Körper.


Für die Seele gibt es zu keiner Zeit Geburt oder Tod. Sie ist nicht entstanden, sie entsteht nicht, und sie wird nie entstehen. Sie ist ungeboren, ewig, immerwährend und urerst. Sie wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird.


Die spirituelle Seele ist ein winziger fragmentarischer Teil der Höchsten Seele, und deshalb ist sie qualitativ eins mit dem Höchsten. Sie unterliegt keinem Wandel wie der Körper. Manchmal wird die Seele als kūṭa-stha, die Beständige, bezeichnet. Der Körper unterliegt sechs Arten von Wandlungen: Er wird aus dem Mutterleib geboren, besteht für eine gewisse Zeit, wächst heran, erzeugt Nebenprodukte, verfällt allmählich und verschwindet schließlich in der Vergessenheit. Die Seele aber durchläuft nicht solche Wandlungen. Die Seele selbst wird nicht geboren, aber weil sie einen materiellen Körper annimmt, wird der Körper geboren. Für die Seele ist dies jedoch keine Geburt, und sie wird auch nicht sterben. Alles, was geboren wird, muß sterben. Und weil die Seele keine Geburt kennt, kennt sie weder Vergangenheit noch Gegenwart, noch Zukunft. Sie ist ewig, immerwährend und urerst – das heißt, nichts in ihrer Geschichte weist darauf hin, daß sie einen Anfang gehabt hat. Unter dem Einfluß der körperlichen Lebensauffassung glauben wir, die Seele sei zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte geboren worden, usw. Ebenso wird die Seele, im Gegensatz zum Körper, zu keiner Zeit alt. Daher fühlt der scheinbar alte Mann, daß er der gleiche ist wie in seiner Kindheit oder Jugend. Die Wandlungen des Körpers beeinflussen die Seele nicht. Die Seele unterliegt nicht dem Zerfall wie ein Baum oder irgend etwas anderes Materielles. Die Seele erzeugt auch keine Nebenprodukte. Die Nebenprodukte des Körpers, die Kinder, sind ebenfalls verschiedene individuelle Seelen, und nur im Hinblick auf den Körper erscheinen sie als Kinder eines bestimmten Mannes. Der Körper entwickelt sich, weil die Seele anwesend ist, aber die Seele hat weder Nachkommen, noch unterliegt sie irgendeinem Wandel. Aus diesen Gründen ist die Seele von den sechs Wandlungen des Körpers frei.
In der Kaṭha Upaniṣad (1.2.18) finden wir einen ähnlichen Vers, in dem es heißt:
na jāyate mriyate vā vipaścin
nāyaṁ kutaścin na babhūva kaścit
ajo nityaḥ śāśvato ’yaṁ purāṇo
na hanyate hanyamāne śarīre
Die Aussage und Bedeutung dieses Verses ist die gleiche wie in der Bhagavad-gītā, aber hier in diesem Vers gibt es ein besonderes Wort, nämlich vipaścit, was soviel bedeutet wie „gelehrt“ oder „mit Wissen ausgestattet“.
Die Seele ist voller Wissen, das heißt, sie ist immer voller Bewußtsein. Deshalb ist Bewußtsein das Symptom der Seele. Selbst wenn man die Seele im Herzen, wo sie sich befindet, nicht sehen kann, kann man trotzdem verstehen, daß die Seele gegenwärtig sein muß, einfach weil Bewußtsein gegenwärtig ist. Manchmal kommt es vor, daß wir die Sonne nicht sehen können, weil der Himmel bedeckt ist oder aus irgendwelchen anderen Gründen, aber das Licht der Sonne ist immer da, und wir sind deshalb überzeugt, daß es Tag ist. Sobald frühmorgens ein wenig Licht am Himmel erscheint, können wir verstehen, daß die Sonne am Himmel steht. Ebenso können wir auch die Gegenwart der Seele erkennen, da in allen Körpern – ob Mensch oder Tier – Bewußtsein vorhanden ist. Das Bewußtsein der Seele unterscheidet sich jedoch vom Bewußtsein des Höchsten, da das höchste Bewußtsein alldurchdringendes Wissen ist – es umfaßt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die individuelle Seele neigt dazu, vergeßlich zu sein. Wenn sie ihre wahre Natur vergißt, empfängt sie aus den erhabenen Lehren Kṛṣṇas Bildung und Erleuchtung. Aber Kṛṣṇa kann nicht mit den vergeßlichen Seelen verglichen werden. Wenn dem so wäre, wären Seine Lehren in der Bhagavad-gītā nutzlos.
Es gibt zwei Arten von Seelen: die winzig kleine Seele (aṇu-ātmā) und die Überseele (vibhu-ātmā). Dies wird ebenfalls in der Kaṭha Upaniṣad (1.2.20) bestätigt:
aṇor aṇīyān mahato mahīyān
ātmāsya jantor nihito guhāyām
tam akratuḥ paśyati vīta-śoko
dhātuḥ prasādān mahimānam ātmanaḥ
„Die Überseele [Paramātmā] und die atomische Seele [jīvātmā] sitzen auf dem gleichen Baum des Körpers, im gleichen Herzen des Lebewesens, und nur jemand, der von allen materiellen Wünschen und Klagen frei geworden ist, kann durch die Gnade des Höchsten die Herrlichkeit der Seele verstehen.“
Kṛṣṇa ist auch der Ursprung der Überseele, wie in den folgenden Kapiteln enthüllt wird, und Arjuna ist die winzig kleine Seele, die ihre wahre Natur vergessen hat und daher von Kṛṣṇa oder Seinem echten Vertreter (dem spirituellen Meister) erleuchtet werden muß.

||2-21||

वेदाविनाशिनं नित्यं य एनमजमव्ययम् | कथं स पुरुषः पार्थ कं घातयति हन्ति कम् ||२-२१||

vedāvināśinaṃ nityaṃ ya enamajamavyayam . kathaṃ sa puruṣaḥ pārtha kaṃ ghātayati hanti kam ||2-21||

veda — weiß; avināśinam — unzerstörbar; nityam — immer existierend; yaḥ — jemand, der; enam — diese (Seele); ajam — ungeboren; avyayam — unveränderlich; katham — wie; saḥ — diese; puruṣaḥ — Person; pārtha — o Pārtha (Arjuna); kam — wen; ghātayati — verursacht zu verletzen; hanti — tötet; kam — wen.


O Pārtha, wie kann ein Mensch, der weiß, daß die Seele unzerstörbar, ewig, ungeboren und unveränderlich ist, jemanden töten oder jemanden veranlassen zu töten?


Alles hat seinen bestimmten Nutzen, und ein Mensch, der in vollkommenem Wissen gründet, weiß, wie und wo etwas seine richtige Verwendung hat. Ebenso hat auch Gewalt ihren Nutzen, und wie Gewalt anzuwenden ist, obliegt dem Entscheid desjenigen, der über Wissen verfügt. Obwohl der Richter über einen Menschen, der wegen Mordes verurteilt ist, die Todesstrafe verhängt, kann gegen ihn kein Vorwurf erhoben werden, da er Gewalt gegen einen anderen in Übereinstimmung mit dem Gesetz befiehlt. Die Manu-saṁhitā, das Gesetzbuch der Menschheit, befürwortet, daß ein Mörder zum Tode verurteilt werden sollte, damit er in seinem nächsten Leben für die große Sünde, die er begangen hat, nicht zu leiden braucht. Daher ist die Verfügung des Königs, einen Mörder zu hängen, letztlich segensreich. Wenn also Kṛṣṇa den Befehl gibt zu kämpfen, muß man daraus schließen, daß Gewalt um höchster Gerechtigkeit willen stattfindet, und Arjuna sollte der Anweisung folgen, da er weiß, daß Gewalt, die im Kampf für Kṛṣṇa angewandt wird, keineswegs Gewalt ist, denn der Mensch, oder vielmehr die Seele, kann unter keinen Umständen getötet werden. Um für Gerechtigkeit zu sorgen, ist also sogenannte Gewalt gestattet. Ein chirurgischer Eingriff soll den Patienten nicht töten, sondern heilen. Daher findet der Kampf, den Arjuna im Auftrag Kṛṣṇas austragen soll, in vollem Wissen statt, weshalb unmöglich sündhafte Reaktionen entstehen können.

||2-22||

वासांसि जीर्णानि यथा विहाय नवानि गृह्णाति नरोऽपराणि | तथा शरीराणि विहाय जीर्णा- न्यन्यानि संयाति नवानि देही ||२-२२||

vāsāṃsi jīrṇāni yathā vihāya navāni gṛhṇāti naro.aparāṇi . tathā śarīrāṇi vihāya jīrṇāni anyāni saṃyāti navāni dehī ||2-22||

vāsāṁsi — Kleider; jīrṇāni — alte und abgetragene; yathā — genau wie; vihāya — aufgebend; navāni — neue Kleider; gṛhṇāti — nimmt an; naraḥ — ein Mensch; aparāṇi — andere; tathā — ebenso; śarīrāṇi — Körper; vihāya — aufgebend; jīrṇāni — alte und nutzlose; anyāni — verschiedenartige; saṁyāti — nimmt wahrlich an; navāni — neue; dehī — die verkörperte.


Wie ein Mensch alte Kleider ablegt und neue anzieht, so gibt die Seele alt und unbrauchbar gewordene Körper auf und nimmt neue materielle Körper an.


Daß die atomische individuelle Seele den Körper wechselt, ist eine anerkannte Tatsache. Selbst die modernen Wissenschaftler, die nicht an die Existenz der Seele glauben, aber zur gleichen Zeit auch die Energiequelle im Herzen nicht erklären können, müssen die fortwährenden Wandlungen des Körpers von Kindheit zu Knabenzeit, von Knabenzeit zu Jugend und von Jugend zu Alter anerkennen. Wenn der Körper die letzte Stufe des Alters erreicht, setzen sich diese Wandlungen in einem neuen Körper fort. Dies wurde bereits in einem vorangegangenen Vers (2.13) erklärt.
Das Überwechseln der atomischen individuellen Seele in einen anderen Körper wird durch die Gnade der Überseele ermöglicht. Die Überseele erfüllt den Wunsch der atomischen Seele, genau wie ein Freund den Wunsch seines Freundes erfüllt. Die Veden, wie die Muṇḍaka Upaniṣad und die Śvetāśvatara Upaniṣad, vergleichen die Seele und die Überseele mit zwei befreundeten Vögeln, die auf dem gleichen Baum sitzen. Einer der Vögel (die individuelle atomische Seele) ißt von den Früchten des Baumes, während der andere Vogel (Kṛṣṇa) Seinen Freund nur beobachtet. Obwohl diese beiden Vögel eigenschaftsmäßig gleich sind, ist der eine von den Früchten des materiellen Baumes bezaubert, wohingegen der andere einfach nur Zeuge der Tätigkeiten Seines Freundes ist. Kṛṣṇa ist der beobachtende Vogel, und Arjuna ist der essende Vogel. Obwohl sie Freunde sind, ist trotzdem der eine Meister und der andere Diener. Daß die atomische Seele diese Beziehung vergißt, ist die Ursache dafür, daß sie ihren Baum, das heißt ihren Körper wechseln muß. Die jīva-Seele kämpft sehr schwer auf dem Baum des materiellen Körpers; aber sobald sie sich damit einverstanden erklärt, den anderen Vogel als den höchsten spirituellen Meister anzuerkennen – so wie Arjuna es tat, als er sich Kṛṣṇa freiwillig ergab, um sich von Ihm unterweisen zu lassen –, wird der untergeordnete Vogel sogleich von allen Klagen frei. Sowohl die Muṇḍaka Upaniṣad (3.1.2) als auch die Śvetāśvatara Upaniṣad (4.7) bestätigen dies:
samāne vṛkṣe puruṣo nimagno
’nīśayā śocati muhyamānaḥ
juṣṭaṁ yadā paśyaty anyam īśam
asya mahimānam iti vīta-śokaḥ
„Obwohl die beiden Vögel auf dem gleichen Baum sitzen, wird der essende Vogel von Angst und Unzufriedenheit geplagt, weil er die Früchte des Baumes genießen will. Aber wenn er sich irgendwie seinem Freund, dem Herrn, zuwendet und dessen Herrlichkeit erkennt, wird der leidende Vogel sogleich von allen Ängsten frei.“
Arjuna hat sich jetzt seinem ewigen Freund, Kṛṣṇa, zugewandt und erlernt von Ihm die Weisheit der Bhagavad-gītā. Indem er so die Worte Kṛṣṇas hört, kann er die erhabene Herrlichkeit des Herrn verstehen und von aller Klage frei werden.
Arjuna wird hier vom Herrn unterwiesen, den Körperwechsel seines alten Großvaters und seines Lehrers nicht zu beklagen. Er sollte vielmehr froh darüber sein, ihre Körper in einem gerechten Kampf zu töten, so daß es ihnen möglich wird, sogleich von allen Reaktionen auf ihre verschiedensten körperlichen Tätigkeiten gereinigt zu werden. Wer sein Leben auf dem Opferaltar, das heißt auf dem geeigneten Schlachtfeld, aufgibt, wird auf der Stelle von allen Reaktionen auf seine körperlichen Tätigkeiten befreit und auf eine höhere Stufe des Lebens erhoben. Es gab also für Arjuna keinen Grund zu klagen.

||2-23||

नैनं छिन्दन्ति शस्त्राणि नैनं दहति पावकः | न चैनं क्लेदयन्त्यापो न शोषयति मारुतः ||२-२३||

nainaṃ chindanti śastrāṇi nainaṃ dahati pāvakaḥ . na cainaṃ kledayantyāpo na śoṣayati mārutaḥ ||2-23||

na — niemals; enam — diese Seele; chindanti — können zerschneiden; śastrāṇi — Waffen; na — niemals; enam — diese Seele; dahati — verbrennt; pāvakaḥ — Feuer; na — niemals; ca — auch; enam — diese Seele; kledayanti — benetzt; āpaḥ — Wasser; na — niemals; śoṣayati — trocknet; mārutaḥ — Wind.


Die Seele kann weder von Waffen zerschnitten noch von Feuer verbrannt, noch von Wasser benetzt, noch vom Wind verdorrt werden.


Keine Art von Waffen – weder Schwerter noch Flammen, Regenwaffen, Wirbelsturmwaffen usw. – ist imstande, die spirituelle Seele zu vernichten. Offenbar gab es damals neben den Feuerwaffen, die auch in unserer heutigen Zeit bekannt sind, noch viele andere Arten von Waffen, die aus Erde, Wasser, Luft, Äther usw. bestanden. Auch die modernen Kernwaffen werden als Feuerwaffen eingestuft, aber früher wurden auch aus allen anderen materiellen Elementen Waffen hergestellt. Feuerwaffen bekämpfte man mit Wasserwaffen, die der modernen Wissenschaft unbekannt sind. Auch kennen die Wissenschaftler der heutigen Zeit keine Wirbelsturmwaffen. Nichtsdestoweniger kann die Seele, ungeachtet wissenschaftlicher Erfindungen, niemals zerschnitten oder durch irgendeine Anzahl von Waffen vernichtet werden.
Die Māyāvādīs können nicht erklären, wie die individuelle Seele nur durch Unwissenheit entstanden sein soll, um in der Folge von der illusionierenden Energie bedeckt zu werden. Ebenso ist es nicht möglich, daß die individuellen Seelen jemals von der ursprünglichen Höchsten Seele abgetrennt wurden. Vielmehr verhält es sich so, daß die individuellen Seelen ewiglich getrennte Teile der Höchsten Seele sind; aber weil die Lebewesen ewig (sanātana) atomische individuelle Seelen sind, neigen sie dazu, von der täuschenden Energie bedeckt zu werden, und so werden sie von der Gemeinschaft des Höchsten Herrn getrennt, ebenso wie die Funken eines Feuers, obwohl der Eigenschaft nach eins mit dem Feuer, zum Verlöschen neigen, wenn sie vom Feuer getrennt sind. Im Varāha Purāṇa werden die Lebewesen als abgesonderte winzige Bestandteile des Höchsten beschrieben, und dies sind sie ewig, wie es auch von der Bhagavad-gītā bestätigt wird. Wie aus den Unterweisungen des Herrn an Arjuna hervorgeht, behält das Lebewesen, selbst nachdem es von der Illusion befreit ist, seine gesonderte Identität. Arjuna wurde durch das Wissen, das er von Kṛṣṇa empfing, zwar befreit, doch er wurde niemals eins mit Kṛṣṇa.

||2-24||

अच्छेद्योऽयमदाह्योऽयमक्लेद्योऽशोष्य एव च | नित्यः सर्वगतः स्थाणुरचलोऽयं सनातनः ||२-२४||

acchedyo.ayamadāhyo.ayamakledyo.aśoṣya eva ca . nityaḥ sarvagataḥ sthāṇuracalo.ayaṃ sanātanaḥ ||2-24||

acchedyaḥ — unzerbrechlich; ayam — diese Seele; adāhyaḥ — kann nicht verbrannt werden; ayam — diese Seele; akledyaḥ — unauflöslich; aśoṣyaḥ — kann nicht ausgetrocknet werden; eva — gewiß; ca — und; nityaḥ — immerwährend; sarva-gataḥ — alldurchdringend; sthāṇuḥ — unwandelbar; acalaḥ — unbeweglich; ayam — diese Seele; sanātanaḥ — ewig dieselbe.


Die individuelle Seele ist unzerbrechlich und unauflöslich und kann weder verbrannt noch ausgetrocknet werden. Sie ist immerwährend, überall gegenwärtig, unwandelbar, unbeweglich und ewig dieselbe.


Alle diese Eigenschaften der atomischen Seele beweisen eindeutig, daß die individuelle Seele ewig der atomische Bestandteil des spirituellen Ganzen ist und ewig, ohne Veränderung, dasselbe Atom bleibt. In diesem Zusammenhang ist es sehr schwierig, die Theorie des Monismus zu vertreten, denn es ist niemals zu erwarten, daß die individuelle Seele mit dem spirituellen Ganzen eins und gleich wird. Nach der Befreiung von der materiellen Verunreinigung mag es die atomische Seele vorziehen, als spiritueller Funke in den leuchtenden Strahlen der Höchsten Persönlichkeit Gottes zu verbleiben, aber die intelligenten Seelen erheben sich auf die spirituellen Planeten, um mit der Persönlichkeit Gottes zusammenzusein.
Das Wort sarva-gata („alldurchdringend“) ist bedeutsam, da kein Zweifel daran besteht, daß es überall in Gottes Schöpfung Lebewesen gibt. Sie leben auf dem Land, im Wasser, in der Luft, in der Erde und sogar im Feuer. Die Ansicht, Lebewesen würden durch Feuer vernichtet, ist nicht annehmbar, da es hier unmißverständlich heißt, daß die Seele durch Feuer nicht verbrannt werden kann. Deshalb besteht kein Zweifel daran, daß es auch auf dem Sonnenplaneten Lebewesen gibt, die dort mit einem geeigneten Körper leben. Wäre die Sonne unbewohnt, dann würde das Wort sarva-gata („überall gegenwärtig“) seine Bedeutung verlieren.

||2-25||

अव्यक्तोऽयमचिन्त्योऽयमविकार्योऽयमुच्यते | तस्मादेवं विदित्वैनं नानुशोचितुमर्हसि ||२-२५||

avyakto.ayamacintyo.ayamavikāryo.ayamucyate . tasmādevaṃ viditvainaṃ nānuśocitumarhasi ||2-25||

avyaktaḥ — unsichtbar; ayam — diese Seele; acintyaḥ — unbegreiflich; ayam — diese Seele; avikāryaḥ — unveränderlich; ayam — diese Seele; ucyate — wird genannt; tasmāt — deshalb; evam — wie dies; viditvā — es wohl wissend; enam — diese Seele; na — nicht; anuśocitum — zu klagen; arhasi — du verdienst.


Es heißt, daß die Seele unsichtbar, unbegreiflich und unwandelbar ist. Da du dies weißt, solltest du nicht um den Körper trauern.


Wie zuvor beschrieben wurde, ist die Seele für unsere materiellen Maßstäbe so klein, daß sie nicht einmal mit dem stärksten Mikroskop gesehen werden kann; aus diesem Grunde heißt es, sie sei unsichtbar. Ihre Existenz kann nicht auf der Grundlage von Experimenten bewiesen werden, sondern nur auf der Grundlage von śruti, der vedischen Weisheit. Wir müssen den Beweis der śruti als Wahrheit annehmen, weil es keine andere Wissensquelle gibt, um die Existenz der Seele zu ermitteln, obwohl ihre Gegenwart aufgrund der Symptome, die wir wahrnehmen können, unbestreitbar ist. Es gibt so viele Dinge, die wir allein auf der Grundlage höherer Autorität akzeptieren müssen. Durch die Autorität der Mutter erfahren wir von der Existenz unseres Vaters. Die Mutter ist die einzige Autorität, die uns sagen kann, wer unser Vater ist. Ebenso gibt es keine andere Möglichkeit, die Seele zu verstehen, als die Veden zu studieren. Mit anderen Worten, die Seele ist durch das experimentelle Wissen des Menschen nicht zu erkennen. Die Seele ist Bewußtsein und ist bewußt – auch dies ist eine Aussage der Veden, und wir müssen sie als Wahrheit annehmen. Im Gegensatz zum Körper, der sich wandelt, unterliegt die Seele keiner Wandlung. Weil die Seele ewig unveränderlich ist, ist sie im Vergleich zur unendlichen Höchsten Seele immer atomisch klein. Die Höchste Seele ist unendlich groß, und die atomische Seele ist unendlich klein. Da die unendlich kleine Seele unwandelbar ist, kann sie der unendlichen Seele, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, niemals gleichkommen. Dieser Punkt wird in den Veden auf verschiedenste Weise wiederholt, nur um die Unveränderlichkeit des Begriffs der Seele zu unterstreichen. Wiederholung ist notwendig, damit wir ein Thema tiefgehend und fehlerfrei verstehen können.

||2-26||

अथ चैनं नित्यजातं नित्यं वा मन्यसे मृतम् | तथापि त्वं महाबाहो नैवं शोचितुमर्हसि ||२-२६||

atha cainaṃ nityajātaṃ nityaṃ vā manyase mṛtam . tathāpi tvaṃ mahābāho naivaṃ śocitumarhasi ||2-26||

atha — wenn aber; ca — auch; enam — diese Seele; nitya-jātam — immer geboren; nityam — für immer; vā — oder; manyase — du denkst; mṛtam — tot; tathā api — dennoch; tvam — du; mahā-bāho — o Starkarmiger; na — niemals; enam — über die Seele; śocitum — zu wehklagen; arhasi — verdienst.


Wenn du jedoch glaubst, daß die Seele [oder die Lebenssymptome] ständig geboren wird und für immer stirbt, gibt es für dich dennoch keinen Grund zu klagen, o Starkarmiger.


Es gibt immer eine Klasse von Philosophen, die, ähnlich wie die Buddhisten, nicht an eine vom Körper gesonderte Existenz der Seele glaubt. Als Śrī Kṛṣṇa die Bhagavad-gītā sprach, gab es Philosophen dieser Art, und sie waren als Lokāyatikas und Vaibhāṣikas bekannt. Diese Philosophen vertraten die Auffassung, Lebenssymptome entstünden in einem gewissen Reifestadium materieller Verbindungen. Die modernen materialistischen Wissenschaftler und Philosophen denken ähnlich. Ihrer Ansicht nach ist der Körper eine Kombination materieller Elemente, und sie glauben, die Lebenssymptome entwickelten sich auf einer gewissen Stufe durch die Wechselwirkung physischer und chemischer Elemente. Die Wissenschaft der Anthropologie stützt sich auf diese Philosophie. In neuerer Zeit gibt es viele Pseudoreligionen – die jetzt vor allem in Amerika Mode werden –, die sich ebenfalls dieser Philosophie anschließen, wie die nihilistischen, nichtdevotionalen buddhistischen Sekten.
Selbst wenn Arjuna nicht an die Existenz der Seele glaubte – wie es bei den Vertretern der Vaibhāṣika-Philosophie der Fall ist –, hätte für ihn dennoch kein Grund zur Klage bestanden. Niemand beklagt den Verlust einer Masse von Chemikalien und hört deswegen auf, seine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen. Im Gegenteil, in der modernen Wissenschaft und Kriegsführung werden zahllose Tonnen von Chemikalien verschwendet, wenn es darum geht, den Feind zu besiegen. Gemäß der Vaibhāṣika-Philosophie vergeht die sogenannte Seele (ātmā) mit der Auflösung des Körpers. In jedem Fall also – ob Arjuna die vedische Schlußfolgerung akzeptierte, daß es eine atomische Seele gibt, oder ob er nicht an die Existenz der Seele glaubte – hatte er keinen Grund zu klagen. Da nach der Theorie der Vaibhāṣikas in jedem Augenblick unendlich viele Lebewesen aus der Materie erzeugt werden und unendlich viele sterben, braucht man um solche Ereignisse nicht zu trauern. Wenn es für die Seele keine Wiedergeburt gäbe, hätte für Arjuna kein Grund bestanden, sich vor den sündhaften Reaktionen zu fürchten, die entstehen würden, wenn er seinen Großvater und seinen Lehrer tötete. Gleichzeitig aber bezeichnete Kṛṣṇa Arjuna ironischerweise als mahā- bāhu („Starkarmiger“), da zumindest Er die Theorie der Vaibhāṣikas, die das vedische Wissen völlig außer acht läßt, nicht akzeptierte. Als kṣatriya gehörte Arjuna der vedischen Kultur an, und daher war es seine Pflicht, weiter ihren Prinzipien zu folgen.

||2-27||

जातस्य हि ध्रुवो मृत्युर्ध्रुवं जन्म मृतस्य च | तस्मादपरिहार्येऽर्थे न त्वं शोचितुमर्हसि ||२-२७||

jātasya hi dhruvo mṛtyurdhruvaṃ janma mṛtasya ca . tasmādaparihārye.arthe na tvaṃ śocitumarhasi ||2-27||

jātasya — desjenigen, der geboren wurde; hi — gewiß; dhruvaḥ — eine Tatsache; mṛtyuḥ — Tod; dhruvam — es ist ebenfalls eine Tatsache; janma — Geburt; mṛtasya — des Toten; ca — auch; tasmāt — deshalb; aparihārye — von dem, was unvermeidlich ist; arthe — in der Angelegenheit; na — nicht; tvam — du; śocitum — zu klagen; arhasi — verdienst.


Jemandem, der geboren wurde, ist der Tod gewiß, und jemandem, der gestorben ist, ist die Geburt gewiß. Deshalb solltest du bei der unvermeidlichen Erfüllung deiner Pflichten nicht klagen.


Die Tätigkeiten im Leben bestimmen die nächste Geburt. Und nachdem man einen Zyklus von Tätigkeiten beendet hat, muß man sterben, um für den nächsten geboren zu werden. Auf diese Weise dreht sich das Rad von Geburt und Tod, eine Umdrehung nach der anderen, ohne Befreiung. Dieser Kreislauf von Geburt und Tod rechtfertigt jedoch nicht unnötiges Morden, Schlachten oder Krieg. Aber zugleich sind Gewalt und Krieg in der menschlichen Gesellschaft unvermeidliche Faktoren, um Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten.
Die Schlacht von Kurukṣetra war ein unvermeidliches Ereignis, da sie der Wille des Höchsten war, und für die rechte Sache zu kämpfen ist die Pflicht des kṣatriya. Warum sollte Arjuna den Tod seiner Verwandten fürchten oder darüber bekümmert sein, wenn er doch nichts anderes tat, als seine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen? Es ziemte sich nicht für ihn, das Gesetz zu brechen und dadurch den Reaktionen sündiger Handlungen unterworfen zu werden, wovor er sich so sehr fürchtete. Auch wenn er seine eigentliche Pflicht nicht erfüllte, könnte er den Tod seiner Verwandten nicht verhindern, und das einzige, was er durch diese falsche Handlung erreicht hätte, wäre seine eigene Erniedrigung.

||2-28||

अव्यक्तादीनि भूतानि व्यक्तमध्यानि भारत | अव्यक्तनिधनान्येव तत्र का परिदेवना ||२-२८||

avyaktādīni bhūtāni vyaktamadhyāni bhārata . avyaktanidhanānyeva tatra kā paridevanā ||2-28||

avyakta-ādīni — am Anfang unmanifestiert; bhūtāni — alle, die erschaffen wurden; vyakta — manifestiert; madhyāni — in der Mitte; bhārata — o Nachkomme Bharatas; avyakta — unmanifestiert; nidhanāni — wenn sie vernichtet sind; eva — es verhält sich alles so; tatra — daher; kā — was; paridevanā — Klage.


Alle erschaffenen Wesen sind am Anfang unmanifestiert, in ihrem Zwischenzustand manifestiert und wieder unmanifestiert, wenn sie vernichtet werden. Warum soll man also klagen?


Geht man einmal davon aus, daß es zwei Gruppen von Philosophen gibt – die einen, die an die Existenz der Seele glauben, und die anderen, die nicht an die Existenz der Seele glauben –, so gibt es in beiden Fällen keinen Grund zur Klage. Diejenigen, die nicht an die Existenz der Seele glauben, werden von den Vertretern der vedischen Weisheit als Atheisten bezeichnet. Gesetzt den Fall, wir würden einmal diese atheistische Theorie akzeptieren, so gäbe es selbst dann keinen Grund zu klagen. Abgesehen von der gesonderten Existenz der Seele, befinden sich die materiellen Elemente vor der Schöpfung in einem unmanifestierten Zustand. Aus diesem feinstofflichen Zustand der Nichtmanifestation geht Manifestation hervor, ebenso wie aus Äther Luft, aus Luft Feuer, aus Feuer Wasser und aus Wasser Erde entsteht. Und aus der Erde entstehen die verschiedensten Formen. Nehmen wir zum Beispiel einen riesigen Wolkenkratzer. Er entstand aus Erde, und wenn er abgerissen wird, löst sich die Manifestation wieder auf, und letzten Endes bleiben nur Atome übrig. Das Gesetz der Erhaltung der Energie gilt immer, nur sind die Dinge im Laufe der Zeit einmal manifestiert und ein anderes Mal unmanifestiert – darin liegt der Unterschied. Warum sollte man also über manifestierte oder unmanifestierte Zustände klagen? Sogar im unmanifestierten Zustand ist eigentlich nichts verloren. Sowohl am Anfang als auch am Ende sind alle materiellen Elemente unmanifestiert, nur in ihrem Zwischenstadium sind sie manifestiert, und das macht keinen wirklichen materiellen Unterschied.
Wenn wir jedoch die vedische Schlußfolgerung akzeptieren, wie man sie in der Bhagavad-gītā findet, daß nämlich die materiellen Körper im Laufe der Zeit vergehen (antavanta ime dehāḥ), daß die Seele aber ewig ist (nityasyoktāḥ śarīriṇaḥ), dann sollten wir uns immer daran erinnern, daß der Körper wie ein Gewand ist – und warum sollte man den Wechsel der Kleidung beklagen? Der materielle Körper hat im Verhältnis zur ewigen Seele keine wirkliche Existenz. Er ist so etwas wie ein Traum. Im Traum glauben wir vielleicht, daß wir fliegen können oder als König auf einer Kutsche sitzen; doch wenn wir erwachen, sehen wir, daß wir weder fliegen noch in einer Kutsche sitzen. Die vedische Weisheit ermutigt den Menschen zur Selbstverwirklichung, und zwar auf der Grundlage der Einsicht, daß der materielle Körper nichtexistent ist. In keinem Fall also – ob man nun an die Existenz der Seele glaubt oder nicht – gibt es einen Grund, den Verlust des Körpers zu beklagen.

||2-29||

आश्चर्यवत्पश्यति कश्चिदेन- माश्चर्यवद्वदति तथैव चान्यः | आश्चर्यवच्चैनमन्यः शृणोति श्रुत्वाप्येनं वेद न चैव कश्चित् ||२-२९||

āścaryavatpaśyati kaścidenam āścaryavadvadati tathaiva cānyaḥ . āścaryavaccainamanyaḥ śṛṇoti śrutvāpyenaṃ veda na caiva kaścit ||2-29||

āścarya-vat — als wunderbar; paśyati — betrachtet; kaścit — jemand; enam — diese Seele; āścarya-vat — als wunderbar; vadati — spricht über; tathā — auf diese Weise; eva — gewiß; ca — auch; anyaḥ — ein anderer; āścarya-vat — als wunderbar; ca — auch; enam — diese Seele; anyaḥ — ein anderer; śṛṇoti — hört über; śrutvā — gehört habend; api — sogar; enam — diese Seele; veda — weiß; na — niemals; ca — und; eva — gewiß; kaścit — jemand.


Einige betrachten die Seele als wunderbar, einige beschreiben sie als wunderbar, und einige hören, sie sei wunderbar, wohingegen andere, selbst nachdem sie von ihr gehört haben, sie nicht im geringsten verstehen können.


Da die Gītopaniṣad weitgehend auf den Prinzipien der Upaniṣaden beruht, ist es nicht überraschend, diese Aussage auch in der Kaṭha Upaniṣad (1.2.7) zu finden:
śravaṇayāpi bahubhir yo na labhyaḥ
śṛṇvanto ’pi bahavo yaṁ na vidyuḥ
āścaryo vaktā kuśalo ’sya labdhā
āścaryo ’sya jñātā kuśalānuśiṣṭaḥ
Die Tatsache, daß sich die atomisch kleine Seele im Körper eines riesigen Tieres, im Körper eines mächtigen Banyanbaums und auch in winzigen Bakterien befindet – von denen Millionen und Abermillionen kaum einen Kubikzentimeter ausfüllen –, ist zweifelsohne sehr erstaunlich. Menschen mit geringem Wissen und Menschen, die nicht enthaltsam sind, können die Wunder des individuellen winzigen Funkens spiritueller Natur nicht verstehen, selbst wenn die größte Autorität des Wissens, von der sogar das erste Lebewesen im Universum, Brahmā, unterwiesen wurde, diese Themen erklärt. Aufgrund einer grob-materiellen Auffassung des Lebens können sich die meisten Menschen in diesem Zeitalter nicht vorstellen, wie ein solch kleines Teilchen einmal so groß und ein anderes Mal so klein werden kann. Sie staunen daher, wenn sie die Beschaffenheit der Seele erkennen oder darüber hören. Getäuscht von der materiellen Energie, sind die Menschen so sehr in Tätigkeiten zur Sinnenbefriedigung vertieft, daß sie nur sehr wenig Zeit haben, sich die Frage nach dem Verständnis des eigenen Selbst zu stellen, obwohl es eine Tatsache ist, daß ohne diese Selbsterkenntnis alle Handlungen im Kampf ums Dasein letzten Endes zum Scheitern verurteilt sind. Vielleicht wissen diese Menschen gar nicht, daß man an die Seele denken muß, um so eine Lösung für die materiellen Leiden zu finden.
Es kommt vor, daß Menschen, die daran interessiert sind, etwas über die Seele zu erfahren, sich in guter Gemeinschaft Vorträge anhören, doch aufgrund ihrer Unwissenheit werden sie manchmal irregeführt und glauben, die Überseele und die winzige Seele seien ohne Größenunterschied eins. Es ist sehr schwierig, jemanden zu finden, der die Stellung der Überseele und der atomischen Seele, ihre jeweiligen Funktionen und Beziehungen sowie alle anderen hiermit verbundenen Themen bis ins Detail versteht. Und noch schwieriger ist es, jemanden zu finden, der aus dem Wissen über die Seele tatsächlich vollen Nutzen gezogen hat und die Stellung der Seele unter verschiedensten Aspekten beschreiben kann. Wenn jemand aber irgendwie imstande ist, das Thema der Seele zu verstehen, dann ist sein Leben erfolgreich.
Der einfachste Vorgang, das Selbst zu verstehen, besteht indes darin, die Aussagen der Bhagavad-gītā, die von der größten Autorität, Śrī Kṛṣṇa, gesprochen wurde, anzunehmen, ohne sich von anderen Theorien ablenken zu lassen. Aber es erfordert auch ein hohes Maß an Entsagungen und Opfern, entweder in diesem Leben oder in vorangegangenen, bevor man fähig ist, Kṛṣṇa als die Höchste Persönlichkeit Gottes anzuerkennen. Wirklich erkennen jedoch kann man Kṛṣṇa nur durch die grundlose Barmherzigkeit des reinen Gottgeweihten, und auf keine andere Weise.

||2-30||

देही नित्यमवध्योऽयं देहे सर्वस्य भारत | तस्मात्सर्वाणि भूतानि न त्वं शोचितुमर्हसि ||२-३०||

dehī nityamavadhyo.ayaṃ dehe sarvasya bhārata . tasmātsarvāṇi bhūtāni na tvaṃ śocitumarhasi ||2-30||

dehī — der Besitzer des materiellen Körpers; nityam — ewig; avadhyaḥ — kann nicht getötet werden; ayam — diese Seele; dehe — im Körper; sarvasya — eines jeden; bhārata — o Nachkomme Bharatas; tasmāt — deshalb; sarvāṇi — alle; bhūtāni — Lebewesen (die geboren werden); na — niemals; tvam — du; śocitum — zu klagen; arhasi — verdienst.


O Nachkomme Bharatas, der Bewohner des Körpers kann niemals getötet werden. Daher brauchst du um kein Geschöpf zu trauern.


Hiermit beendet der Herr Seine Unterweisungen über die unveränderliche spirituelle Seele. Er beschrieb die unsterbliche Seele auf verschiedene Weise, wodurch Er zeigte, daß die Seele unsterblich und der Körper vergänglich ist. Arjuna war ein kṣatriya, und deshalb sollte er nicht aus Furcht, daß sein Großvater und sein Lehrer – Bhīṣma und Droṇa – in der Schlacht sterben würden, seine Pflicht aufgeben. Man muß aufgrund der Autorität Śrī Kṛṣṇas glauben, daß es eine Seele gibt und daß diese Seele vom materiellen Körper verschieden ist. Man sollte nicht darauf beharren, daß es so etwas wie die Seele nicht gibt oder daß Lebenssymptome auf einer gewissen Stufe materieller Reife aus der Wechselwirkung chemischer Stoffe entstehen. Obwohl die Seele unsterblich ist, wird Gewalt nicht befürwortet; doch in Kriegszeiten wird davon nicht abgeraten, wenn es wirklich notwendig ist. Diese Notwendigkeit muß durch den Willen des Herrn gerechtfertigt sein, und nicht durch unser Gutdünken.

||2-31||

स्वधर्ममपि चावेक्ष्य न विकम्पितुमर्हसि | धर्म्याद्धि युद्धाच्छ्रेयोऽन्यत्क्षत्रियस्य न विद्यते ||२-३१||

svadharmamapi cāvekṣya na vikampitumarhasi . dharmyāddhi yuddhācchreyo.anyatkṣatriyasya na vidyate ||2-31||

sva-dharmam — die eigenen religiösen Prinzipien; api — auch; ca — in der Tat; avekṣya — im Hinblick; na — niemals; vikampitum — zu zögern; arhasi — du verdienst; dharmyāt — für religiöse Prinzipien; hi — in der Tat; yuddhāt — als zu kämpfen; śreyaḥ — bessere Beschäftigung; anyat — eine andere; kṣatriyasya — des kṣatriya; na — nicht; vidyate — gibt.


Im Hinblick auf deine besondere Pflicht als kṣatriya solltest du wissen, daß es für dich keine bessere Beschäftigung gibt, als auf der Grundlage religiöser Prinzipien zu kämpfen. Daher gibt es keinen Grund zu zögern.


Von den vier Klassen der gesellschaftlichen Administration wird die zweite, die für eine gute Verwaltung zuständig ist, kṣatriya ganannt. Kṣat bedeutet verletzen, und jemand, der vor Schaden beschützt, wird als kṣatriya bezeichnet (trāyate – Schutz gewähren). Früher wurden kṣatriyas im Wald darin ausgebildet, zu töten. Der kṣatriya ging in den Wald, wo er einen Tiger zum Zweikampf herausforderte und, nur mit einem Schwert bewaffnet, mit ihm kämpfte. Wenn der Tiger getötet war, wurde er in einer königlichen Bestattungszeremonie verbrannt. Selbst heute noch wird dieser Brauch von den Königen des Staates Jaipur gepflegt. Weil religiöse Gewalt manchmal notwendig ist, werden die kṣatriyas besonders darin ausgebildet, herauszufordern und zu töten. Deshalb ist es für kṣatriyas niemals vorgesehen, direkt in den Lebensstand der Entsagung, sannyāsa, zu treten. Gewaltlosigkeit mag in der Politik eine diplomatische Taktik sein, aber sie ist niemals ein praktischer Faktor oder ein Grundsatz. In den religiösen Gesetzbüchern heißt es:
āhaveṣu mitho ’nyonyaṁ
jighāṁsanto mahī-kṣitaḥ
yuddhamānāḥ paraṁ śaktyā
svargaṁ yānty aparāṅ-mukhāḥ
yajñeṣu paśavo brahman
hanyante satataṁ dvijaiḥ
saṁskṛtāḥ kila mantraiś ca
te ’pi svargam avāpnuvan
„Wenn ein König oder kṣatriya auf dem Schlachtfeld im Kampf mit einem anderen König, der ihn beneidet, getötet wird, ist er befähigt, die himmlischen Planeten zu erreichen, ebenso wie auch die brāhmaṇas die himmlischen Planeten erreichen, indem sie Tiere im Opferfeuer darbringen.“
Daher gilt es keinesfalls als Gewalttat, wenn in einer Schlacht auf der Grundlage religiöser Prinzipien getötet wird oder wenn Tiere im Opferfeuer getötet werden, denn aufgrund der religiösen Prinzipien, die in diesem Zusammenhang bestehen, zieht jeder seinen Nutzen daraus. Das geopferte Tier bekommt augenblicklich die menschliche Lebensform, ohne sich dem allmählichen Evolutionsprozeß von einer Lebensform zur anderen unterziehen zu müssen, und die auf dem Schlachtfeld getöteten kṣatriyas erreichen die himmlischen Planeten, ebenso wie die brāhmaṇas, die die Opfer darbringen.
Es gibt zwei Arten von sva-dharma, dem Menschen zugeordneten Pflichten. Solange man nicht befreit ist, muß man, um Befreiung zu erlangen, die Pflichten seines jeweiligen Körpers in Übereinstimmung mit den religiösen Prinzipien erfüllen. Wenn man befreit ist, wird der sva-dharma, die zugeordnete Pflicht, spirituell und befindet sich nicht mehr auf der Ebene des materiellen Körpers. In der körperlichen Auffassung des Lebens gibt es sowohl für die brāhmaṇas als auch für die kṣatriyas bestimmte Pflichten, und diese Pflichten sind unvermeidlich. Sva-dharma ist vom Herrn festgelegt, und dies wird im Vierten Kapitel näher erklärt werden. Auf der körperlichen Ebene wird sva-dharma als varṇāśrama-dharma bezeichnet, das Sprungbrett des Menschen zu spiritueller Erkenntnis. Menschliche Zivilisation beginnt auf der Stufe des varṇāśrama-dharma, das heißt dann, wenn die bestimmten Pflichten erfüllt werden, die sich nach den jeweiligen Erscheinungsweisen der Natur richten, von denen der Körper beeinflußt wird. Erfüllt man in irgendeinem Bereich des Handelns seine jeweilige Pflicht in Übereinstimmung mit den Anweisungen der höheren Autoritäten, so hilft dies einem, auf eine höhere Stufe des Lebens erhoben zu werden.

||2-32||

यदृच्छया चोपपन्नं स्वर्गद्वारमपावृतम् | सुखिनः क्षत्रियाः पार्थ लभन्ते युद्धमीदृशम् ||२-३२||

yadṛcchayā copapannaṃ svargadvāramapāvṛtam . sukhinaḥ kṣatriyāḥ pārtha labhante yuddhamīdṛśam ||2-32||

yadṛcchayā — von sich aus; ca — auch; upapannam — gekommen zu; svarga — der himmlischen Planeten; dvāram — Tor; apāvṛtam — weit offen; sukhinaḥ — sehr glücklich; kṣatriyāḥ — die Mitglieder des königlichen Standes; pārtha — o Sohn Pṛthās; labhante — erreichen; yuddham — Krieg; īdṛśam — wie dieser.


O Pārtha, glücklich sind die kṣatriyas, denen sich unverhofft solche Gelegenheiten zum Kampf bieten, da ihnen dadurch die Tore zu den himmlischen Planeten geöffnet werden.


Als höchster Lehrer der Welt verurteilt Śrī Kṛṣṇa die Haltung Arjunas, der sagte: „Ich sehe in diesem Kampf nichts Gutes. Ewiger Aufenthalt in der Hölle wird die Folge sein.“ Solche Äußerungen Arjunas waren nur auf Unwissenheit zurückzuführen. Er wollte bei der Erfüllung seiner ihm zugeordneten Pflicht gewaltlos werden. Auf dem Schlachtfeld zu stehen und gewaltlos zu werden ist die Philosophie der Narren. In der Parāśara-smṛti, den religiösen Gesetzen, die von Parāśara, dem großen Weisen und dem Vater Vyāsadevas, verfaßt wurden, heißt es:
kṣatriyo hi prajā rakṣan
śastra-pāṇiḥ pradaṇḍayan
nirjitya para-sainyādi
kṣitiṁ dharmeṇa pālayet
„Es ist die Pflicht des kṣatriya, die Bürger vor allen auftretenden Schwierigkeiten zu schützen, und aus diesem Grund muß er in manchen Fällen Gewalt anwenden, um Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten. Daher hat er die Pflicht, die Soldaten feindlicher Könige zu besiegen, um dann auf der Grundlage religiöser Pflichten die Welt zu regieren.“
Wenn man alle Gesichtspunkte in Betracht zieht, hatte Arjuna keinen Grund, sich vom Kampf zurückzuziehen. Wenn er seine Feinde besiegte, würde er sich des Königreichs erfreuen können, und wenn er in der Schlacht sterben sollte, würde er auf die himmlischen Planeten erhoben werden, deren Tore ihm weit offenstanden. Zu kämpfen würde ihm also in jedem Fall nützen.

||2-33||

अथ चेत्त्वमिमं धर्म्यं संग्रामं न करिष्यसि | ततः स्वधर्मं कीर्तिं च हित्वा पापमवाप्स्यसि ||२-३३||

atha cettvamimaṃ dharmyaṃ saṃgrāmaṃ na kariṣyasi . tataḥ svadharmaṃ kīrtiṃ ca hitvā pāpamavāpsyasi ||2-33||

atha — daher; cet — falls; tvam — du; imam — dies; dharmyam — eine religiöse Pflicht; saṅgrāmam — Kämpfen; na — nicht; kariṣyasi — ausführst; tataḥ — dann; sva-dharmam — deine religiöse Pflicht; kīrtim — Ruf; ca — auch; hitvā — verlierend; pāpam — sündhafte Reaktion; avāpsyasi — wirst bekommen.


Wenn du jedoch deine religiöse Pflicht des Kämpfens nicht ausführst, wirst du gewiß Sünden auf dich laden, weil du deine Pflichten vernachlässigst, und wirst so deinen Ruf als Kämpfer verlieren.


Arjuna war ein berühmter Krieger, und er hatte Ruhm erworben, indem er mit vielen mächtigen Halbgöttern, selbst mit Śiva, kämpfte. Als er gegen den als Jäger verkleideten Śiva im Kampf siegreich war, fand der große Halbgott Wohlgefallen an ihm und gab ihm als Belohnung eine Waffe namens pāśupata-astra. Jeder wußte, daß Arjuna ein großer Krieger war. Selbst Droṇācārya gab ihm seinen Segen und schenkte ihm eine besondere Waffe, mit der er sogar seinen Lehrer töten konnte. So war er von vielen Autoritäten, sogar von seinem leiblichen Vater, Indra, dem König des Himmels, mit vielen militärischen Auszeichnungen geehrt worden; aber wenn er nun die Schlacht verließe, würde er nicht nur seine ihm zugeordnete Pflicht als kṣatriya vernachlässigen, sondern er würde auch all seinen Ruhm und seinen guten Ruf verlieren und sich so den direkten Weg zur Hölle ebnen. Mit anderen Worten, nicht wenn Arjuna kämpft, sondern wenn er sich von der Schlacht zurückzieht, würde er zur Hölle gehen.

||2-34||

अकीर्तिं चापि भूतानि कथयिष्यन्ति तेऽव्ययाम् | सम्भावितस्य चाकीर्तिर्मरणादतिरिच्यते ||२-३४||

akīrtiṃ cāpi bhūtāni kathayiṣyanti te.avyayām . sambhāvitasya cākīrtirmaraṇādatiricyate ||2-34||

akīrtim — Schmach; ca — auch; api — darüber hinaus; bhūtāni — alle Menschen; kathayiṣyanti — werden sprechen; te — über dich; avyayām — für immer; sambhāvitasya — für einen geehrten Mann; ca — auch; akīrtiḥ — Schmach; maraṇāt — als der Tod; atiricyate — wird mehr.


Für alle Zeiten werden die Menschen von deiner Schmach sprechen, und für jemanden, der einmal geehrt wurde, ist Schande schlimmer als der Tod.


Sowohl als Freund wie auch als Philosoph fällt Śrī Kṛṣṇa jetzt Sein endgültiges Urteil über Arjunas Absicht, nicht zu kämpfen. Der Herr sagt: „Arjuna, wenn du das Schlachtfeld verläßt, bevor die Schlacht überhaupt beginnt, werden dich die Menschen einen Feigling nennen. Und wenn du meinst, daß die Menschen dich ruhig beschimpfen könnten, daß du aber trotzdem lieber dein Leben rettest, indem du vom Schlachtfeld fliehst, so rate Ich dir, lieber in der Schlacht zu sterben. Für einen ehrbaren Mann wie dich ist Schande schlimmer als der Tod. Deshalb solltest du nicht aus Angst um dein Leben fliehen, sondern lieber in der Schlacht sterben. Das wird dich vor der Schande bewahren, Meine Freundschaft mißbraucht zu haben und dein Ansehen in der Gesellschaft zu verlieren.“
Das endgültige Urteil des Herrn für Arjuna lautete also, in der Schlacht zu sterben, und nicht, sich zurückzuziehen.

||2-35||

भयाद्रणादुपरतं मंस्यन्ते त्वां महारथाः | येषां च त्वं बहुमतो भूत्वा यास्यसि लाघवम् ||२-३५||

bhayādraṇāduparataṃ maṃsyante tvāṃ mahārathāḥ . yeṣāṃ ca tvaṃ bahumato bhūtvā yāsyasi lāghavam ||2-35||

bhayāt — aus Furcht; raṇāt — von dem Schlachtfeld; uparatam — beendet; maṁsyante — sie werden denken; tvām — du; mahā-rathāḥ — die großen Generäle; yeṣām — für die; ca — auch; tvam — du; bahu-mataḥ — in hoher Wertschätzung; bhūtvā — gewesen sein; yāsyasi — du wirst gehen; lāghavam — an Wert verloren.


Die großen Generäle, die deinen Namen und deinen Ruhm hoch ehrten, werden denken, du habest das Schlachtfeld nur aus Furcht verlassen, und so werden sie dich geringschätzen.


Śrī Kṛṣṇa fährt fort, Arjuna Seine Entscheidung zu erklären: „Glaube nicht, daß die großen Generäle, wie Duryodhana, Karṇa und andere, denken werden, du habest das Schlachtfeld aus Mitleid mit deinen Brüdern und deinem Großvater verlassen. Sie werden glauben, du seiest aus Angst um dein Leben geflohen, und so wird ihre hohe Wertschätzung deiner Persönlichkeit ins Gegenteil umschlagen.“

||2-36||

अवाच्यवादांश्च बहून्वदिष्यन्ति तवाहिताः | निन्दन्तस्तव सामर्थ्यं ततो दुःखतरं नु किम् ||२-३६||

avācyavādāṃśca bahūnvadiṣyanti tavāhitāḥ . nindantastava sāmarthyaṃ tato duḥkhataraṃ nu kim ||2-36||

avācya — unfreundliche; vādān — ersonnene Worte; ca — auch; bahūn — viele; vadiṣyanti — werden sagen; tava — deine; ahitāḥ — Feinde; nindantaḥ — während sie verspotten; tava — deine; sāmarthyam — Fähigkeit; tataḥ — als das; duḥkha-taram — schmerzlicher; nu — selbstverständlich; kim — was gibt es.


Deine Feinde werden schlecht über dich reden und deine Fähigkeit verspotten. Was könnte schmerzlicher für dich sein?


Zu Beginn war Śrī Kṛṣṇa über Arjunas unangebrachte Worte des Mitleids erstaunt gewesen, und Er sagte, sein Mitleid sei den Nicht-Āryas angemessen. Nun hat Er Seine Einwände gegen Arjunas sogenanntes Mitleid ausführlich erläutert.

||2-37||

हतो वा प्राप्स्यसि स्वर्गं जित्वा वा भोक्ष्यसे महीम् | तस्मादुत्तिष्ठ कौन्तेय युद्धाय कृतनिश्चयः ||२-३७||

hato vā prāpsyasi svargaṃ jitvā vā bhokṣyase mahīm . tasmāduttiṣṭha kaunteya yuddhāya kṛtaniścayaḥ ||2-37||

hataḥ — getötet werdend; vā — entweder; prāpsyasi — du erlangst; svargam — das himmlische Königreich; jitvā — indem du besiegst; vā — oder; bhokṣyase — du genießt; mahīm — die Welt; tasmāt — deshalb; uttiṣṭha — erhebe dich; kaunteya — o Sohn Kuntīs; yuddhāya — zu kämpfen; kṛta — entschlossen; niścayaḥ — mit Gewißheit.


O Sohn Kuntīs, entweder wirst du auf dem Schlachtfeld getötet werden und die himmlischen Planeten erreichen, oder du wirst siegen und so das Königreich der Erde genießen. Erhebe dich daher, und kämpfe mit Entschlossenheit.


Obwohl es nicht sicher war, daß Arjunas Seite siegen würde, mußte er dennoch kämpfen; denn selbst wenn er den Tod fände, würde er auf die himmlischen Planeten erhoben werden.

||2-38||

सुखदुःखे समे कृत्वा लाभालाभौ जयाजयौ | ततो युद्धाय युज्यस्व नैवं पापमवाप्स्यसि ||२-३८||

sukhaduḥkhe same kṛtvā lābhālābhau jayājayau . tato yuddhāya yujyasva naivaṃ pāpamavāpsyasi ||2-38||

sukha — Glück; duḥkhe — und Leid; same — in Gleichmut; kṛtvā — so handelnd; lābha-alābhau — sowohl bei Verlust als auch bei Gewinn; jaya-ajayau — sowohl in Sieg als auch in Niederlage; tataḥ — danach; yuddhāya — um des Kampfes willen; yujyasva — beschäftige dich (kämpfe); na — niemals; evam — auf diese Weise; pāpam — sündhafte Reaktion; avāpsyasi — du wirst erwerben.


Kämpfe um des Kampfes willen, ohne Glück und Leid, Sieg oder Niederlage zu beachten. Wenn du so handelst, wirst du niemals Sünde auf dich laden.


Śrī Kṛṣṇa sagt jetzt unmittelbar, daß Arjuna um des Kampfes willen kämpfen solle, da Er die Schlacht wünsche. Bei Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein schenkt man Glück oder Leid, Gewinn oder Verlust, Sieg oder Niederlage keine Beachtung. Transzendentales Bewußtsein bedeutet, daß alles für Kṛṣṇa getan werden sollte; dann folgt auf materielle Tätigkeiten keine Reaktion. Jemand, der um der Befriedigung seiner eigenen Sinne willen handelt, entweder in Tugend oder in Leidenschaft, ist der Reaktion unterworfen, sei diese gut oder schlecht. Aber jemand, der sich in den Tätigkeiten des Kṛṣṇa-Bewußtseins völlig hingegeben hat, ist niemandem mehr verpflichtet und niemandem etwas schuldig, wie es sonst im gewöhnlichen Verlauf der Tätigkeiten ist. Im Śrīmad-Bhāgavatam (11.5.41) heißt es:
devarṣi-bhūtāpta-nṛṇāṁ pitṝṇāṁ
na kiṅkaro nāyam ṛṇī ca rājan
sarvātmanā yaḥ śaraṇaṁ śaraṇyaṁ
gato mukundaṁ parihṛtya kartam
„Jeder, der sich Kṛṣṇa, Mukunda, völlig ergeben und alle anderen Pflichten aufgegeben hat, ist niemandem mehr verpflichtet und niemandem etwas schuldig – weder den Halbgöttern noch den Weisen, noch dem Volk, noch den Verwandten, noch der Menschheit, noch den Vorvätern.“ Das ist der indirekte Hinweis, den Kṛṣṇa Arjuna in diesem Vers gibt. In den folgenden Versen wird dies noch eingehender erklärt werden.

||2-39||

एषा तेऽभिहिता साङ्ख्ये बुद्धिर्योगे त्विमां शृणु | बुद्ध्या युक्तो यया पार्थ कर्मबन्धं प्रहास्यसि ||२-३९||

eṣā te.abhihitā sāṅkhye buddhiryoge tvimāṃ śṛṇu . buddhyā yukto yayā pārtha karmabandhaṃ prahāsyasi ||2-39||

eṣā — all dies; te — dir; abhihitā — beschrieben; sāṅkhye — durch analytisches Studium; buddhiḥ — Intelligenz; yoge — in Arbeit ohne fruchttragendes Ergebnis; tu — aber; imām — dies; śṛṇu — höre einfach; buddhyā — durch Intelligenz; yuktaḥ — in Einklang gebracht; yayā — wodurch; pārtha — o Sohn Pṛthās; karma-bandham — Fessel der Reaktion; prahāsyasi — du kannst befreit werden von.


Bisher habe Ich dir dieses Wissen durch ein analytisches Studium erklärt. Höre nun, wie Ich es dir im Sinne von Tätigkeit ohne fruchttragendes Ergebnis erkläre. O Sohn Pṛthās, wenn du mit solchem Wissen handelst, kannst du dich von der Fessel der Tätigkeiten befreien.


Nach dem vedischen Wörterbuch Nirukti bedeutet saṅkhyā „das, was etwas in allen Einzelheiten beschreibt“, und das Wort sāṅkhya bezieht sich auf jene Philosophie, die die wahre Natur der Seele beschreibt. Und zu yoga gehört auch die Beherrschung der Sinne. Arjunas Entschluß, nicht zu kämpfen, hatte seine Ursache in dem Verlangen nach Sinnenbefriedigung. Seine vornehmste Pflicht vergessend, wollte er aufhören zu kämpfen, da er glaubte, glücklicher zu sein, wenn er seine Familienangehörigen und Verwandten nicht tötete, als wenn er sich des Königreiches erfreute, indem er seine Vettern und Brüder, die Söhne Dhṛtarāṣṭras, tötete. In beiden Fällen war persönliche Befriedigung der Grundgedanke. Seine Vorstellung, glücklich zu sein, indem er seine Verwandten in der Schlacht tötete bzw. verschonte, beruhte auf selbstischen Motiven, wofür er sogar bereit war, seine Weisheit und seine Pflicht zu opfern. Kṛṣṇa wollte daher Arjuna erklären, daß er die Seele selbst nicht töten würde, wenn er den Körper seines Großvaters tötete, und Er machte ihm klar, daß alle individuellen Personen, einschließlich des Herrn Selbst, ewige Individuen sind. Sie waren Individuen in der Vergangenheit, sie sind Individuen in der Gegenwart, und sie werden auch in der Zukunft Individuen bleiben, denn wir alle sind ewig individuelle Seelen und wechseln nur unser körperliches Gewand auf verschiedene Weise. Selbst nachdem wir von den Fesseln des materiellen Gewandes befreit sind, behalten wir unsere Individualität. Śrī Kṛṣṇa hat in einem analytischen Studium das Wesen der Seele und des Körpers bereits sehr ausführlich erklärt. Und dieses Wissen, das die Seele und den Körper von verschiedenen Gesichtspunkten aus beschreibt, ist hier als sāṅkhya bezeichnet worden, und zwar im Sinne der Definition im Nirukti-Wörterbuch. Dieser sāṅkhya hat mit der sāṅkhya-Philosophie des Atheisten Kapila nichts zu tun. Lange bevor der Betrüger Kapila seine sāṅkhya-Philosophie aufstellte, war die sāṅkhya-Philosophie, wie sie im Śrīmad-Bhāgavatam beschrieben wird, von dem wirklichen Kapila, einer Inkarnation Śrī Kṛṣṇas, Seiner Mutter Devahūti erklärt worden. Es wird von Ihm eindeutig erklärt, daß der puruṣa, der Höchste Herr, aktiv ist und daß Er die materielle Welt erschafft, indem Er über die prakṛti blickt. Diese Tatsache wird von den Veden und der Gītā anerkannt. Die Beschreibung in den Veden besagt, daß der Herr über die materielle Natur (prakṛti) blickte und sie mit atomischen individuellen Seelen befruchtete. Alle diese Individuen gehen in der materiellen Welt Tätigkeiten der Sinnenbefriedigung nach, und unter dem Zauber der materiellen Energie halten sie sich für Genießer. Diese Geisteshaltung findet ihren Höhepunkt im Wunsch des Lebewesens nach Befreiung, dem Wunsch, mit dem Höchsten Herrn eins zu werden. Das ist die letzte Falle māyās, der Illusion der Sinnenbefriedigung, und nur nach vielen, vielen Leben solcher sinnenbefriedigender Tätigkeiten geschieht es, daß sich eine große Seele Vāsudeva, Kṛṣṇa, ergibt und so an das Ende ihrer Suche nach der endgültigen Wahrheit gelangt.
Indem Arjuna sich Kṛṣṇa ergab, hat er Ihn bereits als spirituellen Meister angenommen: śiṣyas te ’haṁ śādhi māṁ tvāṁ prapannam. In der Folge wird Kṛṣṇa ihn nun über den Vorgang des Handelns in buddhi-yoga, das heißt über karma-yoga, belehren oder, mit anderen Worten, über die Praxis des hingebungsvollen Dienstes, bei der man ausschließlich für die Befriedigung der Sinne des Herrn tätig ist. Wie im zehnten Vers des Zehnten Kapitels erklärt wird, bedeutet buddhi- yoga die direkte Verbindung mit dem Herrn, der Sich als Paramātmā im Herzen eines jeden befindet. Aber diese Verbindung kommt nicht ohne hingebungsvollen Dienst zustande. Wer daher im hingebungsvollen, transzendentalen liebenden Dienst des Herrn, mit anderen Worten im Kṛṣṇa-Bewußtsein, verankert ist, erreicht diese Stufe des buddhi-yoga durch die besondere Gnade des Herrn. Der Herr sagt deshalb, daß Er nur diejenigen mit dem reinen Wissen der liebenden Hingabe beschenkt, die sich immer aus transzendentaler Liebe im hingebungsvollen Dienst betätigen. Auf diese Weise kann der Gottgeweihte Ihn sehr leicht im ewig-glückseligen Königreich Gottes erreichen.
Der in diesem Vers erwähnte buddhi-yoga bezieht sich also auf den hingebungsvollen Dienst des Herrn, und was das hier erwähnte Wort sāṅkhya betrifft, so hat es nichts mit dem atheistischen sāṅkhya- yoga zu tun, den der Betrüger Kapila verkündete. Man sollte daher den sāṅkhya-yoga, der hier erwähnt wird, auf keinen Fall mit dem atheistischen sāṅkhya verwechseln. Dazu kommt, daß diese Philosophie in der damaligen Zeit gar keinen Einfluß hatte, und Śrī Kṛṣṇa hätte Sich nicht die Mühe gemacht, solch gottlose philosophische Spekulationen zu erwähnen. Die wirkliche sāṅkhya-Philosophie wird von Śrī Kapila im Śrīmad-Bhāgavatam beschrieben, aber selbst dieser sāṅkhya hat nichts mit den hier behandelten Themen zu tun. Hier ist mit sāṅkhya die analytische Beschreibung des Körpers und der Seele gemeint. Śrī Kṛṣṇa gab eine analytische Beschreibung der Seele, nur um Arjuna zur Stufe des buddhi-yoga, oder bhakti-yoga, hinzuführen. Deshalb ist Śrī Kṛṣṇas sāṅkhya und Śrī Kapilas sāṅkhya, wie er im Bhāgavatam beschrieben wird, ein und dasselbe. Beides ist bhakti-yoga. Aus diesem Grunde sagte Śrī Kṛṣṇa, daß nur unintelligente Menschen zwischen sāṅkhya-yoga und bhakti-yoga unterscheiden (sāṅkhya-yogau pṛthag bālāḥ pravadanti na paṇḍitāḥ).
Natürlich hat atheistischer sāṅkhya-yoga nichts mit bhakti-yoga zu tun, aber dennoch behaupten solche unintelligenten Menschen, daß sich die Bhagavad-gītā auf diesen atheistischen sāṅkhya-yoga beziehe.
Buddhi-yoga bedeutet also, im Kṛṣṇa-Bewußtsein, in der Glückseligkeit und dem Wissen des hingebungsvollen Dienstes, tätig zu sein. Wer ausschließlich für die Zufriedenstellung des Herrn tätig ist, ganz gleich wie schwierig es sein mag, arbeitet nach den Prinzipien des buddhi- yoga und ist immer in transzendentale Glückseligkeit eingetaucht. Durch solche transzendentale Betätigung entwickelt man, dank der Gnade des Herrn, automatisch alle transzendentale Erkenntnis und so ist die erlangte Befreiung in sich selbst vollkommen, ohne daß man sich gesondert darum bemühen muß, Wissen zu erwerben. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Arbeit im Kṛṣṇa-Bewußtsein und Arbeit für fruchttragende Ergebnisse, das heißt für Sinnenbefriedigung in Form von familiärem und materiellem Glück. Buddhi-yoga bezieht sich also auf die transzendentale Eigenschaft der Arbeit, die wir ausführen.

||2-40||

नेहाभिक्रमनाशोऽस्ति प्रत्यवायो न विद्यते | स्वल्पमप्यस्य धर्मस्य त्रायते महतो भयात् ||२-४०||

nehābhikramanāśo.asti pratyavāyo na vidyate . svalpamapyasya dharmasya trāyate mahato bhayāt ||2-40||

na — es gibt nicht; iha — in diesem yoga; abhikrama — beim Bemühen; nāśaḥ — Verlust; asti — es gibt; pratyavāyaḥ — Minderung; na — niemals; vidyate — es gibt; su-alpam — ein wenig; api — obwohl; asya — von dieser; dharmasya — Beschäftigung; trāyate — befreit; mahataḥ — von sehr großer; bhayāt — Gefahr.


Bei dieser Bemühung gibt es weder Verlust noch Minderung, und schon ein wenig Fortschritt auf diesem Pfad kann einen vor der größten Gefahr bewahren.


Im Kṛṣṇa-Bewußtsein tätig zu sein, das heißt nur für die Zufriedenstellung Kṛṣṇas zu handeln, ohne für sich selbst Sinnenbefriedigung zu erwarten, ist die höchste Art transzendentaler Tätigkeit. Selbst eine kleine anfängliche Bemühung auf diesem Pfad kann nicht aufgehalten werden, und auf keiner Stufe kann dieser kleine Anfang jemals verlorengehen. Jede auf der materiellen Ebene begonnene Arbeit muß vollendet werden, sonst ist das ganze Unterfangen ein Fehlschlag. Aber jede Arbeit, die man im Kṛṣṇa-Bewußtsein beginnt, hat eine dauernde Wirkung, selbst wenn sie nicht zu Ende geführt wird. Selbst wenn also eine Tätigkeit im Kṛṣṇa-Bewußtsein unvollendet bleibt, verliert derjenige, der sie ausführt, nichts. Man mag von all seinen Tätigkeiten nur ein Prozent dem Kṛṣṇa-Bewußtsein widmen, und trotzdem sind bleibende Ergebnisse die Folge, so daß man beim nächsten Start bei zwei Prozent weitermachen kann, wohingegen es bei materieller Tätigkeit ohne einen hundertprozentigen Erfolg keinen Gewinn gibt. Ajāmila zum Beispiel erfüllte seine Pflicht im Kṛṣṇa-Bewußtsein nur bis zu einem gewissen Prozentsatz, aber das Ergebnis, das ihm am Ende zuteil wurde, war durch die Gnade des Herrn ein hundertprozentiger Erfolg. In diesem Zusammenhang findet man im Śrīmad-Bhāgavatam (1.5.17) einen schönen Vers:
tyaktvā sva-dharmaṁ caraṇāmbujaṁ harer
bhajann apakvo ’tha patet tato yadi
yatra kva vābhadram abhūd amuṣya kiṁ
ko vārtha āpto ’bhajatāṁ sva-dharmataḥ
„Was verliert jemand, der seine gesellschaftlichen Pflichten aufgibt, um sich dem Kṛṣṇa-Bewußtsein zu widmen, selbst wenn er zu Fall kommt, weil er den Pfad nicht bis zum Ende beschreitet? Was hingegen gewinnt man, wenn man seine materiellen Tätigkeiten in vollkommener Weise ausführt?“ Oder wie es die Christen ausdrücken: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber an seiner ewigen Seele Schaden nimmt?“
Materielle Tätigkeiten und ihre Ergebnisse enden mit dem Körper. Betätigung im Kṛṣṇa-Bewußtsein aber trägt einen Menschen selbst nach dem Verlust des gegenwärtigen Körpers erneut zum Kṛṣṇa-Bewußtsein. Zumindest ist es sicher, daß man im nächsten Leben die Möglichkeit hat, wieder als Mensch geboren zu werden, entweder in der Familie eines hochgebildeten brāhmaṇa oder in einer reichen aristokratischen Familie, was einem eine weitere Gelegenheit zur Erhebung bietet. Dies ist die einzigartige Eigenschaft von Tätigkeiten, die im Kṛṣṇa-Bewußtsein verrichtet werden.

||2-41||

व्यवसायात्मिका बुद्धिरेकेह कुरुनन्दन | बहुशाखा ह्यनन्ताश्च बुद्धयोऽव्यवसायिनाम् ||२-४१||

vyavasāyātmikā buddhirekeha kurunandana . bahuśākhā hyanantāśca buddhayo.avyavasāyinām ||2-41||

vyavasāya-ātmikā — entschlossen im Kṛṣṇa-Bewußtsein; buddhiḥ — Intelligenz; ekā — nur eines; iha — in dieser Welt; kuru-nandana — o geliebtes Kind der Kurus; bahu-śākhāḥ — vielverzweigt sein; hi — in der Tat; anantāḥ — unbegrenzt; ca — auch; buddhayaḥ — Intelligenz; avyavasāyinām — derjenigen, die nicht Kṛṣṇa-bewußt sind.


Diejenigen, die diesen Pfad beschreiten, sind entschlossen in ihrem Vorhaben, und ihr Ziel ist eins. O geliebtes Kind der Kurus, die Intelligenz der Unentschlossenen jedoch ist vielverzweigt.


Den starken Glauben, daß man durch Kṛṣṇa- Bewußtsein die höchste Vollkommenheit des Lebens erreichen wird, bezeichnet man als vyavasāyātmikā-Intelligenz. Im Caitanya-caritāmṛta (Madhya 22.62) heißt es:
‘śraddhā’-śabde – viśvāsa kahe sudṛḍha niścaya
kṛṣṇe bhakti kaile sarva-karma kṛta haya
Glaube bedeutet unerschütterliches Vertrauen in etwas Erhabenes. Wenn man die Pflichten im Kṛṣṇa-Bewußtsein erfüllt, braucht man den Verpflichtungen, die man in der materiellen Welt gegenüber der Familie, der Menschheit oder der Nation haben mag, nicht nachzukommen. Fruchtbringende Tätigkeiten sind die Handlungen, die aus den Reaktionen auf vergangene gute oder schlechte Taten hervorgehen. Im Zustand des erwachten Kṛṣṇa-Bewußtseins jedoch braucht man bei seinen Tätigkeiten nicht mehr nach guten Ergebnissen zu streben. Wenn man im Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist, befinden sich alle Handlungen auf der absoluten Ebene, da sie nicht mehr der Dualität, wie gut und schlecht, unterworfen sind. Die höchste Vollkommenheit des Kṛṣṇa-Bewußtseins ist die Entsagung der materiellen Lebensauffassung. Diese Stufe wird mit fortschreitendem Kṛṣṇa-Bewußtsein von selbst erreicht.
Die unerschütterliche Entschlossenheit eines Menschen im Kṛṣṇa- Bewußtsein gründet auf Wissen. Vāsudevaḥ sarvam iti sa mahātmā su-durlabhaḥ. Es ist eine seltene, große Seele, die Kṛṣṇa-bewußt ist und vollkommen versteht, daß Vāsudeva, Kṛṣṇa, die Wurzel aller manifestierten Ursachen ist. So wie man automatisch den Blättern und Zweigen des gesamten Baumes dient, indem man die Wurzel begießt, so kann man jedem – sich selbst, der Familie, der Gesellschaft, dem Land, der Menschheit usw. – den höchsten Dienst erweisen, indem man im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt. Wenn Kṛṣṇa durch unsere Tätigkeiten zufriedengestellt ist, dann wird jeder zufrieden sein.
Dienst im Kṛṣṇa-Bewußtsein wird jedoch am besten unter der kundigen Führung eines spirituellen Meisters ausgeführt, der ein echter Vertreter Kṛṣṇas ist, der das Wesen seines Schülers kennt und der ihn so anleiten kann, daß er im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt. Um daher im Kṛṣṇa-Bewußtsein wirklich fortzuschreiten, muß man fest entschlossen handeln und dem Stellvertreter Kṛṣṇas gehorchen, und man sollte die Anweisung des echten spirituellen Meisters als seine Lebensaufgabe ansehen. Śrīla Viśvanātha Cakravartī Ṭhākura lehrt uns in seinen berühmten Gebeten zum spirituellen Meister:
yasya prasādād bhagavat-prasādo
yasyāprasādān na gatiḥ kuto ’pi
dhyāyan stuvaṁs tasya yaśas tri-sandhyaṁ
vande guroḥ śrī-caraṇāravindam
„Wenn der spirituelle Meister zufriedengestellt ist, dann ist auch die Höchste Persönlichkeit Gottes zufrieden. Und wenn man den spirituellen Meister nicht zufriedenstellt, ist es nicht möglich, auf die Ebene des Kṛṣṇa-Bewußtseins erhoben zu werden. Mindestens dreimal am Tag sollte ich deshalb über ihn meditieren und beten, er möge mir seine Barmherzigkeit gewähren. Ihm, meinem spirituellen Meister, erweise ich meine achtungsvollen Ehrerbietungen.“
Der ganze Vorgang hängt jedoch davon ab, daß man vollkommenes Wissen über die Seele jenseits des Körpers besitzt – nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch praktisches, indem man nicht mehr versucht, seine Sinne durch fruchtbringende Handlungen zu befriedigen. Jemand, der im Geist nicht wahrhaft gefestigt ist, wird von verschiedenen fruchtbringenden Handlungen abgelenkt.

||2-42||

यामिमां पुष्पितां वाचं प्रवदन्त्यविपश्चितः | वेदवादरताः पार्थ नान्यदस्तीति वादिनः ||२-४२||

yāmimāṃ puṣpitāṃ vācaṃ pravadantyavipaścitaḥ . vedavādaratāḥ pārtha nānyadastīti vādinaḥ ||2-42||

yām imām — all diese; puṣpitām — blumige; vācam — Worte; prava- danti — sagen; avipaścitaḥ — Menschen mit einem geringen Maß an Wissen; veda-vāda-ratāḥ — vorgebliche Befolger der Veden; pārtha — o Sohn Pṛthās; na — niemals; anyat — etwas anderes; asti — es gibt; iti — so; vādinaḥ — die Befürworter; kāma-ātmānaḥ — begierig nach Sinnenbefriedigung; svarga-parāḥ — bestrebt, die himmlischen Planeten zu erreichen; janma-karma-phala-pradām — mit dem Ergebnis einer guten Geburt und anderen fruchttragenden Reaktionen; kriyā-viśeṣa — pompöse Zeremonien; bahulām — verschiedenartige; bhoga — in Sinnengenuß; aiśvarya — und Reichtum; gatim — Fortschritt; prati — entgegen.


Menschen mit geringem Wissen hängen sehr an den blumigen Worten der Veden, die verschiedenste fruchtbringende Tätigkeiten empfehlen, um auf die himmlischen Planeten erhoben zu werden oder eine gute Geburt, Macht usw. zu erlangen. Da sie Sinnenbefriedigung und ein Leben in Reichtum begehren, sagen sie, es gäbe nichts, was darüber hinausgehe.


Die meisten Menschen sind nicht sehr intelligent, und aufgrund ihrer Unwissenheit haften sie sehr stark an den im karma- kāṇḍa-Teil der Veden empfohlenen fruchtbringenden Tätigkeiten. Sie wünschen sich nichts anderes als Möglichkeiten zur Sinnenbefriedigung, um ein Leben auf den himmlischen Planeten genießen zu können, wo Wein und Frauen zur Verfügung stehen und überall materieller Reichtum herrscht. Zu diesem Zweck werden in den Veden viele Opfer empfohlen, vor allem die Jyotiṣṭoma-Opfer. Ja, es heißt sogar, daß jeder, der zu den himmlischen Planeten erhoben werden will, diese Opfer ausführen muß, und Menschen mit geringem Wissen glauben, dies sei der ganze Sinn und Zweck der vedischen Weisheit. Solch unerfahrenen Menschen fällt es sehr schwer, sich das entschlossene Handeln im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu eigen zu machen. So wie Toren sich zu den Blüten giftiger Bäume hingezogen fühlen, ohne die Folgen dieser Versuchung zu kennen, so werden Menschen, die nicht sehr fortgeschritten sind, von solch himmlischem Reichtum und der damit verbundenen Sinnenfreude betört.
Im karma-kāṇḍa-Teil der Veden heißt es: apāma somam amṛtā abhūma und akṣayyaṁ ha vai cāturmāsya-yājinaḥ sukṛtaṁ bhavati. Mit anderen Worten, diejenigen, die sich den vier Monate langen Bußen unterziehen, erwerben die Eignung, den soma-rasa zu trinken, einen Trank, um unsterblich und für immer glücklich zu werden. Selbst auf der Erde sind einige Menschen sehr begierig, diesen soma-rasa-Trank zu bekommen, um stark und gesund zu werden und Sinnenbefriedigung genießen zu können. Solche Menschen glauben nicht an die Befreiung aus der materiellen Knechtschaft, und sie haften sehr an den pompösen Zeremonien der vedischen Opfer. Sie sind im allgemeinen sinnlich veranlagt und trachten nach nichts anderem als den himmlischen Freuden des Lebens. Es wird beschrieben, daß es Gärten gibt, Nandana-kānana genannt, in denen sich die Gelegenheit bietet, mit engelgleichen schönen Frauen zusammenzusein und reichlich soma-rasa-Wein zu trinken. Solch körperliches Glück ist zweifellos sinnlich; daher sind dort diejenigen anzutreffen, die – als „Herren der materiellen Welt“ – völlig dem materiellen, zeitweiligen Glück verhaftet sind.

||2-43||

कामात्मानः स्वर्गपरा जन्मकर्मफलप्रदाम् | क्रियाविशेषबहुलां भोगैश्वर्यगतिं प्रति ||२-४३||

kāmātmānaḥ svargaparā janmakarmaphalapradām . kriyāviśeṣabahulāṃ bhogaiśvaryagatiṃ prati ||2-43||

||2-44||

भोगैश्वर्यप्रसक्तानां तयापहृतचेतसाम् | व्यवसायात्मिका बुद्धिः समाधौ न विधीयते ||२-४४||

bhogaiśvaryaprasaktānāṃ tayāpahṛtacetasām . vyavasāyātmikā buddhiḥ samādhau na vidhīyate ||2-44||

bhoga — an materiellen Genuß; aiśvarya — und Reichtum; prasaktānām — für diejenigen, die angehaftet sind; tayā — durch solche Dinge; apahṛta-cetasām — verwirrt im Geist; vyavasāya-ātmikā — feste Entschlossenheit; buddhiḥ — hingebungsvoller Dienst zum Herrn; samādhau — im beherrschten Geist; na — niemals; vidhīyate — findet statt.


Im Geist derer, die zu sehr an Sinnengenuß und materiellem Reichtum haften und die durch solche Dinge verwirrt sind, kommt es nicht zu dem festen Entschluß, dem Höchsten Herrn in Hingabe zu dienen.


Samādhi bedeutet „fest verankerter Geist“. Das vedische Wörterbuch Nirukti erklärt hierzu: samyag ādhīyate ’sminn ātma-tattva-yāthātmyam. „Wenn der Geist fest darauf gerichtet ist, das Selbst zu verstehen, nennt man dies samādhi.“ Samādhi ist niemals möglich für Menschen, die an materiellem Sinnengenuß interessiert sind, und auch nicht für diejenigen, die durch solch zeitweilige Dinge verwirrt sind. Sie sind durch die Wirkungsweise der materiellen Energie mehr oder minder verdammt.

||2-45||

त्रैगुण्यविषया वेदा निस्त्रैगुण्यो भवार्जुन | निर्द्वन्द्वो नित्यसत्त्वस्थो निर्योगक्षेम आत्मवान् ||२-४५||

traiguṇyaviṣayā vedā nistraiguṇyo bhavārjuna . nirdvandvo nityasattvastho niryogakṣema ātmavān ||2-45||

trai-guṇya — sich auf die drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur beziehend; viṣayāḥ — über das Thema; vedāḥ — die vedischen Schriften; nistrai-guṇyaḥ — transzendental zu den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur; bhava — sei; arjuna — o Arjuna; nirdvandvaḥ — ohne Dualität; nitya-sattva-sthaḥ — in einem reinen Zustand spiritueller Existenz; niryoga-kṣemaḥ — frei von Gedanken an Gewinn und Schutz; ātma-vān — im Selbst verankert.


Die Veden handeln hauptsächlich von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur. O Arjuna, transzendiere diese drei Erscheinungsweisen. Sei frei von allen Dualitäten und aller Sorge um Gewinn und Sicherheit, und sei im Selbst verankert.


Alle materiellen Tätigkeiten beinhalten Aktionen und Reaktionen innerhalb der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Sie werden mit der Absicht ausgeführt, fruchtbringende Ergebnisse zu bekommen, die ihrerseits Knechtschaft in der materiellen Welt verursachen. Die Veden handeln hauptsächlich von fruchtbringenden Tätigkeiten, um die Menschen allmählich aus dem Bereich der Sinnenbefriedigung zu einer Stellung auf der transzendentalen Ebene zu erheben. Arjuna bekommt als Schüler und Freund Śrī Kṛṣṇas den Rat, sich auf die transzendentale Ebene der Vedānta-Philosophie zu erheben, in der zu Beginn Fragen über die höchste Transzendenz (brahma-jijñāsā) gestellt werden. Alle Lebewesen, die sich in der materiellen Welt aufhalten, kämpfen sehr schwer um ihre Existenz. Für sie gab der Herr nach der Schöpfung der materiellen Welt die vedische Weisheit, die lehrt, wie man leben soll, um sich aus der materiellen Verstrickung zu befreien. Wenn die Tätigkeiten für Sinnenbefriedigung, nämlich das karma-kāṇḍa-Kapitel, abgeschlossen sind, wird die Möglichkeit spiritueller Erkenntnis in Form der Upaniṣaden angeboten, die Teile verschiedener Veden sind, ebenso wie die Bhagavad-gītā ein Teil des fünften Veda, des Mahābhārata, ist. Die Upaniṣaden beschreiben den Beginn transzendentalen Lebens.
Solange der materielle Körper existiert, gibt es Aktionen und Reaktionen in den materiellen Erscheinungsweisen. Man muß lernen, Dualitäten wie Glück und Leid oder Kälte und Hitze zu ertragen, und indem man solche Dualität duldet, wird man frei von aller Sorge um Gewinn und Verlust. Diese transzendentale Stellung wird erreicht, wenn man vollkommen Kṛṣṇa-bewußt ist und sich völlig von Kṛṣṇas Wohlwollen abhängig gemacht hat.

||2-46||

यावानर्थ उदपाने सर्वतः सम्प्लुतोदके | तावान्सर्वेषु वेदेषु ब्राह्मणस्य विजानतः ||२-४६||

yāvānartha udapāne sarvataḥ samplutodake . tāvānsarveṣu vedeṣu brāhmaṇasya vijānataḥ ||2-46||

yāvān — all das; arthaḥ — ist bestimmt; uda-pāne — in einem Brunnen; sarvataḥ — in jeder Hinsicht; sampluta-udake — in einem großen Gewässer; tāvān — in ähnlicher Weise; sarveṣu — in allen; vedeṣu — vedischen Schriften; brāhmaṇasya — des Menschen, der das Höchste Brahman kennt; vijānataḥ — der über vollständiges Wissen verfügt.


Alle Zwecke, die ein kleiner Brunnen erfüllt, können sogleich von einem großen Gewässer erfüllt werden. In ähnlicher Weise können alle Ziele der Veden von jemandem erreicht werden, der das Ziel hinter ihnen kennt.


Die im karma-kāṇḍa-Teil der vedischen Literatur erwähnten Rituale und Opfer sollen dazu ermutigen, allmählich Selbstverwirklichung zu erlangen. Und das Ziel von Selbstverwirklichung wird im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-gītā (15.15) deutlich erklärt: Das Ziel des Studiums der Veden besteht darin, Śrī Kṛṣṇa, die urerste Ursache aller Dinge, zu erkennen. Selbstverwirklichung bedeutet also, Kṛṣṇa und unsere ewige Beziehung zu Ihm zu verstehen. Die Beziehung der Lebewesen zu Kṛṣṇa wird ebenfalls im Fünfzehnten Kapitel der Bhagavad-gītā (15.7) beschrieben. Die Lebewesen sind Bestandteile Kṛṣṇas; deswegen ist es die höchste Vollkommenheit des vedischen Wissens, wenn das individuelle Lebewesen sein Kṛṣṇa- Bewußtsein wiederbelebt. Dies wird im Śrīmad-Bhāgavatam (3.33.7) wie folgt bestätigt:
aho bata śva-paco ’to garīyān
yaj-jihvāgre vartate nāma tubhyam
tepus tapas te juhuvuḥ sasnur āryā
brahmānūcur nāma gṛṇanti ye te
„O mein Herr, ein Mensch, der Deinen Heiligen Namen chantet, befindet sich auf der höchsten Ebene der Selbstverwirklichung, selbst wenn er in einer niedrigen Familie wie der eines caṇḍāla [Hundeessers] geboren wurde. Ein solcher Mensch muß alle Arten von Bußen und Opfern in Übereinstimmung mit den vedischen Ritualen ausgeführt und viele Male die vedischen Schriften studiert haben und an allen heiligen Pilgerstätten gebadet haben. Ein solcher Mensch muß als der Beste der Ārya-Familie angesehen werden.“
Man muß deshalb intelligent genug sein, das Ziel der Veden zu verstehen, ohne nur an den Ritualen zu haften, und man darf nicht danach trachten, zu den himmlischen Königreichen erhoben zu werden, um eine höhere Form der Sinnenbefriedigung zu genießen. Es ist dem gewöhnlichen Menschen in diesem Zeitalter nicht möglich, alle Regeln und Vorschriften der vedischen Rituale zu befolgen oder den Vedānta und die Upaniṣaden vollumfänglich zu studieren. Es erfordert viel Zeit, Energie, Wissen und Aufwand, um den verschiedenen Zielen der Veden gerecht zu werden. Dies ist im gegenwärtigen Zeitalter kaum mehr möglich. Das höchste Ziel der vedischen Kultur wird jedoch erreicht, wenn man den Heiligen Namen des Herrn chantet, wie es Śrī Caitanya, der Befreier aller gefallenen Seelen, empfahl. Als Śrī Caitanya von dem großen vedischen Gelehrten Prakāśānanda Sarasvatī gefragt wurde, warum Er, anstatt die Philosophie des Vedānta zu studieren, wie ein sentimentaler Schwärmer den Heiligen Namen des Herrn chante, entgegnete Er, Sein spiritueller Meister habe Ihn für einen großen Narren befunden und Ihn daher angewiesen, den Heiligen Namen Śrī Kṛṣṇas zu chanten. Er habe dies getan und sei vor Ekstase wie verrückt geworden. Im Zeitalter des Kali ist der größte Teil der Bevölkerung dumm und nicht genügend gebildet, um die Vedānta-Philosophie zu verstehen; doch der Sinn und Zweck der Vedānta-Philosophie wird erfüllt, wenn man den Heiligen Namen des Herrn ohne Vergehen chantet. Der Vedānta bildet die Essenz der vedischen Weisheit, und der Verfasser und Kenner der Vedānta-Philosophie ist Śrī Kṛṣṇa Selbst. Und der höchste Meister des Vedānta ist jene große Seele, die Freude daran findet, den Heiligen Namen des Herrn zu chanten. Das ist das höchste Ziel aller vedischen Mystik.

||2-47||

कर्मण्येवाधिकारस्ते मा फलेषु कदाचन | मा कर्मफलहेतुर्भूर्मा ते सङ्गोऽस्त्वकर्मणि ||२-४७||

karmaṇyevādhikāraste mā phaleṣu kadācana . mā karmaphalaheturbhūrmā te saṅgo.astvakarmaṇi ||2-47||

karmaṇi — vorgeschriebene Pflichten; eva — gewiß; adhikāraḥ — Recht; te — von dir; mā — niemals; phaleṣu — an den Früchten; kadācana — zu irgendeiner Zeit; mā — niemals; karma-phala — im Ergebnis der Tätigkeit; hetuḥ — Ursache; bhūḥ — werde; mā — niemals; te — von dir; saṅgaḥ — Anhaftung; astu — sollte sein; akarmaṇi — die vorgeschriebenen Pflichten nicht auszuführen.


Du hast das Recht, deine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen, aber du hast keinen Anspruch auf die Früchte des Handelns. Halte dich niemals für die Ursache der Ergebnisse deiner Tätigkeiten, und hafte niemals daran, deine Pflicht nicht zu erfüllen.


Hier wird von drei Dingen gesprochen, nämlich von vorgeschriebenen Pflichten, launenhafter Tätigkeit und Untätigkeit. Unter vorgeschriebenen Pflichten versteht man Tätigkeiten, die gemäß den Erscheinungsweisen der materiellen Natur, die unseren Körper beeinflussen, ausgeführt werden müssen. Unter launenhafter Tätigkeit versteht man Handlungen, die ohne die Sanktion einer Autorität ausgeführt werden, und Untätigkeit bedeutet, seine vorgeschriebenen Pflichten nicht zu erfüllen. Der Herr wies Arjuna an, nicht untätig zu sein, sondern seine vorgeschriebene Pflicht zu erfüllen, ohne am Ergebnis zu haften. Wer am Ergebnis seiner Tätigkeiten haftet, ist auch die Ursache dieser Tätigkeiten und muß daher deren Ergebnis genießen oder erleiden.
Was vorgeschriebene Pflichten betrifft, so können sie in drei Unterteilungen gegliedert werden, nämlich tägliche Arbeit, durch außergewöhnliche Umstände bedingte Tätigkeit und wunschgemäße Tätigkeit. Tägliche Arbeit gemäß den Anordnungen der Schriften, ohne nach den Ergebnissen zu verlangen, ist Tätigkeit in der Erscheinungsweise der Tugend. Arbeit um der Ergebnisse willen wird die Ursache von Bindung; deshalb ist solche Arbeit nicht glückverheißend. Jeder hat ein Anrecht auf die Erfüllung der vorgeschriebenen Pflichten, doch er sollte ohne Anhaftung an das Ergebnis handeln. Solch uneigennützige, obligatorische Pflichten führen einen ohne Zweifel auf den Pfad der Befreiung.
Arjuna wurde deshalb vom Herrn aufgefordert, aus reiner Pflichterfüllung zu kämpfen, ohne am Ergebnis zu haften. Würde er an der Schlacht nicht teilnehmen, wäre dies eine andere Form der Anhaftung. Solche Anhaftung führt einen niemals auf den Pfad der Erlösung. Jede Anhaftung – ob positiv oder negativ – ist die Ursache für Bindung. Untätigkeit ist sündhaft. Daher war Kämpfen aus reiner Pflichterfüllung der einzige glückverheißende Pfad der Erlösung für Arjuna.

||2-48||

योगस्थः कुरु कर्माणि सङ्गं त्यक्त्वा धनञ्जय | सिद्ध्यसिद्ध्योः समो भूत्वा समत्वं योग उच्यते ||२-४८||

yogasthaḥ kuru karmāṇi saṅgaṃ tyaktvā dhanañjaya . siddhyasiddhyoḥ samo bhūtvā samatvaṃ yoga ucyate ||2-48||

yoga-sthaḥ — mit Gleichmut; kuru — erfülle; karmāṇi — deine Pflichten; saṅgam — Anhaftung; tyaktvā — aufgebend; dhanam-jaya — o Arjuna; siddhi-asiddhyoḥ — bei Erfolg und Mißerfolg; samaḥ — ausgeglichen; bhūtvā — werdend; samatvam — mit Gleichmut; yogaḥ — yoga; ucyate — wird genannt.


Erfülle deine Pflicht mit Gleichmut, o Arjuna, und gib alle Anhaftung an Erfolg und Mißerfolg auf. Solche Ausgeglichenheit wird yoga genannt.


Kṛṣṇa sagt zu Arjuna, er solle in yoga handeln. Und was bedeutet yoga? Yoga bedeutet, den Geist auf den Höchsten zu konzentrieren, indem man die ständig störenden Sinne beherrscht. Und wer ist dieser „Höchste“? Der Höchste ist Kṛṣṇa. Und weil Kṛṣṇa hier persönlich Arjuna anweist zu kämpfen, hat Arjuna mit den Ergebnissen des Kampfes nichts zu tun. Gewinn oder Sieg sind Kṛṣṇas Sache; Arjuna muß nur nach der Anweisung Kṛṣṇas handeln. Kṛṣṇas Anweisung zu folgen ist wirklicher yoga, und dies wird im Vorgang des Kṛṣṇa- Bewußtseins praktiziert. Allein durch Kṛṣṇa-Bewußtsein kann man die Vorstellung aufgeben, irgend etwas in dieser Welt zu besitzen. Man muß der Diener Kṛṣṇas oder der Diener des Dieners von Kṛṣṇa werden. Das ist der richtige Weg, seine Pflicht im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu erfüllen, und das allein kann einem helfen, in yoga zu handeln.
Arjuna ist ein kṣatriya und gehört als solcher zur Einrichtung des varṇāśrama-dharma. Im Viṣṇu Purāṇa wird gesagt, daß im varṇāśrama-dharma das ganze Ziel darin besteht, Viṣṇu zufriedenzustellen. Niemand sollte für die eigene Zufriedenstellung arbeiten, wie dies in der materiellen Welt die Regel ist, sondern für die Zufriedenstellung Kṛṣṇas. Ohne Kṛṣṇa zufriedenzustellen, kann man die Prinzipien des varṇāśrama-dharma nicht richtig befolgen. Indirekt wurde Arjuna nahegelegt, so zu handeln, wie Kṛṣṇa es von ihm verlangte.

||2-49||

दूरेण ह्यवरं कर्म बुद्धियोगाद्धनञ्जय | बुद्धौ शरणमन्विच्छ कृपणाः फलहेतवः ||२-४९||

dūreṇa hyavaraṃ karma buddhiyogāddhanañjaya . buddhau śaraṇamanviccha kṛpaṇāḥ phalahetavaḥ ||2-49||

dūreṇa — wirf weit fort; hi — gewiß; avaram — abscheuliche; karma — Tätigkeiten; buddhi-yogāt — auf der Kraft des Kṛṣṇa-Bewußtseins gründend; dhanam-jaya — o Eroberer von Reichtum; buddhau — in solchem Bewußtsein; śaraṇam — volle Hingabe; anviccha — strebe nach; kṛpaṇāḥ — Geizhälse; phala-hetavaḥ — diejenigen, die nach fruchttragenden Ergebnissen streben.


O Dhanañjaya, halte alle abscheulichen Tätigkeiten durch hingebungsvollen Dienst fern von dir, und ergib dich in diesem Bewußtsein dem Herrn. Diejenigen, die die Früchte ihrer Arbeit genießen wollen, sind Geizhälse.


Wer seine wesensgemäße Stellung als ewiger Diener des Herrn wirklich verstanden hat, gibt alle anderen Beschäftigungen außer den Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein auf. Wie schon erklärt wurde, bedeutet buddhi-yoga transzendentaler liebender Dienst für den Herrn. Solch hingebungsvoller Dienst ist die richtige Handlungsweise für das Lebewesen. Nur Geizhälse wollen die Früchte ihrer Arbeit genießen, wodurch sie nur noch mehr in die materielle Knechtschaft verstrickt werden. Außer Arbeit im Kṛṣṇa-Bewußtsein sind alle Tätigkeiten verabscheuenswert, da sie den Handelnden fortgesetzt an den Kreislauf von Geburt und Tod binden. Man sollte deshalb niemals selbst die Ursache der Tätigkeiten sein wollen. Alles sollte im Kṛṣṇa-Bewußtsein getan werden, um Kṛṣṇa zufriedenzustellen. Ein Geizhals weiß nicht, wie er seine Besitztümer verwenden soll, die er sich durch glückliche Umstände oder harte Arbeit erworben hat. Man sollte alle Energie verwenden, um sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu betätigen; das wird unser Leben erfolgreich machen. Unglückselige Menschen jedoch stellen, wie die Geizhälse, ihre menschliche Energie nicht in den Dienst des Herrn.

||2-50||

बुद्धियुक्तो जहातीह उभे सुकृतदुष्कृते | तस्माद्योगाय युज्यस्व योगः कर्मसु कौशलम् ||२-५०||

buddhiyukto jahātīha ubhe sukṛtaduṣkṛte . tasmādyogāya yujyasva yogaḥ karmasu kauśalam ||2-50||

buddhi-yuktaḥ — jemand, der im hingebungsvollen Dienst tätig ist; jahāti — kann sich befreien von; iha — in diesem Leben; ubhe — beide; sukṛta-duṣkṛte — gute und schlechte Ergebnisse; tasmāt — deshalb; yogāya — für den hingebungsvollen Dienst; yujyasva — sei auf diese Weise tätig; yogaḥ — Kṛṣṇa-Bewußtsein; karmasu — in allen Tätigkeiten; kauśalam — Kunst.


Jemand, der im hingebungsvollen Dienst tätig ist, befreit sich schon im gegenwärtigen Leben sowohl von guten als auch von schlechten Reaktionen. Deshalb strebe nach yoga, der Kunst des Handelns.


Seit unvordenklichen Zeiten hat jedes Lebewesen die verschiedenen Reaktionen auf seine guten und schlechten Tätigkeiten angesammelt. Auf diese Weise ist es zu erklären, daß es sich fortgesetzt in Unwissenheit über seine eigentliche, wesensgemäße Stellung befindet. Diese Unwissenheit kann durch die Unterweisungen der Bhagavad-gītā beseitigt werden, die uns lehrt, sich Śrī Kṛṣṇa in jeder Hinsicht zu ergeben und so von der Fessel, die uns Leben für Leben an Aktion und Reaktion bindet, frei zu werden. Arjuna wird daher der Rat gegeben, im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln, dem Vorgang, durch den man von allen Reaktionen auf vergangene Handlungen geläutert werden kann.

||2-51||

कर्मजं बुद्धियुक्ता हि फलं त्यक्त्वा मनीषिणः | जन्मबन्धविनिर्मुक्ताः पदं गच्छन्त्यनामयम् ||२-५१||

karmajaṃ buddhiyuktā hi phalaṃ tyaktvā manīṣiṇaḥ . janmabandhavinirmuktāḥ padaṃ gacchantyanāmayam ||2-51||

karma-jam — aufgrund fruchtbringender Tätigkeiten; buddhi-yuktāḥ — im hingebungsvollen Dienst beschäftigt; hi — gewiß; phalam — Ergebnisse; tyaktvā — aufgebend; manīṣiṇaḥ — große Weise und Gottgeweihte; janma-bandha — von der Fessel an Geburt und Tod; vinirmuktāḥ — befreit; padam — Stellung; gacchanti — sie erreichen; anāmayam — ohne Leiden.


Indem sich die großen Weisen und Gottgeweihten so im hingebungsvollen Dienst des Herrn betätigen, befreien sie sich von den Ergebnissen ihrer Tätigkeiten in der materiellen Welt. Auf diese Weise werden sie vom Kreislauf von Geburt und Tod frei und erreichen den Ort jenseits aller Leiden [indem sie zurück zu Gott gehen].


Die befreiten Lebewesen gehören zu jenem Ort, wo es keine materiellen Leiden gibt. Im Bhāgavatam (10.14.58) heißt es:
samāṣritā ye pada-pallava-plavaṁ
mahat-padaṁ puṇya-yaśo murāreḥ
bhavāmbudhir vatsa-padaṁ paraṁ padaṁ
padaṁ padaṁ yad vipadāṁ na teṣām
„Für jemanden, der das Boot der Lotosfüße des Herrn bestiegen hat – welcher der kosmischen Manifestation Zuflucht gewährt und als Mukunda (derjenige, der mukti gewährt) berühmt ist –, ist der Ozean der materiellen Welt wie das Wasser im Hufabdruck eines Kalbes. Paraṁ padam, das heißt Vaikuṇṭha, der Ort, wo es keine materiellen Leiden gibt, ist sein Ziel, und nicht der Ort, an dem auf Schritt und Tritt Gefahr lauert.“
Aufgrund von Unwissenheit weiß man nicht, daß die materielle Welt ein leidvoller Ort ist, wo auf Schritt und Tritt Gefahren drohen. Nur aus Unwissenheit versuchen unintelligente Menschen, ihre Situation in der materiellen Welt durch fruchtbringende Tätigkeiten zu verbessern, in dem Glauben, daß die Früchte solcher Tätigkeiten sie glücklich machen würden. Sie wissen nicht, daß ihnen keine Art von materiellem Körper irgendwo im Universum ein Leben ohne Leiden geben kann. Die Leiden des Lebens, nämlich Geburt, Tod, Alter und Krankheiten, treten überall in der materiellen Welt auf. Wer aber seine wirkliche, wesensgemäße Stellung als ewiger Diener des Herrn versteht und somit auch die Position der Persönlichkeit Gottes kennt, betätigt sich im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn. In der Folge wird er befähigt, auf die Vaikuṇṭha-Planeten zu gelangen, wo es weder ein materielles, leidvolles Leben noch den Einfluß von Zeit und Tod gibt. Seine wesensgemäße Stellung zu kennen bedeutet, auch die erhabene Stellung des Herrn zu kennen. Wer fälschlich glaubt, die Stellung des Lebewesens und die des Herrn befänden sich auf der gleichen Ebene, hat sich in der Dunkelheit verirrt und ist daher nicht imstande, sich im hingebungsvollen Dienst des Herrn zu betätigen. Er wird selbst zu einem „Herrn“ und ebnet sich so den Weg zur Wiederholung von Geburt und Tod. Wer aber versteht, daß es seine Position ist zu dienen, und sich in den Dienst des Herrn stellt, wird sofort geeignet, nach Vaikuṇṭha-loka zu gehen. Für den Herrn verrichteter Dienst wird karma-yoga oder buddhi-yoga genannt, oder, mit einfachen Worten, hingebungsvoller Dienst für den Herrn.

||2-52||

यदा ते मोहकलिलं बुद्धिर्व्यतितरिष्यति | तदा गन्तासि निर्वेदं श्रोतव्यस्य श्रुतस्य च ||२-५२||

yadā te mohakalilaṃ buddhirvyatitariṣyati . tadā gantāsi nirvedaṃ śrotavyasya śrutasya ca ||2-52||

yadā — wenn; te — deine; moha — der Illusion; kalilam — dichter Wald; buddhiḥ — transzendentaler Dienst mit Intelligenz; vyatitariṣyati — überwindet; tadā — zu dieser Zeit; gantā asi — du wirst gehen; nirvedam — Gleichgültigkeit; śrotavyasya — gegenüber allem, was noch zu hören ist; śrutasya — alles, was bereits gehört worden ist; ca — auch.


Wenn deine Intelligenz aus dem dichten Wald der Täuschung herausgetreten ist, wirst du gegenüber allem, was gehört worden ist, und allem, was noch zu hören ist, gleichgültig werden.


Es gibt viele gute Beispiele aus dem Leben großer Geweihter des Herrn, die gegenüber den Ritualen der Veden gleichgültig wurden, einfach weil sie sich im hingebungsvollen Dienst des Herrn beschäftigten. Wenn jemand Kṛṣṇa und seine Beziehung zu Kṛṣṇa wirklich versteht, werden ihm, selbst wenn er ein erfahrener brāhmaṇa ist, die Rituale fruchtbringender Tätigkeiten automatisch völlig gleichgültig. Śrī Mādhavendra Purī, ein großer Gottgeweihter und ācārya in der Nachfolge der Gottgeweihten, sagt:
sandhyā-vandana bhadram astu bhavato bhoḥ snāna tubhyaṁ namo
bho devāḥ pitaraś ca tarpaṇa-vidhau nāhaṁ kṣamaḥ kṣamyatām
yatra kvāpi niṣadya yādava-kulottaṁsasya kaṁsa-dviṣaḥ
smāraṁ smāram aghaṁ harāmi tad alaṁ manye kim anyena me
„O meine Gebete, die ich dreimal täglich spreche, alle Ehre sei euch! O mein Bad, ich bringe dir meine Ehrerbietungen dar. O Halbgötter! O Vorväter! Bitte entschuldigt meine Unfähigkeit, euch meine Achtung zu erweisen. Wo immer ich nun sitze, erinnere ich mich an den großen Nachkommen der Yadu-Dynastie [Kṛṣṇa], den Feind Kaṁsas, und so kann ich mich von allen sündhaften Bindungen befreien. Ich denke, daß dies für mich ausreicht.“
Die vedischen Zeremonien und Rituale sind für Neulinge unbedingt erforderlich: dreimal täglich alle möglichen Gebete sprechen, frühmorgens ein Bad nehmen, den Vorvätern Achtung erweisen, usw. Wenn man aber völlig im Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist und sich im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn beschäftigt, werden einem all diese regulierenden Prinzipien gleichgültig, da man die Vollkommenheit bereits erreicht hat. Wenn man durch Dienst für den Höchsten Herrn, Śrī Kṛṣṇa, die Ebene des spirituellen Wissens erreicht, braucht man nicht mehr verschiedene Arten von Bußen und Opfern auszuführen, wie sie in den offenbarten Schriften empfohlen werden. Und wenn man andererseits nicht verstanden hat, daß der Zweck der Veden darin besteht, Kṛṣṇa zu erreichen, und einfach nur Rituale, Zeremonien usw. vollzieht, verschwendet man mit solchen Beschäftigungen nutzlos seine Zeit. Wer Kṛṣṇa-bewußt ist, überschreitet die Grenze des śabdabrahma, das heißt des Bereichs der Veden und Upaniṣaden.

||2-53||

श्रुतिविप्रतिपन्ना ते यदा स्थास्यति निश्चला | समाधावचला बुद्धिस्तदा योगमवाप्स्यसि ||२-५३||

śrutivipratipannā te yadā sthāsyati niścalā . samādhāvacalā buddhistadā yogamavāpsyasi ||2-53||

śruti — der vedischen Offenbarung; vipratipannā — ohne von den fruchttragenden Ergebnissen beeinflußt zu sein; te — dein; yadā — wenn; sthāsyati — bleibt; niścalā — unbewegt; samādhau — in transzendentalem Bewußtsein oder Kṛṣṇa-Bewußtsein; acalā — unerschütterlich; buddhiḥ — Intelligenz; tadā — dann; yogam — Selbstverwirklichung; avāpsyasi — du wirst erreichen.


Wenn dein Geist nicht mehr von der blumigen Sprache der Veden verwirrt ist und fest in der Trance der Selbstverwirklichung verankert bleibt, dann hast du das göttliche Bewußtsein erreicht.


Wenn man sagt, jemand sei in samādhi, so bedeutet dies, daß er Kṛṣṇa-Bewußtsein vollständig verwirklicht hat; das heißt, wer völlig in samādhi ist, hat Brahman, Paramātmā und Bhagavān erkannt. Die höchste Vollkommenheit der Selbstverwirklichung ist die Erkenntnis, daß man ein ewiger Diener Kṛṣṇas ist und daß man nur die eine Aufgabe hat, seine Pflichten im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu erfüllen. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch, das heißt ein unerschütterlicher Gottgeweihter, sollte sich nicht durch die blumige Sprache der Veden verwirren lassen, und ebensowenig sollte er fruchtbringenden Tätigkeiten nachgehen, um sich zum himmlischen Königreich zu erheben. Im Kṛṣṇa-Bewußtsein kommt man unmittelbar mit Kṛṣṇa in Verbindung, und auf dieser transzendentalen Ebene wird es möglich, alle Unterweisungen Kṛṣṇas zu verstehen. Wenn man sich auf diese Weise verhält, ist es sicher, daß man konkrete Ergebnisse und schlüssiges Wissen erlangt. Man braucht nur die Anweisungen Kṛṣṇas bzw. die Seines Stellvertreters, des spirituellen Meisters, auszuführen.

||2-54||

अर्जुन उवाच | स्थितप्रज्ञस्य का भाषा समाधिस्थस्य केशव | स्थितधीः किं प्रभाषेत किमासीत व्रजेत किम् ||२-५४||

arjuna uvāca . sthitaprajñasya kā bhāṣā samādhisthasya keśava . sthitadhīḥ kiṃ prabhāṣeta kimāsīta vrajeta kim ||2-54||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sprach; sthita-prajñasya — von jemandem, der im festen Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist; kā — was; bhāṣā — Sprache; samādhi-sthasya — von jemandem, der sich in Trance befindet; keśava — o Kṛṣṇa; sthita-dhīḥ — jemand, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein gefestigt ist; kim — was; prabhāṣeta — spricht; kim — wie; āsīta — sitzt; vrajeta — geht; kim — wie.


Arjuna sprach: O Kṛṣṇa, welche Merkmale weist jemand auf, dessen Bewußtsein so in die Transzendenz eingegangen ist? Wie spricht er, und was sind seine Worte? Wie sitzt er, und wie geht er?


So wie jeder Mensch seiner jeweiligen Lage gemäß besondere, ihn kennzeichnende Züge aufweist, so hat auch jemand, der Kṛṣṇa-bewußt ist, sein besonderes Wesen – wie er redet, geht, denkt, fühlt usw. So wie ein reicher Mann bestimmte Merkmale hat, durch die man ihn als Reichen erkennt, so wie ein Kranker gewisse Symptome aufweist, die auf seine Krankheit hinweisen, und wie ein Gelehrter besondere Eigenschaften aufweist, so hat auch jemand, der Kṛṣṇa-bewußt ist, besondere Merkmale in seinem Verhalten. Diese besonderen Merkmale werden in der Bhagavad-gītā beschrieben. Am wichtigsten ist, wie ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch spricht, denn das Sprechen ist die wichtigste Eigenschaft jedes Menschen. Man sagt, ein Narr bleibe unentdeckt, solange er nicht rede, und gewiß kann man einen gutgekleideten Narren nicht erkennen, solange er nicht spricht; doch sobald er den Mund öffnet, zeigt sich sein wahres Gesicht. Das unmittelbare Merkmal eines Kṛṣṇa-bewußten Menschen ist, daß er nur über Kṛṣṇa und mit Kṛṣṇa verbundene Themen spricht. Andere Eigenschaften folgen dann von selbst, wie in den folgenden Versen beschrieben wird.

||2-55||

श्रीभगवानुवाच | प्रजहाति यदा कामान्सर्वान्पार्थ मनोगतान् | आत्मन्येवात्मना तुष्टः स्थितप्रज्ञस्तदोच्यते ||२-५५||

śrībhagavānuvāca . prajahāti yadā kāmānsarvānpārtha manogatān . ātmanyevātmanā tuṣṭaḥ sthitaprajñastadocyate ||2-55||

śrī-bhagavān uvāca — die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach; prajahāti — gibt auf; yadā — wenn; kāmān — Wünsche nach Sinnenbefriedigung; sarvān — alle Arten von; pārtha — o Sohn Pṛthās; manaḥ-gatān — von mentalen Wunschvorstellungen; ātmani — im reinen Zustand der Seele; eva — gewiß; ātmanā — durch den geläuterten Geist; tuṣṭaḥ — zufrieden; sthita-prajñaḥ — in der Transzendenz verankert; tadā — zu dieser Zeit; ucyate — wird genannt.


Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: O Pārtha, wenn ein Mensch alle Arten von Sinnesbegierden aufgibt, die den Wunschvorstellungen des Geistes entspringen, und wenn sein geläuterter Geist im Selbst allein Befriedigung findet, dann sagt man von ihm, er sei im reinen transzendentalen Bewußtsein verankert.


Das Bhāgavatam bestätigt, daß jeder, der völlig im Kṛṣṇa-Bewußtsein, dem hingebungsvollen Dienst des Herrn, verankert ist, alle guten Eigenschaften der großen Weisen besitzt, wohingegen jemand, der nicht auf solch transzendentale Weise verankert ist, keine guten Eigenschaften hat, weil er mit Sicherheit bei seinen mentalen Vorstellungen Zuflucht nimmt. Deshalb wird hier ganz richtig gesagt, daß man alle Arten von Sinnesbegierden, die den Wunschvorstellungen des Geistes entspringen, aufgeben muß. Künstlich kann man solche Verlangen nach Sinnenbefriedigung nicht einstellen. Wenn man aber im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt ist, dann lassen diese Verlangen ohne zusätzliche Bemühungen von selbst nach. Deshalb muß man sich ohne Zögern im Kṛṣṇa-Bewußtsein betätigen, denn dieser hingebungsvolle Dienst wird einem augenblicklich helfen, auf die Ebene transzendentalen Bewußtseins zu gelangen. Die weit fortgeschrittene Seele ist immer in sich selbst zufrieden, da sie sich als der ewige Diener des Höchsten Herrn erkannt hat. Auf dieser transzendentalen Ebene hat man keinerlei Verlangen nach Sinnenbefriedigung, die dem faden Materialismus entspringen; vielmehr bleibt man immer glücklich in seiner natürlichen Stellung, ewig dem Höchsten Herrn zu dienen.

||2-56||

दुःखेष्वनुद्विग्नमनाः सुखेषु विगतस्पृहः | वीतरागभयक्रोधः स्थितधीर्मुनिरुच्यते ||२-५६||

duḥkheṣvanudvignamanāḥ sukheṣu vigataspṛhaḥ . vītarāgabhayakrodhaḥ sthitadhīrmunirucyate ||2-56||

duḥkheṣu — in den dreifachen Leiden; anudvigna-manāḥ — ohne im Geist erregt zu sein; sukheṣu — im Glück; vigata-spṛhaḥ — ohne interessiert zu sein; vīta — frei von; rāga — Anhaftung; bhaya — Angst; krodhaḥ — und Zorn; sthita-dhīḥ — dessen Geist stetig ist; muniḥ — ein Weiser; ucyate — wird genannt.


Jemand, dessen Geist nicht verwirrt ist, selbst wenn er die dreifachen Leiden erfährt, der nicht von Freude überwältigt wird, wenn er Glück genießt, und der frei von Anhaftung, Angst und Zorn ist, wird ein Weiser mit stetigem Geist genannt.


Das Wort muni bezeichnet einen Menschen, der seinen Geist mit den verschiedensten gedanklichen Spekulationen aufrührt, ohne zu einer tatsächlichen Schlußfolgerung zu kommen. Man sagt, jeder muni habe eine andere Betrachtungsweise, und solange sich ein muni nicht von anderen munis unterscheide, könne man ihn strenggenommen nicht als muni bezeichnen: Nāsāv ṛṣir yasya mataṁ na bhinnam (Mahābhārata, Vana-parva 313.117). Aber ein sthita-dhīr muni, wie er hier vom Herrn beschrieben wird, unterscheidet sich von einem gewöhnlichen muni. Der sthita-dhīr muni ist immer im Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert, denn all seine Bemühungen der kreativen Spekulation haben sich erschöpft. Er hat die Stufe gedanklicher Spekulationen hinter sich gelassen (praśānta-niḥśeṣa-manorathāntara; Stotra-ratna 43), und er ist zu dem Schluß gekommen, daß Śrī Kṛṣṇa, oder Vāsudeva, alles ist (vāsudevaḥ sarvam iti sa mahātmā su-durlabhaḥ). Ihn nennt man einen muni mit gefestigtem Geist. Ein solcher völlig Kṛṣṇa-bewußter Mensch fühlt sich durch die Angriffe der dreifachen Leiden keineswegs gestört, denn er betrachtet alle Leiden als die Barmherzigkeit des Herrn. Er fände es eigentlich angemessen, aufgrund seiner vergangenen schlechten Taten mehr Unannehmlichkeiten erleiden zu müssen, und er sieht, daß seine Leiden durch die Gnade des Herrn bis auf ein Mindestmaß verringert wurden. Und wenn er glücklich ist, so weiß er, daß er alles nur dem Herrn verdankt und solches Glück eigentlich nicht verdient hätte. Er erkennt, daß er sich nur aufgrund der Gnade des Herrn in einer solch angenehmen Lage befindet, die es ihm erlaubt, dem Herrn besser zu dienen. Wenn er sich im Dienst des Herrn betätigt, ist er immer unerschrocken und aktiv und läßt sich nicht von Anhaftung oder Ablehnung beeinflussen. Anhaftung bedeutet, Dinge für seine eigene Sinnenbefriedigung anzunehmen, und Losgelöstsein bedeutet die Abwesenheit einer solchen sinnlichen Anhaftung. Wer aber im Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist, kennt weder Anhaftung noch Loslösung, da er sein Leben dem Dienst des Herrn geweiht hat. Folglich wird er niemals zornig, auch dann nicht, wenn seine Unternehmungen erfolglos sind. Ein Kṛṣṇa- bewußter Mensch ist sowohl bei Erfolg wie auch bei Mißerfolg in seiner Entschlossenheit immer beständig.

||2-57||

यः सर्वत्रानभिस्नेहस्तत्तत्प्राप्य शुभाशुभम् | नाभिनन्दति न द्वेष्टि तस्य प्रज्ञा प्रतिष्ठिता ||२-५७||

yaḥ sarvatrānabhisnehastattatprāpya śubhāśubham . nābhinandati na dveṣṭi tasya prajñā pratiṣṭhitā ||2-57||

yaḥ — jemand, der; sarvatra — überall; anabhisnehaḥ — ohne Zuneigung; tat — dies; tat — dies; prāpya — erreichend; śubha — Gutes; aśubham — Schlechtes; na — niemals; abhinandati — lobt; na — nie; dveṣṭi — beneidet; tasya — sein; prajñā — vollkommenes Wissen; pratiṣṭhitā — gefestigt.


Wer in der materiellen Welt von nichts, was ihm widerfährt – sei es gut oder schlecht – berührt wird und es weder lobt noch schmäht, ist fest im vollkommenen Wissen verankert.


In der materiellen Welt finden ständig Veränderungen statt, manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten. Wer sich durch solche materiellen Veränderungen nicht aus der Ruhe bringen läßt, das heißt, wer von gut und schlecht nicht beeinflußt wird, gilt als jemand, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein gefestigt ist. Solange man sich in der materiellen Welt befindet, wird es immer Gutes und Schlechtes geben, denn diese Welt ist voller Dualität. Wer jedoch im Kṛṣṇa-Bewußtsein gefestigt ist, wird von gut und schlecht nicht beeinflußt, da es ihm nur um Kṛṣṇa geht, der absolut und allgut ist. Ein solches in Kṛṣṇa ruhendes Bewußtsein erhebt den Menschen auf eine vollkommene, transzendentale Stufe, die man in der Fachsprache samādhi nennt.

||2-58||

यदा संहरते चायं कूर्मोऽङ्गानीव सर्वशः | इन्द्रियाणीन्द्रियार्थेभ्यस्तस्य प्रज्ञा प्रतिष्ठिता ||२-५८||

yadā saṃharate cāyaṃ kūrmo.aṅgānīva sarvaśaḥ . indriyāṇīndriyārthebhyastasya prajñā pratiṣṭhitā ||2-58||

yadā — wenn; saṁharate — zieht zurück; ca — auch; ayam — er; kūrmaḥ — Schildkröte; aṅgāni — Gliedmaßen; iva — wie; sarvaśaḥ — alle zusammen; indriyāṇi — Sinne; indriya-arthebhyaḥ — von den Sinnesobjekten; tasya — sein; prajñā — Bewußtsein; pratiṣṭhitā — gefestigt.


Wer imstande ist, seine Sinne von den Sinnesobjekten zurückzuziehen, so wie die Schildkröte ihre Glieder in den Panzer einzieht, ist unerschütterlich im vollkommenen Bewußtsein verankert.


Der Prüfstein für einen yogī, einen Gottgeweihten oder eine selbstverwirklichte Seele ist seine Fähigkeit, die Sinne bewußt zu beherrschen. Die meisten Menschen jedoch sind Diener der Sinne und werden vom Diktat der Sinne gelenkt. Das ist die Antwort auf die Frage nach den Merkmalen eines yogī. Die Sinne werden mit Giftschlangen verglichen. Sie wollen zügellos und ohne Einschränkung tätig sein. Der yogī, der Gottgeweihte, muß daher sehr stark sein, um diese Schlangen – wie ein Schlangenbeschwörer – beherrschen zu können. Er gestattet ihnen niemals, unabhängig zu handeln. Die offenbarten Schriften beinhalten viele Unterweisungen: Einige davon sind Verbote, und andere sind Gebote. Solange man nicht fähig ist, diesen Geboten und Verboten zu folgen und sich von Sinnengenuß zurückzuhalten, ist es nicht möglich, fest im Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert zu sein. Das beste Beispiel in diesem Zusammenhang ist die Schildkröte. Die Schildkröte kann augenblicklich ihre Sinne zurückziehen und diese jederzeit für bestimmte Zwecke wieder nach außen richten. Ebenso benutzen Kṛṣṇa- bewußte Menschen ihre Sinne nur für bestimmte Zwecke im Dienste des Herrn, und außerhalb dieses Dienstes halten sie ihre Sinne zurückgezogen. Arjuna wird hier angewiesen, seine Sinne für den Dienst des Herrn zu benutzen, und nicht für seine eigene Befriedigung. Der Vergleich mit der Schildkröte, die ihre Sinne zurückziehen kann, macht deutlich, daß man die Sinne immer im Dienst des Herrn beschäftigen soll.

||2-59||

विषया विनिवर्तन्ते निराहारस्य देहिनः | रसवर्जं रसोऽप्यस्य परं दृष्ट्वा निवर्तते ||२-५९||

viṣayā vinivartante nirāhārasya dehinaḥ . rasavarjaṃ raso.apyasya paraṃ dṛṣṭvā nivartate ||2-59||

viṣayāḥ — Objekte für Sinnengenuß; vinivartante — werden geübt, sich zurückzuhalten von; nirāhārasya — durch negative Einschränkungen; dehinaḥ — für die verkörperte Seele; rasa-varjam — den Geschmack aufgebend; rasaḥ — der Sinn für Genuß; api — obwohl es gibt; asya — hier; param — weitaus höhere Dinge; dṛṣṭvā — durch Erfahren; nivartate — sie läßt ab von.


Die verkörperte Seele kann zwar von Sinnenfreuden zurückgehalten werden, doch der Geschmack für die Sinnesobjekte bleibt. Wenn sie jedoch solche Neigungen aufgibt, da sie einen höheren Geschmack erfährt, ist sie im Bewußtsein gefestigt.


Solange man nicht in der Transzendenz verankert ist, ist es nicht möglich, von Sinnengenuß abzulassen. Den Genuß der Sinne durch Regeln und Regulierungen einzuschränken ist genauso, als wollte man einen Kranken im Genuß bestimmter Speisen einschränken. Der Patient jedoch liebt solche Einschränkungen nicht, weshalb er auch seinen Appetit auf diese Speisen nicht verliert. In ähnlicher Weise wird die Einschränkung der Sinne durch einen spirituellen Vorgang wie aṣṭāṅga- yoga – mit den dazugehörenden Stufen, genannt yama, niyama, āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra, dhāraṇā, dhyāna usw. – Menschen mit geringerer Intelligenz empfohlen, die über kein besseres Wissen verfügen. Wer aber im Verlauf seines Fortschritts im Kṛṣṇa-Bewußtsein die Schönheit des Höchsten Herrn Śrī Kṛṣṇa gekostet hat, findet keinen Geschmack mehr an toten, materiellen Dingen. Solche Einschränkungen sind daher für die weniger intelligenten Neulinge auf dem Pfad des spirituellen Lebens gedacht, aber wenn jemand tatsächlich einen Geschmack für Kṛṣṇa-Bewußtsein entwickelt hat, sind sie für ihn nicht mehr von Wichtigkeit. Wenn man tatsächlich Kṛṣṇa-bewußt ist, verliert man von selbst den Geschmack an faden Dingen.

||2-60||

यततो ह्यपि कौन्तेय पुरुषस्य विपश्चितः | इन्द्रियाणि प्रमाथीनि हरन्ति प्रसभं मनः ||२-६०||

yatato hyapi kaunteya puruṣasya vipaścitaḥ . indriyāṇi pramāthīni haranti prasabhaṃ manaḥ ||2-60||

yatataḥ — sich bemühend; hi — gewiß; api — trotz; kaunteya — o Sohn Kuntīs; puruṣasya — eines Menschen; vipaścitaḥ — voll unterscheidenden Wissens; indriyāṇi — die Sinne; pramāthīni — erregend; haranti — werfen; prasabham — gewaltsam; manaḥ — der Geist.


Die Sinne sind so stark und ungestüm, o Arjuna, daß sie sogar den Geist eines Mannes gewaltsam fortreißen, der Unterscheidungsvermögen besitzt und bemüht ist, sie zu beherrschen.


Es gibt viele gelehrte Weise, Philosophen und Transzendentalisten, die die Sinne zu beherrschen versuchen; doch trotz ihrer Bemühungen fallen selbst die größten von ihnen manchmal dem materiellen Sinnengenuß zum Opfer, da ihr Geist erregt wurde. Selbst Viśvāmitra, ein großer Weiser und vollkommener yogī, wurde von Menakā zu sexuellem Genuß verleitet, obwohl er sich bemühte, durch schwere tapasya und durch yoga-Übungen seine Sinne zu beherrschen. Natürlich gibt es noch viele ähnliche Beispiele in der Weltgeschichte. Es ist also sehr schwierig, den Geist und die Sinne zu beherrschen, wenn man nicht völlig Kṛṣṇa-bewußt ist. Ohne daß man seine Gedanken auf Kṛṣṇa richtet, kann man von solch materiellen Betätigungen nicht ablassen. Ein praktisches Beispiel wird von Śrī Yāmunācārya, einem großen Heiligen und Gottgeweihten, gegeben, der sagt:
yad-avadhi mama cetaḥ kṛṣṇa-pādāravinde
nava-nava-rasa-dhāmany udyataṁ rantum āsīt
tad-avadhi bata nārī-saṅgame smaryamāne
bhavati mukha-vikāraḥ suṣṭhu niṣṭhīvanaṁ ca
„Seitdem mein Geist im Dienst der Lotosfüße Śrī Kṛṣṇas beschäftigt ist und ich dabei eine immer neue transzendentale Gemütsstimmung genieße, wende ich mich augenblicklich ab, sobald ich an sexuelle Beziehungen zu einer Frau denke, und ich speie auf den Gedanken.“
Kṛṣṇa-Bewußtsein ist so transzendental und wunderbar, daß materieller Genuß von selbst widerwärtig wird. Es ist so, als hätte ein Hungriger seinen Hunger mit einer ausreichenden Menge nahrhafter Speisen gestillt. Ein anderes Beispiel ist Mahārāja Ambarīṣa, der einen großen yogī, Durvāsā Muni, besiegte, einfach dadurch, daß sein Geist im Kṛṣṇa-Bewußtsein vertieft war (sa vai manaḥ kṛṣṇa-padāravindayor vacāṁsi vaikuṇṭha-guṇānuvarṇane).

||2-61||

तानि सर्वाणि संयम्य युक्त आसीत मत्परः | वशे हि यस्येन्द्रियाणि तस्य प्रज्ञा प्रतिष्ठिता ||२-६१||

tāni sarvāṇi saṃyamya yukta āsīta matparaḥ . vaśe hi yasyendriyāṇi tasya prajñā pratiṣṭhitā ||2-61||

tāni — jene Sinne; sarvāṇi — alle; saṁyamya — unter Kontrolle haltend; yuktaḥ — beschäftigt; āsīta — sollte verankert sein; mat-paraḥ — in Beziehung zu Mir; vaśe — in völliger Unterordnung; hi — gewiß; yasya — jemand, dessen; indriyāṇi — Sinne; tasya — sein; prajñā — Bewußtsein; pratiṣṭhitā — gefestigt.


Wer seine Sinne zurückhält und sie vollkommen beherrscht und wer sein Bewußtsein auf Mich richtet, ist bekannt als ein Mensch von stetiger Intelligenz.


In diesem Vers wird deutlich erklärt, daß Kṛṣṇa- Bewußtsein die höchste Stufe in der Vollkommenheit des yoga ist. Und solange man nicht Kṛṣṇa-bewußt ist, ist es völlig unmöglich, die Sinne zu beherrschen. Wie oben erwähnt wurde, fing der große Weise Durvāsā Muni mit Mahārāja Ambarīṣa einen Streit an, und weil Durvāsā Muni aus Stolz unnötigerweise zornig wurde, konnte er seine Sinne nicht mehr beherrschen. Der König dagegen, der kein so mächtiger yogī wie der Weise war, dafür aber ein Geweihter des Herrn, ertrug geduldig alle Ungerechtigkeiten des Weisen und ging dadurch letztlich siegreich aus dem Streit hervor. Der König vermochte seine Sinne zu beherrschen, weil er die folgenden Eigenschaften besaß, die im Śrīmad-Bhāgavatam (9.4.18–20) beschrieben werden:
sa vai manaḥ kṛṣṇa-padāravindayor
vacāṁsi vaikuṇṭha-guṇānuvarṇane
karau harer mandira-mārjanādiṣu
śrutiṁ cakārācyuta-sat-kathodaye
mukunda-liṅgālaya-darśane dṛśau
tad-bhṛtya-gātra-sparśe ’ṅga-saṅgamam
ghrāṇaṁ ca tat-pāda-saroja-saurabhe
śrīmat-tulasyā rasanāṁ tad-arpite
pādau hareḥ kṣetra-padānusarpaṇe
śiro hṛṣīkeśa-padābhivandane
kāmaṁ ca dāsye na tu kāma-kāmyayā
yathottama-śloka-janāśrayā ratiḥ
„König Ambarīṣa richtete seinen Geist auf die Lotosfüße Śrī Kṛṣṇas; mit seinen Worten beschrieb er das Reich des Herrn; mit seinen Händen reinigte er den Tempel des Herrn; mit seinen Ohren hörte er über die Spiele des Herrn; mit seinen Augen betrachtete er die Gestalt des Herrn; mit seinem Körper berührte er die Körper der Gottgeweihten; mit seiner Nase atmete er den Duft der Blumen ein, die den Lotosfüßen des Herrn geopfert worden waren; mit seiner Zunge schmeckte er die tulasī-Blätter, die dem Herrn geopfert worden waren; mit seinen Beinen pilgerte er zu den heiligen Stätten, wo sich die Tempel des Herrn befinden; mit seinem Haupt brachte er dem Herrn Ehrerbietungen dar, und seine Wünsche richtete er darauf, die Wünsche des Herrn zu erfüllen... all dies qualifizierte ihn, ein mat-para-Geweihter des Herrn zu werden.“
Das Wort mat-para ist in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung. Wie man ein mat-para werden kann, wird am Leben Mahārāja Ambarīṣas deutlich. Śrīla Baladeva Vidyābhūṣaṇa, ein großer Gelehrter und ācārya in der Linie der mat-para-Gottgeweihten, bemerkt hierzu: mad-bhakti-prabhāvena sarvendriya-vijaya-pūrvikā svātma-dṛṣṭiḥ su-labheti bhāvaḥ. „Die Sinne können nur durch die Kraft des hingebungsvollen Dienstes für Śrī Kṛṣṇa vollständig beherrscht werden.“ Manchmal wird auch das Beispiel des Feuers angeführt: „So wie ein loderndes Feuer alles in einem Zimmer verbrennt, so verbrennt Śrī Viṣṇu im Herzen des yogī alle Arten von Unreinheiten.“ Auch das Yoga- sūtra schreibt Meditation über Viṣṇu vor, und nicht Meditation über die Leere. Die sogenannten yogīs, die über etwas anderes als die Form Viṣṇus meditieren, verschwenden nur ihre Zeit mit der vergeblichen Suche nach einem Trugbild. Wir müssen Kṛṣṇa-Bewußtsein entwickeln und uns der Persönlichkeit Gottes hingeben. Das ist das Ziel des wirklichen yoga.

||2-62||

ध्यायतो विषयान्पुंसः सङ्गस्तेषूपजायते | सङ्गात्सञ्जायते कामः कामात्क्रोधोऽभिजायते ||२-६२||

dhyāyato viṣayānpuṃsaḥ saṅgasteṣūpajāyate . saṅgātsañjāyate kāmaḥ kāmātkrodho.abhijāyate ||2-62||

dhyāyataḥ — während man betrachtet; viṣayān — Sinnesobjekte; puṁsaḥ — eines Menschen; saṅgaḥ — Anhaftung; teṣu — an die Sinnesobjekte; upajāyate — entwickelt; saṅgāt — aus Anhaftung; sañjāyate — entwickelt sich; kāmaḥ — Verlangen; kāmāt — vom Verlangen; krodhaḥ — Zorn; abhijāyate — entsteht.


Beim Betrachten der Sinnesobjekte entwickelt der Mensch Anhaftung an sie; aus solcher Anhaftung entwickelt sich Lust, und aus Lust geht Zorn hervor.


Jemand, der nicht Kṛṣṇa-bewußt ist, wird beim Betrachten der Sinnesobjekte materielle Wünsche entwickeln. Die Sinne brauchen richtige Betätigung, und wenn sie nicht im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn beschäftigt sind, werden sie sich mit Sicherheit eine Beschäftigung im Dienst des Materialismus suchen. In der materiellen Welt ist jeder, selbst Śiva und Brahmā – von anderen Halbgöttern auf den himmlischen Planeten ganz zu schweigen –, dem Einfluß der Sinnesobjekte unterworfen, und die einzige Möglichkeit, dieser Verwirrung des materiellen Daseins zu entkommen, besteht darin, Kṛṣṇa-bewußt zu werden. Śiva befand sich in tiefer Meditation, doch als Pārvatī ihn zu Sinnengenuß verführen wollte, war er mit ihrem Vorschlag einverstanden, und in der Folge wurde Kārtikeya geboren. Als Haridāsa Ṭhākura ein junger Gottgeweihter war, wurde er von der Inkarnation Māyā-devīs auf ähnliche Weise in Versuchung geführt, aber dank seiner unverfälschten Hingabe zu Śrī Kṛṣṇa bestand Haridāsa die Prüfung mit Leichtigkeit. Wie aus Śrī Yāmunācāryas zuvor zitiertem Vers deutlich hervorgeht, vermeidet ein aufrichtiger Geweihter des Herrn jeden materiellen Sinnengenuß, da er durch den spirituellen Genuß der Gemeinschaft mit dem Herrn einen höheren Geschmack erfährt. Das ist das Geheimnis des Erfolges. Mit anderen Worten, wer nicht Kṛṣṇa- bewußt ist, wird letztlich mit Sicherheit zu Fall kommen – gleichgültig wie sehr er seine Sinne durch künstliche Verdrängung zu beherrschen vermag –, denn schon der geringste Gedanke an Sinnenfreude wird ihn dazu treiben, seine Begierden zu befriedigen.

||2-63||

क्रोधाद्भवति सम्मोहः सम्मोहात्स्मृतिविभ्रमः | स्मृतिभ्रंशाद् बुद्धिनाशो बुद्धिनाशात्प्रणश्यति ||२-६३||

krodhādbhavati sammohaḥ sammohātsmṛtivibhramaḥ . smṛtibhraṃśād buddhināśo buddhināśātpraṇaśyati ||2-63||

krodhāt — aus Zorn; bhavati — entsteht; sammohaḥ — völlige Illusion; sammohāt — aus Illusion; smṛti — der Erinnerung; vibhramaḥ — Verwirrung; smṛti-bhraṁśāt — nach Verwirrung der Erinnerung; buddhi- nāśaḥ — Verlust der Intelligenz; buddhi-nāśāt — und durch Verlust der Intelligenz; praṇaśyati — man kommt zu Fall.


Aus Zorn entsteht völlige Täuschung, und der Täuschung folgt die Verwirrung der Erinnerung. Wenn die Erinnerung verwirrt ist, geht die Intelligenz verloren, und wenn die Intelligenz verloren ist, fällt man wieder in den materiellen Sumpf zurück.


Śrīla Rūpa Gosvāmī gibt uns die folgende Unterweisung:
prāpañcikatayā buddhyā
hari-sambandhi-vastunaḥ
mumukṣubhiḥ parityāgo
vairāgyaṁ phalgu kathyate
(Bhakti-rasāmṛta-sindhu 1.2.258)
Durch die Entwicklung von Kṛṣṇa-Bewußtsein kann man erkennen, daß alles im Dienste des Herrn verwendet werden kann. Diejenigen, die kein Wissen über das Kṛṣṇa-Bewußtsein haben, versuchen auf künstliche Weise, materielle Objekte zu vermeiden, und erreichen daher trotz ihrer Bemühung um Befreiung aus der materiellen Knechtschaft nicht die vollkommene Stufe der Entsagung. Ihre sogenannte Entsagung wird phalgu, minderwertig, genannt. Im Gegensatz dazu weiß ein Kṛṣṇa- bewußter Mensch alles im Dienst Kṛṣṇas zu verwenden; deshalb fällt er niemals dem materiellen Bewußtsein zum Opfer. Ein Unpersönlichkeitsphilosoph glaubt zum Beispiel, der Herr oder das Absolute sei unpersönlich und könne deshalb nicht essen. Während ein Unpersönlichkeitsphilosoph bemüht ist, wohlschmeckende Speisen zu vermeiden, weiß der Gottgeweihte, daß Kṛṣṇa der höchste Genießer ist und daß Er alles ißt, was Ihm mit Hingabe geopfert wird. Nachdem also der Gottgeweihte dem Herrn schmackhafte Speisen geopfert hat, ißt er die Überreste, die man prasādam nennt. Auf diese Weise wird alles spiritualisiert, und es besteht nicht die Gefahr, zu Fall zu kommen. Der Gottgeweihte ißt prasādam im Kṛṣṇa-Bewußtsein, während der Nichtgottgeweihte es ablehnt und denkt, es sei materiell. Der Unpersönlichkeitsanhänger kann daher wegen seiner künstlichen Entsagung das Leben nicht genießen, und aus diesem Grund zieht ihn schon die geringste Erregung des Geistes wieder in den Sumpf des materiellen Daseins hinab. Es heißt, daß eine solche Seele, obwohl sie sogar bis zur Stufe der Befreiung aufsteigen mag, wieder zu Fall kommt, da sie nicht durch hingebungsvollen Dienst gestützt wird.

||2-64||

रागद्वेषविमुक्तैस्तु विषयानिन्द्रियैश्चरन् | (or वियुक्तैस्तु) आत्मवश्यैर्विधेयात्मा प्रसादमधिगच्छति ||२-६४||

rāgadveṣavimuktaistu viṣayānindriyaiścaran . orviyuktaistu ātmavaśyairvidheyātmā prasādamadhigacchati ||2-64||

rāga — Anhaftung; dveṣa — und Loslösung; vimuktaiḥ — von jenem, der frei wurde von; tu — aber; viṣayān — Sinnesobjekte; indriyaiḥ — durch die Sinne; caran — sich richtend nach; ātma-vaśyaiḥ — unter seiner Herrschaft; vidheya-ātmā — jemand, der geregelter Freiheit folgt; prasādam — die Barmherzigkeit des Herrn; adhigacchati — erlangt.


Wer aber von aller Anhaftung und Ablehnung frei ist und seine Sinne durch die regulierenden Prinzipien der Freiheit zu beherrschen vermag, erlangt die volle Barmherzigkeit des Herrn.


Es wurde bereits erklärt, daß man die Sinne durch einen künstlichen Vorgang vielleicht oberflächlich zu beherrschen vermag, daß aber immer die Möglichkeit besteht, wieder zu Fall zu kommen, solange die Sinne nicht im transzendentalen Dienst des Herrn beschäftigt sind. Auch wenn es so erscheinen mag, als sei ein völlig Kṛṣṇa-bewußter Mensch auf der Ebene der Sinne tätig, ist er dank seines Kṛṣṇa-Bewußtseins den Tätigkeiten der Sinne nicht verhaftet. Dem Kṛṣṇa-bewußten Menschen geht es um nichts anderes als darum, Kṛṣṇa zufriedenzustellen. Deshalb steht er zu aller Anhaftung und Loslösung in transzendentaler Stellung. Wenn Kṛṣṇa es wünscht, kann der Gottgeweihte alles tun, was gewöhnlich unangenehm wäre, und wenn Kṛṣṇa etwas nicht wünscht, so wird er es nicht tun, selbst wenn er es normalerweise zu seiner eigenen Befriedigung getan hätte. Deshalb steht es unter seiner Herrschaft, etwas zu tun oder nicht zu tun, denn er handelt nur gemäß den Anweisungen Kṛṣṇas. Dieses Bewußtsein ist die grundlose Barmherzigkeit des Herrn, die der Gottgeweihte trotz seiner Anhaftung an die Ebene der Sinne haben mag.

||2-65||

प्रसादे सर्वदुःखानां हानिरस्योपजायते | प्रसन्नचेतसो ह्याशु बुद्धिः पर्यवतिष्ठते ||२-६५||

prasāde sarvaduḥkhānāṃ hānirasyopajāyate . prasannacetaso hyāśu buddhiḥ paryavatiṣṭhate ||2-65||

prasāde — wenn man die grundlose Barmherzigkeit des Herrn erlangt hat; sarva — aller; duḥkhānām — materieller Leiden; hāniḥ — Zerstörung; asya — seine; upajāyate — findet statt; prasanna-cetasaḥ — des im Geiste Glücklichen; hi — gewiß; āśu — sehr bald; buddhiḥ — Intelligenz; pari — ausreichend; avatiṣṭhate — wird gefestigt.


Für jemanden, der auf diese Weise [im Kṛṣṇa-Bewußtsein] zufrieden ist, existieren die dreifachen Leiden des materiellen Daseins nicht mehr; in einem solch zufriedenen Zustand wird seine Intelligenz sehr bald gefestigt.

||2-66||

नास्ति बुद्धिरयुक्तस्य न चायुक्तस्य भावना | न चाभावयतः शान्तिरशान्तस्य कुतः सुखम् ||२-६६||

nāsti buddhirayuktasya na cāyuktasya bhāvanā . na cābhāvayataḥ śāntiraśāntasya kutaḥ sukham ||2-66||

na asti — es kann nicht geben; buddhiḥ — transzendentale Intelligenz; ayuktasya — von jemandem, der nicht verbunden ist (mit Kṛṣṇa- Bewußtsein); na — nicht; ca — und; ayuktasya — von jemandem, der kein Kṛṣṇa-Bewußtsein hat; bhāvanā — (in Glück) gefestigter Geist; na — nicht; ca — und; abhāvayataḥ — von jemandem, der nicht gefestigt ist; śāntiḥ — Friede; aśāntasya — desjenigen, der keinen Frieden hat; kutaḥ — wo ist; sukham — Glück.


Wer nicht mit dem Höchsten [im Kṛṣṇa-Bewußtsein] verbunden ist, kann weder transzendentale Intelligenz noch einen gefestigten Geist haben, ohne die keine Möglichkeit zum Frieden besteht. Und wie kann es Glück ohne Frieden geben?


Solange man nicht Kṛṣṇa-bewußt ist, besteht keine Möglichkeit, Frieden zu finden. Im Fünften Kapitel (5.29) wird bestätigt, daß man nur dann wirklichen Frieden finden kann, wenn man versteht, daß Kṛṣṇa der einzige Genießer aller guten Ergebnisse von Opfern und Entsagung, der Eigentümer aller universalen Manifestationen und der wirkliche Freund aller Lebewesen ist. Wenn man also nicht Kṛṣṇa-bewußt ist, kann es für den Geist kein endgültiges Ziel geben. Störung ist auf das Fehlen eines endgültigen Ziels zurückzuführen, und wenn man überzeugt ist, daß Kṛṣṇa der Genießer, Eigentümer und Freund aller Wesen und aller Dinge ist, kann man mit stetigem Geist Frieden finden. Daher ist es jemandem, der seine Beziehung zu Kṛṣṇa außer acht läßt, zweifelsohne bestimmt, immerzu zu leiden und keinen Frieden zu finden, mag er auch noch so bemüht sein, Frieden und spirituellen Fortschritt zur Schau zu stellen. Kṛṣṇa-Bewußtsein ist in sich selbst ein friedvoller Zustand, der nur in Beziehung zu Kṛṣṇa erreicht werden kann.

||2-67||

इन्द्रियाणां हि चरतां यन्मनोऽनुविधीयते | तदस्य हरति प्रज्ञां वायुर्नावमिवाम्भसि ||२-६७||

indriyāṇāṃ hi caratāṃ yanmano.anuvidhīyate . tadasya harati prajñāṃ vāyurnāvamivāmbhasi ||2-67||

indriyāṇām — der Sinne; hi — gewiß; caratām — während sie zerren; yat — mit dem; manaḥ — der Geist; anuvidhīyate — wird ständig beschäftigt; tat — dies; asya — seine; harati — trägt fort; prajñām — Intelligenz; vāyuḥ — Wind; nāvam — ein Boot; iva — wie; ambhasi — auf dem Wasser.


Gleich einem Boot auf dem Wasser, das von einem Sturm weggerissen wird, kann schon einer der ungezügelten Sinne, auf den sich der Geist richtet, die Intelligenz des Menschen forttragen.


Solange nicht alle Sinne im Dienst des Herrn beschäftigt sind, kann schon ein einziger von ihnen, der nach eigener Befriedigung trachtet, den Gottgeweihten vom Pfad des transzendentalen Fortschritts abbringen. Wie am Leben Mahārāja Ambarīṣas deutlich wurde, müssen alle Sinne im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt sein, denn das ist die richtige Methode, den Geist zu beherrschen.

||2-68||

तस्माद्यस्य महाबाहो निगृहीतानि सर्वशः | इन्द्रियाणीन्द्रियार्थेभ्यस्तस्य प्रज्ञा प्रतिष्ठिता ||२-६८||

tasmādyasya mahābāho nigṛhītāni sarvaśaḥ . indriyāṇīndriyārthebhyastasya prajñā pratiṣṭhitā ||2-68||

tasmāt — deshalb; yasya — wessen; mahā-bāho — o Starkarmiger; nigṛhītāni — so bezwungen; sarvaśaḥ — alle zusammen; indriyāṇi — die Sinne; indriya-arthebhyaḥ — von den Sinnesobjekten; tasya — seine; prajñā — Intelligenz; pratiṣṭhitā — gefestigt.


Daher, o Starkarmiger, verfügt jemand, dessen Sinne von den Sinnesobjekten zurückgezogen sind, zweifelsohne über gefestigte Intelligenz.


Man kann die Dränge der Sinnenbefriedigung nur mit Hilfe des Kṛṣṇa-Bewußtseins bezwingen, das heißt nur dann, wenn man alle Sinne in den transzendentalen liebenden Dienst des Herrn stellt. So wie Feinde nur durch überlegene Stärke bezwungen werden können, so können auch die Sinne bezwungen werden, aber nicht durch menschliche Bemühung, sondern nur, indem man sie ständig im Dienst des Herrn beschäftigt. Wer dies verstanden hat, daß man nämlich nur durch Kṛṣṇa-Bewußtsein auf der Ebene der Intelligenz wirklich gefestigt sein kann und daß man diese Kunst unter der Führung eines echten spirituellen Meisters erlernen sollte, wird als sādhaka (ein geeigneter Anwärter für Befreiung) bezeichnet.

||2-69||

या निशा सर्वभूतानां तस्यां जागर्ति संयमी | यस्यां जाग्रति भूतानि सा निशा पश्यतो मुनेः ||२-६९||

yā niśā sarvabhūtānāṃ tasyāṃ jāgarti saṃyamī . yasyāṃ jāgrati bhūtāni sā niśā paśyato muneḥ ||2-69||

yā — was; niśā — Nacht ist; sarva — alle; bhūtānām — der Lebewesen; tasyām — in diesem; jāgarti — ist wach; saṁyamī — der Selbstbeherrschte; yasyām — in welchem; jāgrati — sind wach; bhūtāni — alle Wesen; sā — das ist; niśā — Nacht; paśyataḥ — für den nach innen gekehrten; muneḥ — Weisen.


Was Nacht ist für alle Wesen, ist die Zeit des Erwachens für den Selbstbeherrschten, und die Zeit des Erwachens für alle Wesen ist Nacht für den nach innen gekehrten Weisen.


Es gibt zwei Arten von intelligenten Menschen. Der eine ist intelligent, solange es um materielle Tätigkeiten für Sinnenbefriedigung geht, und der andere ist nach innen gekehrt und sich der Notwendigkeit bewußt, nach Selbstverwirklichung zu streben. Die Tätigkeiten des nach innen gekehrten Weisen, des nachdenklichen Menschen, sind Nacht für Menschen, die nur an materielle Dinge denken. Materialistische Menschen schlafen in ihrer Nacht, da sie nichts von Selbstverwirklichung wissen. Der nach innen gekehrte Weise bleibt in der „Nacht“ der materialistischen Menschen wach. Der Weise empfindet bei seinem allmählichen Fortschritt auf dem spirituellen Pfad transzendentale Freude, wohingegen jemand, der materialistischen Tätigkeiten nachgeht und seine Selbstverwirklichung verschläft, von Sinnenfreuden aller Art träumt und sich in diesem Schlafzustand manchmal glücklich und manchmal unglücklich fühlt. Der nach innen gekehrte Weise steht materialistischem Glück und Leid immer gleichgültig gegenüber. Er fährt fort mit seinen Tätigkeiten der Selbstverwirklichung, ohne sich von materiellen Reaktionen stören zu lassen.

||2-70||

आपूर्यमाणमचलप्रतिष्ठं समुद्रमापः प्रविशन्ति यद्वत् | तद्वत्कामा यं प्रविशन्ति सर्वे स शान्तिमाप्नोति न कामकामी ||२-७०||

āpūryamāṇamacalapratiṣṭhaṃ samudramāpaḥ praviśanti yadvat . tadvatkāmā yaṃ praviśanti sarve sa śāntimāpnoti na kāmakāmī ||2-70||

āpūryamāṇam — ständig gefüllt werdend; acala-pratiṣṭham — immer ausgeglichen; samudram — der Ozean; āpaḥ — Wasser; praviśanti — mündet; yadvat — wie; tadvat — so; kāmāḥ — Wünsche; yam — in den; praviśanti — münden; sarve — alle; saḥ — dieser Mensch; śāntim — Frieden; āpnoti — erreicht; na — nicht; kāma-kāmī — jemand, der den Wunsch hat, sich Wünsche zu erfüllen.


Nur wer durch die unaufhörliche Flut von Wünschen nicht gestört ist – die wie Flüsse in den Ozean münden, der ständig gefüllt wird, doch immer ausgeglichen bleibt –, kann Frieden erlangen, und nicht derjenige, der danach trachtet, solche Wünsche zu befriedigen.


Obwohl der weite Ozean immer voller Wasser ist, wird er, vor allem während der Regenzeit, mit noch mehr Wasser gefüllt. Aber der Ozean bleibt der gleiche – unbewegt; er wird nicht aufgewühlt, und er tritt nicht über seine Ufer. Das gleiche gilt auch für einen Menschen, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein gefestigt ist. Solange man den materiellen Körper hat, werden die Forderungen des Körpers nach Sinnenbefriedigung bestehen bleiben. Ein Gottgeweihter jedoch wird durch solche Wünsche nicht gestört, da er mit allem ausgestattet ist. Ein Kṛṣṇa- bewußter Mensch kennt keinen Mangel, denn der Herr sorgt für all seine materiellen Bedürfnisse. Daher ist er wie der Ozean – immer in sich selbst erfüllt. Wünsche mögen zu ihm kommen, so wie das Wasser der Flüsse, das in den Ozean strömt, doch er bleibt in seinen Tätigkeiten stetig und wird von Wünschen nach Sinnenbefriedigung nicht im geringsten gestört. Das ist der Beweis dafür, daß jemand Kṛṣṇa-bewußt ist: Er hat alle Neigungen zu materieller Sinnenbefriedigung verloren, obwohl die Wünsche vorhanden sind. Da er im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn zufrieden ist, kann er stetig bleiben wie der Ozean und daher vollständigen Frieden genießen. Andere jedoch, die Wünsche nach Befreiung haben, ganz zu schweigen von denen, die nach materiellem Erfolg streben, können niemals Frieden erlangen. Diejenigen, die fruchtbringenden Tätigkeiten nachgehen oder nach Erlösung streben, und auch die yogīs, die mystische Kräfte begehren, sind aufgrund ihrer unerfüllten Wünsche alle unglücklich. Der Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein hingegen ist im Dienst des Herrn glücklich, und er hat keine Wünsche, die zu erfüllen wären, ja er wünscht sich nicht einmal Befreiung aus der sogenannten materiellen Knechtschaft. Die Geweihten Kṛṣṇas haben keine materiellen Wünsche, und daher leben sie in vollkommenem Frieden.

||2-71||

विहाय कामान्यः सर्वान्पुमांश्चरति निःस्पृहः | निर्ममो निरहङ्कारः स शान्तिमधिगच्छति ||२-७१||

vihāya kāmānyaḥ sarvānpumāṃścarati niḥspṛhaḥ . nirmamo nirahaṅkāraḥ sa śāntimadhigacchati ||2-71||

vihāya — aufgebend; kāmān — materielle Wünsche nach Sinnenbefriedigung; yaḥ — derjenige, der; sarvān — alle; pumān — ein Mensch; carati — lebt; niḥspṛhaḥ — wunschlos; nirmamaḥ — ohne einen Anspruch auf Eigentum; nirahaṅkāraḥ — ohne falsches Ego; saḥ — er; śāntim — vollkommenen Frieden; adhigacchati — erreicht.


Jemand, der alle Wünsche nach Sinnenbefriedigung aufgegeben hat, der frei von Wünschen ist, der allen Anspruch auf Besitz aufgegeben hat und frei von falschem Ego ist – er allein kann wirklichen Frieden erlangen.


Wunschlos zu werden bedeutet, nichts für die Befriedigung der eigenen Sinne zu begehren. Mit anderen Worten, der Wunsch, Kṛṣṇa-bewußt zu werden, ist wahre Wunschlosigkeit. Seine eigentliche Stellung als ewiger Diener Kṛṣṇas zu verstehen, ohne sich irrtümlich für den materiellen Körper zu halten und ohne fälschlich auf irgend etwas in der Welt Besitzanspruch zu erheben, ist die vollkommene Stufe des Kṛṣṇa-Bewußtseins. Wer auf dieser vollkommenen Stufe verankert ist, weiß, daß Kṛṣṇa der Besitzer aller Dinge ist und daß daher alles verwendet werden muß, um Kṛṣṇa zufriedenzustellen. Arjuna wollte nicht für seine eigene Sinnenbefriedigung kämpfen, aber als er völlig Kṛṣṇa-bewußt wurde, kämpfte er, weil Kṛṣṇa es von ihm verlangte. Für sich selbst hatte er kein Verlangen zu kämpfen, aber für Kṛṣṇa kämpfte der gleiche Arjuna nach besten Kräften. Wahre Wunschlosigkeit bedeutet, die Zufriedenheit Kṛṣṇas zu wünschen, und nicht, künstlich zu versuchen, die Wünsche an sich zu vernichten. Das Lebewesen kann nicht frei von Wünschen oder frei von Sinnen sein, aber es muß die Eigenschaft seiner Wünsche ändern. Jemand, der keine materiellen Wünsche hat, weiß genau, daß alles Kṛṣṇa gehört (īśāvāsyam idaṁ sarvam), und erhebt daher nicht fälschlich auf irgend etwas Besitzanspruch. Dieses transzendentale Wissen gründet auf Selbsterkenntnis, nämlich der vollkommenen Einsicht, daß jedes Lebewesen seiner spirituellen Identität nach ein ewiges Teilchen Kṛṣṇas ist und daß daher das Lebewesen in seiner ewigen Stellung Kṛṣṇa niemals gleichkommen oder Ihn übertreffen kann. Dieses Verständnis vom Kṛṣṇa-Bewußtsein ist das grundlegende Prinzip wahren Friedens.

||2-72||

एषा ब्राह्मी स्थितिः पार्थ नैनां प्राप्य विमुह्यति | स्थित्वास्यामन्तकालेऽपि ब्रह्मनिर्वाणमृच्छति ||२-७२||

eṣā brāhmī sthitiḥ pārtha naināṃ prāpya vimuhyati . sthitvāsyāmantakāle.api brahmanirvāṇamṛcchati ||2-72||

eṣā — diese; brāhmī — spirituelle; sthitiḥ — Stellung; pārtha — o Sohn Pṛthās; na — nie; enām — dies; prāpya — erreichend; vimuhyati — man ist verwirrt; sthitvā — sich befindend; asyām — in diesem; anta-kāle — am Ende des Lebens; api — auch; brahma-nirvāṇam — das spirituelle Königreich Gottes; ṛcchati — man erreicht.


Das ist der Weg des spirituellen und gottgefälligen Lebens. Nachdem man es erreicht hat, ist man nicht mehr verwirrt. Ist man selbst zur Stunde des Todes in diesem Bewußtsein verankert, kann man in das Königreich Gottes eintreten.


Man kann die Ebene des Kṛṣṇa-Bewußtseins, des göttlichen Lebens, augenblicklich erlangen – innerhalb einer Sekunde – oder nicht einmal nach Millionen von Geburten. Es hängt nur davon ab, ob man es versteht und annimmt. Khaṭvāṅga Mahārāja erreichte diese Stufe des Lebens erst kurz vor seinem Tod, innerhalb weniger Minuten, indem er sich Kṛṣṇa ergab. Nirvāṇa bedeutet, das materielle Leben zu beenden. Der buddhistischen Philosophie gemäß gibt es nach Beendigung des materiellen Lebens nur Leere, aber die Bhagavad-gītā sagt etwas anderes. Nach Beendigung des materiellen Lebens beginnt erst das wirkliche Leben. Für den groben Materialisten genügt es zu wissen, daß man die materialistische Lebensweise beenden muß, doch diejenigen, die spirituell fortgeschritten sind, wissen, daß nach diesem materialistischen Leben ein anderes Leben beginnt. Wenn man vor Beendigung seines Lebens das Glück hat, Kṛṣṇa-bewußt zu werden, erreicht man sogleich die Stufe des brahma-nirvāṇa. Es besteht kein Unterschied zwischen dem Königreich Gottes und dem hingebungsvollen Dienst des Herrn. Da sich beide auf der absoluten Ebene befinden, hat man das spirituelle Königreich bereits erreicht, wenn man im transzendentalen liebenden Dienst des Herrn tätig ist. In der materiellen Welt führt man Tätigkeiten der Sinnenbefriedigung aus, wohingegen in der spirituellen Welt alle Tätigkeiten Kṛṣṇa-bewußt sind. Wenn man Kṛṣṇa-Bewußtsein erreicht, erreicht man sogleich das Brahman, und dies ist sogar im gegenwärtigen Leben möglich; wer im Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist, ist zweifellos bereits in das Königreich Gottes eingetreten.
Brahman ist genau das Gegenteil von Materie. Daher bedeutet brāhmī sthiti „nicht auf der Ebene materieller Tätigkeiten“. Die Bhagavad-gītā bestätigt, daß der hingebungsvolle Dienst des Herrn die Stufe der Befreiung darstellt (sa guṇān samatītyaitān brahma-bhūyāya kalpate). Folglich bedeutet brāhmī sthiti Befreiung aus der materiellen Knechtschaft.
Śrīla Bhaktivinoda Ṭhākura hat erklärt, daß das Zweite Kapitel der Bhagavad-gītā die Zusammenfassung des gesamten Textes ist. In der Bhagavad-gītā werden karma-yoga, jñāna-yoga und bhakti-yoga behandelt. Im Zweiten Kapitel sind karma-yoga und jñāna-yoga ausführlich besprochen worden, und als Zusammenfassung des gesamten Textes wurde auch bhakti-yoga kurz erwähnt.

Глава 3

Karma-yoga

||3-1||

अर्जुन उवाच | ज्यायसी चेत्कर्मणस्ते मता बुद्धिर्जनार्दन | तत्किं कर्मणि घोरे मां नियोजयसि केशव ||३-१||

arjuna uvāca . jyāyasī cetkarmaṇaste matā buddhirjanārdana . tatkiṃ karmaṇi ghore māṃ niyojayasi keśava ||3-1||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sprach; jyāyasī — besser; cet — wenn; karmaṇaḥ — als fruchtbringende Tätigkeit; te — von Dir; matā — wird gehalten für; buddhiḥ — Intelligenz; janārdana — o Kṛṣṇa; tat — deshalb; kim — warum; karmaṇi — in Handlung; ghore — schrecklich; mām — mich; niyojayasi — Du beschäftigst; keśava — o Kṛṣṇa.


Arjuna sprach: O Janārdana, o Keśava, warum willst Du, daß ich an diesem schrecklichen Kampf teilnehme, wenn Du glaubst, daß Intelligenz besser sei als fruchtbringende Tätigkeit?


Die Höchste Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa, hat im vorangegangenen Kapitel die Beschaffenheit der Seele sehr ausführlich beschrieben, um Seinen vertrauten Freund Arjuna aus dem Ozean materieller Klagen zu erretten. Als Pfad der Erkenntnis wurde buddhi-yoga, Kṛṣṇa-Bewußtsein, empfohlen. Manchmal herrscht die falsche Vorstellung, Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeute Untätigkeit, und oft zieht sich jemand, der einem solchen Irrtum unterliegt, an einen einsamen Ort zurück, um dort durch das Chanten von Śrī Kṛṣṇas Heiligem Namen völlig Kṛṣṇa- bewußt zu werden. Doch ohne in der Philosophie des Kṛṣṇa-Bewußtseins geschult zu sein, ist es nicht ratsam, den Heiligen Namen Kṛṣṇas an einem abgelegenen Ort zu chanten, wo man nichts weiter als die billige Bewunderung der unschuldigen Öffentlichkeit gewinnt. Auch Arjuna glaubte, Kṛṣṇa-Bewußtsein, buddhi-yoga, das heißt Intelligenz, um im spirituellen Wissen fortzuschreiten, bedeute, sich vom aktiven Leben zurückzuziehen, um sich an einem einsamen Ort Bußen und Entsagungen aufzuerlegen. Mit anderen Worten, er wollte geschickt den Kampf vermeiden, indem er Kṛṣṇa-Bewußtsein als Vorwand benutzte. Doch als ernsthafter Schüler brachte er die Angelegenheit vor seinen Meister, Kṛṣṇa, und fragte Ihn, wie er am besten handeln solle. Als Antwort erklärt Śrī Kṛṣṇa nun im Dritten Kapitel ausführlich, was karma-yoga, Arbeit im Kṛṣṇa-Bewußtsein, bedeutet.

||3-2||

व्यामिश्रेणेव वाक्येन बुद्धिं मोहयसीव मे | तदेकं वद निश्चित्य येन श्रेयोऽहमाप्नुयाम् ||३-२||

vyāmiśreṇeva vākyena buddhiṃ mohayasīva me . tadekaṃ vada niścitya yena śreyo.ahamāpnuyām ||3-2||

vyāmiśreṇa — durch zweideutige; iva — gewiß; vākyena — Worte; buddhim — Intelligenz; mohayasi — Du verwirrst; iva — gewiß; me — meine; tat — deshalb; ekam — nur eines; vada — bitte sage; niścitya — festlegend; yena — wodurch; śreyaḥ — wahrer Nutzen; aham — ich; āpnuyām — mag bekommen.


Meine Intelligenz ist durch Deine zweideutigen Unterweisungen verwirrt. Bitte sage mir deshalb eindeutig, was das Beste für mich ist.


Im vorherigen Kapitel wurden als Einleitung zur Bhagavad-gītā viele verschiedene Pfade erklärt, zum Beispiel sāṅkhya- yoga, buddhi-yoga, die Beherrschung der Sinne durch Intelligenz, Handeln ohne den Wunsch nach fruchttragenden Ergebnissen und auch die Stellung des Neulings. All dies wurde unsystematisch vorgetragen, und eine detailliertere Beschreibung der Pfade ist notwendig, um sie richtig zu verstehen und um danach handeln zu können. Arjuna wollte daher diese scheinbar verwirrenden Unterweisungen klären, damit es jedem, auch dem gewöhnlichen Menschen, möglich sein würde, sie ohne Fehlinterpretation anzunehmen. Obwohl Kṛṣṇa nicht beabsichtigte, Arjuna durch Wortspielereien zu verwirren, vermochte Arjuna dem Vorgang des Kṛṣṇa-Bewußtseins nicht zu folgen – weder durch Untätigkeit noch durch aktiven Dienst. Mit anderen Worten, durch seine Fragen erhellt er den Pfad des Kṛṣṇa-Bewußtseins für alle Schüler, die ernsthaft bemüht sind, das Mysterium der Bhagavad-gītā zu verstehen.

||3-3||

श्रीभगवानुवाच | लोकेऽस्मिन् द्विविधा निष्ठा पुरा प्रोक्ता मयानघ | ज्ञानयोगेन साङ्ख्यानां कर्मयोगेन योगिनाम् ||३-३||

śrībhagavānuvāca . loke.asmina dvividhā niṣṭhā purā proktā mayānagha . jñānayogena sāṅkhyānāṃ karmayogena yoginām ||3-3||

śrī-bhagavān uvāca — die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach; loke — in der Welt; asmin — dieser; dvi-vidhā — zwei Arten von; niṣṭhā — Glauben; purā — früher; proktā — wurde gesagt; mayā — von Mir; anagha — o Sündloser; jñāna-yogena — durch den Verbindungsvorgang des Wissens; sāṅkhyānām — der empirischen Philosophen; karma-yogena — durch den Verbindungsvorgang der Hingabe; yoginām — der Gottgeweihten.


Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: O sündloser Arjuna, Ich habe bereits erklärt, daß es zwei Gruppen von Menschen gibt, die versuchen, das Selbst zu erkennen. Einige neigen dazu, es durch empirische philosophische Spekulation zu verstehen, und andere durch hingebungsvollen Dienst.


Im Zweiten Kapitel, Vers 39, erklärte der Herr zwei verschiedene Vorgänge: sāṅkhya-yoga und karma-yoga, oder buddhi- yoga. Im vorliegenden Vers nun erklärt der Herr das gleiche deutlicher. Mit sāṅkhya-yoga, dem analytischen Studium der spirituellen und materiellen Natur, befassen sich solche Menschen, die zu Spekulation neigen und die versuchen, alles durch experimentelles Wissen und Philosophie zu verstehen. Die zweite Gruppe betätigt sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein, wie in Vers 61 des Zweiten Kapitels erklärt wird. In Vers 39 hat der Herr ebenfalls erklärt, daß man von den Fesseln des Handelns befreit werden kann, wenn man nach den Grundsätzen des Kṛṣṇa-Bewußtseins (buddhi-yoga) lebt; außerdem erklärte Er, daß dieser Vorgang frei von Mängeln ist. Das gleiche Prinzip wird in Vers 61 weiter erklärt, wo es heißt, daß buddhi-yoga bedeutet, vollständig vom Höchsten (oder, genauer gesagt, von Kṛṣṇa) abhängig zu sein, und daß auf diese Weise alle Sinne sehr leicht unter Kontrolle gebracht werden können. Daher sind beide Formen von yoga, genau wie Religion und Philosophie, voneinander abhängig. Religion ohne Philosophie ist Sentimentalität und zuweilen sogar Fanatismus, wohingegen Philosophie ohne Religion nichts weiter als mentale Spekulation ist. Das endgültige Ziel ist Kṛṣṇa, denn auch die Philosophen, die ernsthaft nach der Absoluten Wahrheit suchen, kommen letztlich zum Kṛṣṇa-Bewußtsein. Auch dies wird in der Bhagavad-gītā bestätigt. Der ganze Vorgang besteht darin, die wirkliche Stellung des Selbst in Beziehung zum Überselbst zu verstehen. Der indirekte Vorgang, der Vorgang der philosophischen Spekulation, kann einen allmählich zum Punkt des Kṛṣṇa-Bewußtseins führen, und der andere Vorgang besteht darin, alles direkt mit Kṛṣṇa im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu verbinden. Von diesen beiden ist der Pfad des Kṛṣṇa-Bewußtseins der bessere, weil er nicht davon abhängt, die Sinne durch einen philosophischen Vorgang zu läutern. Kṛṣṇa-Bewußtsein selbst ist der Läuterungsvorgang, und durch die direkte Methode des hingebungsvollen Dienstes ist er einfach und erhaben zugleich.

||3-4||

न कर्मणामनारम्भान्नैष्कर्म्यं पुरुषोऽश्नुते | न च संन्यसनादेव सिद्धिं समधिगच्छति ||३-४||

na karmaṇāmanārambhānnaiṣkarmyaṃ puruṣo.aśnute . na ca saṃnyasanādeva siddhiṃ samadhigacchati ||3-4||

na — nicht; karmaṇām — vorgeschriebener Pflichten; anārambhāt — durch Nichtausführung; naiṣkarmyam — Freiheit von Reaktionen; puruṣaḥ — ein Mensch; aśnute — erreicht; na — nicht; ca — auch; sannyasanāt — durch Entsagung; eva — einfach; siddhim — Erfolg; samadhigacchati — erlangt.


Man kann nicht einfach dadurch, daß man sich von Arbeit zurückzieht, Freiheit von Reaktionen erlangen, ebenso wie man durch Entsagung allein keine Vollkommenheit erreichen kann.


Man kann den Lebensstand der Entsagung erst dann annehmen, wenn man durch die Ausführung der vorgeschriebenen Pflichten, deren einziges Ziel darin besteht, das Herz der materialistischen Menschen von allen Unreinheiten zu befreien, geläutert worden ist. Man wird keinen Erfolg haben, wenn man, ohne geläutert zu sein, unvermittelt in die vierte Stufe des Lebens (sannyāsa) tritt. Nach Meinung der empirischen Philosophen wird man dadurch, daß man einfach sannyāsa annimmt und sich von fruchtbringenden Tätigkeiten zurückzieht, sogleich so gut wie Nārāyaṇa. Śrī Kṛṣṇa jedoch stimmt dieser Auffassung nicht zu. Ohne Läuterung des Herzens ist sannyāsa nur eine Störung für die soziale Ordnung. Wenn sich andererseits jemand dem transzendentalen Dienst des Herrn (buddhi-yoga) zuwendet, wird jeder Fortschritt, den er auf diesem Pfad macht, vom Herrn anerkannt, selbst wenn er seine vorgeschriebenen Pflichten nicht erfüllt. Sv-alpam apy asya dharmasya trāyate mahato bhayāt: Selbst wenn man diesem Prinzip nur in geringem Maße nachkommt, wird man befähigt, große Schwierigkeiten zu überwinden.

||3-5||

न हि कश्चित्क्षणमपि जातु तिष्ठत्यकर्मकृत् | कार्यते ह्यवशः कर्म सर्वः प्रकृतिजैर्गुणैः ||३-५||

na hi kaścitkṣaṇamapi jātu tiṣṭhatyakarmakṛt . kāryate hyavaśaḥ karma sarvaḥ prakṛtijairguṇaiḥ ||3-5||

na — und nicht; hi — gewiß; kaścit — jemand; kṣaṇam — einen Augenblick; api — auch; jātu — zu irgendeiner Zeit; tiṣṭhati — bleibt; akarma-kṛt — ohne etwas zu tun; kāryate — ist gezwungen zu tun; hi — gewiß; avaśaḥ — hilflos; karma — Tätigkeit; sarvaḥ — alle; prakṛti-jaiḥ — aus den Erscheinungsweisen der materiellen Natur geboren; guṇaiḥ — durch die Eigenschaften.


Jeder ist gezwungen, hilflos nach den Drängen zu handeln, die von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur hervorgerufen werden; deshalb kann niemand auch nur für einen Augenblick aufhören, etwas zu tun.


Das Lebewesen ist nicht nur im verkörperten Leben aktiv; vielmehr ist es das Wesen der Seele, immer aktiv zu sein. Ohne die Gegenwart der spirituellen Seele kann sich der materielle Körper nicht bewegen. Der Körper ist nur ein totes Fahrzeug, das von der spirituellen Seele bewegt werden muß, die immer aktiv ist und nicht einmal für einen Augenblick untätig sein kann. Infolgedessen muß die spirituelle Seele mit den positiven Tätigkeiten des Kṛṣṇa-Bewußtseins beschäftigt werden; andernfalls wird sie Tätigkeiten nachgehen, die ihr die illusionierende Energie diktiert. In Berührung mit der materiellen Energie nimmt die spirituelle Seele materielle Erscheinungsweisen an, und um die Seele von diesen Verbindungen zu reinigen, ist es notwendig, die in den śāstras niedergelegten vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen. Wenn sich die Seele jedoch in ihrer natürlichen Funktion des Kṛṣṇa-Bewußtseins betätigt, ist alles, was sie tut, gut für sie. Dies wird im Śrīmad-Bhāgavatam (1.5.17) wie folgt bestätigt:
tyaktvā sva-dharmaṁ caraṇāmbujaṁ harer
bhajann apakvo ’tha patet tato yadi
yatra kva vābhadram abhūd amuṣya kiṁ
ko vārtha āpto ’bhajatāṁ sva-dharmataḥ
„Wenn sich jemand dem Kṛṣṇa-Bewußtsein zuwendet, entsteht für ihn niemals ein Verlust oder Nachteil – selbst wenn er den vorgeschriebenen Pflichten, die in den śāstras niedergelegt sind, nicht folgt oder seinen hingebungsvollen Dienst nicht richtig ausführt oder sogar von seiner Stufe herabfällt. Doch was nützt es ihm, wenn er zwar alle in den śāstras angegebenen Vorschriften zur Läuterung befolgt, aber nicht Kṛṣṇa-bewußt ist?“
Der Läuterungsvorgang ist also notwendig, um die Stufe des Kṛṣṇa- Bewußtseins zu erreichen. Daher ist sannyāsa wie jeder andere Läuterungsvorgang dafür bestimmt, dem Menschen zu helfen, das endgültige Ziel zu erreichen, nämlich Kṛṣṇa-bewußt zu werden; andernfalls ist das ganze Leben ein Fehlschlag.

||3-6||

कर्मेन्द्रियाणि संयम्य य आस्ते मनसा स्मरन् | इन्द्रियार्थान्विमूढात्मा मिथ्याचारः स उच्यते ||३-६||

karmendriyāṇi saṃyamya ya āste manasā smaran . indriyārthānvimūḍhātmā mithyācāraḥ sa ucyate ||3-6||

karma-indriyāṇi — die fünf Arbeitssinne; saṁyamya — beherrschend; yaḥ — jeder, der; āste — bleibt; manasā — mit dem Geist; smaran — denkt an; indriya-arthān — Objekte der Sinne; vimūḍha — törichte; ātmā — Seele; mithyā-ācāraḥ — Heuchler; saḥ — er; ucyate — wird genannt.


Wer seine aktiven Sinne zurückhält, aber in Gedanken bei den Sinnesobjekten weilt, betrügt sich gewiß selbst und ist ein Heuchler.


Es gibt viele Heuchler, die es ablehnen, im Kṛṣṇa- Bewußtsein tätig zu sein, gleichzeitig aber vorgeben zu meditieren, während sie im Innern nur an Sinnengenuß denken. Solche Heuchler können auch über trockene Philosophie sprechen, um ihre intellektuellen Anhänger zu beeindrucken; doch nach der Aussage dieses Verses sind sie die größten Betrüger. Wer bloß an Sinnengenuß interessiert ist, sollte einfach eine Beschäftigung innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung ausführen; und wenn er dabei den Regeln und Regulierungen seines Standes folgt, macht er allmählichen Fortschritt in der Läuterung seiner Existenz. Wer jedoch vorgibt, ein yogī zu sein, während er in Wirklichkeit nach Objekten der Sinnenbefriedigung Ausschau hält, muß als der größte Betrüger bezeichnet werden, auch wenn er manchmal über Philosophie spricht. Sein Wissen hat keinen Wert, weil die illusionierende Energie dem Wissen eines solch sündhaften Menschen alle Wirkung nimmt. Der Geist eines solchen Heuchlers ist immer unrein, und daher hat seine Zurschaustellung von yoga und Meditation nicht den geringsten Wert.

||3-7||

यस्त्विन्द्रियाणि मनसा नियम्यारभतेऽर्जुन | कर्मेन्द्रियैः कर्मयोगमसक्तः स विशिष्यते ||३-७||

yastvindriyāṇi manasā niyamyārabhate.arjuna . karmendriyaiḥ karmayogamasaktaḥ sa viśiṣyate ||3-7||

yaḥ — jemand, der; tu — aber; indriyāṇi — die Sinne; manasā — durch den Geist; niyamya — regulierend; ārabhate — beginnt; arjuna — o Arjuna; karma-indriyaiḥ — durch die aktiven Sinne; karma-yogam — Hingabe; asaktaḥ — ohne Anhaftung; saḥ — er; viśiṣyate — ist bei weitem der bessere.


Dagegen ist derjenige, der aufrichtig versucht, seine aktiven Sinne durch den Geist zu beherrschen, und der ohne Anhaftung karma-yoga [im Kṛṣṇa-Bewußtsein] auszuführen beginnt, weitaus höher einzustufen.


Anstatt ein Pseudo-Transzendentalist zu werden und nach einem ausschweifenden Leben des Sinnengenusses zu trachten, ist es weitaus besser, in seinem jeweiligen Aufgabenbereich zu bleiben und den Sinn des Lebens zu erfüllen, der darin besteht, aus der materiellen Knechtschaft frei zu werden und in das Königreich Gottes zu gelangen. Das höchste svārtha-gati (Ziel des Selbstinteresses) besteht darin, Viṣṇu zu erreichen. Die gesamte Einrichtung des varṇa und āśrama ist so angelegt, daß sie uns hilft, dieses Lebensziel zu erreichen. Auch ein Haushälter kann dieses Ziel durch geregelten Dienst im Kṛṣṇa-Bewußtsein erreichen. Um Selbstverwirklichung zu erreichen, sollte man ein gezügeltes Leben führen, so wie es in den śāstras vorgeschrieben wird, und fortfahren, seiner Beschäftigung ohne Anhaftung nachzugehen, um auf diese Weise Fortschritte zu machen. Ein aufrichtiger Mensch, der dieser Methode folgt, ist weitaus besser als ein falscher Heuchler, der fadenscheinigen Spiritualismus zur Schau stellt, um die unschuldige Öffentlichkeit zu betrügen. Ein ehrlicher Straßenfeger ist weitaus besser als ein Scharlatan, der nur meditiert, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

||3-8||

नियतं कुरु कर्म त्वं कर्म ज्यायो ह्यकर्मणः | शरीरयात्रापि च ते न प्रसिद्ध्येदकर्मणः ||३-८||

niyataṃ kuru karma tvaṃ karma jyāyo hyakarmaṇaḥ . śarīrayātrāpi ca te na prasiddhyedakarmaṇaḥ ||3-8||

niyatam — vorgeschriebene; kuru — führe aus; karma — Pflichten; tvam — du; karma — Tätigkeit; jyāyaḥ — besser; hi — gewiß; akarmaṇaḥ — als keine Tätigkeit; śarīra — körperliche; yātrā — Erhaltung; api — sogar; ca — auch; te — deine; na — niemals; prasidhyet — wird bewirkt; akarmaṇaḥ — ohne Arbeit.


Erfülle deine vorgeschriebene Pflicht, denn dies zu tun ist besser, als untätig zu sein. Ohne Arbeit kann man nicht einmal seinen physischen Körper erhalten.


Es gibt viele Pseudo-Meditierende, die vorgeben, von einer hohen Familie abzustammen, und viele angesehene Berufsspiritualisten, die den Anschein erwecken wollen, alles für den Fortschritt im religiösen Leben geopfert zu haben. Śrī Kṛṣṇa wollte nicht, daß Arjuna zum Heuchler wurde, sondern daß er seine vorgeschriebenen Pflichten so erfüllte, wie sie für kṣatriyas festgelegt sind. Arjuna war Haushälter und ein großer Heerführer, und deshalb war es für ihn besser, in dieser Stellung zu bleiben und seine religiösen Pflichten zu erfüllen, wie sie einem Haushälter-kṣatriya vorgeschrieben sind. Solche Tätigkeiten läutern allmählich das Herz eines weltlichen Menschen und befreien ihn von materieller Verunreinigung. Sogenannte Entsagung – mit dem Ziel, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen – wird weder vom Herrn noch von irgendeiner religiösen Schrift gebilligt. Schließlich muß man irgendeiner Arbeit nachgehen, allein schon um Körper und Seele zusammenzuhalten. Man sollte seine Arbeit nicht launenhaft aufgeben, ohne von materialistischen Neigungen geläutert zu sein. Jeder, der sich in der materiellen Welt befindet, hat mit Sicherheit die unreine Neigung, die materielle Natur zu beherrschen, das heißt, nach Sinnenbefriedigung zu streben. Diese unreinen Neigungen müssen geläutert werden, und zwar durch die Erfüllung der vorgeschriebenen Pflichten. Wer dies vesäumt, sollte nicht versuchen, ein Transzendentalist zu werden und seiner Arbeit zu entsagen, nur um auf Kosten anderer zu leben.

||3-9||

यज्ञार्थात्कर्मणोऽन्यत्र लोकोऽयं कर्मबन्धनः | तदर्थं कर्म कौन्तेय मुक्तसङ्गः समाचर ||३-९||

yajñārthātkarmaṇo.anyatra loko.ayaṃ karmabandhanaḥ . tadarthaṃ karma kaunteya muktasaṅgaḥ samācara ||3-9||

yajña-arthāt — nur für Yajña (Viṣṇu) ausgeführt; karmaṇaḥ — als Arbeit; anyatra — sonst; lokaḥ — Welt; ayam — diese; karma-bandhanaḥ — Bindung durch Arbeit; tat — von Ihm; artham — für den Nutzen; karma — Tätigkeit; kaunteya — o Sohn Kuntīs; mukta-saṅgaḥ — befreit von der Gemeinschaft; samācara — führe vollkommen aus.


Man muß seine Arbeit Viṣṇu als Opfer darbringen, denn sonst wird man durch sie an die materielle Welt gebunden. O Sohn Kuntīs, erfülle daher deine vorgeschriebenen Pflichten zu Seiner Zufriedenstellung; auf diese Weise wirst du immer frei von Bindung bleiben.


Weil man sogar für die bloße Erhaltung des Körpers arbeiten muß, sind die Pflichten, die dem Menschen entsprechend seiner gesellschaftlichen Stellung und seinen Eigenschaften vorgeschrieben sind, so eingerichtet, daß sie diesen Zweck erfüllen. Das Wort yajña bezieht sich sowohl auf Śrī Viṣṇu als auch auf Opferdarbringungen, da alle Arten von Opfern dafür bestimmt sind, Śrī Viṣṇu zufriedenzustellen. Die Veden schreiben vor: yajño vai viṣṇuḥ. Mit anderen Worten, ob man die vorgeschriebenen yajñas ausführt oder direkt Śrī Viṣṇu dient – es wird der gleiche Zweck erfüllt. Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet daher die Ausführung von yajñas, so wie es im vorliegenden Vers gefordert wird. Die Einrichtung des varṇāśrama hat ebenfalls das Ziel, Śrī Viṣṇu zufriedenzustellen: varṇāśramācāravatā puruṣeṇa paraḥ pumān viṣṇur ārādhyate (Viṣṇu Purāṇa 3.8.8).
Aus diesem Grund muß man für die Zufriedenstellung Viṣṇus arbeiten. Jede andere Arbeit, die man in der materiellen Welt verrichtet, ist die Ursache von Knechtschaft, denn sowohl gute als auch schlechte Werke haben ihre Reaktionen, und jede Reaktion bindet den Handelnden. Deshalb muß man im Kṛṣṇa-Bewußtsein handeln, um Kṛṣṇa bzw. Viṣṇu zufriedenzustellen, und während man solchen Tätigkeiten nachgeht, befindet man sich auf der Stufe der Befreiung. Das ist die große Kunst des Handelns, und am Anfang erfordert dieser Vorgang sehr kundige Führung. Daher sollte man sehr besonnen handeln, und zwar unter der Führung eines Geweihten Śrī Kṛṣṇas oder direkt nach den Unterweisungen Śrī Kṛṣṇas (wie dies bei Arjuna der Fall war). Man sollte seine Tätigkeiten niemals für Sinnenbefriedigung ausführen, sondern nur für die Zufriedenstellung Kṛṣṇas. Diese Handlungsweise wird einen nicht nur vor den Reaktionen bewahren, die auf die eigenen Handlungen folgen, sondern wird einen auch allmählich auf die Ebene transzendentalen liebevollen Dienstes für den Herrn erheben, durch den allein man befähigt wird, in das Königreich Gottes erhoben zu werden.

||3-10||

सहयज्ञाः प्रजाः सृष्ट्वा पुरोवाच प्रजापतिः | अनेन प्रसविष्यध्वमेष वोऽस्त्विष्टकामधुक् ||३-१०||

sahayajñāḥ prajāḥ sṛṣṭvā purovāca prajāpatiḥ . anena prasaviṣyadhvameṣa vo.astviṣṭakāmadhuk ||3-10||

saha — zusammen mit; yajñāḥ — Opfern; prajāḥ — Generationen; sṛṣṭvā — schöpfend; purā — einst; uvāca — sprach; prajā-patiḥ — der Herr der Geschöpfe; anena — dadurch; prasaviṣyadhvam — werdet immer wohlhabender; eṣaḥ — dieser; vaḥ — euer; astu — möge sein; iṣṭa — aller wünschenswerten Dinge; kāma-dhuk — derjenige, der gewährt.


Am Anfang der Schöpfung brachte der Herr aller Geschöpfe Generationen von Menschen und Halbgöttern hervor, zusammen mit Opfern für Viṣṇu, und segnete sie, indem er sprach: „Möget ihr durch diesen yajña [Opfer] glücklich werden, denn seine Durchführung wird euch alles gewähren, was wünschenswert ist, um glücklich zu leben und Befreiung zu erlangen.“


Der Herr aller Geschöpfe (Viṣṇu) bietet den bedingten Seelen durch die materielle Schöpfung eine Möglichkeit, nach Hause, zu Gott, zurückzukehren. Alle Lebewesen in der materiellen Schöpfung sind durch die materielle Natur bedingt, weil sie ihre Beziehung zu Viṣṇu, oder Kṛṣṇa, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, vergessen haben. Die vedischen Prinzipien sollen uns helfen, diese ewige Beziehung zu verstehen, wie dies auch in der Bhagavad-gītā beschrieben wird: vedaiś ca sarvair aham eva vedyaḥ. Der Herr sagt, daß es der Zweck der Veden ist, Ihn zu verstehen. In den vedischen Hymnen heißt es: patiṁ viśvasyātmeśvaram. Dieser Vers bestätigt, daß der Herr der Lebewesen die Höchste Persönlichkeit Gottes, Viṣṇu, ist. Auch im Śrīmad-Bhāgavatam (2.4.20) beschreibt Śrīla Śukadeva Gosvāmī den Herrn auf verschiedene Weise als pati:
śriyaḥ patir yajña-patiḥ prajā-patir
dhiyāṁ patir loka-patir dharā-patiḥ
patir gatiś cāndhaka-vṛṣṇi-sātvatāṁ
prasīdatāṁ me bhagavān satāṁ patiḥ
Śrī Viṣṇu ist der prajā-pati, und Er ist der Herr aller lebenden Geschöpfe, der Herr aller Welten, der Herr aller Schönheit und der Beschützer eines jeden. Der Herr erschuf die materielle Welt, damit die bedingten Seelen lernen können, wie man yajñas (Opfer) für die Zufriedenstellung Viṣṇus darbringt, so daß ihr Leben, solange sie sich in der materiellen Welt befinden, angenehm und frei von Sorgen ist und sie nach dem Verlassen des gegenwärtigen materiellen Körpers in das Königreich Gottes gelangen können. Das ist der Plan des Herrn für die bedingte Seele. Durch die Darbringung von yajñas werden die bedingten Seelen allmählich Kṛṣṇa-bewußt und nehmen so in jeder Hinsicht göttliche Eigenschaften an. Für das jetzige Zeitalter des Kali wird von den vedischen Schriften der saṅkīrtana-yajña (das Chanten der Namen Gottes) empfohlen, und Śrī Caitanya hat diesen transzendentalen Vorgang eingeführt, um so alle Menschen in unserem Zeitalter zu befreien. Saṅkīrtana-yajña und Kṛṣṇa-Bewußtsein lassen sich gut miteinander vereinbaren. Śrī Kṛṣṇa in Seiner hingebungsvollen Form (als Śrī Caitanya) wird im Śrīmad-Bhāgavatam (11.5.32) mit einem besonderen Hinweis auf den saṅkīrtana-yajña erwähnt. Es heißt dort:
kṛṣṇa-varṇaṁ tviṣākṛṣṇaṁ
sāṅgopāṅgāstra-pārṣadam
yajñaiḥ saṅkīrtana-prāyair
yajanti hi su-medhasaḥ
„Im Zeitalter des Kali werden die Menschen, die mit genügend Intelligenz ausgestattet sind, den Herrn, der von Seinen Gefährten begleitet wird, durch die Ausführung des saṅkīrtana-yajña verehren.“
Andere in den vedischen Schriften vorgeschriebene yajñas sind in diesem Zeitalter des Kali nicht so leicht durchzuführen, doch der saṅkīrtana-yajña ist in jeder Hinsicht einfach und erhaben, und er wird auch in der Bhagavad-gītā (9.14) empfohlen.

||3-11||

देवान्भावयतानेन ते देवा भावयन्तु वः | परस्परं भावयन्तः श्रेयः परमवाप्स्यथ ||३-११||

devānbhāvayatānena te devā bhāvayantu vaḥ . parasparaṃ bhāvayantaḥ śreyaḥ paramavāpsyatha ||3-11||

devān — Halbgötter; bhāvayatā — erfreut habend; anena — durch dieses Opfer; te — diejenigen; devāḥ — Halbgötter; bhāvayantu — werden erfreuen; vaḥ — euch; parasparam — gegenseitig; bhāvayantaḥ — sich gegenseitig erfreuend; śreyaḥ — Segnung; param — die höchste; avāpsyatha — ihr werdet erlangen.


Wenn die Halbgötter durch Opfer zufriedengestellt sind, werden sie auch euch erfreuen, und wenn auf diese Weise die Menschen mit den Halbgöttern zusammenarbeiten, wird Wohlstand für alle herrschen.


Die Halbgötter sind bevollmächtigte Verwalter, die für materielle Angelegenheiten verantwortlich sind. Die Versorgung mit Luft, Licht, Wasser und allen anderen Segnungen, die für die Erhaltung des Körpers und der Seele eines jeden Lebewesens notwendig sind, ist den unzähligen Halbgöttern anvertraut, die Helfer in verschiedenen Teilen des Körpers der Höchsten Persönlichkeit Gottes sind. Ihr Wohlgefallen und ihr Mißfallen hängen davon ab, ob die Menschen yajñas durchführen. Einige der yajñas sind dafür gedacht, bestimmte Halbgötter zufriedenzustellen, aber selbst wenn dies der Fall ist, wird Śrī Viṣṇu dennoch in allen yajñas als der höchste Nutznießer verehrt. In der Bhagavad-gītā wird ebenfalls gesagt, daß Kṛṣṇa Selbst der Nutznießer aller yajñas ist: bhoktāraṁ yajña-tapasām. Deshalb ist die letztliche Zufriedenstellung des yajña-pati der Hauptzweck aller yajñas. Wenn diese yajñas richtig ausgeführt werden, sind die Halbgötter, die für die verschiedenen Abteilungen der Versorgung verantwortlich sind, erfreut, und so herrscht keine Knappheit in der Versorgung mit Naturprodukten.
Die Ausführung von yajñas hat viele Nebenvorteile, die letztlich zur Befreiung aus der materiellen Knechtschaft führen. Wie es in den Veden heißt, werden durch die Ausführung von yajñas alle Tätigkeiten geläutert: āhāra-śuddhau sattva-śuddhiḥ sattva-śuddhau dhruvā smṛtiḥ smṛti-lambhe sarva-granthīnāṁ vipramokṣaḥ. Durch die Ausführung von yajñas werden die Speisen geheiligt, und wenn man geheiligte Speisen zu sich nimmt, läutert man sein gesamtes Dasein; durch die Läuterung des Daseins werden die feineren Gewebe des Erinnerungsvermögens geheiligt, und wenn das Gedächtnis geheiligt ist, kann man an den Pfad der Befreiung denken, und all dies zusammen führt zu Kṛṣṇa-Bewußtsein, der großen Notwendigkeit für die heutige Gesellschaft.

||3-12||

इष्टान्भोगान्हि वो देवा दास्यन्ते यज्ञभाविताः | तैर्दत्तानप्रदायैभ्यो यो भुङ्क्ते स्तेन एव सः ||३-१२||

iṣṭānbhogānhi vo devā dāsyante yajñabhāvitāḥ . tairdattānapradāyaibhyo yo bhuṅkte stena eva saḥ ||3-12||

iṣṭān — gewünschte; bhogān — Notwendigkeiten des Lebens; hi — gewiß; vaḥ — euch; devāḥ — die Halbgötter; dāsyante — werden gewähren; yajña-bhāvitāḥ — durch Opferdarbringungen zufriedengestellt; taiḥ — von ihnen; dattān — gegebene Dinge; apradāya — ohne sie zu opfern; ebhyaḥ — diesen Halbgöttern; yaḥ — jemand, der; bhuṅkte — genießt; stenaḥ — Dieb; eva — gewiß; saḥ — er.


Die Halbgötter, die für die verschiedenen Notwendigkeiten des Lebens verantwortlich sind, werden euch mit allem versorgen, was ihr braucht, wenn sie durch yajña [Opfer] zufriedengestellt werden. Wer jedoch diese Gaben genießt, ohne sie zuvor den Halbgöttern als Opfer darzubringen, ist gewiß ein Dieb.


Die Halbgötter sind bevollmächtigte Vertreter der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Viṣṇu, die für die Versorgung aller Lebewesen im Universum zuständig sind. Deshalb müssen sie durch die Darbringung der vorgeschriebenen yajñas zufriedengestellt werden. In den Veden werden verschiedene yajñas für die verschiedenen Halbgötter vorgeschrieben, doch all diese Opfer werden letztlich der Höchsten Persönlichkeit Gottes dargebracht. Demjenigen, der nicht verstehen kann, was die Persönlichkeit Gottes ist, werden Opfer zu den Halbgöttern empfohlen. Entsprechend den verschiedenen materiellen Erscheinungsweisen, von denen die Menschen beeinflußt werden, empfehlen die Veden verschiedene Arten von yajñas. Die Verehrung verschiedener Halbgötter findet ebenfalls auf dieser Grundlage statt, nämlich gemäß den verschiedenen Erscheinungsweisen. Zum Beispiel wird den Fleischessern empfohlen, die Göttin Kālī, die greuliche Form der materiellen Natur, zu verehren und ihr Tieropfer darzubringen. Denen aber, die sich in der Erscheinungsweise der Tugend befinden, wird die transzendentale Verehrung Viṣṇus empfohlen. Letztlich aber sind alle yajñas dafür bestimmt, den Menschen allmählich auf die transzendentale Ebene zu erheben. Für gewöhnliche Menschen sind zumindest fünf yajñas notwendig, die man als pañca-mahā-yajña kennt.
Man sollte sich darüber bewußt sein, daß es die Beauftragten des Herrn, die Halbgötter, sind, die für alles sorgen, was für die menschliche Gesellschaft lebensnotwendig ist. Niemand kann irgend etwas selbst herstellen. Betrachten wir zum Beispiel die Nahrungsmittel der menschlichen Gesellschaft; dazu gehören Getreide, Früchte, Gemüse, Milch, Zucker usw. für die Menschen in der Erscheinungsweise der Tugend sowie Fleisch usw. für die Nichtvegetarier. Nichts von alledem kann von Menschenhand hergestellt werden. Oder nehmen wir beispielsweise Wärme, Licht, Wasser und Luft, die ebenfalls lebensnotwendig sind – auch diese Dinge können nicht von der menschlichen Gesellschaft produziert werden. Ohne den Höchsten Herrn kann es kein Sonnenlicht, kein Mondlicht, keinen Regen und keinen Wind geben, ohne die niemand leben kann. Offensichtlich hängt unser Leben von der Versorgung durch den Herrn ab. Selbst für unsere Fabriken benötigen wir so viele Rohstoffe, wie Metall, Schwefel, Quecksilber, Mangan und viele andere unentbehrliche Dinge, die uns alle von den Beauftragten des Herrn zur Verfügung gestellt werden, damit wir richtigen Gebrauch davon machen und uns in jeder Beziehung gesund erhalten, um fähig zu werden, Selbsterkenntnis zu erlangen, die zum endgültigen Ziel des Lebens führt, nämlich zur Befreiung vom materiellen Kampf ums Dasein. Dieses Ziel des Lebens wird erreicht, wenn man yajñas ausführt. Wenn wir den Sinn des menschlichen Lebens vergessen und uns von den Beauftragten des Herrn nur für die Befriedigung unserer Sinne versorgen lassen und dadurch immer mehr in die materielle Existenz verstrickt werden – was nicht der Zweck der Schöpfung ist –, werden wir ohne Zweifel zu Dieben und werden daher von den Gesetzen der materiellen Natur bestraft. Eine Gesellschaft von Dieben kann niemals glücklich sein, denn sie hat kein Ziel im Leben. Die materialistischen Diebe haben kein endgültiges Ziel im Leben. Ihr Interesse gilt einzig und allein der Befriedigung ihrer Sinne; auch wissen sie nicht, wie man yajñas darbringt. Śrī Caitanya jedoch führte den einfachsten yajña ein, den saṅkīrtana-yajña, der von jedem auf der Welt, der die Prinzipien des Kṛṣṇa-Bewußtseins annimmt, ausgeführt werden kann.

||3-13||

यज्ञशिष्टाशिनः सन्तो मुच्यन्ते सर्वकिल्बिषैः | भुञ्जते ते त्वघं पापा ये पचन्त्यात्मकारणात् ||३-१३||

yajñaśiṣṭāśinaḥ santo mucyante sarvakilbiṣaiḥ . bhuñjate te tvaghaṃ pāpā ye pacantyātmakāraṇāt ||3-13||

yajña-śiṣṭa — der Speisen, die nach einer yajña-Darbringung gegessen werden; aśinaḥ — Esser; santaḥ — die Gottgeweihten; mucyante — werden befreit von; sarva — allen Arten von; kilbiṣaiḥ — von Sünden; bhuñjate — genießen; te — sie; tu — aber; agham — schwere Sünden; pāpāḥ — Sünder; ye — welche; pacanti — bereiten Nahrung zu; ātma-kāraṇāt — für Sinnengenuß.


Die Geweihten des Herrn werden von allen Arten von Sünden befreit, da sie Nahrung essen, die zuerst als Opfer dargebracht wurde. Andere, die Nahrung für ihren eigenen Sinnengenuß zubereiten, essen wahrlich nur Sünde.


Die Geweihten des Höchsten Herrn, das heißt diejenigen, die Kṛṣṇa-bewußt sind, werden santas genannt, und wie in der Brahma-saṁhitā (5.38) erklärt wird, sind sie immer in Liebe mit dem Herrn verbunden: premāñjana-cchurita-bhakti-vilocanena santaḥ sadaiva hṛdayeṣu vilokayanti. Die santas, die mit der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Govinda (dem Quell aller Freuden), Mukunda (demjenigen, der Befreiung gewährt), oder Kṛṣṇa (dem Allanziehenden), immer in Liebe verbunden sind, können nichts annehmen, ohne es zuvor dieser Höchsten Person zu opfern. Deshalb führen solche Gottgeweihten ständig yajñas in den verschiedenen Vorgängen des hingebungsvollen Dienstes aus, wie śravaṇam, kīrtanam, smaraṇam, arcanam usw., und dank dieser Ausführung von yajñas werden sie stets von allen Arten der Verunreinigung durch sündhaften Umgang in der materiellen Welt ferngehalten. Andere, die Nahrung für sich selbst und ihre Sinnenbefriedigung zubereiten, sind nicht nur Diebe, sondern essen auch alle Arten von Sünde. Wie kann ein Mensch glücklich sein, wenn er sowohl ein Dieb als auch ein Sünder ist? Das ist nicht möglich. Damit die Menschen in jeder Hinsicht glücklich werden können, müssen sie darin unterwiesen werden, wie der einfache saṅkīrtana-yajña in vollem Kṛṣṇa-Bewußtsein ausgeführt werden kann. Sonst kann es keinen Frieden und kein Glück auf der Welt geben.

||3-14||

अन्नाद्भवन्ति भूतानि पर्जन्यादन्नसम्भवः | यज्ञाद्भवति पर्जन्यो यज्ञः कर्मसमुद्भवः ||३-१४||

annādbhavanti bhūtāni parjanyādannasambhavaḥ . yajñādbhavati parjanyo yajñaḥ karmasamudbhavaḥ ||3-14||

annāt — von Getreide; bhavanti — wachsen; bhūtāni — die materiellen Körper; parjanyāt — durch Regen; anna — von Getreide; sambhavaḥ — Erzeugung; yajñāt — durch die Ausführung von Opfern; bhavati — wird möglich; parjanyaḥ — Regen; yajñaḥ — Ausführung von yajña; karma — vorgeschriebene Pflichten; samudbhavaḥ — geboren aus.


Alle lebenden Körper erhalten sich durch Getreide, das nur wachsen kann, wenn Regen fällt. Regen entsteht durch die Darbringung von yajña (Opfer), und yajña wird aus vorgeschriebenen Pflichten geboren.


Śrīla Baladeva Vidyābhūṣaṇa, ein großer Kommentator der Bhagavad-gītā, schreibt: ye indrādy-aṅgatayāvasthi taṁ yajñaṁ sarveśvaraṁ viṣṇum abhyarcya tac-cheṣam aśnanti tena tad deha-yātrāṁ sampādayanti, te santaḥ sarveśvarasya yajña-puruṣasya bhaktāḥ sarva- kilbiṣair anādi-kāla-vivṛddhair ātmānubhava-pratibandhakair nikhilaiḥ pāpair vimucyante. Der Höchste Herr, der der yajña-puruṣa, der persönliche Nutznießer aller Opfer, ist, ist das Oberhaupt aller Halbgötter, die Ihm dienen, so wie die verschiedenen Teile des Körpers dem Ganzen dienen. Halbgötter wie Indra, Candra und Varuṇa sind vom Höchsten Herrn ernannte Verwalter, die materielle Angelegenheiten regeln, und die Veden ordnen Opfer an, um diese Halbgötter zufriedenzustellen, damit es ihnen gefallen möge, für genügend Luft, Licht und Wasser zu sorgen, so daß Getreide wachsen kann. Wenn man Śrī Kṛṣṇa verehrt, werden die Halbgötter, die verschiedene Glieder des Herrn sind, automatisch auch verehrt, und deshalb ist es nicht notwendig, neben dem Herrn die Halbgötter zu verehren. Aus diesem Grunde nehmen die Geweihten des Herrn, die im Kṛṣṇa-Bewußtsein leben, nur Nahrung zu sich, die zuerst zu Kṛṣṇa geopfert wurde. Dieser Vorgang ernährt den Körper spirituell. Auf diese Weise werden nicht nur alle vergangenen sündhaften Reaktionen im Körper vernichtet, sondern der Körper wird auch gegen alle Verunreinigungen durch die materielle Natur immunisiert. Wenn eine epidemische Krankheit um sich greift, kann man durch einen antiseptischen Impfstoff vor dem Angriff einer solchen Epidemie geschützt werden. In ähnlicher Weise macht uns Nahrung, die zuerst Śrī Viṣṇu geopfert wurde, gegen alle materiellen Einwirkungen ausreichend immun, und jemand, der sich diese Handlungsweise angewöhnt hat, wird als Gottgeweihter bezeichnet. Deshalb kann ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein, der nur Nahrung ißt, die Kṛṣṇa geopfert wurde, allen Reaktionen auf vergangene materielle Infektionen entgegenwirken, die den Fortschritt auf dem Pfad der Selbsterkenntnis behindern. Wer dies jedoch nicht tut, vergrößert nur die Anzahl seiner sündigen Handlungen, und dies führt dazu, daß sein nächster Körper dem eines Hundes oder Schweines gleicht; so ist er gezwungen, die Reaktionen auf all seine Sünden zu erleiden. Die materielle Welt ist voller Verunreinigungen, und jemand, der immun geworden ist, da er nur das prasādam des Herrn (zu Viṣṇu geopferte Speise) zu sich nimmt, ist vor diesen Angriffen sicher, wohingegen ein anderer, der kein prasādam zu sich nimmt, der Verunreinigung ausgesetzt ist.
Getreide und Gemüse sind die eigentlichen Nahrungsmittel, denn der Mensch ißt verschiedene Arten von Getreide, Gemüse, Früchten usw., und auch die Tiere fressen die Abfallprodukte des Getreides sowie Gemüse, Gras, Pflanzen usw. Menschen, die es gewohnt sind, Fleisch zu essen, sind letztlich ebenfalls von der Erzeugung von Pflanzen abhängig, um Tiere essen zu können. Daher sind wir letzten Endes auf das angewiesen, was auf den Feldern wächst, und nicht auf das, was in großen Fabriken produziert wird. Die Ernte auf den Feldern wiederum ist davon abhängig, ob ausreichend Regen fällt, und dieser Regen wird von Halbgöttern wie Indra, der Sonne und dem Mond beherrscht, die alle Diener des Herrn sind. Der Herr kann durch Opfer zufriedengestellt werden; deshalb wird jemand, der keine Opfer darbringt, Mangel leiden – so lautet das Gesetz der Natur. Daher müssen yajñas, besonders der für dieses Zeitalter vorgeschriebene saṅkīrtana-yajña, ausgeführt werden, um uns zumindest vor Nahrungsknappheit zu bewahren.

||3-15||

कर्म ब्रह्मोद्भवं विद्धि ब्रह्माक्षरसमुद्भवम् | तस्मात्सर्वगतं ब्रह्म नित्यं यज्ञे प्रतिष्ठितम् ||३-१५||

karma brahmodbhavaṃ viddhi brahmākṣarasamudbhavam . tasmātsarvagataṃ brahma nityaṃ yajñe pratiṣṭhitam ||3-15||

karma — Tätigkeit; brahma — von den Veden; udbhavam — erzeugt; viddhi — du solltest wissen; brahma — die Veden; akṣara — vom Höchsten Brahman (der Persönlichkeit Gottes); samudbhavam — direkt manifestiert; tasmāt — daher; sarva-gatam — alldurchdringende; brahma — Transzendenz; nityam — ewiglich; yajñe — im Opfer; pratiṣṭhitam — befindet sich.


Geregelte Tätigkeiten werden in den Veden vorgeschrieben, und die Veden sind unmittelbar von der Höchsten Persönlichkeit Gottes ausgegangen. Folglich ist die alldurchdringende Transzendenz ewig in Opferhandlungen gegenwärtig.


Yajñārtha-karma, die Notwendigkeit von Arbeit für die alleinige Zufriedenstellung Kṛṣṇas, wird in diesem Vers noch deutlicher hervorgehoben. Wenn wir für die Zufriedenstellung des yajña-puruṣa, Viṣṇu, handeln wollen, müssen wir die Anleitung für das Handeln im Brahman, das heißt die transzendentalen Veden, zu Rate ziehen. Die Veden sind also Gesetze, die bestimmen, wie man handeln muß. Alles, was ohne die Anleitung der Veden getan wird, nennt man vikarma, das heißt unautorisiertes oder sündiges Handeln. Man sollte sich daher immer von den Veden führen lassen, um vor den Reaktionen auf die Tätigkeiten, die man ausführt, bewahrt zu werden. So wie man sich im gewöhnlichen Leben nach den Gesetzen des Staates richten muß, muß man auch den Gesetzen des Herrn, des höchsten Staates, folgen. Die Anweisungen der Veden sind unmittelbar aus dem Atem der Höchsten Persönlichkeit Gottes hervorgegangen. Asya mahato bhūtasya niśvasitam etad yad ṛg-vedo yajur-vedaḥ sāma-vedo ’tharvāṅgissaḥ: „Die vier Veden – der Ṛg Veda, Yajur Veda, Sāma Veda und Atharva Veda – sind Emanationen des Atems der erhabenen Persönlichkeit Gottes.“ (Bṛhad-āraṇyaka Upaniṣad 4.5.11) Weil der Herr allmächtig ist, kann Er durch Seinen Atem sprechen, denn wie die Brahma-saṁhitā bestätigt, besitzt der Herr die Allmacht, durch jeden Seiner Sinne die Tätigkeiten aller anderen Sinne auszuführen. Mit anderen Worten, Er kann durch Seinen Atem sprechen, und Er kann mit Seinen Augen befruchten. Tatsächlich heißt es in den Schriften, daß Er über die materielle Natur blickte und so alle Lebewesen zeugte. Nach diesem Schöpfungsakt, dem Eingeben der bedingten Seelen in den Schoß der materiellen Natur, offenbarte Er Seine Anweisungen in Form der vedischen Weisheit, um zu zeigen, wie diese bedingten Seelen nach Hause, zu Gott, zurückkehren können. Wir sollten uns immer daran erinnern, daß die bedingten Seelen in der materiellen Welt alle nach materiellem Genuß streben; aber die vedischen Anweisungen sind so beschaffen, daß man seine pervertierten Wünsche befriedigen kann, um dann, nachdem man seinen sogenannten Genuß beendet hat, zu Gott zurückzukehren. Das vedische Wissen bietet den bedingten Seelen eine Möglichkeit zur Befreiung, und deshalb müssen sie versuchen, dem Vorgang des yajña zu folgen, indem sie Kṛṣṇa-bewußt werden. Selbst diejenigen, die nicht die vedischen Anweisungen befolgt haben, können die Prinzipien des Kṛṣṇa-Bewußtseins annehmen, und das wird die Durchführung vedischer yajñas oder karmas ersetzen.

||3-16||

एवं प्रवर्तितं चक्रं नानुवर्तयतीह यः | अघायुरिन्द्रियारामो मोघं पार्थ स जीवति ||३-१६||

evaṃ pravartitaṃ cakraṃ nānuvartayatīha yaḥ . aghāyurindriyārāmo moghaṃ pārtha sa jīvati ||3-16||

evam — so; pravartitam — von den Veden festgelegt; cakram — Kreis, Zyklus; na — nicht; anuvartayati — nimmt an; iha — in diesem Leben; yaḥ — jemand, der; agha-āyuḥ — dessen Leben voller Sünden ist; indriya- ārāmaḥ — zufrieden mit Sinnenbefriedigung; mogham — vergeblich; pārtha — o Sohn Pṛthās (Arjuna); saḥ — er; jīvati — lebt.


Mein lieber Arjuna, jemand, der im menschlichen Leben dem Zyklus der Opfer, wie er von den Veden festgelegt ist, nicht folgt, führt mit Sicherheit ein Leben der Sünde. Weil ein solcher Mensch nur für die Befriedigung seiner Sinne lebt, lebt er vergeblich.


Die Philosophie des Mammonismus – „Arbeite hart und genieße das Leben“ – wird hier vom Herrn verurteilt. Daher ist es für diejenigen, die die materielle Welt genießen wollen, absolut notwendig, den obenerwähnten Zyklus von yajñas durchzuführen. Wer sich nicht an diese Vorschriften hält, führt ein sehr gefährliches Leben, da er sich immer mehr ins Verderben stürzt. Durch das Gesetz der Natur ist die menschliche Lebensform besonders zur Selbstverwirklichung bestimmt, indem man einem der drei Wege – karma-yoga, jñāna-yoga oder bhakti-yoga – folgt. Für die Transzendentalisten, die über Laster und Tugend stehen, ist es nicht notwendig, streng die vorgeschriebenen yajñas auszuführen, doch diejenigen, die der Befriedigung ihrer Sinne nachgehen, müssen sich durch den obenerwähnten Zyklus von yajña-Darbringungen läutern. Es gibt verschiedene Arten von Tätigkeiten. Menschen, die nicht Kṛṣṇa-bewußt sind, haben mit Sicherheit ein sinnliches Bewußtsein, und daher ist die Ausführung frommer Werke für sie notwendig. Das System der yajñas erlaubt es Menschen mit einem sinnlichen Bewußtsein, ihre Wünsche zu befriedigen, ohne dabei in die Reaktionen auf sinnenbefriedigende Handlungen verstrickt zu werden. Der Wohlstand der Welt hängt nicht von unseren eigenen Anstrengungen ab, sondern von den im Hintergrund stattfindenden Vorkehrungen des Höchsten Herrn, die unmittelbar von den Halbgöttern ausgeführt werden. Deshalb sind die yajñas unmittelbar für die jeweiligen Halbgötter bestimmt, wie sie in den Veden erwähnt werden. Indirekt ist auch dies Kṛṣṇa-Bewußtsein, denn wenn man die Durchführung der yajñas beherrscht, ist es sicher, daß man Kṛṣṇa-bewußt wird. Wenn man aber durch die Darbringung von yajñas nicht Kṛṣṇa-bewußt wird, sind solche Prinzipien nichts weiter als moralische Verhaltensregeln. Man sollte daher seinen Fortschritt nicht begrenzen und bei moralischen Regeln stehenbleiben, sondern diese transzendieren, um Kṛṣṇa-Bewußtsein zu erreichen.

||3-17||

यस्त्वात्मरतिरेव स्यादात्मतृप्तश्च मानवः | आत्मन्येव च सन्तुष्टस्तस्य कार्यं न विद्यते ||३-१७||

yastvātmaratireva syādātmatṛptaśca mānavaḥ . ātmanyeva ca santuṣṭastasya kāryaṃ na vidyate ||3-17||

yaḥ — jemand, der; tu — aber; ātma-ratiḥ — im Selbst Freude findend; eva — gewiß; syāt — bleibt; ātma-tṛptaḥ — im Selbst erleuchtet; ca — und; mānavaḥ — ein Mensch; ātmani — in sich selbst; eva — nur; ca — und; santuṣṭaḥ — völlig zufrieden; tasya — seine; kāryam — Pflicht; na — nicht; vidyate — existiert.


Doch für jemanden, der im Selbst Freude findet, dessen menschliches Leben ein Leben der Selbstverwirklichung ist und dessen Zufriedenheit allein im Selbst gründet und der völlig in sich erfüllt ist – für ihn gibt es keine Pflicht.


Wer vollkommen Kṛṣṇa-bewußt ist und durch seine Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein vollkommene Zufriedenheit erfährt, hat keine Pflicht mehr zu erfüllen. Da er Kṛṣṇa-bewußt ist, ist alle Unreinheit in seinem Innern augenblicklich getilgt – eine Wirkung, die nur durch viele Tausende von yajñas erzielt werden kann. Durch eine solche Klärung des Bewußtseins entwickelt man vollkommene Überzeugung von seiner ewigen Stellung in Beziehung zum Höchsten. So wird durch die Gnade des Herrn die Pflicht, die man auszuführen hat, von selbst offenbar, und daher hat man den vedischen Unterweisungen gegenüber keinerlei Verpflichtungen mehr. Ein solcher Kṛṣṇa-bewußter Mensch ist nicht mehr an materiellen Tätigkeiten interessiert und findet keine Freude mehr an materiellen Genüssen wie Wein, Frauen und ähnlichen Verlockungen.

||3-18||

नैव तस्य कृतेनार्थो नाकृतेनेह कश्चन | न चास्य सर्वभूतेषु कश्चिदर्थव्यपाश्रयः ||३-१८||

naiva tasya kṛtenārtho nākṛteneha kaścana . na cāsya sarvabhūteṣu kaścidarthavyapāśrayaḥ ||3-18||

na — niemals; eva — gewiß; tasya — seine; kṛtena — durch die Erfüllung der Pflicht; arthaḥ — Absicht; na — und nicht; akṛtena — ohne die Erfüllung der Pflicht; iha — auf dieser Welt; kaścana — was auch immer; na — niemals; ca — und; asya — von ihm; sarva-bhūteṣu — unter allen Lebewesen; kaścit — irgendeine; artha — Absicht; vyapāśrayaḥ — Zuflucht nehmend bei.


Ein selbstverwirklichter Mensch verfolgt bei der Erfüllung seiner vorgeschriebenen Pflichten keine Absicht, und ebenso gibt es für ihn keinen Grund, diese Tätigkeiten nicht zu verrichten. Auch ist es für ihn nicht notwendig, von irgendeinem anderen Lebewesen abhängig zu sein.


Ein selbstverwirklichter Mensch braucht keine vorgeschriebenen Pflichten mehr auszuführen – außer Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein. Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet keineswegs Untätigkeit, wie aus den folgenden Versen hervorgehen wird. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch sucht weder bei Menschen noch bei Halbgöttern, noch bei irgendwelchen anderen Lebewesen Zuflucht. Was immer er im Kṛṣṇa-Bewußtsein tut, reicht aus, um seine Verpflichtungen zu erfüllen.

||3-19||

तस्मादसक्तः सततं कार्यं कर्म समाचर | असक्तो ह्याचरन्कर्म परमाप्नोति पूरुषः ||३-१९||

tasmādasaktaḥ satataṃ kāryaṃ karma samācara . asakto hyācarankarma paramāpnoti pūruṣaḥ ||3-19||

tasmāt — daher; asaktaḥ — frei von Anhaftung; satatam — ständig; kāryam — als Pflicht; karma — Tätigkeit; samācara — ausführen; asaktaḥ — unangehaftet; hi — gewiß; ācaran — ausführend; karma — Tätigkeit; param — das Höchste; āpnoti — erreicht; pūruṣaḥ — ein Mensch.


Daher sollte man aus Pflichtgefühl handeln, ohne an den Früchten der Tätigkeiten zu haften; denn wenn man ohne Anhaftung tätig ist, erreicht man das Höchste.


Das Höchste ist für den Gottgeweihten die Persönlichkeit Gottes und für den Unpersönlichkeitsanhänger Befreiung. Wer also unter der richtigen Führung und ohne Anhaftung an das Ergebnis seiner Arbeit für Kṛṣṇa, das heißt im Kṛṣṇa-Bewußtsein, tätig ist, macht mit Sicherheit Fortschritte auf dem Pfad zum höchsten Ziel des Lebens. Arjuna wird aufgefordert, er solle in der Schlacht von Kurukṣetra für Kṛṣṇas Interesse kämpfen, weil Kṛṣṇa wollte, daß er kämpfte. Ein guter Mensch oder ein gewaltloser Mensch zu sein ist eine persönliche Anhaftung, doch im Auftrag des Höchsten Herrn zu handeln bedeutet, ohne Anhaftung an das Ergebnis zu handeln. Das ist vollkommenes Handeln auf der höchsten Stufe, wie es von der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa, empfohlen wird.
Vedische Rituale, wie zum Beispiel vorgeschriebene Opfer, werden vollzogen, um sich von gottlosen Tätigkeiten zu reinigen, die im Bereich der Sinnenbefriedigung ausgeführt wurden. Aber Handeln im Kṛṣṇa-Bewußtsein ist transzendental zu den Reaktionen auf gute und schlechte Werke. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch haftet nicht am Ergebnis, sondern handelt einfach nur in Kṛṣṇas Interesse. Er verrichtet die unterschiedlichsten Tätigkeiten, ist dabei aber völlig unangehaftet.

||3-20||

कर्मणैव हि संसिद्धिमास्थिता जनकादयः | लोकसंग्रहमेवापि सम्पश्यन्कर्तुमर्हसि ||३-२०||

karmaṇaiva hi saṃsiddhimāsthitā janakādayaḥ . lokasaṃgrahamevāpi sampaśyankartumarhasi ||3-20||

karmaṇā — durch Arbeit; eva — sogar; hi — gewiß; saṁsiddhim — in Vollkommenheit; āsthitāḥ — befindlich; janaka-ādayaḥ — Janaka und andere Könige; loka-saṅgraham — die Allgemeinheit; eva api — auch; sampaśyan — in Betracht ziehend; kartum — zu handeln; arhasi — du verdienst.


Könige wie Janaka und andere erreichten allein durch die Erfüllung vorgeschriebener Pflichten die Vollkommenheit. Deshalb solltest du deine Arbeit ausführen, und sei es auch nur, um die Allgemeinheit zu lehren.


Könige wie Janaka waren selbstverwirklichte Seelen, und folglich war es für sie nicht nötig, die in den Veden vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen. Nichtsdestoweniger führten sie alle vorgeschriebenen Tätigkeiten aus, nur um der Allgemeinheit ein Beispiel zu geben. Janaka war der Vater Sītās und der Schwiegervater Śrī Rāmas. Als großer Geweihter des Herrn war er in der Transzendenz verankert, doch weil er der König von Mithilā war (einem Bezirk in der Provinz Bihar in Indien), mußte er seine Untertanen lehren, wie man seine vorgeschriebenen Pflichten erfüllt. Für Śrī Kṛṣṇa und Seinen ewigen Freund Arjuna bestand keine Notwendigkeit, in der Schlacht von Kurukṣetra mitzukämpfen, aber sie kämpften, um die Menschen zu lehren, daß in einer Situation, in der gute Argumente nichts nützen, Gewalt ebenfalls notwendig ist. Vor der Schlacht von Kurukṣetra war jede Anstrengung unternommen worden, sogar von der Höchsten Persönlichkeit Gottes Selbst, um diesen Krieg zu vermeiden, doch die Gegenseite war entschlossen zu kämpfen. Für eine gerechte Sache wie diese war es also notwendig zu kämpfen. Obwohl jemand, der sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet, kein Interesse an der materiellen Welt hat, arbeitet er dennoch, um die Öffentlichkeit zu lehren, wie man leben und handeln soll. Diejenigen, die im Kṛṣṇa-Bewußtsein erfahren sind, sind in der Lage, auf solche Weise zu handeln, daß andere ihnen folgen werden, und dies wird im folgenden Vers erklärt.

||3-21||

यद्यदाचरति श्रेष्ठस्तत्तदेवेतरो जनः | स यत्प्रमाणं कुरुते लोकस्तदनुवर्तते ||३-२१||

yadyadācarati śreṣṭhastattadevetaro janaḥ . sa yatpramāṇaṃ kurute lokastadanuvartate ||3-21||

yat yat — was auch immer; ācarati — er tut; śreṣṭhaḥ — ein angesehener Führer; tat — das; tat — und das allein; eva — mit Sicherheit; itaraḥ — gewöhnlicher; janaḥ — Mensch; saḥ — er; yat — welches auch immer; pramāṇam — Beispiel; kurute — er gibt; lokaḥ — die ganze Welt; tat — diesem; anuvartate — folgt dem Beispiel.


Was auch immer ein bedeutender Mensch tut, dem folgen die gewöhnlichen Menschen. Und nach den Maßstäben, die er durch sein Beispiel setzt, richtet sich die ganze Welt.


Die Menschen brauchen immer einen Führer, der sie durch sein praktisches Beispiel lehren kann. Ein Führer kann die Menschen nicht lehren, mit dem Rauchen aufzuhören, wenn er selbst raucht. Śrī Caitanya sagte, ein Lehrer solle sich selbst richtig verhalten, bevor er andere zu lehren beginne. Wer auf diese Weise lehrt, wird als ācārya, als beispielhafter Lehrer, bezeichnet. Deshalb muß ein Lehrer den Prinzipien der śāstras (Schriften) folgen, um in der Lage zu sein, das Volk zu belehren. Er darf keine Regeln aufstellen, die gegen die Prinzipien der offenbarten Schriften verstoßen. Die offenbarten Schriften, wie die Manu-saṁhitā und andere, gelten als die maßgebenden Bücher, denen die menschliche Gesellschaft folgen sollte. Deshalb sollten sich die Anweisungen eines Führers auf die Prinzipien solcher maßgebenden śāstras stützen. Wer Fortschritt zu machen wünscht, muß den Standardregeln folgen, wie sie von den großen Lehrern praktiziert werden. Auch das Śrīmad-Bhāgavatam bestätigt, daß man in die Fußstapfen großer Gottgeweihter treten sollte, denn das ist der Weg, um auf dem Pfad der spirituellen Erkenntnis Fortschritt zu machen. Der König oder das Staatsoberhaupt, der Vater und der Schullehrer werden alle als natürliche Führer der unschuldigen Masse angesehen. All diese natürlichen Führer tragen eine große Verantwortung für ihre Untergebenen; daher müssen sie mit den maßgebenden Büchern der moralischen und spirituellen Gesetze vertraut sein.

||3-22||

न मे पार्थास्ति कर्तव्यं त्रिषु लोकेषु किञ्चन | नानवाप्तमवाप्तव्यं वर्त एव च कर्मणि ||३-२२||

na me pārthāsti kartavyaṃ triṣu lokeṣu kiñcana . nānavāptamavāptavyaṃ varta eva ca karmaṇi ||3-22||

na — nicht; me — Meine; pārtha — o Sohn Pṛthās; asti — es gibt; kartavyam — vorgeschriebene Pflicht; triṣu — in den drei; lokeṣu — Planetensystemen; kiñcana — irgendeine; na — nichts; anavāptam — benötigt; avāptavyam — zu erlangen; varte — Ich bin beschäftigt; eva — gewiß; ca — auch; karmaṇi — in vorgeschriebener Pflicht.


O Sohn Pṛthās, in allen drei Planetensystemen gibt es keine Arbeit, die Mir vorgeschrieben ist. Weder mangelt es Mir an etwas, noch muß Ich irgend etwas erreichen – und dennoch beschäftige Ich Mich mit der Erfüllung der vorgeschriebenen Pflichten.


Die Höchste Persönlichkeit Gottes wird in den vedischen Schriften wie folgt beschrieben:
tam īśvarāṇāṁ paramaṁ maheśvaraṁ
taṁ devatānāṁ paramaṁ ca daivatam
patiṁ patīnāṁ paramaṁ parastād
vidāma devaṁ bhuvaneśam īḍyam
na tasya kāryaṁ karaṇaṁ ca vidyate
na tat-samaś cābhyadhikaś ca dṛśyate
parāsya śaktir vividhaiva śrūyate
svābhāvikī jñāna-bala-kriyā ca
„Der Höchste Herr ist der Beherrscher aller anderen Herrscher, und Er ist die größte aller Gottheiten, die den verschiedenen Planeten vorstehen. Jeder untersteht Seiner Herrschaft. Alle Lebewesen werden allein vom Höchsten Herrn mit bestimmter Macht ausgestattet; sie sind nicht selbst die Höchsten. Er ist auch für alle Halbgötter verehrenswert, und Er ist der höchste Führer aller Führer. Deshalb steht Er in transzendentaler Stellung zu allen Arten von materiellen Führern und Herrschern und ist für sie alle verehrenswert. Es gibt niemanden, der größer ist als Er, und Er ist die höchste Ursache aller Ursachen.
Seine körperliche Form ist nicht wie die eines gewöhnlichen Lebewesens. Es besteht kein Unterschied zwischen Seinem Körper und Seiner Seele. Er ist absolut. All Seine Sinne sind transzendental. Jeder Seiner Sinne kann die Funktion jedes anderen Sinnes erfüllen. Daher ist niemand größer als Er, und niemand kommt Ihm gleich. Seine Kräfte sind mannigfaltig, und so werden all Seine Taten in einem natürlichen Ablauf von selbst ausgeführt.“ (Śvetāśvatara Upaniṣad 6.7–8)
Da alles in vollem Reichtum im Herrn, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, vorhanden ist und in voller Wahrheit existiert, gibt es für Ihn keine Pflicht zu erfüllen. Wer auf die Ergebnisse seiner Tätigkeiten angewiesen ist, muß eine bestimmte Pflicht erfüllen, aber jemand, für den es auf allen drei Planetensystemen nichts zu erreichen gibt, hat gewiß keine Pflicht. Und trotzdem tritt Śrī Kṛṣṇa auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra als Führer der kṣatriyas auf, da die kṣatriyas verpflichtet sind, die Leidenden zu beschützen. Obwohl Er über allen Regeln der offenbarten Schriften steht, tut Er nichts, was die offenbarten Schriften verletzt.

||3-23||

यदि ह्यहं न वर्तेयं जातु कर्मण्यतन्द्रितः | मम वर्त्मानुवर्तन्ते मनुष्याः पार्थ सर्वशः ||३-२३||

yadi hyahaṃ na varteyaṃ jātu karmaṇyatandritaḥ . mama vartmānuvartante manuṣyāḥ pārtha sarvaśaḥ ||3-23||

yadi — wenn; hi — gewiß; aham — Ich; na — nicht; varteyam — beschäftige Mich auf diese Weise; jātu — jemals; karmaṇi — in der Ausführung der vorgeschriebenen Pflichten; atandritaḥ — mit großer Sorgfalt; mama — Meinem; vartma — Pfad; anuvartante — würden folgen; manuṣyāḥ — alle Menschen; pārtha — o Sohn Pṛthās; sarvaśaḥ — in jeder Hinsicht.


Denn würde Ich es jemals verfehlen, die vorgeschriebenen Pflichten sorgfältig auszuführen, o Pārtha, folgten gewiß alle Menschen Meinem Pfad.


Um das Gleichgewicht sozialen Friedens aufrechtzuerhalten, das nötig ist, damit die Menschen im spirituellen Leben Fortschritt machen können, gibt es traditionelle Familiengebräuche, die für jeden zivilisierten Menschen bestimmt sind. Obwohl solche Regeln und Vorschriften nur für die bedingten Seelen, und nicht für Śrī Kṛṣṇa, gelten, folgte Er ihnen dennoch, da Er erschienen war, um die Prinzipien der Religion festzulegen. Andernfalls würden gewöhnliche Menschen Seinem Beispiel folgen, da Er die höchste Autorität ist. Aus dem Śrīmad-Bhāgavatam erfahren wir, daß Śrī Kṛṣṇa sowohl zu Hause als auch außerhalb Seines Hauses alle religiösen Pflichten erfüllte, die einem Haushälter vorgeschrieben sind.

||3-24||

उत्सीदेयुरिमे लोका न कुर्यां कर्म चेदहम् | सङ्करस्य च कर्ता स्यामुपहन्यामिमाः प्रजाः ||३-२४||

utsīdeyurime lokā na kuryāṃ karma cedaham . saṅkarasya ca kartā syāmupahanyāmimāḥ prajāḥ ||3-24||

utsīdeyuḥ — würden zugrunde gehen; ime — all diese; lokāḥ — Welten; na — nicht; kuryām — Ich führe aus; karma — vorgeschriebene Pflichten; cet — wenn; aham — Ich; saṅkarasya — unerwünschter Bevölkerung; ca — und; kartā — Schöpfer; syām — würde sein; upahanyām — würde zerstören; imāḥ — all diese; prajāḥ — Lebewesen.


Wenn Ich die vorgeschriebenen Pflichten nicht erfüllen würde, gingen alle Welten zugrunde. Auch wäre Ich die Ursache für die Entstehung unerwünschter Bevölkerung, und Ich würde dadurch den Frieden aller Lebewesen zerstören.


Varṇa-saṅkara ist unerwünschte Bevölkerung, die den Frieden der Allgemeinheit stört. Um diese soziale Störung zu vermeiden, gibt es vorgeschriebene Regeln und Richtlinien, die der Gesellschaft automatisch zu Frieden und Ordnung verhelfen, so daß spiritueller Fortschritt im Leben möglich ist. Wenn Śrī Kṛṣṇa erscheint, richtet Er Sich natürlich nach solchen Regeln und Vorschriften, um deren Ansehen zu erhalten und auf deren Wichtigkeit hinzuweisen. Der Herr ist der Vater aller Lebewesen, und wenn die Lebewesen irregeführt werden, fällt die Verantwortung indirekt auf den Herrn. Daher erscheint der Herr Selbst, wenn die regulierenden Prinzipien allgemein mißachtet werden, und berichtigt die Gesellschaft. Wir müssen dem Beispiel des Herrn folgen, aber gleichzeitig sollten wir sorgsam zur Kenntnis nehmen, daß wir Ihn nicht imitieren können. Folgen und Imitieren ist nicht dasselbe. Wir können den Herrn nicht nachahmen, indem wir den Govardhana-Hügel hochheben, wie Er es in Seiner Kindheit tat. Das ist für keinen Menschen möglich. Wir müssen Seinen Anweisungen folgen, doch wir dürfen Ihn niemals imitieren. Das Śrīmad-Bhāgavatam (10.33.30–31) bestätigt dies wie folgt:
naitat samācarej jātu
manasāpi hy anīśvaraḥ
vinaśyaty ācaran mauḍhyād
yathārudro ’bdhi-jaṁ viṣam
īśvarāṇāṁ vacaḥ satyaṁ
tathaivācaritaṁ kvacit
teṣāṁ yat sva-vaco-yuktaṁ
buddhimāṁs tat samācaret
„Man sollte einfach den Anweisungen des Herrn und Seiner ermächtigten Diener folgen. All ihre Anweisungen sind gut für uns, und jeder intelligente Mensch wird sich genau nach ihnen richten. Man sollte sich jedoch vor dem Versuch hüten, ihre Taten nachzuahmen. Man sollte nicht versuchen, ein Meer von Gift leerzutrinken, so wie Śiva es tat.“
Wir müssen uns immer darüber bewußt sein, daß die Stellung der īśvaras, derer, die tatsächlich die Bewegung der Sonne und des Mondes lenken können, uns übergeordnet ist. Ohne selbst über solche Fähigkeiten zu verfügen, kann man die īśvaras, die übermenschliche Macht besitzen, nicht nachahmen. Śiva trank ein ganzes Meer von Gift, aber wenn ein gewöhnlicher Mensch versucht, auch nur eine kleine Menge solchen Giftes zu trinken, wird er den Tod finden. Es gibt viele Pseudogeweihte Śivas, die gañjā (Marihuana) und ähnliche berauschende Drogen rauchen, dabei jedoch vergessen, daß sie durch dieses Imitieren von Śivas Taten ihren eigenen Tod schnell herbei rufen. Ebenso gibt es Pseudogeweihte von Śrī Kṛṣṇa, die mit Vorliebe Seinen rāsa-līlā, Seinen Tanz der Liebe, nachahmen, aber vergessen, daß sie unfähig sind, den Govardhana-Hügel hochzuheben. Es ist daher das beste, nicht zu versuchen, die Mächtigen nachzuahmen, sondern einfach ihren Anweisungen zu folgen; auch sollte man nicht versuchen, ihre Stellung einzunehmen, ohne dafür qualifiziert zu sein. Es gibt so viele, die sich als „Inkarnationen“ Gottes ausgeben, aber keiner von ihnen besitzt die Macht Gottes.

||3-25||

सक्ताः कर्मण्यविद्वांसो यथा कुर्वन्ति भारत | कुर्याद्विद्वांस्तथासक्तश्चिकीर्षुर्लोकसंग्रहम् ||३-२५||

saktāḥ karmaṇyavidvāṃso yathā kurvanti bhārata . kuryādvidvāṃstathāsaktaścikīrṣurlokasaṃgraham ||3-25||

saktāḥ — angehaftet sein; karmaṇi — in den vorgeschriebenen Pflichten; avidvāṁsaḥ — die Unwissenden; yathā — so wie; kurvanti — sie tun; bhārata — o Nachkomme Bharatas; kuryāt — müssen tun; vidvān — die Gelehrten; tathā — auf diese Weise; asaktaḥ — ohne Anhaftung; cikīrṣuḥ — mit dem Wunsch zu führen; loka-saṅgraham — die Allgemeinheit.


So wie die Unwissenden ihre Pflichten mit Anhaftung an die Ergebnisse ausführen, o Bhārata, so führen auch die Gelehrten ihre Pflichten aus, aber ohne Anhaftung, und nur, um die Menschen auf den rechten Pfad zu führen.


Der Unterschied zwischen einem Kṛṣṇa-bewußten Menschen und jemandem, der nicht Kṛṣṇa-bewußt ist, besteht in ihren unterschiedlichen Wünschen. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch tut nichts, was nicht für die Entwicklung von Kṛṣṇa-Bewußtsein förderlich ist. Es kann sogar vorkommen, daß er genau wie die Unwissenden handelt, die zu sehr an materiellen Tätigkeiten haften; aber der eine verrichtet solche Tätigkeiten, um seine Sinne zufriedenzustellen, während der andere tätig ist, um Kṛṣṇa zufriedenzustellen. Deshalb ist es nötig, daß diejenigen, die Kṛṣṇa-bewußt sind, den Menschen zeigen, wie man handelt und die Ergebnisse seiner Tätigkeiten für den Zweck des Kṛṣṇa-Bewußtseins verwendet.

||3-26||

न बुद्धिभेदं जनयेदज्ञानां कर्मसङ्गिनाम् | जोषयेत्सर्वकर्माणि विद्वान्युक्तः समाचरन् ||३-२६||

na buddhibhedaṃ janayedajñānāṃ karmasaṅginām . joṣayetsarvakarmāṇi vidvānyuktaḥ samācaran ||3-26||

na — nicht; buddhi-bhedam — Verwirrung der Intelligenz; janayet — er sollte verursachen; ajñānām — der Unwissenden; karma-saṅginām — die an fruchtbringender Arbeit haften; joṣayet — er sollte verbinden; sarva — alle; karmāṇi — Tätigkeiten; vidvān — ein Gelehrter; yuktaḥ — beschäftigt; samācaran — auszuführen.


Ein Weiser sollte den Geist der Unwissenden, die an den fruchttragenden Ergebnissen ihrer vorgeschriebenen Pflichten haften, nicht verwirren. Er sollte sie nicht dazu bewegen, mit ihrer Arbeit aufzuhören; vielmehr sollte er im Geist der Hingabe handeln und sie mit allen Arten von Tätigkeiten beschäftigen [so daß sie allmählich Kṛṣṇa- Bewußtsein entwickeln].


Vedaiś ca sarvair aham eva vedyaḥ. Das ist das Ziel aller vedischen Rituale. Alle Rituale, alle Opferdarbringungen und alle anderen Inhalte der Veden, einschließlich aller Anleitungen zu materiellen Tätigkeiten, sollen den Menschen dazu führen, Kṛṣṇa, das endgültige Ziel des Lebens, zu verstehen. Weil die bedingten Seelen aber nichts außer Sinnenbefriedigung kennen, studieren sie die Veden mit diesem Ziel vor Augen. Wenn man sich aber mit fruchtbringenden Tätigkeiten und Sinnenbefriedigung gemäß den vedischen Regeln und Ritualen beschäftigt, wird man allmählich auf die Stufe des Kṛṣṇa-Bewußtseins erhoben. Deshalb sollte ein selbstverwirklichter, Kṛṣṇa-bewußter Mensch andere in ihrer Beschäftigung und Überzeugung nicht stören, sondern an seinem eigenen Beispiel zeigen, wie man die Ergebnisse aller Arbeit in den Dienst Kṛṣṇas stellen kann. Der erfahrene Kṛṣṇa- bewußte Mensch sollte so handeln, daß die Unwissenden, die für die Befriedigung ihrer Sinne arbeiten, lernen können, wie man handeln und sich verhalten soll. Im Gegensatz zu einem solchen Unwissenden, den man in seiner Beschäftigung nicht stören soll, kann jemand, der nur ein wenig Kṛṣṇa-Bewußtsein entwickelt hat, direkt im Dienst des Herrn beschäftigt werden, ohne sich mit anderen vedischen Systemen aufhalten zu müssen. Für einen solchen vom Glück begünstigten Menschen ist es nicht notwendig, den vedischen Ritualen zu folgen, denn wenn man sich direkt im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt, erlangt man alle Ergebnisse, die einem sonst durch die Ausführung seiner vorgeschriebenen Pflichten zuteil werden.

||3-27||

प्रकृतेः क्रियमाणानि गुणैः कर्माणि सर्वशः | अहङ्कारविमूढात्मा कर्ताहमिति मन्यते ||३-२७||

prakṛteḥ kriyamāṇāni guṇaiḥ karmāṇi sarvaśaḥ . ahaṅkāravimūḍhātmā kartāhamiti manyate ||3-27||

prakṛteḥ — der materiellen Natur; kriyamāṇāni — werden ausgeführt; guṇaiḥ — von den Erscheinungsweisen; karmāṇi — Tätigkeiten; sarvaśaḥ — alle Arten von; ahaṅkāra-vimūḍha — verwirrt durch falsches Ego; ātmā — die spirituelle Seele; kartā — der Handelnde; aham — Ich; iti — so; manyate — sie denkt.


Die vom Einfluß des falschen Ego verwirrte spirituelle Seele hält sich selbst für den Ausführenden von Tätigkeiten, die in Wirklichkeit von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur ausgeführt werden.


Zwei Menschen, die die gleiche Arbeit verrichten – der eine im Kṛṣṇa-Bewußtsein und der andere im materiellen Bewußtsein –, scheinen auf der gleichen Ebene zu handeln, doch in Wirklichkeit besteht zwischen ihnen ein gewaltiger Unterschied. Der Mensch im materiellen Bewußtsein ist aufgrund von falschem Ego davon überzeugt, selbst der Ausführende aller Tätigkeiten zu sein. Er weiß nicht, daß der Mechanismus des Körpers ein Produkt der materiellen Natur ist, die unter der Aufsicht des Höchsten Herrn tätig ist. Ein Materialist weiß nicht, daß er letztlich unter Kṛṣṇas Kontrolle steht. Weil er unter dem Einfluß des falschen Ego steht, nimmt er für sich das Verdienst in Anspruch, alles, was er tut, unabhängig getan zu haben; aber daran erkennt man nur seine Unwissenheit. Er weiß nicht, daß sein grob- und feinstofflicher Körper auf Anordnung der Höchsten Persönlichkeit Gottes von der materiellen Natur geschaffen wurden und daß er daher seinen Körper und seinen Geist im Dienste Kṛṣṇas, im Kṛṣṇa-Bewußtsein, beschäftigen sollte. Der Mensch in Unwissenheit vergißt, daß die Höchste Persönlichkeit Gottes als Hṛṣīkeśa, der Meister der Sinne des materiellen Körpers, bezeichnet wird, denn weil er seine Sinne auf der Suche nach Sinnenbefriedigung für so lange Zeit mißbraucht hat, ist er durch das falsche Ego, das ihn seine ewige Beziehung zu Kṛṣṇa vergessen läßt, völlig verwirrt.

||3-28||

तत्त्ववित्तु महाबाहो गुणकर्मविभागयोः | गुणा गुणेषु वर्तन्त इति मत्वा न सज्जते ||३-२८||

tattvavittu mahābāho guṇakarmavibhāgayoḥ . guṇā guṇeṣu vartanta iti matvā na sajjate ||3-28||

tattva-vit — der Kenner der Absoluten Wahrheit; tu — aber; mahā- bāho — o Starkarmiger; guṇa-karma — der Tätigkeiten unter materiellem Einfluß; vibhāgayoḥ — Unterschiede; guṇāḥ — Sinne; guṇeṣu — mit Sinnenbefriedigung; vartante — sind beschäftigt; iti — so; matvā — denkend; na — niemals; sajjate — wird angehaftet.


Wer die Absolute Wahrheit kennt, o Starkarmiger, befaßt sich nicht mit den Sinnen und mit Sinnenbefriedigung, da er sehr wohl die Unterschiede zwischen Arbeit in Hingabe und Arbeit um fruchttragender Ergebnisse willen kennt.


Wer die Absolute Wahrheit kennt, ist sich seiner mißlichen Lage in der materiellen Welt bewußt. Er weiß, daß er ein winziger Teil der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇas, ist und daß er sich eigentlich nicht in der materiellen Schöpfung aufhalten sollte. Er kennt seine wirkliche Identität als Bestandteil des Höchsten, der ewige Glückseligkeit und ewiges Wissen ist, und er erkennt, daß er auf irgendeine Weise in die Gefangenschaft der materiellen Lebensauffassung geraten ist. In seinem reinen Seinszustand ist es ihm bestimmt, seine Tätigkeiten durch hingebungsvollen Dienst mit der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa, in Verbindung bringen. Er beschäftigt sich daher mit den Tätigkeiten des Kṛṣṇa-Bewußtseins und löst sich so auf natürliche Weise von seiner Anhaftung an die umstandsbedingten und zeitweiligen Tätigkeiten der materiellen Sinne. Er weiß, daß seine materiellen Lebensumstände der höchsten Kontrolle des Herrn unterstehen, weshalb er sich durch materielle Reaktionen, gleich welcher Art, nicht gestört fühlt, da er sie als die Barmherzigkeit des Herrn betrachtet. Dem Śrīmad- Bhāgavatam zufolge wird jemand, der die Absolute Wahrheit in ihren drei verschiedenen Aspekten kennt – als Brahman, als Paramātmā und als die Höchste Persönlichkeit Gottes –, tattva-vit genannt, da er auch seine eigene, wirkliche Stellung in Beziehung zum Höchsten kennt.

||3-29||

प्रकृतेर्गुणसम्मूढाः सज्जन्ते गुणकर्मसु | तानकृत्स्नविदो मन्दान्कृत्स्नविन्न विचालयेत् ||३-२९||

prakṛterguṇasammūḍhāḥ sajjante guṇakarmasu . tānakṛtsnavido mandānkṛtsnavinna vicālayet ||3-29||

prakṛteḥ — der materiellen Natur; guṇa — durch die Erscheinungsweisen; sammūḍhāḥ — getäuscht durch materielle Identifizierung; sajjante — sie werden beschäftigt; guṇa-karmasu — in materiellen Tätigkeiten; tān — jene; akṛtsna-vidaḥ — Menschen mit geringem Wissen; mandān — träge im Verstehen von Selbstverwirklichung; kṛtsna-vit — jemand, der tatsächliches Wissen besitzt; na — nicht; vicālayet — sollte versuchen, in Verwirrung zu bringen.


Verwirrt durch die Erscheinungsweisen der materiellen Natur, gehen die Unwissenden ausschließlich materiellen Tätigkeiten nach und entwickeln Anhaftung. Aufgrund ihres Mangels an Wissen sind alle diese Pflichten, die sie ausführen, von niederer Natur, aber der Weise sollte sie trotzdem nicht in Verwirrung bringen.


Menschen, die von Unwissenheit verblendet sind, richten ihr Bewußtsein fälschlicherweise auf die grobstoffliche Materie und identifizieren sich mit den verschiedensten materiellen Bezeichnungen. Der Körper ist eine Gabe der materiellen Natur, und jemand, der zu sehr dem körperlichen Bewußtsein verhaftet ist, wird als manda bezeichnet, jemand, der träge ist und sich nicht bemüht, die spirituelle Seele zu verstehen. Unwissende Menschen halten den Körper für das Selbst; sie halten körperliche Verbindungen mit anderen für Verwandtschaft; das Land, in dem der Körper geboren wurde, wird verehrt, und die formellen religiösen Rituale werden als Selbstzweck betrachtet. Diejenigen, die mit solchen materiellen Bezeichnungen behaftet sind, neigen manchmal zu Sozialarbeit, Nationalismus und Altruismus. Weil sie unter dem Bann solcher Bezeichnungen stehen, sind sie immer nur auf der materiellen Ebene tätig. Für sie ist spirituelle Verwirklichung Einbildung, und daher sind sie nicht daran interessiert. Diejenigen jedoch, die im spirituellen Leben erleuchtet sind, sollten nicht versuchen, solche ins materielle Dasein vertieften Menschen unnötig zu reizen. Für sie ist es besser, in aller Stille den eigenen spirituellen Tätigkeiten nachzugehen. Die verwirrten Materialisten können darin geschult werden, grundlegende Moralprinzipien wie Gewaltlosigkeit zu befolgen und ähnliche materielle Tugenden zu entwickeln.
Unwissende Menschen können Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein nicht wertschätzen, und daher rät uns Śrī Kṛṣṇa, sie nicht zu stören, um so keine kostbare Zeit zu verschwenden. Aber die Geweihten des Herrn sind gütiger als der Herr Selbst, weil sie die Absicht des Herrn verstehen. Folglich nehmen sie alle möglichen Wagnisse auf sich und gehen sogar so weit, daß sie unwissende Menschen ansprechen, um zu versuchen, sie in den Tätigkeiten des Kṛṣṇa-Bewußtseins zu beschäftigen, die für den Menschen absolut notwendig sind.

||3-30||

मयि सर्वाणि कर्माणि संन्यस्याध्यात्मचेतसा | निराशीर्निर्ममो भूत्वा युध्यस्व विगतज्वरः ||३-३०||

mayi sarvāṇi karmāṇi saṃnyasyādhyātmacetasā . nirāśīrnirmamo bhūtvā yudhyasva vigatajvaraḥ ||3-30||

mayi — Mir; sarvāṇi — alle Arten von; karmāṇi — Tätigkeiten; sannyasya — vollständig aufgebend; adhyātma — mit vollkommenem Wissen über das Selbst; cetasā — durch Bewußtsein; nirāśīḥ — ohne Verlangen nach Gewinn; nirmamaḥ — ohne Besitzanspruch; bhūtvā — so seiend; yudhyasva — kämpfe; vigata-jvaraḥ — ohne gleichgültig zu sein.


Deshalb weihe all deine Tätigkeiten Mir und kämpfe, o Arjuna, mit vollem Wissen über Mich, ohne Verlangen nach Gewinn, ohne Besitzanspruch und frei von Gleichgültigkeit.


Dieser Vers beschreibt klar das Ziel der Bhagavad- gītā. Der Herr erklärt, daß man bei der Ausführung seiner Pflichten vollständig Kṛṣṇa-bewußt sein muß, wie wenn es sich um eine militärische Disziplin handelte. Eine solche Unterweisung mag die Dinge ein wenig schwierig machen, aber trotzdem müssen die Pflichten ausgeführt werden, und zwar in Abhängigkeit von Kṛṣṇa, denn darin besteht die wesensgemäße Stellung des Lebewesens. Das Lebewesen kann nicht unabhängig von der Zusammenarbeit mit dem Höchsten Herrn glücklich sein, da es die ewige, wesensgemäße Stellung des Lebewesens ist, sich den Wünschen des Herrn unterzuordnen. Arjuna bekam daher von Śrī Kṛṣṇa den Befehl zu kämpfen, als wäre der Herr sein militärischer Vorgesetzter. Man muß alles opfern, um das Wohlwollen des Höchsten Herrn zu erlangen, und gleichzeitig muß man seine vorgeschriebenen Pflichten erfüllen, ohne irgendwelchen Besitzanspruch zu erheben. Arjuna brauchte sich über den Befehl des Herrn keine Gedanken zu machen; er brauchte Seinen Befehl nur auszuführen. Der Höchste Herr ist die Seele aller Seelen. Wer sich daher voll und ganz, ohne persönlichen Vorbehalt, vom Höchsten Herrn abhängig macht – oder mit anderen Worten, wer völlig Kṛṣṇa-bewußt ist –, wird als adhyātma-cetās bezeichnet. Nirāśīḥ bedeutet, daß man nach der Anweisung des Meisters handeln muß, ohne jedoch fruchttragende Ergebnisse zu erwarten. Der Kassierer mag für seinen Arbeitgeber Millionen von Euro zählen, doch er beansprucht keinen einzigen Cent für sich selbst. In ähnlicher Weise muß man erkennen, daß nichts auf der Welt einem bestimmten Menschen gehört, sondern daß alles das Eigentum des Höchsten Herrn ist. Das ist die wirkliche Bedeutung von mayi („Mir“). Wenn man in solchem Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, beansprucht man sicherlich nichts als sein Eigentum. Diese Bewußtseinshaltung nennt man nirmama („nichts gehört mir“). Und wenn gegen einen solch strengen Befehl, der keine Rücksicht auf sogenannte Verwandte oder körperliche Beziehungen nimmt, irgendein Widerwille besteht, sollte man dieses Zögern von sich werfen. Auf diese Weise kann man vigata-jvara, frei von fiebriger Mentalität und Lethargie, werden. Jeder muß, seinen Eigenschaften und seiner Stellung gemäß, eine bestimmte Art von Tätigkeit ausüben, und all diese Pflichten müssen, wie oben beschrieben wurde, im Kṛṣṇa- Bewußtsein erfüllt werden. Dies wird einen auf den Pfad der Befreiung führen.

||3-31||

ये मे मतमिदं नित्यमनुतिष्ठन्ति मानवाः | श्रद्धावन्तोऽनसूयन्तो मुच्यन्ते तेऽपि कर्मभिः ||३-३१||

ye me matamidaṃ nityamanutiṣṭhanti mānavāḥ . śraddhāvanto.anasūyanto mucyante te.api karmabhiḥ ||3-31||

ye — diejenigen, die; me — Meine; matam — Unterweisungen; idam — diese; nityam — als eine ewige Funktion; anutiṣṭhanti — regelmäßig ausführen; mānavāḥ — Menschen; śraddhā-vantaḥ — mit Glauben und Hingabe; anasūyantaḥ — ohne Neid; mucyante — werden frei; te — sie alle; api — sogar; karmabhiḥ — von der Fessel an das Gesetz fruchtbringender Tätigkeiten.


Diejenigen, die ihre Pflichten nach Meinen Unterweisungen erfüllen und dieser Lehre mit Glauben folgen, ohne neidisch zu sein, werden von der Fessel fruchtbringender Tätigkeiten befreit.


Die Anweisungen der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa, sind die Essenz aller vedischen Weisheit und sind daher ohne Ausnahme ewiglich wahr. So wie die Veden ewig sind, so ist auch diese Wahrheit des Kṛṣṇa-Bewußtseins ewig. Man sollte festes Vertrauen in diese Unterweisung haben, ohne den Herrn zu beneiden. Es gibt viele Philosophen, die Kommentare zur Bhagavad-gītā schreiben, aber nicht an Kṛṣṇa glauben. Sie werden niemals von der Fessel der fruchtbringenden Tätigkeiten befreit werden. Aber ein gewöhnlicher Mensch mit festem Glauben an die ewigen Unterweisungen des Herrn wird, selbst wenn er unfähig ist, diesen Anweisungen zu folgen, von der Fessel des Gesetzes des karma befreit. Zu Beginn des Kṛṣṇa-Bewußtseins kann es sein, daß man die Anweisungen des Herrn nicht vollständig ausführt, aber da man sich diesem Prinzip nicht widersetzt und aufrichtig handelt, ohne Niederlage und Hoffnungslosigkeit zu beachten, wird man mit Sicherheit auf die Ebene des reinen Kṛṣṇa-Bewußtseins erhoben werden.

||3-32||

ये त्वेतदभ्यसूयन्तो नानुतिष्ठन्ति मे मतम् | सर्वज्ञानविमूढांस्तान्विद्धि नष्टानचेतसः ||३-३२||

ye tvetadabhyasūyanto nānutiṣṭhanti me matam . sarvajñānavimūḍhāṃstānviddhi naṣṭānacetasaḥ ||3-32||

ye — diejenigen; tu — jedoch; etat — diese; abhyasūyantaḥ — aufgrund von Neid; na — nicht; anutiṣṭhanti — den Regeln entsprechend befolgen; me — Meine; matam — Anweisung; sarva-jñāna — in allen Arten des Wissens; vimūḍhān — völlig getäuscht; tān — sie sind; viddhi — wisse wohl; naṣṭān — alles zum Scheitern verurteilt; acetasaḥ — ohne Kṛṣṇa-Bewußtsein.


Doch diejenigen, die aus Neid diese Lehren mißachten und nicht regelmäßig danach handeln, sind allen Wissens beraubt, getäuscht und in all ihren Bemühungen um Vollkommenheit zum Scheitern verurteilt.


In diesem Vers wird klar gesagt, welche Nachteile es hat, nicht Kṛṣṇa-bewußt zu sein. So wie Ungehorsam gegenüber einer Anordnung des Staatsoberhauptes bestraft wird, so wird auch mit Gewißheit Ungehorsam gegenüber der Anordnung der Höchsten Persönlichkeit Gottes bestraft. Ein ungehorsamer Mensch – mag er auch noch so bedeutend sein – weiß nichts von seinem eigenen Selbst und nichts vom Höchsten Brahman, vom Paramātmā und von der Persönlichkeit Gottes, weil sein Herz leer ist. Daher gibt es für ihn keine Hoffnung, sein Leben zur Vollkommenheit zu führen.

||3-33||

सदृशं चेष्टते स्वस्याः प्रकृतेर्ज्ञानवानपि | प्रकृतिं यान्ति भूतानि निग्रहः किं करिष्यति ||३-३३||

sadṛśaṃ ceṣṭate svasyāḥ prakṛterjñānavānapi . prakṛtiṃ yānti bhūtāni nigrahaḥ kiṃ kariṣyati ||3-33||

sadṛśaṁ — entsprechend; ceṣṭate — versucht; svasyāḥ — von seinen eigenen; prakṛteḥ — Erscheinungsweisen der Natur; jñāna-vān — Mensch mit Wissen; api — obwohl; prakṛtim — Natur; yānti — unterziehen sich; bhūtāni — alle Lebewesen; nigrahaḥ — Verdrängung; kim — was; kariṣyati — kann ausrichten.


Selbst ein Mensch, der in Wissen gründet, handelt seiner Natur gemäß, denn jeder folgt der Natur, die er entsprechend den drei Erscheinungsweisen angenommen hat. Was kann Verdrängung ausrichten?


Solange man sich nicht auf der transzendentalen Ebene des Kṛṣṇa-Bewußtseins befindet, kann man nicht vom Einfluß der Erscheinungsweisen der materiellen Natur frei werden, wie vom Herrn im Siebten Kapitel (7.14) bestätigt wird. Daher ist es selbst dem gebildetsten Menschen auf der weltlichen Ebene unmöglich, bloß durch theoretisches Wissen oder durch die Unterscheidung der Seele vom Körper der Verstrickung māyās zu entkommen. Es gibt viele sogenannte Spiritualisten, die nach außen hin so tun, als seien sie in dieser Wissenschaft fortgeschritten, die aber innerlich oder im privaten Bereich völlig unter dem Einfluß der Erscheinungsweisen der Natur stehen, die sie nicht überwinden können. Man mag akademisch sehr gebildet sein, doch aufgrund der langen Gemeinschaft mit der materiellen Natur lebt man in Gefangenschaft. Kṛṣṇa-Bewußtsein hilft einem, sich aus der materiellen Verstrickung zu lösen, auch wenn man im materiellen Leben weiter seinen vorgeschriebenen Pflichten nachgeht. Deshalb sollte niemand, ohne völlig Kṛṣṇa-bewußt zu sein, plötzlich seine vorgeschriebenen Pflichten aufgeben und künstlich ein sogenannter yogī oder Transzendentalist werden. Es ist besser, in seiner Stellung zu bleiben und zu versuchen, unter höherer Anleitung Kṛṣṇa-Bewußtsein zu erreichen. So kann man aus der Gewalt von Kṛṣṇas māyā befreit werden.

||3-34||

इन्द्रियस्येन्द्रियस्यार्थे रागद्वेषौ व्यवस्थितौ | तयोर्न वशमागच्छेत्तौ ह्यस्य परिपन्थिनौ ||३-३४||

indriyasyendriyasyārthe rāgadveṣau vyavasthitau . tayorna vaśamāgacchettau hyasya paripanthinau ||3-34||

indriyasya — der Sinne; indriyasya arthe — an die Sinnesobjekte; rāga — Anhaftung; dveṣau — auch Loslösung; vyavasthitau — unter Regulierungen gestellt; tayoḥ — von ihnen; na — niemals; vaśam — Herrschaft; āgacchet — man sollte kommen; tau — diejenigen; hi — gewiß; asya — seine; paripanthinau — Hindernisse.


Es gibt Prinzipien, um die Anhaftung und Abneigung gegenüber den Sinnen und ihren Objekten zu regulieren. Man sollte nicht unter die Herrschaft solcher Anhaftung und Abneigung geraten, denn sie sind Hindernisse auf dem Pfad der Selbstverwirklichung.


Denen, die Kṛṣṇa-bewußt sind, widerstrebt es von Natur aus, sich mit materieller Sinnenbefriedigung zu beschäftigen. Aber diejenigen, die nicht in diesem Bewußtsein leben, sollten den Regeln und Regulierungen der offenbarten Schriften folgen. Ungezügelter Sinnengenuß ist die Ursache für Gefangenschaft in der Materie, doch jemand, der den Regeln und Regulierungen der offenbarten Schriften folgt, wird durch die Sinnesobjekte nicht verstrickt. Sexueller Genuß zum Beispiel ist ein Bedürfnis der bedingten Seele, und in einer ehelichen Verbindung ist Sexualität gestattet. Die Anweisungen der Schriften verbieten sexuelle Beziehungen mit jeder Frau außer der eigenen. Jede andere Frau sollte man als Mutter ansehen. Aber trotz solcher Vorschriften neigt ein Mann immer noch dazu, sexuelle Beziehungen mit anderen Frauen zu unterhalten. Diese Neigungen müssen bezwungen werden; sie werden sonst zu Hindernissen auf dem Pfad der Selbstverwirklichung. Solange man einen materiellen Körper hat, dürfen die Bedürfnisse des materiellen Körpers befriedigt werden, jedoch nur nach Regeln und Regulierungen. Dennoch sollte man sich nicht darauf verlassen, daß solche Einschränkungen automatisch zum Erfolg führen. Man muß diesen Regeln und Regulierungen folgen, ohne an ihnen zu haften, denn auch Sinnenbefriedigung unter Regulierungen kann einen vom rechten Weg abbringen, ebenso wie selbst auf breiten Straßen immer die Möglichkeit eines Unfalls besteht. Solche Straßen mögen zwar sorgsam in gutem Zustand gehalten werden, aber dennoch kann niemand garantieren, daß nicht auch auf der sichersten Straße Gefahr lauert. Aufgrund unseres Kontaktes mit der Materie ist die Neigung zu Sinnenbefriedigung schon seit sehr, sehr langer Zeit in uns. Es besteht daher trotz geregelten Sinnengenusses immer die Möglichkeit, zu Fall zu kommen; deshalb muß auch Anhaftung an geregelten Sinnengenuß unter allen Umständen vermieden werden. Aber Anhaftung an das Kṛṣṇa-Bewußtsein, das heißt an das Handeln im liebevollen Dienst für Kṛṣṇa, löst einen von allen Arten sinnlicher Tätigkeiten. Niemand sollte daher auf irgendeiner Stufe des Lebens versuchen, vom Kṛṣṇa- Bewußtsein losgelöst zu sein. Der ganze Sinn der Loslösung von allen Arten der sinnlichen Anhaftung besteht letztlich darin, sich auf die Ebene des Kṛṣṇa-Bewußtseins zu erheben.

||3-35||

श्रेयान्स्वधर्मो विगुणः परधर्मात्स्वनुष्ठितात् | स्वधर्मे निधनं श्रेयः परधर्मो भयावहः ||३-३५||

śreyānsvadharmo viguṇaḥ paradharmātsvanuṣṭhitāt . svadharme nidhanaṃ śreyaḥ paradharmo bhayāvahaḥ ||3-35||

śreyān — weit besser; sva-dharmaḥ — seine vorgeschriebenen Pflichten; viguṇaḥ — sogar fehlerhaft; para-dharmāt — als Pflichten, die für andere bestimmt sind; su-anuṣṭhitāt — vollkommen ausgeführt; sva-dharme — in den eigenen vorgeschriebenen Pflichten; nidhanam — Zerstörung; śreyaḥ — besser; para-dharmaḥ — Pflichten, die anderen vorgeschrieben sind; bhaya-āvahaḥ — gefährlich.


Es ist weit besser, die eigenen vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen, selbst wenn dies fehlerhaft geschieht, als die Pflichten eines anderen vollkommen zu erfüllen. Es ist besser, bei der Erfüllung der eigenen Pflicht unterzugehen, als den Pflichten eines anderen nachzukommen, denn dem Pfad eines anderen zu folgen ist gefährlich.


Man sollte folglich lieber seine vorgeschriebenen Pflichten in vollem Kṛṣṇa-Bewußtsein erfüllen als Pflichten nachgehen, die für andere bestimmt sind. Vorgeschriebene Pflichten im materiellen Bereich sind Pflichten gemäß den psychischen und physischen Eigenschaften, die man unter dem Einfluß der Erscheinungsweisen der materiellen Natur angenommen hat. Spirituelle Pflichten sind Pflichten, die einem der spirituelle Meister für den transzendentalen Dienst Kṛṣṇas anordnet. Aber sowohl im materiellen als auch im spirituellen Bereich sollte man selbst angesichts des Todes lieber zu den eigenen Pflichten stehen als die Pflichten eines anderen nachahmen. Pflichten auf der materiellen Ebene und Pflichten auf der spirituellen Ebene mögen voneinander verschieden sein, doch das Prinzip, den autorisierten Anweisungen zu folgen, ist für den Ausführenden immer vorteilhaft. Wenn man unter dem Einfluß der Erscheinungsweisen der materiellen Natur steht, sollte man einfach den Regeln folgen, die einem gemäß der eigenen Stellung vorgeschrieben sind, und man sollte nicht versuchen, andere zu imitieren. Zum Beispiel ist ein brāhmaṇa, der sich in der Erscheinungsweise der Tugend befindet, gewaltlos, wohingegen es einem kṣatriya, der sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft befindet, erlaubt ist, Gewalt anzuwenden. Für einen kṣatriya ist es daher besser, getötet zu werden, während er den Regeln der Gewalt folgt, als einen brāhmaṇa nachzuahmen, der den Prinzipien der Gewaltlosigkeit folgt. Jeder muß sein Herz durch einen allmählichen Vorgang läutern, nicht abrupt. Wenn jemand aber die Erscheinungsweisen der materiellen Natur überwunden hat und vollkommen im Kṛṣṇa-Bewußtsein verankert ist, kann er unter der Führung eines echten spirituellen Meisters jede beliebige Pflicht erfüllen. Auf dieser vollkommenen Stufe des Kṛṣṇa- Bewußtseins kann ein kṣatriya als brāhmaṇa und ein brāhmaṇa als kṣatriya handeln. Auf der transzendentalen Ebene gelten die Unterschiede der materiellen Welt nicht. Zum Beispiel war Viśvāmitra ursprünglich ein kṣatriya und handelte später als brāhmaṇa, während Paraśurāma ein brāhmaṇa war, doch später die Rolle eines kṣatriya spielte. Da sie in der Transzendenz verankert waren, konnten sie dies tun, doch solange man sich auf der materiellen Ebene befindet, muß man die Pflichten erfüllen, die einem entsprechend den Erscheinungsweisen der materiellen Natur zugeordnet sind, und zugleich muß man ein klares Verständnis vom Kṛṣṇa-Bewußtsein haben.

||3-36||

अर्जुन उवाच | अथ केन प्रयुक्तोऽयं पापं चरति पूरुषः | अनिच्छन्नपि वार्ष्णेय बलादिव नियोजितः ||३-३६||

arjuna uvāca . atha kena prayukto.ayaṃ pāpaṃ carati pūruṣaḥ . anicchannapi vārṣṇeya balādiva niyojitaḥ ||3-36||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; atha — dann; kena — wodurch; prayuktaḥ — getrieben; ayam — man; pāpam — Sünden; carati — begeht; pūruṣaḥ — ein Mensch; anicchan — ohne zu wünschen; api — obwohl; vārṣṇeya — o Nachkomme Vṛṣṇis; balāt — unter Zwang; iva — als ob; niyojitaḥ — beschäftigt.


Arjuna sagte: O Nachkomme Vṛṣṇis, wodurch wird man getrieben, sündig zu handeln – sogar wider Willen, wie unter Zwang?


Als winziger Teil des Höchsten ist das Lebewesen ursprünglich spirituell, rein und frei von allen materiellen Verunreinigungen. Deshalb ist es von Natur aus nicht den Sünden der materiellen Welt ausgesetzt. Doch wenn es mit der materiellen Natur in Berührung ist, begeht es, ohne zu zögern, viele Sünden, und manchmal sogar gegen seinen Willen. Deshalb ist Arjunas Frage an Kṛṣṇa hinsichtlich der pervertierten Natur der Lebewesen sehr interessant. Obwohl das Lebewesen manchmal nicht sündig handeln will, ist es dennoch dazu gezwungen. Sündhafte Handlungen werden jedoch nicht von der Überseele im Innern veranlaßt, sondern haben eine andere Ursache, wie der Herr im nächsten Vers erklärt.

||3-37||

श्रीभगवानुवाच | काम एष क्रोध एष रजोगुणसमुद्भवः | महाशनो महापाप्मा विद्ध्येनमिह वैरिणम् ||३-३७||

śrībhagavānuvāca . kāma eṣa krodha eṣa rajoguṇasamudbhavaḥ . mahāśano mahāpāpmā viddhyenamiha vairiṇam ||3-37||

śrī-bhagavān uvāca — die Persönlichkeit Gottes sprach; kāmaḥ — Lust; eṣaḥ — diese; krodhaḥ — Zorn; eṣaḥ — dieser; rajaḥ-guṇa — die Erscheinungsweise der Leidenschaft; samudbhavaḥ — geboren aus; mahā-aśanaḥ — allesverschlingend; mahā-pāpmā — überaus sündig; viddhi — wisse; enam — diese; iha — in der materiellen Welt; vairiṇam — größter Feind.


Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Es ist Lust allein, Arjuna, die aus Berührung mit der materiellen Erscheinungsweise der Leidenschaft geboren wird und sich später in Zorn umwandelt. Sie ist der allesverschlingende, sündige Feind dieser Welt.


Wenn ein Lebewesen mit der materiellen Schöpfung in Berührung kommt, wird seine ewige Liebe zu Kṛṣṇa durch die Verbindung mit der Erscheinungsweise der Leidenschaft in Lust umgewandelt. Mit anderen Worten, die Empfindung der Liebe zu Gott wird in Lust umgewandelt, ebenso wie Milch in Berührung mit saurer Tamarinde zu Joghurt wird. Wenn Lust unbefriedigt bleibt, wandelt sie sich zu Zorn; aus Zorn entsteht Illusion, und aufgrund von Illusion wird man gezwungen, das materielle Dasein weiter fortzusetzen. Deshalb ist Lust der größte Feind des Lebewesens. Und es ist Lust allein, die das reine Lebewesen veranlaßt, in der materiellen Welt verstrickt zu bleiben. Zorn ist eine Ausdrucksform der Erscheinungsweise der Unwissenheit – diese Erscheinungsweise äußert sich durch Zorn und andere Folgeerscheinungen. Wenn man jedoch die Erscheinungsweise der Leidenschaft nicht in die Erscheinungsweise der Unwissenheit absinken läßt, sondern gemäß den vorgeschriebenen Regeln lebt und handelt, kann man sich von der Erscheinungsweise der Leidenschaft zur Erscheinungsweise der Tugend erheben. Auf diese Weise kann man durch spirituelle Anhaftung vor der Erniedrigung durch Zorn gerettet werden.
Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, erweiterte Sich in viele, um Sich Seiner ewig anwachsenden spirituellen Glückseligkeit zu erfreuen, und die Lebewesen sind Teile dieser spirituellen Glückseligkeit. Ebenso besitzen sie eine partielle Unabhängigkeit, doch durch den Mißbrauch ihrer Unabhängigkeit – wenn die dienende Haltung in die Neigung zu Sinnengenuß umgewandelt wird – geraten sie unter die Herrschaft der Lust. Die materielle Schöpfung ist vom Herrn geschaffen worden, um den bedingten Seelen die Möglichkeit zu geben, diese lustvollen Neigungen auszuleben, und wenn die Lebewesen in ihrer ständigen Bemühung, diese Lust zu befriedigen, immer wieder scheitern, beginnen sie, nach ihrer eigentlichen Stellung zu fragen.
Diese Fragestellung bildet den Anfang des Vedānta-sūtra, wo es heißt: athāto brahma-jijñāsā. „Man soll nach dem Höchsten fragen.“ Und im Śrīmad-Bhāgavatam finden wir die folgende Definition des Höchsten: janmādy asya yato ’nvayād itarataś ca. „Der Ursprung von allem ist das Höchste Brahman.“ Folglich hat auch die Lust ihren Ursprung im Höchsten. Wenn deshalb die Lust in Liebe zum Höchsten, in Kṛṣṇa- Bewußtsein, umgewandelt wird, das heißt, wenn man alle Wünsche auf Kṛṣṇa richtet, können sowohl Lust als auch Zorn spiritualisiert werden. Hanumān, der berühmte Diener Śrī Rāmas, entfaltete seinen Zorn, indem er Rāvaṇas goldene Stadt in Brand setzte, und wurde auf diese Weise der größte Geweihte des Herrn. Auch hier in der Bhagavad-gītā veranlaßt der Herr Arjuna, seinen Zorn gegen die Feinde zu richten, um den Herrn zufriedenzustellen. Deshalb werden Lust und Zorn, wenn sie im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt werden, zu unseren Freunden statt zu unseren Feinden.

||3-38||

धूमेनाव्रियते वह्निर्यथादर्शो मलेन च | यथोल्बेनावृतो गर्भस्तथा तेनेदमावृतम् ||३-३८||

dhūmenāvriyate vahniryathādarśo malena ca . yatholbenāvṛto garbhastathā tenedamāvṛtam ||3-38||

dhūmena — von Rauch; āvriyate — ist bedeckt; vahniḥ — Feuer; yathā — genau wie; ādarśaḥ — Spiegel; malena — von Staub; ca — auch; yathā — genau wie; ulbena — vom Mutterleib; āvṛtaḥ — ist bedeckt; garbhaḥ — Embryo; tathā — so; tena — von dieser Lust; idam — dieses; āvṛtam — ist bedeckt.


Wie Feuer von Rauch, ein Spiegel von Staub und ein Embryo vom Mutterleib bedeckt ist, so wird das Lebewesen von verschiedenen Graden dieser Lust bedeckt.


Es gibt drei Grade von Bedeckung, durch die das reine Bewußtsein des Lebewesens verfinstert wird. Diese Bedeckung ist nichts anderes als Lust in verschiedenen Manifestationen und wird mit Rauch im Feuer, Staub auf dem Spiegel und dem Mutterleib über dem Embryo verglichen. Wenn Lust mit Rauch verglichen wird, bedeutet dies, daß das Feuer des lebendigen Funkens schwach wahrgenommen werden kann. Mit anderen Worten, wenn das Lebewesen sein Kṛṣṇa- Bewußtsein ein wenig entfaltet, kann es mit dem von Rauch bedeckten Feuer verglichen werden. Wo Rauch ist, muß notwendigerweise auch Feuer sein, doch am Anfang ist das Feuer noch nicht richtig zu sehen. Diese Stufe entspricht dem Beginn des Kṛṣṇa-Bewußtseins. Der von Staub bedeckte Spiegel bezieht sich auf den Spiegel des Geistes, der gereinigt werden muß, und dafür gibt es vielfältige spirituelle Vorgänge. Der beste Vorgang ist das Chanten der Heiligen Namen des Herrn. Der vom Mutterleib bedeckte Embryo ist ein Vergleich, der eine hilflose Lage illustrieren soll, denn das Kind im Mutterschoß ist so hilflos, daß es sich nicht einmal bewegen kann. Dieser Lebenszustand kann mit dem der Bäume verglichen werden. Bäume sind ebenfalls Lebewesen, aber aufgrund ihrer Zurschaustellung übermäßiger Lust wurden sie in einen solchen Lebensumstand versetzt, daß sie beinahe ohne jedes Bewußtsein sind. Der bedeckte Spiegel wird mit den Vögeln und Säugetieren und das von Rauch bedeckte Feuer mit dem Menschen verglichen. Wenn das Lebewesen einen menschlichen Körper annimmt, kann es sein Kṛṣṇa- Bewußtsein ein wenig wiederbeleben, und wenn es in der menschlichen Lebensform weiteren Fortschritt macht, wird das Feuer seines spirituellen Lebens entfacht werden. Wenn man mit dem Rauch richtig umgeht, kann man das Feuer zum Lodern bringen. Die menschliche Lebensform ist also eine Gelegenheit für das Lebewesen, der Verstrickung des materiellen Daseins zu entkommen. In der menschlichen Lebensform kann man den Feind, die Lust, besiegen, indem man unter kundiger Führung Kṛṣṇa-Bewußtsein kultiviert.

||3-39||

आवृतं ज्ञानमेतेन ज्ञानिनो नित्यवैरिणा | कामरूपेण कौन्तेय दुष्पूरेणानलेन च ||३-३९||

āvṛtaṃ jñānametena jñānino nityavairiṇā . kāmarūpeṇa kaunteya duṣpūreṇānalena ca ||3-39||

āvṛtam — bedeckt; jñānam — reines Bewußtsein; etena — durch diese; jñāninaḥ — des Kenners; nitya-vairiṇā — von der ewigen Feindin; kāma- rūpeṇa — in der Form von Lust; kaunteya — o Sohn Kuntīs; duṣpūreṇa — niemals zu befriedigen; analena — durch das Feuer; ca — auch.


So wird das reine Bewußtsein des weisen Lebewesens von seiner ewigen Feindin in der Form von Lust bedeckt, die niemals befriedigt werden kann und die wie Feuer brennt.


In der Manu-smṛti heißt es, daß Lust durch kein noch so großes Ausmaß an Sinnengenuß befriedigt werden kann, ebenso wie Feuer niemals durch eine ständige Zufuhr von Brennstoff gelöscht werden kann. In der materiellen Welt ist Geschlechtsanziehung der Mittelpunkt aller Tätigkeiten, und daher wird die materielle Welt als maithunya-āgāra („die Ketten des Geschlechtslebens“) bezeichnet. In einem gewöhnlichen Gefängnis werden Verbrecher hinter Gittern festgehalten, und in ähnlicher Weise werden die Verbrecher, die gegen die Gesetze des Herrn verstoßen, durch Sexualität in Ketten gelegt. Fortschritt der materiellen Zivilisation auf der Grundlage von Sinnenbefriedigung bedeutet, die Dauer der materiellen Existenz eines Lebewesens zu verlängern. Daher ist die Lust das Symbol der Unwissenheit, durch die das Lebewesen in der materiellen Welt gehalten wird. Während des Genusses sinnlicher Befriedigung mag es so etwas wie ein Glücksgefühl geben, doch in Wirklichkeit ist dieses vermeintliche Glücksgefühl der größte Feind des Sinnengenießers.

||3-40||

इन्द्रियाणि मनो बुद्धिरस्याधिष्ठानमुच्यते | एतैर्विमोहयत्येष ज्ञानमावृत्य देहिनम् ||३-४०||

indriyāṇi mano buddhirasyādhiṣṭhānamucyate . etairvimohayatyeṣa jñānamāvṛtya dehinam ||3-40||

indriyāṇi — die Sinne; manaḥ — der Geist; buddhiḥ — die Intelligenz; asya — von dieser Lust; adhiṣṭhānam — Aufenthaltsort; ucyate — wird genannt; etaiḥ — von all diesen; vimohayati — verwirrt; eṣaḥ — diese Lust; jñānam — Wissen; āvṛtya — bedeckend; dehinam — des Verkörperten.


Die Sinne, der Geist und die Intelligenz sind die Wohnstätten der Lust. Durch sie bedeckt die Lust das wirkliche Wissen des Lebewesens und verwirrt es.


Der Feind hat verschiedene strategische Punkte im Körper der bedingten Seele besetzt, und daher weist Śrī Kṛṣṇa auf diese Stellen hin, damit derjenige, der den Feind besiegen will, weiß, wo er ihn finden kann. Der Geist ist das Zentrum aller Sinnestätigkeiten, und wann immer wir etwas über Sinnesobjekte hören, beginnt der Geist im allgemeinen, verschiedenste Pläne für Sinnenbefriedigung hervorzubringen; als Folge werden Geist und Sinne zu Sammelplätzen der Lust. Als nächstes wird die Abteilung der Intelligenz zum Zentrum solch lustvoller Neigungen. Die Intelligenz ist die unmittelbare Nachbarin der spirituellen Seele. Die lustvolle Intelligenz beeinflußt die Seele, das falsche Ego anzunehmen und sich mit Materie und somit mit dem Geist und den Sinnen zu identifizieren. So verfällt die spirituelle Seele dem Genuß der materiellen Sinne und hält dies fälschlich für wahres Glück. Diese falsche Identifizierung der spirituellen Seele wird im Śrīmad-Bhāgavatam (10.84.13) sehr treffend erklärt:
yasyātma-buddhiḥ kuṇape tri-dhātuke
sva-dhīḥ kalatrādiṣu bhauma ijya-dhīḥ
yat-tīrtha-buddhiḥ salile na karhicij
janeṣv abhijñeṣu sa eva go-kharaḥ
„Ein Mensch, der sich mit dem aus drei Elementen geschaffenen Körper identifiziert, der die Nebenprodukte des Körpers für seine Verwandten hält, der sein Geburtsland als verehrungswürdig betrachtet und einen Pilgerort besucht, nur um dort ein Bad zu nehmen, statt die Weisen, die transzendentales Wissen besitzen, aufzusuchen, ist nicht besser als ein Esel oder eine Kuh.“

||3-41||

तस्मात्त्वमिन्द्रियाण्यादौ नियम्य भरतर्षभ | पाप्मानं प्रजहि ह्येनं ज्ञानविज्ञाननाशनम् ||३-४१||

tasmāttvamindriyāṇyādau niyamya bharatarṣabha . pāpmānaṃ prajahi hyenaṃ jñānavijñānanāśanam ||3-41||

tasmāt — deshalb; tvam — du; indriyāṇi — Sinne; ādau — am Anfang; niyamya — durch Regulierung; bharata-ṛṣabha — o Oberhaupt unter den Nachkommen Bharatas; pāpmānam — das große Symbol der Sünde; prajahi — bezwinge; hi — gewiß; enam — diese; jñāna — des Wissens; vijñāna — und des wissenschaftlichen Wissens über die reine Seele; nāśanam — die Zerstörerin.


Deshalb, o Arjuna, bester der Bharatas, bezwinge gleich zu Anfang dieses große Symbol der Sünde [die Lust], indem du die Sinne regulierst, und erschlage diese Zerstörerin des Wissens und der Selbstverwirklichung.


Der Herr gab Arjuna den Rat, die Sinne von Anfang an zu regulieren, so daß er die größte sündige Feindin, die Lust, bezwingen könne, die den Drang nach Selbstverwirklichung und das Wissen vom Selbst zerstört. Jñāna bezieht sich auf das Wissen, das das Selbst vom falschen Selbst unterscheidet, oder mit anderen Worten, das Wissen, daß die spirituelle Seele nicht mit dem materiellen Körper identisch ist. Vijñāna bezieht sich auf spezifisches Wissen über die wesensgemäße Stellung der spirituellen Seele und ihre Beziehung zur Höchsten Seele. Dies wird im Śrīmad-Bhāgavatam (2.9.31) wie folgt erklärt:
jñānaṁ parama-guhyaṁ me
yad vijñāna-samanvitam
sa-rahasyaṁ tad-aṅgaṁ ca
gṛhāṇa gaditaṁ mayā
„Das Wissen vom Selbst und vom Höchsten Selbst ist sehr vertraulich und geheimnisvoll, aber dieses Wissen und dessen Verwirklichung kann man verstehen, wenn es mit all den verschiedenen Aspekten vom Herrn Selbst erklärt wird.“
Die Bhagavad-gītā gibt uns dieses allgemeine und spezifische Wissen über das Selbst. Die Lebewesen sind winzige Teile des Herrn, und daher besteht ihre Aufgabe einfach darin, dem Herrn zu dienen. Dieses Bewußtsein nennt man Kṛṣṇa-Bewußtsein. Schon von Beginn des Lebens an muß man dieses Kṛṣṇa-Bewußtsein erlernen, und so kann man völlig Kṛṣṇa-bewußt werden und dementsprechend handeln.
Lust ist nur die verzerrte Spiegelung der Liebe zu Gott, die für jedes Lebewesen natürlich ist. Wenn man aber gleich von Anfang an im Kṛṣṇa- Bewußtsein erzogen wird, kann diese natürliche Gottesliebe nicht zu Lust entarten. Wenn Gottesliebe zu Lust entartet, ist es sehr schwierig, zum normalen Zustand zurückzukehren. Nichtsdestoweniger ist Kṛṣṇa- Bewußtsein so mächtig, daß sogar ein Mensch, der spät beginnt, Liebe zu Gott erlangen kann, wenn er den regulierenden Prinzipien des hingebungsvollen Dienstes folgt. Man kann sich also von jeder Stufe des Lebens aus, wann immer man die dringende Notwendigkeit einsieht, dem Kṛṣṇa-Bewußtsein, dem hingebungsvollen Dienst des Herrn, zuwenden, um so die Sinne zu regulieren und die Lust in Liebe zu Gott umzuwandeln – die höchste Vollkommenheit des menschlichen Lebens.

||3-42||

इन्द्रियाणि पराण्याहुरिन्द्रियेभ्यः परं मनः | मनसस्तु परा बुद्धिर्यो बुद्धेः परतस्तु सः ||३-४२||

indriyāṇi parāṇyāhurindriyebhyaḥ paraṃ manaḥ . manasastu parā buddhiryo buddheḥ paratastu saḥ ||3-42||

indriyāṇi — Sinne; parāṇi — höher; āhuḥ — man sagt; indriyebhyaḥ — mehr als die Sinne; param — höher; manaḥ — der Geist; manasaḥ — mehr als der Geist; tu — auch; parā — höher; buddhiḥ — Intelligenz; yaḥ — derjenige, der; buddheḥ — mehr als die Intelligenz; parataḥ — noch höher; tu — aber; saḥ — sie (die Seele).


Die aktiven Sinne sind der leblosen Materie übergeordnet, der Geist steht über den Sinnen, die Intelligenz steht über dem Geist, und sie [die Seele] steht sogar noch über der Intelligenz.


Die verschiedenen Sinne sind Betätigungsfelder für die Lust. Die Lust sammelt sich im Körper, aber durch die Sinne ist ihr ein Ventil geschaffen. Daher stehen die Sinne über dem Körper als Ganzem. Wenn jedoch ein höheres Bewußtsein, das heißt Kṛṣṇa- Bewußtsein, vorhanden ist, werden die Sinne nicht mehr als Ventile gebraucht. Im Kṛṣṇa-Bewußtsein stellt die Seele eine direkte Verbindung mit der Höchsten Persönlichkeit Gottes her. Deshalb gipfelt die Hierarchie der Körperfunktionen, wie sie hier beschrieben wird, letztlich in der Höchsten Seele. Mit körperlicher Tätigkeit sind die Funktionen der Sinne gemeint, und die Funktionen der Sinne einzustellen bedeutet, alle körperlichen Tätigkeiten zu beenden. Aber weil der Geist aktiv ist, wird er auch dann tätig sein, wenn der Körper ruht, wie dies während des Träumens der Fall ist. Über dem Geist jedoch steht die Entschlossenheit der Intelligenz, und über der Intelligenz befindet sich die Seele. Wenn daher die Seele direkt mit dem Höchsten beschäftigt ist, wird alles, was ihr untergeordnet ist, nämlich die Intelligenz, der Geist und die Sinne, automatisch dementsprechend beschäftigt sein. In der Kaṭha Upaniṣad gibt es einen ähnlichen Abschnitt, wo es heißt, daß die Objekte der Sinnenbefriedigung den Sinnen übergeordnet sind und daß der Geist den Sinnesobjekten übergeordnet ist. Wenn der Geist daher ständig direkt im Dienst des Herrn beschäftigt ist, gibt es für die Sinne keine Möglichkeit, in anderer Weise aktiv zu werden. Diese Funktionsweise des Geistes wurde bereits erklärt. Paraṁ dṛṣṭvā nivartate. Wenn der Geist im transzendentalen Dienst des Herrn beschäftigt ist, hat er keine Möglichkeit, niedrigen Neigungen nachzugehen. In der Kaṭha Upaniṣad wird die Seele als mahān, „die Große“, bezeichnet, denn sie steht über allem – über den Sinnesobjekten, den Sinnen, dem Geist und der Intelligenz. Die Lösung des ganzen Problems besteht also darin, direkt die wesensgemäße Stellung der Seele zu verstehen.
Mit der Intelligenz muß man die wesensgemäße Stellung der Seele ausfindig machen, und dann muß man den Geist immer im Kṛṣṇa- Bewußtsein beschäftigen. Das ist die Lösung des ganzen Problems. Einem Spiritualisten auf der Anfängerstufe wird im allgemeinen geraten, sich von den Sinnesobjekten fernzuhalten. Darüber hinaus jedoch muß man auch den Geist stärken, indem man die Intelligenz benutzt. Wenn man kraft seiner Intelligenz den Geist im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt, indem man sich völlig der Höchsten Persönlichkeit Gottes ergibt, wird der Geist automatisch stärker, und die Sinne, die so stark wie Schlangen sind, werden nicht wirksamer sein als Schlangen mit herausgebrochenen Giftzähnen. Die Seele ist zwar Herr über die Intelligenz und den Geist und auch die Sinne, aber solange sie nicht durch die Gemeinschaft mit Kṛṣṇa im Kṛṣṇa-Bewußtsein gestärkt ist, besteht immer noch jede Möglichkeit, aufgrund der erregbaren Natur des Geistes zu Fall zu kommen.

||3-43||

एवं बुद्धेः परं बुद्ध्वा संस्तभ्यात्मानमात्मना | जहि शत्रुं महाबाहो कामरूपं दुरासदम् ||३-४३||

evaṃ buddheḥ paraṃ buddhvā saṃstabhyātmānamātmanā . jahi śatruṃ mahābāho kāmarūpaṃ durāsadam ||3-43||

evam — auf diese Weise; buddheḥ — der Intelligenz; param — übergeordnet; buddhvā — wissend; saṁstabhya — indem man festigt; ātmānam — den Geist; ātmanā — durch klare Intelligenz; jahi — besiege; śatrum — den Feind; mahā-bāho — o Starkarmiger; kāma-rūpam — in Form von Lust; durāsadam — gefährlich.


Wenn man also weiß, daß man zu den materiellen Sinnen, dem Geist und der Intelligenz transzendental ist, o starkarmiger Arjuna, sollte man den Geist durch klare spirituelle Intelligenz [Kṛṣṇa-Bewußtsein] festigen und so – durch spirituelle Stärke – diesen unersättlichen Feind, die Lust, bezwingen.


Das Dritte Kapitel der Bhagavad-gītā führt in seiner Schlußfolgerung zum Kṛṣṇa-Bewußtsein. Man erkennt sich als ewigen Diener der Höchsten Persönlichkeit Gottes, ohne die unpersönliche Leere als das endgültige Ziel zu betrachten. Im materiellen Leben wird man mit Sicherheit von lustvollen Neigungen und dem Wunsch nach Herrschaft über den Reichtum der materiellen Natur beeinflußt. Das Begehren nach Herrschaft und Sinnenbefriedigung sind die größten Feinde der bedingten Seele, doch durch die Stärke des Kṛṣṇa-Bewußtseins kann man die materiellen Sinne, den Geist und die Intelligenz beherrschen. Man sollte seine Arbeit und seine vorgeschriebenen Pflichten nicht unvermittelt aufgeben; vielmehr sollte man allmählich Kṛṣṇa-Bewußtsein entwickeln und so durch stetige Intelligenz, die auf die reine Identität gerichtet ist, eine transzendentale Stellung erreichen, wo man von den materiellen Sinnen und dem Geist nicht mehr beeinflußt wird. Das ist die Essenz dieses Kapitels. Philosophische Spekulationen und künstliche Versuche, die Sinne durch die sogenannte Übung von Yogastellungen zu beherrschen, können einem Menschen, der sich auf der unreifen Stufe der materiellen Existenz befindet, nicht helfen, spirituelles Leben zu erlangen. Er muß durch höhere Intelligenz im Kṛṣṇa-Bewußtsein geschult werden.

Глава 4

Transzendentales Wissen

||4-1||

श्रीभगवानुवाच | इमं विवस्वते योगं प्रोक्तवानहमव्ययम् | विवस्वान्मनवे प्राह मनुरिक्ष्वाकवेऽब्रवीत् ||४-१||

śrībhagavānuvāca . imaṃ vivasvate yogaṃ proktavānahamavyayam . vivasvānmanave prāha manurikṣvākave.abravīt ||4-1||

śrī-bhagavān uvāca — die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach; imam — diese; vivasvate — dem Sonnengott; yogam — die Wissenschaft von der Beziehung zum Höchsten; proktavān — unterwies; aham — Ich; avyayam — unvergängliche; vivasvān — Vivasvān (der Name des Sonnengottes); manave — dem Vater der Menschheit (namens Vaivasvata); prāha — erklärte; manuḥ — der Vater der Menschheit; ikṣvākave — zu König Ikṣvāku; abravīt — sagte.


Die Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa, sprach: Ich unterwies den Sonnengott, Vivasvān, in dieser unvergänglichen Wissenschaft des yoga; Vivasvān unterwies Manu, den Vater der Menschheit, darin, und Manu seinerseits lehrte es Ikṣvāku.


Hier finden wir die Geschichte der Bhagavad-gītā, die sich bis in längst vergangene Zeiten zurückverfolgen läßt, als sie dem Königsstand aller Planeten, angefangen mit dem Sonnenplaneten, verkündet wurde. Es ist die besondere Aufgabe der Könige aller Planeten, deren Bewohner zu beschützen, und deshalb sollte der königliche Stand die Wissenschaft der Bhagavad-gītā verstehen, um fähig zu sein, die Bürger zu regieren und vor der materiellen Fessel der Lust zu beschützen. Das menschliche Leben ist dafür bestimmt, spirituelles Wissen zu entwickeln, um seine ewige Beziehung zur Höchsten Persönlichkeit Gottes zu erkennen, und die Oberhäupter aller Staaten und Planeten sind verpflichtet, dieses Wissen den Bürgern durch Bildung, Kultur und Hingabe zu vermitteln. Mit anderen Worten, die verantwortlichen Führer aller Staaten sollten die Wissenschaft des Kṛṣṇa-Bewußtseins verbreiten, so daß die Menschen aus dieser bedeutenden Wissenschaft ihren Vorteil ziehen und einem erfolgreichen Pfad folgen können, indem sie die Gelegenheit nutzen, die die menschliche Lebensform bietet.
Im gegenwärtigen Zeitalter heißt der Sonnengott Vivasvān; er ist der König der Sonne, die der Ursprung aller Planeten im Sonnensystem ist. In der Brahma-saṁhitā (5.52) heißt es:
yac-cakṣur eṣa savitā sakala-grahāṇāṁ
rājā samasta-sura-mūrtir aśeṣa-tejāḥ
yasyājñayā bhramati sambhṛta-kāla-cakro
govindam ādi-puruṣaṁ tam ahaṁ bhajāmi
Brahmā sprach: „Ich verehre die Höchste Persönlichkeit Gottes, Govinda [Kṛṣṇa], der die ursprüngliche Person ist und unter dessen Anweisung die Sonne, der König aller Planeten, unermeßliche Kraft und Hitze annimmt. Die Sonne repräsentiert das Auge des Herrn und folgt, Seinem Befehl gehorchend, ihrem Lauf.“
Die Sonne ist der König aller Planeten, und der Sonnengott (zur Zeit ist es Vivasvān) regiert den Sonnenplaneten, der alle anderen Planeten beherrscht, indem er sie mit Wärme und Licht versorgt. Die Sonne rotiert unter dem Befehl Kṛṣṇas, und Śrī Kṛṣṇa machte ursprünglich Vivasvān zu Seinem ersten Schüler, der die Wissenschaft der Bhagavad- gītā verstehen sollte. Die Gītā ist daher keine spekulative Abhandlung für den unbedeutenden weltlichen Gelehrten, sondern ein Standardbuch des Wissens, das uns seit unvordenklichen Zeiten überliefert wird.
Im Mahābhārata (Śānti-parva 348.51–52) können wir die Geschichte der Gītā zurückverfolgen:
tretā-yugādau ca tato
vivasvān manave dadau
manuś ca loka-bhṛty-arthaṁ
sutāyekṣvākave dadau
ikṣvākuṇā ca kathito
vyāpya lokān avasthitaḥ
„Zu Beginn des Tretā-yuga wurde diese Wissenschaft von der Beziehung zum Höchsten von Vivasvān an Manu weitergegeben. Manu, der Vater der Menschheit, lehrte sie seinen Sohn, Mahārāja Ikṣvāku, den König der Erde und Vorvater der Raghu-Dynastie, in der Śrī Rāmacandra erschien.“ Die Bhagavad-gītā gab es in der menschlichen Gesellschaft also seit der Zeit Mahārāja Ikṣvākus.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind erst fünftausend Jahre des Kali- yuga vergangen, das insgesamt 432000 Jahre dauert. Vor diesem Zeitalter gab es das Dvāpara-yuga (800000 Jahre) und davor das Tretā- yuga (1200000 Jahre). Manu sprach die Bhagavad-gītā also vor etwa 2005000 Jahren zu seinem Sohn und Schüler Mahārāja Ikṣvāku, dem König des Planeten Erde. Das Zeitalter des gegenwärtigen Manu dauert rund 305300000 Jahre, von denen bisher 120400000 vergangen sind. Wenn man davon ausgeht, daß die Gītā vor der Geburt Manus vom Herrn zu seinem Schüler, dem Sonnengott Vivasvān, gesprochen wurde, dann wurde die Gītā, grob geschätzt, vor mindestens 120400000 Jahren verkündet, und in der menschlichen Gesellschaft gibt es sie seit zwei Millionen Jahren. Vor etwa fünftausend Jahren sprach der Herr die Bhagavad-gītā erneut zu Arjuna. Das ist in groben Zügen die Geschichte der Gītā, wie sie von der Gītā selbst und ihrem Sprecher, Śrī Kṛṣṇa, beschrieben wird. Sie wurde zum Sonnengott Vivasvān gesprochen, weil auch er ein kṣatriya war und weil von ihm die sūrya-vaṁśa-kṣatriyas (die kṣatriyas, deren Stammvater der Sonnengott ist) ausgingen. Weil die Bhagavad-gītā von der Höchsten Persönlichkeit Gottes gesprochen wurde, ist sie genauso authentisch wie die Veden, und deshalb wird ihr Wissen als apauruṣeya, übermenschlich, bezeichnet. Und da die vedischen Unterweisungen ohne menschliche Interpretation so angenommen werden müssen, wie sie sind, muß auch die Gītā ohne weltliche Interpretation angenommen werden. Weltliche Besserwisser mögen auf ihre eigene Weise über die Gītā spekulieren, aber was dabei herauskommt, ist nicht die Bhagavad-gītā, wie sie ist. Daher muß die Bhagavad-gītā so angenommen werden, wie sie ist, nämlich wie sie über die Schülernachfolge zu uns herabkommt, und wie hier erklärt wird, unterwies der Herr ursprünglich den Sonnengott, der Sonnengott unterwies seinen Sohn Manu, und Manu unterwies seinen Sohn Ikṣvāku.

||4-2||

एवं परम्पराप्राप्तमिमं राजर्षयो विदुः | स कालेनेह महता योगो नष्टः परन्तप ||४-२||

evaṃ paramparāprāptamimaṃ rājarṣayo viduḥ . sa kāleneha mahatā yogo naṣṭaḥ parantapa ||4-2||

evam — so; paramparā — durch das System der Schülernachfolge; prāptam — empfangen; imam — diese Wissenschaft; rāja-ṛṣayaḥ — die heiligen Könige; viduḥ — verstanden; saḥ — dieses Wissen; kālena — im Laufe der Zeit; iha — auf dieser Welt; mahatā — große; yogaḥ — die Wissenschaft der Beziehung zum Höchsten; naṣṭaḥ — verloren; param- tapa — o Arjuna, Bezwinger der Feinde.


Diese höchste Wissenschaft wurde so durch die Kette der Schülernachfolge empfangen, und die heiligen Könige erlernten sie auf diese Weise. Aber im Laufe der Zeit wurde die Nachfolge unterbrochen, und daher scheint diese Wissenschaft, wie sie ist, verlorengegangen zu sein.


Es heißt hier eindeutig, daß die Gītā besonders für die heiligen Könige bestimmt war, da diese die Pflicht hatten, in ihrem Staat zum Wohl der Bürger die Prinzipien der Gītā in die Tat umzusetzen. Zweifelsohne war die Bhagavad-gītā niemals für dämonische Menschen bestimmt, die ihren Wert zu niemandes Nutzen zerstören und alle möglichen launenhaften Interpretationen erfinden. Als der ursprüngliche Sinn aufgrund des Eigeninteresses skrupelloser Kommentatoren entstellt wurde, entstand die Notwendigkeit, die Schülernachfolge zu erneuern. Vor fünftausend Jahren machte der Herr Selbst die Feststellung, daß die Schülernachfolge unterbrochen war, und erklärte daher, daß die wahre Bedeutung der Bhagavad-gītā verlorengegangen sei. Ebenso gibt es auch heute viele Ausgaben der Gītā (besonders in englischer Sprache), aber fast keine stimmt mit den Lehren der autorisierten Schülernachfolge überein. Es gibt zahllose Interpretationen der verschiedensten weltlichen Gelehrten, doch praktisch keiner von ihnen akzeptiert Kṛṣṇa als die Höchste Persönlichkeit Gottes, obgleich sie alle mit Śrī Kṛṣṇas Worten ein gutes Geschäft machen. Diese Haltung ist dämonisch, denn Dämonen glauben nicht an Gott, aber genießen trotzdem Sein Eigentum. Weil die dringende Notwendigkeit für eine englische Ausgabe der Gītā besteht, die mit der Überlieferung des paramparā-Systems (Schülernachfolge) übereinstimmt, wird hiermit der Versuch unternommen, diesem großen Mangel abzuhelfen. Die Bhagavad-gītā – so verstanden, wie sie ist – ist ein großer Segen für die Menschheit; aber wenn man sie wie eine Abhandlung philosophischer Spekulationen studiert, verschwendet man lediglich seine Zeit.

||4-3||

स एवायं मया तेऽद्य योगः प्रोक्तः पुरातनः | भक्तोऽसि मे सखा चेति रहस्यं ह्येतदुत्तमम् ||४-३||

sa evāyaṃ mayā te.adya yogaḥ proktaḥ purātanaḥ . bhakto.asi me sakhā ceti rahasyaṃ hyetaduttamam ||4-3||

saḥ — die gleiche; eva — gewiß; ayam — dies; mayā — von Mir; te — zu dir; adya — heute; yogaḥ — die Wissenschaft des yoga; proktaḥ — gesprochen; purātanaḥ — sehr alte; bhaktaḥ — Geweihter; asi — du bist; me — Mein; sakhā — Freund; ca — auch; iti — deshalb; rahasyam — Mysterium; hi — gewiß; etat — dieses; uttamam — transzendentale.


Diese uralte Wissenschaft von der Beziehung zum Höchsten wird dir heute von Mir mitgeteilt, weil du Mein Geweihter und Mein Freund bist und weil du deshalb das transzendentale Mysterium dieser Wissenschaft verstehen kannst.


Es gibt zwei Klassen von Menschen, nämlich die Gottgeweihten und die Dämonen. Der Herr wählte Arjuna zum Empfänger dieser bedeutenden Wissenschaft, weil Arjuna ein Gottgeweihter war. Für einen Dämon wäre es nicht möglich, das Geheimnis dieser erhabenen Wissenschaft zu verstehen. Es gibt zahlreiche Ausgaben dieses großen Buches des Wissens; einige wurden von Gottgeweihten kommentiert und andere von Dämonen. Die Kommentare der Gottgeweihten entsprechen der Wahrheit, wohingegen die Kommentare der Dämonen wertlos sind. Arjuna erkennt Śrī Kṛṣṇa als die Höchste Persönlichkeit Gottes an, und jeder Kommentar zur Gītā, der dem Beispiel Arjunas folgt, ist wahrer hingebungsvoller Dienst im Interesse dieser bedeutenden Wissenschaft. Die Dämonen jedoch akzeptieren Śrī Kṛṣṇa nicht so, wie Er ist. Statt dessen erfinden sie irgend etwas über Kṛṣṇa und bringen den Leser vom Pfad der Unterweisungen Kṛṣṇas ab. Hier wird vor solchen Irrwegen gewarnt. Man sollte versuchen, der Schülernachfolge, die von Arjuna ausgeht, zu folgen, um so von dieser großen Wissenschaft der Śrīmad Bhagavad-gītā zu profitieren.

||4-4||

अर्जुन उवाच | अपरं भवतो जन्म परं जन्म विवस्वतः | कथमेतद्विजानीयां त्वमादौ प्रोक्तवानिति ||४-४||

arjuna uvāca . aparaṃ bhavato janma paraṃ janma vivasvataḥ . kathametadvijānīyāṃ tvamādau proktavāniti ||4-4||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; aparam — jünger; bhavataḥ — Deine; janma — Geburt; param — älter; janma — Geburt; vivasvataḥ — des Sonnengottes; katham — wie; etat — dies; vijānīyām — soll ich verstehen; tvam — Du; ādau — am Anfang; proktavān — unterwiesest; iti — auf diese Weise.


Arjuna sagte: Der Sonnengott Vivasvān ist von Geburt her älter als Du. Wie ist es zu verstehen, daß Du ihn am Anfang in dieser Wissenschaft unterwiesest?


Arjuna ist ein anerkannter Geweihter des Herrn – wie konnte er also Kṛṣṇas Worten keinen Glauben schenken? Tatsache ist, daß Arjuna nicht für sich selbst fragte, sondern für diejenigen, die nicht an die Höchste Persönlichkeit Gottes glauben, und für die Dämonen, denen die Vorstellung nicht behagt, daß Kṛṣṇa als die Höchste Persönlichkeit Gottes anerkannt werden soll. Nur ihretwegen fragt Arjuna so, als wäre er sich selbst der Stellung Kṛṣṇas, der Persönlichkeit Gottes, nicht bewußt. Wie im Zehnten Kapitel deutlich wird, wußte Arjuna sehr wohl, daß Kṛṣṇa die Höchste Persönlichkeit Gottes ist, der Urquell allen Seins und der höchste Aspekt der Transzendenz. Natürlich erschien Kṛṣṇa auf der Erde auch als der Sohn Devakīs. Wie dieser Kṛṣṇa dieselbe Höchste Persönlichkeit Gottes, die ewige ursprüngliche Person, sein konnte, ist für den gewöhnlichen Menschen sehr schwierig zu verstehen. Deshalb richtete Arjuna diese Frage an Kṛṣṇa, so daß Kṛṣṇa Selbst als Autorität diesen Punkt klären konnte. Daß Kṛṣṇa die höchste Autorität ist, wird von der ganzen Welt anerkannt – nicht nur heute, sondern seit unvordenklichen Zeiten –, und nur die Dämonen lehnen Ihn ab. Da Kṛṣṇa also die von allen anerkannte Autorität ist, stellte Arjuna Ihm diese Frage, damit Er Sich Selbst beschreiben konnte, um so die Beschreibungen der Dämonen zu widerlegen, die immer versuchen, Kṛṣṇa so zu entstellen, daß Er ihren eigenen Vorstellungen und denen ihrer Anhänger entspricht. Es ist für jeden in seinem eigenen Interesse notwendig, die Wissenschaft von Kṛṣṇa zu kennen. Daher ist es für alle Welten segensreich, wenn Kṛṣṇa Selbst über Sich spricht. Den Dämonen mögen Kṛṣṇas Erklärungen seltsam erscheinen, da sie Kṛṣṇa immer nur von ihrem eigenen Standpunkt aus betrachten; aber diejenigen, die Gottgeweihte sind, begrüßen die Erklärungen Kṛṣṇas, wenn sie von Ihm Selbst gesprochen werden, mit großer Freude. Die Gottgeweihten werden solche autoritativen Aussagen Kṛṣṇas stets verehren, weil sie immer begierig sind, mehr und mehr über Ihn zu erfahren. Die Atheisten, die Kṛṣṇa für einen gewöhnlichen Menschen halten, können durch diese Worte erkennen, daß Kṛṣṇa übermenschlich ist, daß Er sac- cid-ānanda-vigraha ist – die ewige Gestalt der Glückseligkeit und des Wissens –, daß Er transzendental ist und über dem Herrschaftsbereich der Erscheinungsweisen der materiellen Natur und über dem Einfluß von Raum und Zeit steht. Ein Geweihter Kṛṣṇas, wie Arjuna, steht zweifellos über jedem Mißverständnis der transzendentalen Stellung Kṛṣṇas. Daß Arjuna dem Herrn diese Frage stellt, ist nichts weiter als ein Versuch des Gottgeweihten, der atheistischen Haltung jener Menschen zu begegnen, die Kṛṣṇa für einen gewöhnlichen Menschen halten, der den Erscheinungsweisen der materiellen Natur unterworfen ist.

||4-5||

श्रीभगवानुवाच | बहूनि मे व्यतीतानि जन्मानि तव चार्जुन | तान्यहं वेद सर्वाणि न त्वं वेत्थ परन्तप ||४-५||

śrībhagavānuvāca . bahūni me vyatītāni janmāni tava cārjuna . tānyahaṃ veda sarvāṇi na tvaṃ vettha parantapa ||4-5||

śrī-bhagavān uvāca — die Persönlichkeit Gottes sprach; bahūni — viele; me — Meiner; vyatītāni — sind vergangen; janmāni — Geburten; tava — deiner; ca — und auch; arjuna — o Arjuna; tāni — all diese; aham — Ich; veda — kenne; sarvāṇi — alle; na — nicht; tvam — du; vettha — kennst; param-tapa — o Bezwinger des Feindes.


Die Persönlichkeit Gottes sprach: Viele, viele Geburten haben sowohl du als auch Ich in der Vergangenheit angenommen. Ich kann Mich an sie alle erinnern, doch du kannst es nicht, o Bezwinger des Feindes.


Aus der Brahma-saṁhitā (5.33) erfahren wir, daß es zahllose Inkarnationen des Herrn gibt. Es heißt dort:
advaitam acyutam anādim ananta-rūpam
ādyaṁ purāṇa-puruṣaṁ nava-yauvanaṁ ca
vedeṣu durlabham adurlabham ātma-bhaktau
govindam ādi-puruṣaṁ tam ahaṁ bhajāmi
„Ich verehre die Höchste Persönlichkeit Gottes, Govinda [Kṛṣṇa], der die ursprüngliche Person ist – absolut, unfehlbar, ohne Anfang. Obwohl Er Sich in unbegrenzt viele Formen erweitert, ist Er dennoch dieselbe ursprüngliche, älteste Person und erscheint immer in blühender Jugend. Diese ewigen, glückseligen und allwissenden Formen des Herrn werden gewöhnlich nur von den besten vedischen Gelehrten verstanden, doch reinen, unverfälschten Gottgeweihten sind sie immer sichtbar.“
In der Brahma-saṁhitā (5.39) heißt es auch:
rāmādi-mūrtiṣu kalā-niyamena tiṣṭhan
nānāvatāram akarod bhuvaneṣu kintu
kṛṣṇaḥ svayaṁ samabhavat paramaḥ pumān yo
govindam ādi-puruṣaṁ tam ahaṁ bhajāmi
„Ich verehre die Höchste Persönlichkeit Gottes, Govinda [Kṛṣṇa], der immer in vielfachen Inkarnationen, wie Rāma und Nṛsiṁha, und auch in vielen untergeordneten Inkarnationen erscheint, der aber gleichzeitig die ursprüngliche Persönlichkeit Gottes namens Kṛṣṇa ist und Sich auch persönlich inkarniert.“
Das gleiche wird auch in den Veden bestätigt: Obwohl der Herr einer ohne einen zweiten ist, manifestiert Er Sich in unzähligen Formen. Er ist wie der vaidūrya-Stein, der seine Farbe wechselt, aber dennoch der gleiche bleibt. All diese vielfältigen Formen werden von den reinen, unverfälschten Gottgeweihten verstanden, und nicht von denen, die sich bloß auf das Studium der Veden beschränken (vedeṣu durlabham adurlabham ātma-bhaktau). Gottgeweihte wie Arjuna sind ständige Gefährten des Herrn, und wann immer Sich der Herr inkarniert, inkarnieren sich auch Seine Ihm beigesellten Geweihten, um dem Herrn in verschiedenen Beziehungen zu dienen. Arjuna ist einer dieser Gottgeweihten, und aus diesem Vers läßt sich ersehen, daß vor einigen Millionen Jahren, als Śrī Kṛṣṇa die Bhagavad-gītā zum Sonnengott Vivasvān sprach, auch Arjuna, in einer anderen Form, gegenwärtig war. Der Herr jedoch konnte Sich, im Gegensatz zu Arjuna, an dieses Ereignis erinnern. Dies ist der Unterschied zwischen dem Höchsten Herrn und dem winzigen Lebewesen, das von Ihm ausgeht. Obwohl Arjuna hier als mächtiger Held bezeichnet wird, der seine Feinde bezwingen konnte, ist er nicht in der Lage, sich an das zu erinnern, was sich in seinen verschiedenen vergangenen Leben ereignet hat. Ein Lebewesen kann daher dem Höchsten Herrn niemals gleich kommen, ganz egal wie bedeutend es nach materiellen Maßstäben sein mag. Sogar die ständigen Begleiter des Herrn, die zweifelsohne alle befreite Seelen sind, können dem Herrn nicht ebenbürtig sein. In der Brahma-saṁhitā wird der Herr als unfehlbar (acyuta) beschrieben, was bedeutet, daß Er niemals Seine Identität vergißt, selbst wenn Er mit der Materie in Berührung kommt. Deshalb können der Herr und das Lebewesen niemals in jeder Hinsicht gleich sein, selbst wenn es sich um ein solch befreites Lebewesen wie Arjuna handelt. Obwohl Arjuna ein Geweihter des Herrn ist, vergißt er manchmal die wahre Stellung des Herrn; aber durch die göttliche Gnade kann ein Gottgeweihter sogleich das unfehlbare Wesen des Herrn verstehen, wohingegen Nichtgottgeweihte und Dämonen dieses transzendentale Wesen nicht verstehen können. Folglich können diese Beschreibungen in der Gītā nicht von dämonischen Gehirnen verstanden werden. Kṛṣṇa erinnerte Sich an Handlungen, die Er vor Millionen von Jahren ausführte, doch Arjuna konnte es nicht, obgleich Kṛṣṇa wie auch Arjuna dem Wesen nach ewig sind. Hieraus können wir ebenfalls ersehen, daß ein Lebewesen alles vergißt, weil es seinen Körper wechselt, wohingegen der Herr Sich an alles erinnern kann, weil Er Seinen sac-cid-ānanda- Körper niemals wechselt. Er ist advaita, was bedeutet, daß zwischen Seinem Körper und Ihm Selbst kein Unterschied besteht. Alles mit Ihm Verbundene ist spirituell, wohingegen die bedingte Seele von ihrem materiellen Körper verschieden ist. Und weil der Körper und das Selbst des Herrn identisch sind, unterscheidet sich Seine Stellung immer von der des gewöhnlichen Lebewesens, auch wenn Er auf die materielle Ebene herabsteigt. Die Dämonen sind nicht in der Lage, dieses transzendentale Wesen des Herrn zu akzeptieren, das von Ihm persönlich im nächsten Vers erklärt wird.

||4-6||

अजोऽपि सन्नव्ययात्मा भूतानामीश्वरोऽपि सन् | प्रकृतिं स्वामधिष्ठाय सम्भवाम्यात्ममायया ||४-६||

ajo.api sannavyayātmā bhūtānāmīśvaro.api san . prakṛtiṃ svāmadhiṣṭhāya sambhavāmyātmamāyayā ||4-6||

ajaḥ — ungeboren; api — obwohl; san — so beschaffen; avyaya — ohne Verfall; ātmā — Körper; bhūtānām — all derjenigen, die geboren sind; īśvaraḥ — der Höchste Herr; api — obwohl; san — so beschaffen; prakṛtim — in der transzendentalen Gestalt; svām — Meinerselbst; adhiṣṭhāya — so befindlich; sambhavāmi — Ich inkarniere Mich; ātma-māyayā — durch Meine innere Energie.


Obwohl Ich ungeboren bin und Mein transzendentaler Körper niemals vergeht und obwohl Ich der Herr aller Lebewesen bin, erscheine Ich in jedem Zeitalter in Meiner ursprünglichen transzendentalen Gestalt.


Der Herr hat im vorangegangenen Vers über die Besonderheit Seiner Geburt gesprochen: Obwohl Er wie ein gewöhnlicher Mensch erscheinen mag, erinnert Er Sich an alles, was während Seiner unzähligen vergangenen „Geburten“ geschah, wohingegen sich ein gewöhnlicher Mensch nicht einmal an das erinnern kann, was er vor ein paar Stunden getan hat. Wenn man jemanden fragte, was er vor einem Tag genau zur gleichen Stunde tat, würde es einem gewöhnlichen Menschen sehr schwer fallen, sofort eine Antwort zu geben. Er müßte sicherlich sein Gedächtnis durchforschen, um sich erinnern zu können, womit er genau vor einem Tag beschäftigt war. Und dennoch gibt es Menschen, die zu behaupten wagen, sie seien Gott, sie seien Kṛṣṇa. Man sollte sich von solch bedeutungslosen Behauptungen nicht irreführen lassen.
Als nächstes erklärt der Herr nun Seine prakṛti (Gestalt). Prakṛti bedeutet sowohl „Natur“ als auch svarūpa („die ureigene Gestalt“). Der Herr sagt, daß Er in Seinem eigenen Körper erscheint, den Er niemals wechselt, denn Er wandert nicht von Körper zu Körper wie die gewöhnlichen Lebewesen. Die bedingte Seele besitzt zwar im gegenwärtigen Leben eine bestimmte Art von Körper, aber schon im nächsten Leben wird sie einen anderen Körper haben. In der materiellen Welt besitzt das Lebewesen keinen festen Körper, sondern wandert von einem Körper zum andern. Der Herr jedoch tut dies nicht. Wann immer Er erscheint, erscheint Er durch Seine innere Kraft in dem gleichen ursprünglichen Körper. Mit anderen Worten, Kṛṣṇa erscheint hier in der materiellen Welt in Seiner ursprünglichen, ewigen Gestalt, das heißt in Seiner zweihändigen Gestalt mit einer Flöte. Er erscheint genauso wie Er ist, in Seinem ewigen Körper, der niemals von der materiellen Welt verunreinigt wird. Aber trotz der Tatsache, daß Er im gleichen transzendentalen Körper erscheint und der Herr des Universums ist, scheint es, als werde Er wie ein gewöhnliches Lebewesen geboren. Und obwohl Sein Körper niemals wie ein materieller Körper dem Wandel unterworfen ist, scheint es, als ob Er vom Kleinkind zum Knaben und vom Knaben zum Jüngling heranwachse. Aber erstaunlicherweise wird Er niemals älter als ein Jüngling. Als die Schlacht von Kurukṣetra stattfand, hatte Śrī Kṛṣṇa bereits viele Enkel, das heißt, nach materieller Berechnung hatte Er bereits ein hohes Alter erreicht. Dennoch sah Er aus wie ein Jüngling von zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren. Wir sehen niemals ein Bild, das Kṛṣṇa als alten Mann zeigt, da Er niemals alt wird wie wir, obwohl Er – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – der älteste in der ganzen Schöpfung ist. Sein Körper wie auch Seine Intelligenz werden niemals schwächer und wandeln sich nie. Daher ist es klar, daß Er, obwohl in der materiellen Welt, immer dieselbe ungeborene, ewige Gestalt der Glückseligkeit und des Wissens ist, unwandelbar in Seinem transzendentalen Körper und Seiner transzendentalen Intelligenz. Er gleicht in Seinem Erscheinen und Fortgehen der Sonne, die aufgeht, vor uns über den Himmel wandert und dann wieder unserer Sicht entschwindet. Wenn die Sonne außer Sicht ist, denken wir, die Sonne sei untergegangen, und wenn die Sonne unseren Augen sichtbar wird, denken wir, die Sonne erscheine am Horizont. In Wirklichkeit jedoch befindet sich die Sonne immer in ihrer festen Position, aber weil unsere Sinne fehlerhaft und unzureichend sind, glauben wir, die Sonne erscheine und verschwinde. Weil sich das Erscheinen und Fortgehen Kṛṣṇas von dem eines gewöhnlichen Lebewesens grundsätzlich unterscheidet, ist es offensichtlich, daß Er durch Seine innere Kraft ewiges, glückseliges Wissen ist und niemals von der materiellen Natur verunreinigt wird. Auch die Veden bestätigen, daß die Höchste Persönlichkeit Gottes ungeboren ist, obwohl es so scheint, als würde Er in vielen verschiedenen Manifestationen geboren. Auch die ergänzenden vedischen Schriften bestätigen, daß der Herr niemals Seinen Körper wechselt, obwohl es so scheint, als werde Er geboren. Im Bhāgavatam wird beschrieben, wie Er vor Seiner Mutter als vierarmiger Nārāyaṇa erschien, ausgestattet mit allen sechs Vollkommenheiten. Daß Er in Seiner ursprünglichen ewigen Form erscheint, ist Seine grundlose Barmherzigkeit, die Er den Lebewesen zukommen läßt, damit sie sich auf Ihn, den Höchsten Herrn, in Seiner wahren Form konzentrieren können, ohne von den mentalen Spekulationen und Einbildungen beeinflußt zu werden, die die Unpersönlichkeitsanhänger fälschlicherweise über die Formen des Herrn anstellen. Nach dem Viśva-kośa Wörterbuch bezieht sich das Wort māyā, oder ātma-māyā, auf die grundlose Barmherzigkeit des Herrn. Der Herr ist Sich darüber bewußt, wie Er in all Seinen vergangenen Inkarnationen erschienen und fortgegangen ist, wohingegen ein gewöhnliches Lebewesen alles über sein vergangenes Leben vergißt, sobald es einen neuen Körper annimmt. Er ist der Herr aller Lebewesen, weil Er wunderbare, übermenschliche Taten vollbringt, während Er auf der Erde weilt. Daher ist der Herr immer die gleiche Absolute Wahrheit, und es besteht kein Unterschied zwischen Seiner Gestalt und Ihm Selbst oder zwischen Seinen Eigenschaften und Seinem Körper. Es mag sich nun die Frage erheben, weshalb der Herr in dieser Welt erscheint und wieder fortgeht. Dies wird im nächsten Vers erklärt.

||4-7||

यदा यदा हि धर्मस्य ग्लानिर्भवति भारत | अभ्युत्थानमधर्मस्य तदात्मानं सृजाम्यहम् ||४-७||

yadā yadā hi dharmasya glānirbhavati bhārata . abhyutthānamadharmasya tadātmānaṃ sṛjāmyaham ||4-7||

yadā yadā — wann und wo auch immer; hi — gewiß; dharmasya — der Religion; glāniḥ — Abweichungen; bhavati — auftreten; bhārata — o Nachkomme Bharatas; abhyutthānam — Vorherrschaft; adharmasya — der Irreligion; tadā — zu dieser Zeit; ātmānam — Selbst; sṛjāmi — manifestiere Mich; aham — Ich.


Wann und wo auch immer das religiöse Leben verfällt, o Nachkomme Bharatas, und Irreligiosität überhandnimmt, zu der Zeit erscheine Ich.


Das Wort sṛjāmi ist hier von Bedeutung. Sṛjāmi kann nicht im Sinne von „Schöpfung“ verstanden werden, denn dem vorherigen Vers zufolge werden die Form wie auch der Körper des Herrn niemals erschaffen, da all diese Formen ewig bestehen. Deshalb bedeutet sṛjāmi, daß Sich der Herr so manifestiert, wie Er ist. Obwohl der Herr nach Plan erscheint, nämlich am Ende des Dvāpara-yuga des achtundzwanzigsten yuga-Umlaufes des siebten Manu, einmal an einem Tag Brahmās, ist Er nicht verpflichtet, Sich an solche Regeln und Richtlinien zu halten, denn es steht Ihm völlig frei, nach Belieben auf vielfältige Weise zu handeln. Er erscheint daher nach Seinem Willen immer dann, wenn Irreligiosität vorherrscht und wahre Religion verdrängt wird. Die Prinzipien der Religion sind in den Veden festgelegt, und jede Abweichung von der richtigen Ausführung der vedischen Regeln macht einen Menschen irreligiös. Im Bhāgavatam wird erklärt, daß diese Prinzipien die Gesetze des Herrn sind. Allein der Herr kann ein System der Religion schaffen. Ebenso ist es eine anerkannte Tatsache, daß die Veden ursprünglich vom Herrn Selbst gesprochen und Brahmā durch dessen Herz offenbart wurden. Deshalb sind die Prinzipien des dharma, der Religion, die direkten Anweisungen der Höchsten Persönlichkeit Gottes (dharmaṁ tu sākṣād bhagavat-praṇītam). Auf diese Prinzipien wird überall in der Bhagavad-gītā klar hingewiesen. Es ist der Zweck der Veden, solche Prinzipien gemäß der Anweisung des Höchsten Herrn festzulegen, und der Herr erklärt am Schluß der Gītā eindeutig, daß das höchste Prinzip der Religion in nichts anderem besteht als darin, sich Ihm allein zu ergeben. Die vedischen Prinzipien drängen einen in die Richtung dieses Zieles, nämlich der völligen Hingabe zum Herrn, und immer wenn diese Prinzipien von den dämonischen Kräften gestört werden, erscheint der Herr. Aus dem Bhāgavatam erfahren wir, daß Buddha eine Inkarnation Kṛṣṇas ist, die erschien, als der Materialismus überhandnahm und die Materialisten die Autorität der Veden zum Vorwand nahmen, um ihre Gewohnheiten zu rechtfertigen. In den Veden gibt es viele einschränkende Regeln und Vorschriften für Tieropfer, die nur für ganz bestimmte Zwecke durchgeführt wurden, aber damals brachten Menschen mit dämonischen Neigungen diese Tieropfer dar, ohne sich nach den vedischen Prinzipien zu richten. Buddha erschien daher, um diesem unsinnigen Treiben ein Ende zu bereiten und die vedischen Grundsätze der Gewaltlosigkeit wiedereinzuführen. Mit anderen Worten, alle avatāras (Inkarnationen des Herrn) haben eine bestimmte Mission, und jeder von ihnen wird in den offenbarten Schriften beschrieben. Niemand sollte als avatāra anerkannt werden, wenn er nicht in den Schriften erwähnt wird. Es ist nicht so, daß der Herr nur auf indischem Boden erscheint. Er kann überall und zu jeder Zeit erscheinen, ganz wie es Ihm beliebt. In jeder Inkarnation offenbart Er so viel über Religion, wie es die Menschen gemäß den jeweiligen Umständen verstehen können. Aber die Mission ist immer dieselbe, nämlich die Menschen zum Gottesbewußtsein und zum Gehorsam gegenüber den Prinzipien der Religion zu führen. Manchmal steigt der Herr persönlich herab, und manchmal schickt Er Seinen echten Stellvertreter in der Form Seines Sohnes oder Dieners, und manchmal erscheint Er Selbst in einer versteckten Form.
Weil Arjuna im Vergleich zu gewöhnlichen Menschen in anderen Teilen der Welt spirituell weit fortgeschritten war, wurden die Prinzipien der Bhagavad-gītā ihm verkündet – und damit auch allen anderen hochstehenden Menschen. Daß zwei und zwei gleich vier ist, ist eine mathematische Aussage, die sowohl beim einfachen Rechnen als auch in der höheren Arithmetik ihre Gültigkeit hat; dennoch muß zwischen höherer und elementarer Mathematik unterschieden werden. Ebenso lehren alle Inkarnationen des Herrn die gleichen Prinzipien, doch den verschiedenen Umständen entsprechend erscheinen ihre Lehren mehr oder weniger fortgeschritten. Wie später noch erklärt wird, beginnt die Ebene der höheren religiösen Prinzipien, wenn das System der vier Unterteilungen und Stufen des gesellschaftlichen Lebens befolgt wird. Die einzige Aufgabe einer jeden Inkarnation besteht darin, überall Kṛṣṇa- Bewußtsein zu erwecken. Daß dieses Bewußtsein einmal sichtbar ist und ein anderes mal nicht, liegt allein an den jeweiligen Umständen.

||4-8||

परित्राणाय साधूनां विनाशाय च दुष्कृताम् | धर्मसंस्थापनार्थाय सम्भवामि युगे युगे ||४-८||

paritrāṇāya sādhūnāṃ vināśāya ca duṣkṛtām . dharmasaṃsthāpanārthāya sambhavāmi yuge yuge ||4-8||

paritrāṇāya — zur Errettung; sādhūnām — der Gottgeweihten; vināśāya — zur Vernichtung; ca — und; duṣkṛtām — der Gottlosen; dharma — Prinzipien der Religion; saṁsthāpana-arthāya — um zu erneuern; sambhavāmi — Ich erscheine; yuge — Zeitalter; yuge — nach Zeitalter.


Um die Frommen zu erretten und die Gottlosen zu vernichten und um die Prinzipien der Religion wiedereinzuführen, erscheine Ich Zeitalter nach Zeitalter.


Gemäß der Beschreibung der Bhagavad-gītā ist ein sādhu (ein Heiliger) ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein. Jemand mag äußerlich nicht religiös erscheinen, aber wenn er voll und ganz die Eigenschaften des Kṛṣṇa-Bewußtseins aufweist, muß er als sādhu angesehen werden. Das Wort duṣkṛtām bezieht sich auf diejenigen, die für Kṛṣṇa-Bewußtsein nichts übrig haben. Solche gottlosen Menschen (duṣkṛtām) werden als Dummköpfe und die Niedrigsten der Menschheit bezeichnet, auch wenn sie mit weltlicher Bildung dekoriert sein mögen, wohingegen jemand, der hundertprozentig im Kṛṣṇa-Bewußtsein tätig ist, als sādhu angesehen wird, auch wenn er nicht sehr gelehrt oder gebildet ist. Was die Atheisten betrifft, so ist es für den Höchsten Herrn nicht notwendig, persönlich zu erscheinen, um sie zu vernichten, wie Er es bei den Dämonen Rāvaṇa und Kaṁsa tat. Der Herr hat viele Helfer, die problemlos in der Lage sind, Dämonen zu töten. Wenn Er herabsteigt, so besonders deshalb, um Seinen reinen Geweihten, die immer von den dämonischen Menschen bedrängt werden, Erleichterung zu verschaffen. Der Dämon verfolgt den Gottgeweihten, selbst wenn letzterer ein naher Verwandter ist. Obwohl Prahlāda Mahārāja der Sohn Hiraṇyakaśipus war, wurde er von seinem Vater gepeinigt, und obwohl Devakī, Kṛṣṇas Mutter, die Schwester Kaṁsas war, wurden sie und ihr Ehemann Vasudeva von Kaṁsa verfolgt, nur weil Kṛṣṇa ihr Sohn werden sollte. Śrī Kṛṣṇa erschien also hauptsächlich, um Devakī zu retten, und weniger, um Kaṁsa zu töten, obwohl Er beides gleichzeitig tat. Deshalb heißt es hier, daß der Herr in verschiedenen Inkarnationen erscheint, um die Gottgeweihten zu erretten und die gottlosen Dämonen zu vernichten.
Im Caitanya-caritāmṛta von Kṛṣṇadāsa Kavirāja finden wir die folgenden Verse (Madhya 20.263–264), die definieren, was eine Inkarnation ist:
sṛṣṭi-hetu yei mūrti prapañce avatare
sei īśvara-mūrti ‘avatāra’ nāma dhare
māyātīta paravyome sabāra avasthāna
viśve avatari’ dhare ‘avatāra’ nāma
„Eine bestimmte Form der Persönlichkeit Gottes, die aus dem Königreich Gottes in die materielle Welt hinabsteigt, um zu erschaffen, wird avatāra (Inkarnation der Persönlichkeit Gottes) genannt. Solche Inkarnationen sind Bewohner der spirituellen Welt, des Königreichs Gottes, und wenn sie in die materielle Schöpfung hinabsteigen, bekommen sie den Namen avatāra.“
Es gibt verschiedene Arten von avatāras, zum Beispiel puruṣaavatāras, guṇāvatāras, līlāvatāras, śakty-āveśa-avatāras, manvantara- avatāras und yugāvātaras, die alle nach einem bestimmten Plan überall im Universum erscheinen. Śrī Kṛṣṇa aber ist der urerste Herr, der Ursprung aller avatāras. Śrī Kṛṣṇa erscheint mit der besonderen Absicht, die Not der reinen Gottgeweihten zu lindern, die sich sehr danach sehnen, Ihn bei Seinen ursprünglichen Spielen in Vṛndāvana zu sehen. Daher ist es der Hauptzweck des Kṛṣṇa-avatāra, Seine reinen Geweihten zu erfreuen.
Der Herr sagt, daß Er Sich in jedem Zeitalter inkarniert, und dies deutet darauf hin, daß Er Sich auch im Zeitalter des Kali inkarniert. Wie es im Śrīmad-Bhāgavatam heißt, ist die Inkarnation im Zeitalter des Kali Śrī Caitanya Mahāprabhu, der die Verehrung Kṛṣṇas durch die saṅkīrtana-Bewegung (das gemeinsame Chanten der Heiligen Namen) predigte und Kṛṣṇa-Bewußtsein in ganz Indien verbreitete. Er sagte voraus, daß sich die Kultur des saṅkīrtana überall auf der Welt, von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, verbreiten werde. In den vertraulichen Teilen der offenbarten Schriften, wie den Upaniṣaden, dem Mahābhārata und dem Bhāgavatam, wird Śrī Caitanya versteckt, nicht direkt, als die Inkarnation Kṛṣṇas, der Persönlichkeit Gottes, beschrieben. Die Geweihten Śrī Kṛṣṇas fühlen sich zur saṅkīrtana- Bewegung Śrī Caitanyas sehr hingezogen. Dieser avatāra des Herrn tötet die gottlosen Lebewesen nicht, sondern erlöst sie durch Seine grundlose Barmherzigkeit.

||4-9||

जन्म कर्म च मे दिव्यमेवं यो वेत्ति तत्त्वतः | त्यक्त्वा देहं पुनर्जन्म नैति मामेति सोऽर्जुन ||४-९||

janma karma ca me divyamevaṃ yo vetti tattvataḥ . tyaktvā dehaṃ punarjanma naiti māmeti so.arjuna ||4-9||

janma — Geburt; karma — Tätigkeiten; ca — auch; me — Meiner; divyam — transzendental; evam — auf diese Weise; yaḥ — jeder, der; vetti — kennt; tattvataḥ — in Wirklichkeit; tyaktvā — aufgebend; deham — diesen Körper; punaḥ — wieder; janma — Geburt; na — niemals; eti — erreicht; mām — zu Mir; eti — gelangt; saḥ — er; arjuna — o Arjuna.


Wer die transzendentale Natur Meines Erscheinens und Meiner Taten kennt, wird nach Verlassen des Körpers nicht wieder in der materiellen Welt geboren, sondern gelangt in Mein ewiges Reich, o Arjuna.


Wie der Herr aus Seinem transzendentalen Reich herabsteigt, wurde schon im sechsten Vers erklärt. Wer die Wahrheit des Erscheinens der Persönlichkeit Gottes versteht, ist bereits aus der materiellen Knechtschaft befreit und kehrt daher sogleich nach Verlassen seines gegenwärtigen materiellen Körpers in das Königreich Gottes zurück. Es ist für das Lebewesen keineswegs leicht, sich aus der materiellen Gefangenschaft zu befreien. Die Unpersönlichkeitsphilosophen und die yogīs erreichen Befreiung nur nach vielen Schwierigkeiten und nach vielen, vielen Geburten. Aber selbst dann ist die Befreiung, die sie erreichen – sie gehen in das unpersönliche brahmajyoti des Herrn ein –, nur unvollständig, und dazu besteht die Gefahr, daß sie wieder in die materielle Welt zurückkehren. Der Gottgeweihte hingegen gelangt, einfach indem er die transzendentale Natur des Körpers und der Taten des Herrn versteht, nach Verlassen des materiellen Körpers in das Reich des Herrn und ist nicht der Gefahr ausgeliefert, wieder in die materielle Welt zurückkehren zu müssen. In der Brahma-saṁhitā (5.33) heißt es, daß der Herr Sich in zahllosen Formen und Inkarnationen manifestiert: advaitam acyutam anādim ananta-rūpam. Obwohl es unzählige transzendentale Formen gibt, sind sie alle ein und dieselbe Höchste Persönlichkeit Gottes. Man muß diese Tatsache mit Überzeugung verstehen, obwohl sie weltlichen Gelehrten und empirischen Philosophen unbegreiflich ist. In den Veden (Puruṣa-bodhinī Upaniṣad) heißt es:
eko devo nitya-līlānurakto
bhakta-vyāpī hṛdy antar-ātmā
„Der eine Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, pflegt in Seinen unbegrenzt vielen transzendentalen Formen mit Seinen reinen Geweihten ewiglich Beziehungen des liebevollen Austausches.“
Diese Aussage der Veden wird in dem vorliegenden Vers der Gītā vom Herrn persönlich bestätigt. Wer diese Wahrheit aufgrund der Autorität der Veden und der Höchsten Persönlichkeit Gottes akzeptiert und seine Zeit nicht mit philosophischen Spekulationen verschwendet, erreicht die höchste Vollkommenheit der Befreiung. Indem man diese Wahrheit einfach mit Glauben akzeptiert, kann man ohne Zweifel Befreiung erlangen. Hier findet der vedische Aphorismus tat tvam asi seine wirkliche Anwendung: Jeder, der versteht, daß Śrī Kṛṣṇa der Höchste ist, und zu Ihm sagt: „Du bist das Höchste Brahman, die Persönlichkeit Gottes“, ist mit Sicherheit augenblicklich befreit, und folglich ist es ihm garantiert, in die transzendentale Gemeinschaft des Herrn zu gelangen. Mit anderen Worten, solch ein gläubiger Geweihter des Herrn erreicht die Vollkommenheit, und das wird durch die folgende vedische Aussage bestätigt:
tam eva viditvāti mṛtyum eti
nānyaḥ panthā vidyate ’yanāya
„Man kann die vollkommene Stufe der Befreiung von Geburt und Tod erreichen, indem man einfach den Herrn, die Höchste Persönlichkeit Gottes, kennt. Es gibt keinen anderen Weg, diese Vollkommenheit zu erlangen.“ (Śvetāśvatara Upaniṣad 3.8)
Daß es keinen anderen Weg gibt, bedeutet, daß sich jeder, der Kṛṣṇa nicht als die Höchste Persönlichkeit Gottes kennt, in der Erscheinungsweise der Unwissenheit befindet und folglich nicht Erlösung erlangen kann, einfach indem er sozusagen an der Außenseite des Honigglases leckt, das heißt, indem er die Bhagavad-gītā im Licht weltlicher Gelehrsamkeit interpretiert. Solche empirischen Philosophen mögen in der materiellen Welt sehr wichtige Rollen spielen, doch das macht sie noch lange nicht geeignet, Befreiung zu erlangen. Solch hochmütige weltliche Gelehrte müssen auf die grundlose Barmherzigkeit eines Gottgeweihten warten. Man sollte daher Kṛṣṇa-Bewußtsein mit Glauben und Wissen kultivieren und auf diese Weise die Vollkommenheit erreichen.

||4-10||

वीतरागभयक्रोधा मन्मया मामुपाश्रिताः | बहवो ज्ञानतपसा पूता मद्भावमागताः ||४-१०||

vītarāgabhayakrodhā manmayā māmupāśritāḥ . bahavo jñānatapasā pūtā madbhāvamāgatāḥ ||4-10||

vīta — befreit von; rāga — Anhaftung; bhaya — Angst; krodhāḥ — und Zorn; mat-mayāḥ — völlig in Mich; mām — in Mir; upāśritāḥ — völlig verankert sein; bahavaḥ — viele; jñāna — des Wissens; tapasā — durch Entsagung; pūtāḥ — wurden geläutert; mat-bhāvam — transzendentale Liebe zu Mir; āgatāḥ — erlangten.


Befreit von Anhaftung, Angst und Zorn, völlig in Mich versunken und bei Mir Zuflucht suchend, wurden viele, viele Menschen in der Vergangenheit durch Wissen über Mich geläutert – und so erlangten sie alle transzendentale Liebe zu Mir.


Wie bereits erwähnt, fällt es einem Menschen, der zu sehr an materiellen Dingen hängt, sehr schwer, das persönliche Wesen der Höchsten Absoluten Wahrheit zu verstehen. Gewöhnlich sind Menschen, die an der körperlichen Lebensauffassung haften, so sehr in den Materialismus versunken, daß es für sie fast unmöglich ist zu verstehen, wie das Höchste eine Person sein kann. Solche Materialisten können sich nicht einmal vorstellen, daß es einen transzendentalen Körper gibt, der unvergänglich, voller Wissen und ewig glückselig ist. Gemäß der materiellen Lebensauffassung ist jeder Körper vergänglich, voller Unwissenheit und voller Leid. Aus diesem Grunde behalten die Menschen im allgemeinen die gleiche Vorstellung vom Körper bei, wenn sie über die persönliche Gestalt des Herrn hören. Für solch materialistische Menschen ist die Form der gigantischen materiellen Manifestation das Höchste. Folglich halten sie das Höchste für unpersönlich. Und weil sie zu sehr in die Materie vertieft sind, erschreckt sie die Vorstellung, auch nach der Befreiung von der Materie ihre Persönlichkeit zu behalten. Wenn sie erfahren, daß spirituelles Leben ebenfalls individuell und persönlich ist, bekommen sie Angst, erneut Personen zu werden, und so ziehen sie es vor, irgendwie mit der unpersönlichen Leere zu verschmelzen. Im allgemeinen vergleichen sie die Lebewesen mit den Schaumbläschen im Ozean, die sich wieder im Ozean auflösen. Dies ist die höchste Vollkommenheit spiritueller Existenz, die ohne individuelle Persönlichkeit erreicht werden kann. Es ist ein angstvoller Lebenszustand, in dem es an vollkommenem Wissen über die spirituelle Existenz mangelt. Darüber hinaus gibt es viele Menschen, die Spiritualität überhaupt nicht verstehen können. Verwirrt durch so viele Theorien und durch Widersprüche verschiedenster philosophischer Spekulationen, fühlen sie sich abgestoßen oder werden zornig und kommen törichterweise zu der Schlußfolgerung, es gäbe keine höchste Ursache und letztlich sei alles leer. Solche Menschen befinden sich in einem krankhaften Lebenszustand. Manche Menschen sind zu sehr dem Materialismus verhaftet und schenken daher dem spirituellen Leben keine Aufmerksamkeit; andere wollen ihre Identität in der höchsten spirituellen Ursache auflösen, und wieder andere wollen gar nichts mehr glauben, weil sie aus tiefer Frustration heraus auf jede Art von spiritueller Spekulation zornig sind. Was diese letztere Klasse von Menschen betrifft, so suchen sie bei irgendwelcher Berauschung Zuflucht, und ihre Gefühlshalluzinationen werden manchmal für spirituelle Visionen gehalten. Man muß sich von allen drei Stufen materiellen Bewußtseins lösen: von Anhaftung an materielles Leben, von Angst vor einer spirituellen persönlichen Identität und von der Vorstellung der „Leere“, welche aus Frustration entsteht. Um von diesen drei Stufen der materiellen Lebensauffassung frei zu werden, muß man unter der Leitung eines echten spirituellen Meisters beim Herrn vollständig Zuflucht suchen und den Vorschriften und regulierenden Prinzipien des hingebungsvollen Dienstes folgen. Dieses spirituelle Leben führt einen letztlich zur Stufe der bhāva, der transzendentalen Liebe zu Gott.
Im Bhakti-rasāmṛta-sindhu, der Wissenschaft des hingebungsvollen Dienstes, heißt es:
ādau śraddhā tataḥ sādhu-
saṅgo ’tha bhajana-kriyā
tato ’nartha-nivṛttiḥ syāt
tato niṣṭhā rucis tataḥ
athāsaktis tato bhāvas
tataḥ premābhyudañcati
sādhakānām ayaṁ premṇaḥ
prādurbhāve bhavet kramaḥ
(Bhakti-rasāmṛta-sindhu 1.4.15–16)
„Am Anfang muß ein vorbereitender Wunsch nach Selbstverwirklichung vorhanden sein. Dies wird einen auf die Stufe führen, wo man versucht, mit spirituell fortgeschrittenen Menschen zusammenzusein. Auf der nächsten Stufe wird man von einem qualifizierten spirituellen Meister eingeweiht, und unter seiner Anleitung beginnt der neue Gottgeweihte mit dem Vorgang des hingebungsvollen Dienstes. Indem man unter der Führung des spirituellen Meisters hingebungsvollen Dienst ausübt, wird man von aller materiellen Anhaftung frei, erreicht Stetigkeit in der Bemühung um Selbstverwirklichung und findet Geschmack daran, über Śrī Kṛṣṇa, die Absolute Persönlichkeit Gottes, zu hören. Dieser Geschmack entwickelt sich weiter zur Stufe der Anhaftung an das Kṛṣṇa-Bewußtsein, was im gereiften Zustand zu bhāva, der Vorstufe transzendentaler Liebe zu Gott, wird. Wirkliche Liebe zu Gott wird prema genannt, die höchste Stufe der Vollkommenheit des Lebens.“
Auf der prema-Stufe ist man ununterbrochen im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn tätig. Indem man sich also unter der Führung eines echten spirituellen Meisters dem allmählichen Vorgang des hingebungsvollen Dienstes widmet, kann man die höchste Stufe erreichen, auf der man frei von allen materiellen Anhaftungen ist, frei von der Angst vor einer individuellen spirituellen Persönlichkeit und frei von der Frustration, die aus der Philosophie der Leere entsteht. Dann kann man letztlich in das Reich des Höchsten Herrn gelangen.

||4-11||

ये यथा मां प्रपद्यन्ते तांस्तथैव भजाम्यहम् | मम वर्त्मानुवर्तन्ते मनुष्याः पार्थ सर्वशः ||४-११||

ye yathā māṃ prapadyante tāṃstathaiva bhajāmyaham . mama vartmānuvartante manuṣyāḥ pārtha sarvaśaḥ ||4-11||

ye — alle, die; yathā — wie; mām — Mir; prapadyante — sich ergeben; tān — ihnen; tathā — so; eva — gewiß; bhajāmi — belohne; aham — Ich; mama — Meinem; vartma — Pfad; anuvartante — folgen; manuṣyāḥ — alle Menschen; pārtha — o Sohn Pṛthās; sarvaśaḥ — in jeder Hinsicht.


Alle belohne Ich in dem Maße, wie sie sich Mir ergeben. Jeder folgt Meinem Pfad in jeder Hinsicht, o Sohn Pṛthās.


Jeder sucht nach Kṛṣṇa in dem einen oder anderen Aspekt Seiner Manifestationen. Man kann Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, teilweise erkennen, wenn man Seinen Aspekt als unpersönliche brahmajyoti-Ausstrahlung oder als alldurchdringende Überseele, die in allem, einschließlich der Atome, gegenwärtig ist, erkennt. Vollständig kann Kṛṣṇa jedoch nur von Seinen reinen Geweihten erkannt werden. Kṛṣṇa ist also für jeden das Objekt der Erkenntnis, und so kann Ihn jeder unter dem Aspekt erkennen, den er sich wünscht. Auch in der transzendentalen Welt offenbart Sich Kṛṣṇa Seinen reinen Geweihten in der transzendentalen Beziehung, die Sich der Gottgeweihte wünscht. Der eine Gottgeweihte möchte Kṛṣṇa als höchsten Meister sehen, ein anderer als persönlichen Freund, ein anderer als Sohn und wieder ein anderer als Geliebten. Kṛṣṇa belohnt alle Gottgeweihten in gleichem Maße, das heißt entsprechend der Intensität ihrer Liebe. Auch in der materiellen Welt gibt es diesen Austausch von Gefühlen, und der Herr erwidert die verschiedenen Arten von Verehrung nach dem gleichen Prinzip. Die reinen Gottgeweihten haben sowohl hier als auch im transzendentalen Reich die persönliche Gemeinschaft des Herrn und sind in der Lage, Ihm persönlichen Dienst darzubringen, und in diesem liebevollen Dienst erfahren sie transzendentale Glückseligkeit. Was die Unpersönlichkeitsphilosophen betrifft, die spirituellen Selbstmord begehen wollen, indem sie die individuelle Existenz des Lebewesens vernichten, so hilft Kṛṣṇa auch ihnen, indem Er sie in Seine Ausstrahlung aufnimmt. Diese Unpersönlichkeitsanhänger sind nicht bereit, die ewige, glückselige Persönlichkeit Gottes anzuerkennen. Folglich können sie die Glückseligkeit des transzendentalen persönlichen Dienstes für den Herrn nicht kosten, da sie ihre Individualität ausgelöscht haben. Einige von ihnen, die nicht einmal in der unpersönlichen Existenz verankert sind, kehren wieder auf die materielle Ebene zurück, um ihre schlummernden Wünsche nach Aktivität zu entfalten. Zu den spirituellen Planeten wird ihnen kein Zutritt gewährt, aber sie erhalten erneut eine Möglichkeit, auf den materiellen Planeten tätig zu werden. Was diejenigen betrifft, die sich mit fruchtbringender Arbeit beschäftigen, so gewährt ihnen der Herr in Seiner Eigenschaft als yajñeśvara die gewünschten Ergebnisse ihrer vorgeschriebenen Pflichten, und auch bei den yogīs, die nach mystischen Kräften trachten, ist es der Herr, der ihnen diese Kräfte gewährt. Mit anderen Worten, jeder ist in seiner Bemühung um Erfolg allein von Seiner Barmherzigkeit abhängig, und alle Arten von spirituellen Vorgängen sind nichts anderes als verschiedene Stufen des Erfolges auf dem gleichen Weg. Solange man also nicht zur höchsten Vollkommenheit des Kṛṣṇa-Bewußtseins gelangt, bleiben all unsere Bemühungen unvollkommen und erfolglos. Dies wird im Śrīmad-Bhāgavatam (2.3.10) bestätigt:
akāmaḥ sarva-kāmo vā
mokṣa-kāma udāra-dhīḥ
tīvreṇa bhakti-yogena
yajeta puruṣaṁ param
„Ob man keinerlei Wünsche hat (die Stufe der Gottgeweihten) oder ob man sich alle Arten fruchtbringender Ergebnisse wünscht oder nach Befreiung strebt, man sollte mit seiner ganzen Kraft versuchen, die Höchste Persönlichkeit Gottes zu verehren, um die höchste Vollkommenheit zu erreichen, die im Kṛṣṇa-Bewußtsein gipfelt.“

||4-12||

काङ्क्षन्तः कर्मणां सिद्धिं यजन्त इह देवताः | क्षिप्रं हि मानुषे लोके सिद्धिर्भवति कर्मजा ||४-१२||

kāṅkṣantaḥ karmaṇāṃ siddhiṃ yajanta iha devatāḥ . kṣipraṃ hi mānuṣe loke siddhirbhavati karmajā ||4-12||

kānkṣantaḥ — sich wünschend; karmaṇām — von fruchtbringenden Tätigkeiten; siddhim — Vollkommenheit; yajante — sie verehren durch Opfer; iha — in der materiellen Welt; devatāḥ — die Halbgötter; kṣipram — sehr schnell; hi — gewiß; mānuṣe — in der menschlichen Gesellschaft; loke — in dieser Welt; siddhiḥ — Erfolg; bhavati — kommt; karma-jā — von fruchtbringender Arbeit.


Menschen dieser Welt wünschen sich Erfolg in fruchtbringenden Tätigkeiten, und daher verehren sie die Halbgötter. Durch fruchtbringende Arbeit kommen die Menschen in dieser Welt gewiß sehr schnell zu Ergebnissen.


Die Stellung der Götter oder Halbgötter der materiellen Welt wird oft mißverstanden, und Menschen mit geringer Intelligenz, obwohl als große Gelehrte angesehen, halten diese Halbgötter für verschiedene Formen des Höchsten Herrn. In Wirklichkeit aber sind die Halbgötter nicht verschiedene Formen Gottes, sondern verschiedene Teile Gottes. Gott ist einer, und Seine Teile sind viele. In den Veden heißt es: nityo nityānām. Gott ist einer. Und: īśvaraḥ paramaḥ kṛṣṇaḥ. Es gibt nur einen Höchsten Gott – Kṛṣṇa –, und die Halbgötter sind mit verschiedenen Kräften bevollmächtigt, um die materielle Welt zu verwalten. Diese Halbgötter sind alle Lebewesen (nityānām) mit unterschiedlichen Graden materieller Macht. Sie können dem Höchsten Herrn – Nārāyaṇa, Viṣṇu oder Kṛṣṇa – nicht gleichkommen. Jeder, der glaubt, Gott und die Halbgötter befänden sich auf der gleichen Ebene, ist ein Atheist (pāṣaṇḍī). Selbst so mächtige Halbgötter wie Brahmā und Śiva können nicht mit dem Höchsten Herrn verglichen werden. Vielmehr wird der Herr von Halbgöttern wie Brahmā und Śiva verehrt (śiva-viriñci-nutam). Aber seltsamerweise gibt es viele menschliche Führer, die von törichten Menschen unter der falschen Vorstellung des Anthropomorphismus oder Zoomorphismus verehrt werden. Die Worte iha devatāḥ beziehen sich auf einen mächtigen Menschen oder Halbgott der materiellen Welt. Aber die Höchste Persönlichkeit Gottes – Nārāyaṇa, Viṣṇu oder Kṛṣṇa – gehört nicht zu dieser Welt. Er befindet Sich in einer transzendentalen Stellung und steht über der materiellen Schöpfung. Sogar Śrīpāda Śaṅkarācārya, der Führer der Unpersönlichkeitsphilosophen, vertritt den Standpunkt, daß Sich Nārāyaṇa, Kṛṣṇa, jenseits der materiellen Schöpfung befindet. Trotzdem verehren törichte Menschen (hṛta-jñāna) die Halbgötter, weil sie sofortige Ergebnisse wollen. Sie bekommen die Ergebnisse auch, wissen aber nicht, daß die so erhaltenen Ergebnisse zeitweilig und nur für unintelligente Menschen gedacht sind. Der intelligente Mensch befindet sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein, und er hat es nicht nötig, um irgendeines sofortigen, zeitweiligen Vorteils willen die armseligen Halbgötter zu verehren. Die Halbgötter der materiellen Welt werden samt ihren Verehrern mit der Vernichtung der materiellen Welt vergehen. So sind auch die Segnungen, die die Halbgötter erteilen, materiell und zeitweilig. Die materielle Welt wie auch ihre Bewohner – einschließlich der Halbgötter und ihrer Verehrer – sind wie Blasen im kosmischen Ozean. Die menschliche Gesellschaft jedoch trachtet wie von Sinnen nach zeitweiligem Besitz, wie materiellem Reichtum, Land, Familie und anderen Annehmlichkeiten. Um solche vergänglichen Dinge zu bekommen, verehren sie Halbgötter oder mächtige Personen in der menschlichen Gesellschaft. Wenn ein Mann einen Ministerposten in der Regierung bekommt, da er einem politischen Führer gehuldigt und geschmeichelt hat, glaubt er, eine große Segnung erlangt zu haben. Daher kriechen sie alle vor den sogenannten Führern oder „hohen Tieren“, um zeitweilige Vorteile zu erlangen, und tatsächlich bekommen sie solche Dinge. Solch törichte Menschen haben kein Interesse am Kṛṣṇa- Bewußtsein, das eine bleibende Lösung für die Beschwerlichkeiten des materiellen Daseins anbietet. Sie trachten alle nach Sinnengenuß, und die Aussicht auf ein wenig Sinnengenuß verlockt sie, ermächtigte Lebewesen wie die Halbgötter zu verehren. Dieser Vers deutet darauf hin, daß die Menschen am Kṛṣṇa-Bewußtsein nur selten Interesse finden. Sie sind meistens an materiellem Genuß interessiert und verehren daher irgendein mächtiges Lebewesen.

||4-13||

चातुर्वर्ण्यं मया सृष्टं गुणकर्मविभागशः | तस्य कर्तारमपि मां विद्ध्यकर्तारमव्ययम् ||४-१३||

cāturvarṇyaṃ mayā sṛṣṭaṃ guṇakarmavibhāgaśaḥ . tasya kartāramapi māṃ viddhyakartāramavyayam ||4-13||

cātuḥ-varṇyam — die vier Unterteilungen der menschlichen Gesellschaft; mayā — von Mir; sṛṣṭam — geschaffen; guṇa — der Eigenschaft; karma — und Arbeit; vibhāgaśaḥ — in bezug auf Unterteilung; tasya — von dieser; kartāram — der Vater; api — obwohl; mām — Mich; viddhi — du solltest wissen; akartāram — als der Nichthandelnde; avyayam — unwandelbar.


In Entsprechung zu den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur und der Arbeit, die mit ihnen verbunden ist, wurden die vier Einteilungen der menschlichen Gesellschaft von Mir geschaffen. Und obwohl Ich der Schöpfer dieses Systems bin, solltest du wissen, daß Ich dennoch der Nichthandelnde bin, denn Ich bin unwandelbar.


Der Herr ist der Schöpfer von allem. Alles geht von Ihm aus, alles wird von Ihm erhalten, und alles ruht nach der Vernichtung in Ihm. Deshalb ist Er auch der Schöpfer der vier Einteilungen der Gesellschaftsordnung, angefangen mit der Klasse der intelligenten Menschen, die man als brāhmaṇas bezeichnet, da sie sich in der Erscheinungsweise der Tugend befinden. Die nächste Klasse ist die verwaltende Klasse, die man als kṣatriyas bezeichnet, da sie sich in der Erscheinungsweise der Leidenschaft befinden. Die vaiśyas, die gewerbetreibende Klasse, befinden sich in einer Mischung der Erscheinungsweisen der Leidenschaft und Unwissenheit, und die śūdras, die Arbeiterklasse, befinden sich in der materiellen Erscheinungsweise der Unwissenheit. Obwohl Śrī Kṛṣṇa die vier Einteilungen der menschlichen Gesellschaft geschaffen hat, gehört Er nicht zu diesen Einteilungen, denn Er ist keine bedingte Seele. Die menschliche Gesellschaft, die nur einen kleinen Teil der Gesamtheit der bedingten Seelen bildet, unterscheidet sich kaum von anderen Tiergesellschaften, doch um die Menschen von der tierischen Stufe zu erheben und eine systematische Entwicklung von Kṛṣṇa-Bewußtsein zu ermöglichen, hat der Herr die oben erwähnten Einteilungen geschaffen. Die Neigung eines Menschen zu einer bestimmten Arbeit ist bedingt durch die Erscheinungsweisen der materiellen Natur, von denen er beeinflußt wird. Wie sich dieser Einfluß der verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur im Leben des Menschen äußert, wird im Achtzehnten Kapitel dieses Buches beschrieben. Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein jedoch steht sogar noch über den brāhmaṇas. Von den brāhmaṇas wird erwartet, daß sie Wissen über das Brahman, die Höchste Absolute Wahrheit, besitzen, doch die meisten von ihnen befassen sich nur mit der unpersönlichen Brahman-Manifestation Śrī Kṛṣṇas. Wer aber das begrenzte Wissen eines brāhmaṇa transzendiert und Wissen über die Höchste Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa, erlangt, erreicht die Ebene des Kṛṣṇa-Bewußtseins, das heißt, er wird ein Vaiṣṇava. Kṛṣṇa-Bewußtsein umfaßt Wissen über alle vollständigen Erweiterungen Kṛṣṇas, wie Rāma, Nṛsiṁha, Varāha usw. Und genauso wie Kṛṣṇa zu diesem System der vier Einteilungen der menschlichen Gesellschaft in transzendentaler Stellung steht, so steht auch jemand, der Kṛṣṇa-bewußt ist, zu allen Einteilungen der menschlichen Gesellschaft, wie Gesellschaftsgruppe, Nation und Rasse, in transzendentaler Stellung.

||4-14||

न मां कर्माणि लिम्पन्ति न मे कर्मफले स्पृहा | इति मां योऽभिजानाति कर्मभिर्न स बध्यते ||४-१४||

na māṃ karmāṇi limpanti na me karmaphale spṛhā . iti māṃ yo.abhijānāti karmabhirna sa badhyate ||4-14||

na — niemals; mām — Mich; karmāṇi — alle Arten von Arbeit; limpanti — beeinflussen; na — und nicht; me — Mein; karma-phale — bei fruchtbringender Tätigkeit; spṛhā — Streben; iti — auf diese Weise; mām — Mich; yaḥ — jemand, der; abhijānāti — kennt; karmabhiḥ — durch die Reaktion auf solche Arbeit; na — nie; saḥ — er; badhyate — wird verstrickt.


Es gibt keine Arbeit, die Mich beeinflußt; auch strebe Ich nicht nach den Früchten des Handelns. Wer diese Wahrheit über Mich kennt, wird ebenfalls nicht in die fruchttragenden Reaktionen des Handelns verstrickt.


Wie es in der materiellen Welt konstitutionelle Gesetze gibt, die besagen, daß der König unfehlbar ist und daß er nicht den Gesetzen des Staates untersteht, so wird auch der Herr von den Tätigkeiten der materiellen Welt nicht beeinflußt, obwohl Er ihr Schöpfer ist. Er erschafft und bleibt dennoch unberührt von der Schöpfung, wohingegen die Lebewesen aufgrund ihrer Neigung, über die materiellen Reichtümer zu herrschen, in die fruchttragenden Ergebnisse ihrer materiellen Tätigkeiten verstrickt werden. In einem Unternehmen tragen die Angestellten selbst die Verantwortung für ihre Tätigkeiten, seien diese richtig oder falsch, und nicht der Besitzer des Unternehmens. Die Lebewesen gehen ihren jeweiligen Tätigkeiten der Sinnenbefriedigung nach, aber diese Tätigkeiten wurden ihnen nicht vom Herrn aufgetragen. Um ihre Sinnenbefriedigung zu verbessern, widmen sich die Lebewesen der Arbeit dieser Welt, und sie streben himmlisches Glück nach dem Tod an. Weil der Herr in Sich Selbst vollkommen ist, verspürt er keinerlei Anziehung zu sogenanntem himmlischem Glück. Die Halbgötter der himmlischen Planeten sind lediglich Diener, die Er angestellt hat. Und der Besitzer begehrt niemals das niedrige Glück, nach dem die Arbeiter streben. Auch wird der Herr niemals von den materiellen Aktionen und Reaktionen berührt. Zum Beispiel ist der Regen für die verschiedenen Arten der Vegetation, die auf der Erde erscheinen, nicht verantwortlich, obwohl es ohne Regen keine Vegetation geben kann. Die vedische smṛti bestätigt diese Tatsache wie folgt:
nimitta-mātram evāsau
sṛjyānāṁ sarga-karmaṇi
pradhāna-kāraṇī-bhūtā
yato vai sṛjya-śaktayaḥ
„In den materiellen Schöpfungen ist der Herr nur die höchste Ursache. Die unmittelbare Ursache ist die materielle Natur, durch die die kosmische Manifestation sichtbar wird.“ Es gibt eine große Vielfalt von geschaffenen Wesen, wie zum Beispiel die Halbgötter, Menschen und niederen Tiere, und sie alle sind den Reaktionen ihrer vergangenen guten und schlechten Tätigkeiten unterworfen. Der Herr gibt ihnen nur die geeigneten Möglichkeiten für diese Tätigkeiten und dazu die entsprechenden Richtlinien gemäß den Erscheinungsweisen der Natur, doch Er ist niemals für ihre vergangenen und gegenwärtigen Tätigkeiten verantwortlich. Dies wird im Vedānta-sūtra (2.1.34) bestätigt: vaiṣamya- nairghṛṇye na sāpekṣatvāt. Der Herr ist niemals irgendeinem Lebewesen gegenüber voreingenommen. Das Lebewesen ist für seine Handlungen selbst verantwortlich. Der Herr gibt ihm nur mit Hilfe der materiellen Natur, der äußeren Energie, die Möglichkeiten zum Handeln. Jemand, der mit all diesen komplizierten Zusammenhängen des Gesetzes des karma, der fruchtbringenden Tätigkeiten, vertraut ist, wird von den Ergebnissen seiner Tätigkeiten nicht beeinflußt. Mit anderen Worten, wer das transzendentale Wesen des Herrn versteht, ist im Kṛṣṇa- Bewußtsein sehr erfahren und wird daher niemals den Gesetzen des karma unterworfen. Wenn jemand das transzendentale Wesen des Herrn nicht kennt und glaubt, die Werke des Herrn hätten fruchttragende Ergebnisse zum Ziel, wie dies bei den Tätigkeiten der gewöhnlichen Lebewesen der Fall ist, verstrickt er sich mit Sicherheit in fruchttragende Reaktionen. Jemand aber, der die Höchste Wahrheit kennt, ist eine befreite, im Kṛṣṇa-Bewußtsein fest verankerte Seele.

||4-15||

एवं ज्ञात्वा कृतं कर्म पूर्वैरपि मुमुक्षुभिः | कुरु कर्मैव तस्मात्त्वं पूर्वैः पूर्वतरं कृतम् ||४-१५||

evaṃ jñātvā kṛtaṃ karma pūrvairapi mumukṣubhiḥ . kuru karmaiva tasmāttvaṃ pūrvaiḥ pūrvataraṃ kṛtam ||4-15||

evam — auf diese Weise; jñātvā — wohl wissend; kṛtam — wurde ausgeführt; karma — Handlung; pūrvaiḥ — von vergangenen Autoritäten; api — in der Tat; mumukṣubhiḥ — die Befreiung erlangten; kuru — führe aus; karma — vorgeschriebene Pflicht; eva — gewiß; tasmāt — deshalb; tvam — du; pūrvaiḥ — von den Vorfahren; pūrva-taram — in vergangenen Zeiten; kṛtam — wie ausgeführt.


Alle befreiten Seelen der vergangenen Zeiten handelten in diesem Wissen über Mein transzendentales Wesen. Deshalb solltest du deine vorgeschriebene Pflicht erfüllen, indem du ihrem Beispiel folgst.


Es gibt zwei Klassen von Menschen: diejenigen, deren Herz voller materieller Unreinheiten ist, und diejenigen, die von materieller Verunreinigung frei sind. Kṛṣṇa-Bewußtsein ist für beide gleichermaßen segensreich. Diejenigen, die voller Unreinheiten sind, können sich dem Kṛṣṇa-Bewußtsein zuwenden, um sich allmählich zu reinigen, indem sie den regulierenden Prinzipien des hingebungsvollen Dienstes folgen. Diejenigen, die bereits von allen Unreinheiten frei sind, sollten mit ihrer Betätigung im Kṛṣṇa-Bewußtsein fortfahren, so daß andere Menschen ihrem beispielhaften Verhalten folgen und daraus ihren Nutzen ziehen können. Törichte Menschen und Neulinge im Kṛṣṇa-Bewußtsein, die kein Wissen über Kṛṣṇa-Bewußtsein besitzen, wollen sich oft von allen Tätigkeiten zurückziehen. Als Arjuna den Wunsch äußerte, sich vom Schlachtfeld zurückzuziehen, wurde dies vom Herrn nicht gutgeheißen. Man braucht nur zu wissen, wie man handeln muß. Sich von den Tätigkeiten des Kṛṣṇa-Bewußtseins zurückzuziehen, um irgendwo im Abseits sogenanntes Kṛṣṇa-Bewußtsein zur Schau zu stellen, ist nicht so gut, wie tatsächlich Tätigkeiten zur Zufriedenstellung Kṛṣṇas auszuführen. Arjuna wird hier der Rat gegeben, im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln und dem Beispiel vorangegangener Schüler des Herrn zu folgen, wie zum Beispiel dem Sonnengott Vivasvān, von dem bereits zuvor die Rede war. Der Höchste Herr ist Sich nicht nur der eigenen vergangenen Taten bewußt, sondern auch all der Taten derjenigen, die sich in der Vergangenheit im Kṛṣṇa-Bewußtsein betätigten. Deshalb empfiehlt Er hier die Tätigkeiten des Sonnengottes, der diese Kunst vom Herrn vor einigen Millionen von Jahren erlernte. All diese Schüler Śrī Kṛṣṇas werden hier als befreite Seelen der vergangenen Zeiten bezeichnet, die ihre von Kṛṣṇa gegebenen Pflichten erfüllten.

||4-16||

किं कर्म किमकर्मेति कवयोऽप्यत्र मोहिताः | तत्ते कर्म प्रवक्ष्यामि यज्ज्ञात्वा मोक्ष्यसेऽशुभात् ||४-१६||

kiṃ karma kimakarmeti kavayo.apyatra mohitāḥ . tatte karma pravakṣyāmi yajjñātvā mokṣyase.aśubhāt ||4-16||

kim — was ist; karma — Handeln; kim — was ist; akarma — Nichthandeln; iti — so; kavayaḥ — die Intelligenten; api — auch; atra — in dieser Angelegenheit; mohitāḥ — sind verwirrt; tat — dies; te — dir; karma — Handeln; pravakṣyāmi — Ich werde erklären; yat — welches; jñātvā — wissend; mokṣyase — du wirst befreit sein; aśubhāt — von Unglück.


Selbst die Intelligenten sind verwirrt, wenn sie bestimmen sollen, was Handeln und was Nichthandeln ist. Ich werde dir jetzt erklären, was Handeln ist, und wenn du dies weißt, wirst du von allem Unglück befreit sein.


Handeln im Kṛṣṇa-Bewußtsein muß mit dem Beispiel der vorangegangenen großen Gottgeweihten in Einklang stehen. Dies wird in Vers fünfzehn empfohlen. Warum solches Handeln nicht unabhängig sein soll, wird im folgenden erklärt.
Um im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln, muß man sich der Führung von Autoritäten anvertrauen, die einer Schülernachfolge angehören. Dies wurde zu Beginn des vorliegenden Kapitels erklärt. Das System des Kṛṣṇa-Bewußtseins wurde zuerst dem Sonnengott gelehrt; der Sonnengott erklärte es seinem Sohn Manu; Manu gab es an seinen Sohn Ikṣvāku weiter, und seit jener fernen Zeit ist dieses System auch auf unserer Erde bekannt. Deshalb muß man in die Fußstapfen vorangegangener Autoritäten in der Kette der Schülernachfolge treten. Andernfalls werden sich selbst die intelligentesten Menschen nicht im klaren darüber sein, was der Maßstab für Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein ist. Aus diesem Grund beschloß der Herr, Arjuna persönlich im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu unterweisen, und weil Arjuna auf diese Weise direkt vom Herrn unterwiesen wurde, wird jeder, der in seine Fußstapfen tritt, mit Sicherheit von aller Verwirrung befreit.
Es heißt in den Schriften, daß man nicht einfach durch unvollkommenes, experimentelles Wissen herausfinden kann, was Religion ist. In Wirklichkeit können die Grundsätze der Religion nur vom Herrn Selbst festgelegt werden: dharmaṁ tu sākṣād bhagavat-praṇītam (Śrīmad- Bhāgavatam 6.3.19). Niemand kann durch unvollkommene Spekulation einen religiösen Grundsatz schaffen. Man muß dem Beispiel großer Autoritäten folgen, wie Brahmā, Śiva, Nārada, Manu, die Kumāras, Kapila, Prahlāda, Bhīṣma, Śukadeva Gosvāmī, Yamarāja, Janaka und Bali Mahārāja. Durch mentale Spekulation kann man nicht erkennen, was Religion und Selbstverwirklichung ist. Deshalb erklärt der Herr, aus Seiner grundlosen Barmherzigkeit gegenüber Seinen Geweihten, Arjuna nun direkt, was Handeln und was Nichthandeln ist. Nur Handeln im Kṛṣṇa-Bewußtsein kann einen Menschen aus der Verstrickung des materiellen Daseins befreien.

||4-17||

कर्मणो ह्यपि बोद्धव्यं बोद्धव्यं च विकर्मणः | अकर्मणश्च बोद्धव्यं गहना कर्मणो गतिः ||४-१७||

karmaṇo hyapi boddhavyaṃ boddhavyaṃ ca vikarmaṇaḥ . akarmaṇaśca boddhavyaṃ gahanā karmaṇo gatiḥ ||4-17||

karmaṇaḥ — des Handelns; hi — gewiß; api — auch; boddhavyam — sollte verstanden werden; boddhavyam — sollte verstanden werden; ca — auch; vikarmaṇaḥ — des verbotenen Handelns; akarmaṇaḥ — des Nichthandelns; ca — auch; boddhavyaṁ — sollte verstanden werden; gahanā — sehr schwer; karmaṇaḥ — des Handelns; gatiḥ — Zugang.


Die Kompliziertheit des Handelns ist sehr schwer zu verstehen. Deshalb sollte man genau wissen, was Handeln ist, was verbotenes Handeln ist und was Nichthandeln ist.


Wenn es einem mit der Befreiung aus der materiellen Knechtschaft ernst ist, muß man die Unterschiede zwischen Handeln, Nichthandeln und unautorisiertem Handeln verstehen. Man muß Handeln, Reaktion und verbotenes Handeln eingehend analysieren, denn dies ist ein sehr schwieriges Thema. Um Kṛṣṇa-Bewußtsein und Handeln gemäß den Erscheinungsweisen der materiellen Natur voneinander unterscheiden zu können, muß man seine Beziehung zum Höchsten verstehen lernen; das heißt, jemand, der vollkommenes Wissen erlangt hat, weiß, daß jedes Lebewesen ein ewiger Diener des Herrn ist und daß man folglich im Kṛṣṇa-Bewußtsein handeln muß. Die gesamte Bhagavad-gītā ist auf diese Schlußfolgerung ausgerichtet. Alle anderen Schlußfolgerungen, die zu diesem Bewußtsein und den damit verbundenen Tätigkeiten im Widerspruch stehen, gehören zur Kategorie von vikarma (verbotene Tätigkeiten). Um all diese Punkte zu verstehen, muß man mit Autoritäten des Kṛṣṇa-Bewußtseins Gemeinschaft pflegen und von ihnen dieses geheime Wissen erlernen; dies ist genausogut wie vom Herrn direkt zu lernen. Wer jedoch nicht nach diesem Prinzip handelt, wird, selbst wenn er der intelligenteste Mensch ist, nur in Verwirrung geraten.

||4-18||

कर्मण्यकर्म यः पश्येदकर्मणि च कर्म यः | स बुद्धिमान्मनुष्येषु स युक्तः कृत्स्नकर्मकृत् ||४-१८||

karmaṇyakarma yaḥ paśyedakarmaṇi ca karma yaḥ . sa buddhimānmanuṣyeṣu sa yuktaḥ kṛtsnakarmakṛt ||4-18||

karmaṇi — in Handeln; akarma — Nichthandeln; yaḥ — jemand, der; paśyet — sieht; akarmaṇi — in Nichthandeln; ca — auch; karma — fruchtbringende Tätigkeit; yaḥ — jemand, der; saḥ — er; buddhimān — ist intelligent; manuṣyeṣu — in der menschlichen Gesellschaft; saḥ — er; yuktaḥ — befindet sich in transzendentaler Stellung; kṛtsna-karma-kṛt — obwohl mit allen möglichen Tätigkeiten beschäftigt.


Wer Nichthandeln in Handeln und Handeln in Nichthandeln sieht, ist intelligent unter den Menschen, und er befindet sich auf der transzendentalen Ebene, obwohl er allen möglichen Tätigkeiten nachgeht.


Wer im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, ist automatisch von den Fesseln des karma frei. Er führt all seine Tätigkeiten für Kṛṣṇa aus, und daher ist er nicht gezwungen, deren Auswirkungen zu genießen oder zu erleiden. Folglich gehört er zu den Intelligenten der menschlichen Gesellschaft, obwohl er – für Kṛṣṇa – die verschiedensten Tätigkeiten verrichtet. Akarma bedeutet „Arbeit, auf die keine Reaktion folgt“. Der Unpersönlichkeitsanhänger hört mit fruchtbringenden Tätigkeiten auf, weil er befürchtet, die entstehenden Reaktionen könnten Hindernisse auf dem Pfad der Selbstverwirklichung sein, doch der Persönlichkeitsphilosoph kennt sehr wohl seine Stellung als ewiger Diener der Höchsten Persönlichkeit Gottes, und deshalb widmet er sich Kṛṣṇa-bewußten Tätigkeiten. Weil er alles für Kṛṣṇa tut, genießt er bei der Ausführung dieses Dienstes nur transzendentales Glück. Von denen, die auf diese Weise beschäftigt sind, weiß man, daß sie keinen Wunsch nach persönlicher Sinnenbefriedigung haben. Das Bewußtsein, ein ewiger Diener Kṛṣṇas zu sein, macht einen immun gegen alle Arten von materiellen Reaktionen.

||4-19||

यस्य सर्वे समारम्भाः कामसङ्कल्पवर्जिताः | ज्ञानाग्निदग्धकर्माणं तमाहुः पण्डितं बुधाः ||४-१९||

yasya sarve samārambhāḥ kāmasaṅkalpavarjitāḥ . jñānāgnidagdhakarmāṇaṃ tamāhuḥ paṇḍitaṃ budhāḥ ||4-19||

yasya — jemand, dessen; sarve — alle Arten von; samārambhāḥ — Bemühungen; kāma — gegründet auf dem Wunsch nach Sinnenbefriedigung; saṅkalpa — Entschlossenheit; varjitāḥ — sind ohne; jñāna — des vollkommenen Wissens; agni — durch das Feuer; dagdha — verbrannt; karmāṇam — dessen Tätigkeiten; tam — ihn; āhuḥ — bezeichnen; paṇḍitam — gelehrt; budhāḥ — diejenigen, die wissen.


Jemanden, der in vollkommenem Wissen gründet, erkennt man daran, daß jede seiner Bemühungen frei ist von dem Wunsch nach Sinnenbefriedigung. Über jemanden, der so handelt, sagen die Weisen, daß das Feuer des vollkommenen Wissens alle Reaktionen auf seine Tätigkeiten verbrannt hat.


Nur jemand, der vollkommenes Wissen besitzt, kann die Taten eines Menschen im Kṛṣṇa-Bewußtsein verstehen. Die Tatsache, daß ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch von jeglicher Neigung zur Sinnenbefriedigung frei ist, zeigt, daß er die Reaktionen seiner Handlungen durch vollkommenes Wissen verbrannt hat, nämlich durch das Wissen, daß er in seiner wesensgemäßen Stellung ein ewiger Diener der Höchsten Persönlichkeit Gottes ist. Wer diese Vollkommenheit des Wissens erlangt hat, ist wahrhaft gelehrt. Die Entwicklung dieses Wissens, der ewige Diener Kṛṣṇas zu sein, wird mit Feuer verglichen, das, wenn es einmal entfacht ist, die Reaktionen auf alle Tätigkeiten verbrennen kann.

||4-20||

त्यक्त्वा कर्मफलासङ्गं नित्यतृप्तो निराश्रयः | कर्मण्यभिप्रवृत्तोऽपि नैव किञ्चित्करोति सः ||४-२०||

tyaktvā karmaphalāsaṅgaṃ nityatṛpto nirāśrayaḥ . karmaṇyabhipravṛtto.api naiva kiñcitkaroti saḥ ||4-20||

tyaktvā — aufgegeben habend; karma-phala-āsaṅgam — Anhaftung an fruchttragende Ergebnisse; nitya — immer; tṛptaḥ — zufrieden; nirāśrayaḥ — ohne irgendwelche Zuflucht; karmaṇi — mit Tätigkeit; abhipravṛttaḥ — völlig beschäftigt; api — trotz; na — nicht; eva — gewiß; kiñcit — irgend etwas; karoti — tut; saḥ — er.


Da er alle Anhaftung an die Ergebnisse seiner Tätigkeiten aufgegeben hat und immer zufrieden und unabhängig ist, führt er nicht die geringste fruchtbringende Handlung aus, obwohl er mit vielen Unternehmungen beschäftigt ist.


Diese Freiheit von der Fessel der Handlungen ist nur im Kṛṣṇa-Bewußtsein möglich, wenn man alles für Kṛṣṇa tut. Ein Kṛṣṇa- bewußter Mensch handelt aus reiner Liebe zur Höchsten Persönlichkeit Gottes, und daher verspürt er keinerlei Anziehung zu den Ergebnissen des Handelns. Er kümmert sich nicht einmal um seine persönliche Erhaltung, denn er überläßt alles Kṛṣṇa. Er ist auch nicht bestrebt, sich Dinge anzueignen oder Dinge, die er bereits besitzt, ängstlich zu behüten. Er tut seine Pflicht nach besten Kräften und macht sich allein von Kṛṣṇa abhängig. Ein solch losgelöster Mensch ist immer frei von allen guten und schlechten Reaktionen; es ist, als handle er überhaupt nicht. Dies ist das Merkmal von akarma, von Handlungen, die keine materiellen Reaktionen nach sich ziehen. Alles andere, was nicht im Kṛṣṇa-Bewußtsein ausgeführt wird, ist deshalb Ursache von Bindung, und das ist die eigentliche Bedeutung von vikarma, wie zuvor erklärt wurde.

||4-21||

निराशीर्यतचित्तात्मा त्यक्तसर्वपरिग्रहः | शारीरं केवलं कर्म कुर्वन्नाप्नोति किल्बिषम् ||४-२१||

nirāśīryatacittātmā tyaktasarvaparigrahaḥ . śārīraṃ kevalaṃ karma kurvannāpnoti kilbiṣam ||4-21||

nirāśīḥ — ohne Verlangen nach dem Ergebnis; yata — beherrscht; citta-ātmā — Geist und Intelligenz; tyakta — aufgebend; sarva — jede; parigrahaḥ — Besitzanspruch; śārīram — um Körper und Seele zusammenzuhalten; kevalam — nur; karma — Arbeit; kurvan — tuend; na — nie; āpnoti — lädt auf sich; kilbiṣam — sündhafte Reaktionen.


Ein Mensch, der zu diesem Verständnis gelangt ist, vermag seinen Geist und seine Intelligenz vollkommen zu beherrschen; er gibt jeden Besitzanspruch auf und handelt nur für die zum Leben allernotwendigsten Dinge. Indem er auf diese Weise tätig ist, wird er niemals von sündhaften Reaktionen berührt.


Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch erwartet bei seinen Tätigkeiten weder gute noch schlechte Ergebnisse. Sein Geist und seine Intelligenz sind völlig beherrscht. Er weiß, daß er ein winziger Teil des Höchsten ist und daß er deshalb in der Rolle, die er als Teil des Ganzen spielt, nicht unabhängig handeln kann, sondern daß es der Herr ist, der durch ihn hindurch handelt. Wenn sich die Hand bewegt, so bewegt sie sich nicht nach ihrem eigenen Willen, sondern nach dem Willen des ganzen Körpers. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch steht immer in Einklang mit dem höchsten Wunsch, denn er hat kein Verlangen nach eigener Sinnenbefriedigung. Er bewegt sich genau wie der Teil einer Maschine. So wie man ein Maschinenteil ölen und reinigen muß, damit es funktionsfähig bleibt, so arbeitet ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch für die Bestreitung seiner materiellen Lebensgrundlagen, nur um fähig zu bleiben, sich im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn zu beschäftigen. Er ist deshalb frei von den Reaktionen auf alles, was er unternimmt. Wie ein Tier, hat er nicht einmal einen Besitzanspruch auf seinen Körper. Das Tier im Besitz eines Meisters hat keine wirkliche Unabhängigkeit, und es protestiert auch nicht, selbst wenn der grausame Besitzer sich anschickt, es zu töten.
Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch, der sich ausschließlich mit Selbstverwirklichung beschäftigt, hat kaum die Zeit, sich fälschlich um die Aneignung irgendwelcher materieller Gegenstände zu bemühen. Um Körper und Seele zusammenzuhalten, hat er es nicht nötig, durch üble Machenschaften Geld anzuhäufen. Folglich wird er auch nicht durch solche materiellen Sünden verunreinigt. Er ist frei von allen Reaktionen auf seine Handlungen.

||4-22||

यदृच्छालाभसन्तुष्टो द्वन्द्वातीतो विमत्सरः | समः सिद्धावसिद्धौ च कृत्वापि न निबध्यते ||४-२२||

yadṛcchālābhasantuṣṭo dvandvātīto vimatsaraḥ . samaḥ siddhāvasiddhau ca kṛtvāpi na nibadhyate ||4-22||

yadṛcchā — von sich aus; lābha — mit Gewinn; santuṣṭaḥ — zufrieden; dvandva — Dualität; atītaḥ — überwunden; vimatsaraḥ — frei von Neid; samaḥ — ausgeglichen; siddhau — bei Erfolg; asiddhau — Mißerfolg; ca — auch; kṛtvā — handelnd; api — obwohl; na — niemals; nibadhyate — wird beeinflußt.


Wer mit Gewinn zufrieden ist, der von selbst kommt, wer von Dualität frei ist und keinen Neid kennt und wer sowohl bei Erfolg als auch bei Mißerfolg ausgeglichen bleibt, wird niemals verstrickt, obwohl er handelt.


Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch unternimmt nicht einmal große Anstrengungen, um seinen Körper zu erhalten. Er ist mit Gewinnen zufrieden, die ihm von selbst zufallen. Er bettelt und borgt nicht, sondern arbeitet ehrlich, soweit es in seinen Kräften steht, und ist mit dem zufrieden, was er durch seine ehrliche Arbeit verdient. Er ist daher, was seinen Lebensunterhalt betrifft, unabhängig. Er läßt es nicht zu, daß der Dienst für jemand anders seinen Dienst im Kṛṣṇa-Bewußtsein behindert. Doch um dem Herrn zu dienen, kann er sich jeder Art von Tätigkeit zuwenden, ohne sich dabei von der Dualität der materiellen Welt stören zu lassen, wie zum Beispiel von Hitze und Kälte oder Glück und Leid. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch steht über diesen Dualitäten, da er unter keinen Umständen zögert, für Kṛṣṇas Zufriedenstellung zu handeln. Deshalb bleibt er sowohl bei Erfolg als auch bei Mißerfolg ausgeglichen. Diese Eigenschaften werden sichtbar, wenn man völlig im transzendentalen Wissen verankert ist.

||4-23||

गतसङ्गस्य मुक्तस्य ज्ञानावस्थितचेतसः | यज्ञायाचरतः कर्म समग्रं प्रविलीयते ||४-२३||

gatasaṅgasya muktasya jñānāvasthitacetasaḥ . yajñāyācarataḥ karma samagraṃ pravilīyate ||4-23||

gata-saṅgasya — von jemandem, der nicht an die Erscheinungsweisen der materiellen Natur angehaftet ist; muktasya — von jemandem, der befreit ist; jñāna-avasthita — in der Transzendenz verankert; cetasaḥ — dessen Weisheit; yajñāya — für Yajña (Kṛṣṇa); ācarataḥ — tuend; karma — Tätigkeit; samagram — in ihrer Gesamtheit; pravilīyate — geht vollständig ein.


Die Tätigkeiten eines Menschen, der nicht an die Erscheinungsweisen der materiellen Natur angehaftet ist und der völlig in transzendentalem Wissen verankert ist, gehen vollständig in die Transzendenz ein.


Wer völlig Kṛṣṇa-bewußt wird, ist von allen Dualitäten befreit und daher frei von der Verunreinigung durch die materiellen Erscheinungsweisen. Das Tor zur Befreiung steht ihm offen, weil er seine wesensgemäße Stellung in Beziehung zu Kṛṣṇa kennt, und so besteht keine Möglichkeit, daß sein Geist vom Kṛṣṇa-Bewußtsein abgelenkt wird. Folglich tut er alles, was er tut, für Śrī Kṛṣṇa, den ursprünglichen Viṣṇu. Deshalb sind all seine Tätigkeiten eigentlich Opfer, denn „Opfer“ bedeutet, die Höchste Person, Kṛṣṇa, Viṣṇu, zufriedenzustellen. Alle Ergebnisse solcher Tätigkeiten gehen mit Gewißheit in die Transzendenz ein, und man erleidet keine materiellen Auswirkungen.

||4-24||

ब्रह्मार्पणं ब्रह्म हविर्ब्रह्माग्नौ ब्रह्मणा हुतम् | ब्रह्मैव तेन गन्तव्यं ब्रह्मकर्मसमाधिना ||४-२४||

brahmārpaṇaṃ brahma havirbrahmāgnau brahmaṇā hutam . brahmaiva tena gantavyaṃ brahmakarmasamādhinā ||4-24||

brahma — im Wesen spirituell; arpaṇam — Beitrag; brahma — das Höchste; haviḥ — Butter; brahma — spirituell; agnau — im Feuer der Vollziehung; brahmaṇā — von der spirituellen Seele; hutam — dargebracht; brahma — spirituelles Königreich; eva — gewiß; tena — von ihm; gantavyam — erreicht werden; brahma — spirituell; karma — in Tätigkeiten; samādhinā — durch vollständige Versenkung.


Jemand, der völlig ins Kṛṣṇa-Bewußtsein vertieft ist, erreicht mit Sicherheit das spirituelle Königreich, denn er widmet sich vollständig spirituellen Tätigkeiten, bei denen die Ausführung absolut ist und das, was dargebracht wird, von der gleichen spirituellen Natur ist.


Hier wird beschrieben, wie Tätigkeiten im Kṛṣṇa- Bewußtsein einen Menschen letztlich zum spirituellen Ziel führen können. Im Kṛṣṇa-Bewußtsein gibt es verschiedene Tätigkeiten, die alle in den folgenden Versen beschrieben werden. Aber hier wird zunächst nur das Prinzip des Kṛṣṇa-Bewußtseins erklärt. Eine bedingte Seele, die in materielle Verunreinigung verstrickt ist, handelt mit Sicherheit unter materiellem Einfluß; sie muß sich aber von diesem Einfluß befreien. Der Vorgang, durch den die bedingte Seele dem materiellen Einfluß entkommen kann, ist Kṛṣṇa-Bewußtsein. Ein Patient zum Beispiel, der an einer Darmkrankheit leidet, weil er zu viele Milchprodukte zu sich genommen hat, kann durch ein anderes Milchprodukt, nämlich Joghurt, geheilt werden. Die bedingte Seele, die in materielles Bewußtsein versunken ist, kann durch den Vorgang des Kṛṣṇa-Bewußtseins geheilt werden, wie er hier in der Gītā erklärt wird. Dieser Vorgang wird im allgemeinen als yajña (Opfer) bezeichnet, das heißt Tätigkeiten, die ausschließlich für die Zufriedenstellung Viṣṇus, oder Kṛṣṇas, ausgeführt werden. Je mehr die Tätigkeiten der materiellen Welt im Kṛṣṇa-Bewußtsein, das heißt ausschließlich für Viṣṇu, verrichtet werden, desto mehr wird die Atmosphäre durch diese Versenkung ins Kṛṣṇa-Bewußtsein spiritualisiert. Das Wort brahma (Brahman) bedeutet „spirituell“. Der Herr ist spirituell, und die Strahlen, die von Seinem transzendentalen Körper ausgehen, werden brahmajyoti genannt, Seine spirituelle Ausstrahlung. Alles, was existiert, befindet sich in diesem brahmajyoti, aber wenn das jyoti von Illusion (māyā), das heißt Sinnenbefriedigung, bedeckt wird, bezeichnet man es als materiell. Dieser materielle Schleier kann durch Kṛṣṇa-Bewußtsein augenblicklich entfernt werden; denn die Opfergabe für den Zweck des Kṛṣṇa-Bewußtseins, das, was diese Opfergabe oder diesen Beitrag verbraucht, der Vorgang des Verbrauchs, der Beitragende und das Ergebnis – sie alle zusammengenommen sind Brahman, die Absolute Wahrheit. Die von māyā bedeckte Absolute Wahrheit wird Materie genannt. Wenn jedoch Materie in den Dienst der Absoluten Wahrheit gestellt wird, gewinnt sie ihre spirituelle Eigenschaft zurück. Kṛṣṇa-Bewußtsein ist der Vorgang, das von Illusion bedeckte Bewußtsein in Brahman, das Höchste, umzuwandeln. Wenn der Geist völlig ins Kṛṣṇa-Bewußtsein versunken ist, sagt man, er sei in samādhi (Trance). Alles, was man in solch transzendentalem Bewußtsein tut, ist ein yajña, ein Opfer für das Absolute. In diesem Zustand spirituellen Bewußtseins werden der Beitragleistende, der Beitrag, der Verbrauch, der Ausführende oder Leiter der Opfertätigkeit sowie das Ergebnis, das heißt der letztliche Gewinn, allesamt eins im Absoluten, dem Höchsten Brahman. Das ist der Vorgang des Kṛṣṇa-Bewußtseins.

||4-25||

दैवमेवापरे यज्ञं योगिनः पर्युपासते | ब्रह्माग्नावपरे यज्ञं यज्ञेनैवोपजुह्वति ||४-२५||

daivamevāpare yajñaṃ yoginaḥ paryupāsate . brahmāgnāvapare yajñaṃ yajñenaivopajuhvati ||4-25||

daivam — bei der Verehrung der Halbgötter; eva — wie dies; apare — einige andere; yajñam — Opfer; yoginaḥ — Mystiker; paryupāsate — verehren auf vollkommene Weise; brahma — der Absoluten Wahrheit; agnau — im Feuer; apare — andere; yajñam — Opfer; yajñena — durch Opfer; eva — somit; upajuhvati — bringen dar.


Einige yogīs verehren die Halbgötter auf vollkommene Weise, indem sie ihnen verschiedene Opfer darbringen, und andere bringen Opfer im Feuer des Höchsten Brahman dar.


Wie oben beschrieben wurde, wird ein Mensch, der seine Pflichten im Kṛṣṇa-Bewußtsein erfüllt, auch als vollkommener yogī oder erstklassiger Mystiker bezeichnet. Doch es gibt auch andere, die auf ähnliche Weise Opfer darbringen: die einen verehren damit die Halbgötter und die anderen das Höchste Brahman, den unpersönlichen Aspekt des Höchsten Herrn. Es gibt also viele Opfer, die sich in verschiedenste Kategorien unterteilen lassen – entsprechend den verschiedenen Arten von Menschen, die sie ausführen –, doch diese Vielfalt von Opfern ist nur oberflächlich, denn in Wirklichkeit sind alle Opfer letztlich für den Höchsten Herrn, Viṣṇu, bestimmt, der auch als Yajña bezeichnet wird. All diese verschiedenen Arten von Opfern können in zwei Hauptkategorien unterteilt werden, nämlich Opfer weltlicher Güter und Opfer, die ausgeführt werden, um transzendentales Wissen zu erlangen. Die Gottgeweihten im Kṛṣṇa-Bewußtsein opfern alle materiellen Besitztümer für die Zufriedenstellung des Höchsten Herrn, wohingegen andere, die nach zeitweiligem, materiellem Glück streben, ihren materiellen Besitz opfern, um Halbgötter wie Indra oder den Sonnengott zu verehren. Und wieder andere, die Unpersönlichkeitsphilosophen, opfern ihre Identität, indem sie in das unpersönliche Brahman eingehen. Die Halbgötter sind mächtige Lebewesen, die vom Höchsten Herrn beauftragt sind, für alle materiellen Funktionen wie Wärme, Wasser und Licht im Universum zu sorgen und darüber zu wachen. Diejenigen, die an materiellen Vorteilen interessiert sind, verehren die Halbgötter durch verschiedene Opfer, wie sie den vedischen Ritualen gemäß vollzogen werden. Solche Menschen bezeichnet man als bahv-īśvara-vādī, diejenigen, die an viele Götter glauben. Andere hingegen, die den unpersönlichen Aspekt der Absoluten Wahrheit verehren und die Formen der Halbgötter als zeitweilig betrachten, opfern ihr individuelles Selbst im höchsten Feuer und beenden so ihr individuelles Dasein, indem sie in die Existenz des Höchsten eingehen. Solche Unpersönlichkeitsanhänger opfern ihre Zeit für philosophische Spekulationen, um das transzendentale Wesen des Höchsten zu verstehen. Mit anderen Worten, die fruchtbringenden Arbeiter opfern ihre materiellen Besitztümer, um materiellen Genuß zu erlangen, wohingegen die Unpersönlichkeitsanhänger ihre materiellen Bezeichnungen opfern, mit dem Ziel, in die Existenz des Höchsten einzugehen. Für den Unpersönlichkeitsanhänger ist der Altar des Opferfeuers das Höchste Brahman, und als Opfer bringen sie ihr Selbst dar, das vom Feuer des Brahman verzehrt wird. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch wie Arjuna jedoch opfert alles für die Zufriedenstellung Kṛṣṇas, und so werden sowohl all seine materiellen Güter als auch sein Selbst – alles – für Kṛṣṇa geopfert. Somit ist er der yogī ersten Ranges, jedoch verliert er niemals seine individuelle Existenz.

||4-26||

श्रोत्रादीनीन्द्रियाण्यन्ये संयमाग्निषु जुह्वति | शब्दादीन्विषयानन्य इन्द्रियाग्निषु जुह्वति ||४-२६||

śrotrādīnīndriyāṇyanye saṃyamāgniṣu juhvati . śabdādīnviṣayānanya indriyāgniṣu juhvati ||4-26||

śrotra-ādīni — wie zum Beispiel der Vorgang des Hörens; indriyāṇi — Sinne; anye — andere; saṁyama — der Zurückhaltung; agniṣu — in den Feuern; juhvati — opfern; śabda-ādīn — Klangschwingung usw; viṣayān — Objekte der Sinnenbefriedigung; anye — andere; indriya — der Sinnesorgane; agniṣu — in den Feuern; juhvati — sie opfern.


Einige [die unverfälschten brahmacārīs] opfern den Vorgang des Hörens und die Sinne im Feuer der Beherrschung des Geistes, und andere [die nach den Vorschriften lebenden Haushälter] opfern die Sinnesobjekte, wie zum Beispiel Klang, im Feuer der Sinne.


Die Mitglieder der vier Unterteilungen des menschlichen Lebens – brahmacārīs, gṛhasthas, vānaprasthas und sannyāsīs – sollten alle vollkommene yogīs, vollkommene Transzendentalisten, werden. Weil das menschliche Leben nicht dafür bestimmt ist, Sinnenbefriedigung wie die Tiere zu genießen, gibt es die vier Stufen des menschlichen Lebens, über die man ein vollkommenes, spirituelles Leben erreichen kann. Die brahmacārīs, das heißt die Schüler unter der Obhut eines echten spirituellen Meisters, üben sich in der Beherrschung des Geistes, indem sie sich von Sinnenbefriedigung fernhalten. Ein brahmacārī hört nur Worte, die mit Kṛṣṇa-Bewußtsein zu tun haben. Hören ist das Grundprinzip des Verstehens, und deshalb beschäftigt sich ein reiner brahmacārī voll und ganz im harer nāmānukīrtanam – im Chanten und Hören von der Herrlichkeit des Herrn. Er schenkt niemals materiellen Klangschwingungen Gehör, sondern konzentriert sich auf die transzendentale Klangschwingung von Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa. In ähnlicher Weise führen die Haushälter, die eine gewisse Erlaubnis zur Sinnenbefriedigung haben, solche Handlungen nur unter großen Einschränkungen aus. Sexualität, Berauschung und Fleischessen sind allgemeine Tendenzen der menschlichen Gesellschaft, doch ein regulierter Haushälter gibt sich nicht einem zügellosen Geschlechtsleben und anderen Sinnenfreuden hin. Die Institution der Ehe in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des religiösen Lebens ist daher in jeder zivilisierten menschlichen Gesellschaft üblich, da dies der Weg zu gezügelter Sexualität ist. Diese gezügelte, unangehaftete Sexualität ist auch eine Art von yajña, denn der gṛhastha opfert seine allgemeine Neigung zur Sinnenbefriedigung für ein höheres, transzendentales Leben.

||4-27||

सर्वाणीन्द्रियकर्माणि प्राणकर्माणि चापरे | आत्मसंयमयोगाग्नौ जुह्वति ज्ञानदीपिते ||४-२७||

sarvāṇīndriyakarmāṇi prāṇakarmāṇi cāpare . ātmasaṃyamayogāgnau juhvati jñānadīpite ||4-27||

sarvāṇi — aller; indriya — Sinne; karmāṇi — Funktionen; prāṇa-karmāṇi — Funktionen des Lebensatems; ca — auch; apare — andere; ātma-saṁyama — der Beherrschung des Geistes; yoga — der Verbindungsvorgang; agnau — im Feuer des; juhvati — opfern; jñāna-dīpite — aufgrund des Dranges nach Selbstverwirklichung.


Andere, die bestrebt sind, durch die Beherrschung des Geistes und der Sinne Selbstverwirklichung zu erlangen, bringen die Funktionen all ihrer Sinne und des Lebensatems als Opfergaben im Feuer des beherrschten Geistes dar.


Hier wird auf das von Patañjali begründete yoga- System Bezug genommen. In Patañjalis Yoga-sūtra wird die Seele als pratyag-ātmā und parāg-ātmā bezeichnet. Solange die Seele an Sinnengenuß haftet, wird sie parāg-ātmā genannt, doch wenn sich die Seele von der Anhaftung an Sinnengenuß löst, wird sie pratyag-ātmā genannt. Die Seele ist den Funktionsweisen von zehn Luftarten unterworfen, die im Körper wirken, und dies wird durch das Atemsystem wahrgenommen. Das yoga-System Patañjalis lehrt uns, wie man die Wirkungsweisen der Körperluft mit Hilfe des mechanischen yoga-Systems beherrschen kann, so daß letztlich alle Funktionen der inneren Lüfte dazu benutzt werden können, die Seele von materieller Anhaftung zu reinigen. Gemäß diesem yoga-System ist pratyag-ātmā das endgültige Ziel. Pratyag-ātmā bedeutet, sich von Tätigkeiten in der Materie zurückzuziehen. Die Sinne stehen mit den Sinnesobjekten in einer Wechselbeziehung, die es dem Ohr erlaubt zu hören, dem Auge zu sehen, der Nase zu riechen, der Zunge zu schmecken und der Hand zu berühren, und so sind alle Sinne mit Tätigkeiten außerhalb des Selbst beschäftigt. Dies sind die Funktionen der prāṇa-vāyu. Die apāna-vāyu strömt nach unten; die vyāna-vāyu hat die Aufgabe, zusammenzuziehen und auszudehnen; die samāna-vāyu ermöglicht das Gleichgewicht, und die udāna-vāyu strömt nach oben. Wenn jemand mit Wissen erleuchtet ist, dann verwendet er all diese Luftarten in seinem Streben nach Selbstverwirklichung.

||4-28||

द्रव्ययज्ञास्तपोयज्ञा योगयज्ञास्तथापरे | स्वाध्यायज्ञानयज्ञाश्च यतयः संशितव्रताः ||४-२८||

dravyayajñāstapoyajñā yogayajñāstathāpare . svādhyāyajñānayajñāśca yatayaḥ saṃśitavratāḥ ||4-28||

dravya-yajñāḥ — seine Besitztümer opfernd; tapaḥ-yajñāḥ — Opfer in Entsagung; yoga-yajñāḥ — Opfer in achtfacher Mystik; tathā — so; apare — andere; svādhyāya — Opfer im Studium der Veden; jñāna- yajñāḥ — Opfer in der Entwicklung transzendentalen Wissens; ca — auch; yatayaḥ — erleuchtete Menschen; saṁśita-vratāḥ — strenge Gelübde auf sich genommen habend.


Von denjenigen, die strenge Gelübde auf sich genommen haben, werden einige durch das Opfer ihrer Besitztümer erleuchtet, andere durch das Ausüben harter Entsagung, durch den yoga der achtfachen Mystik oder durch das Studium der Veden, um im transzendentalen Wissen Fortschritt zu machen.


Diese Opfer können in verschiedene Gruppen eingeteilt werden. Es gibt Menschen, die ihren Besitz als Opfer darbringen, indem sie verschiedene Arten von Spenden verteilen. In Indien eröffnen zum Beispiel reiche Kaufleute oder Mitglieder des Adelsstandes verschiedene Wohlfahrtseinrichtungen wie dharmaśālā, anna-kṣetra, atithi- śālā, anāthālaya und vidyā-pīṭha. Auch in anderen Ländern gibt es viele Krankenhäuser, Altersheime und ähnliche gemeinnützige Stiftungen, die dafür bestimmt sind, den Armen Nahrung, Ausbildung und ärztliche Behandlung kostenlos zukommen zu lassen. All diese wohltätigen Bemühungen werden dravyamaya-yajña genannt. Es gibt andere, die freiwillig verschiedene Arten von Entsagung, wie candrāyaṇa und cāturmāsya auf sich nehmen, um eine höhere Stufe im Leben zu erlangen oder zu den höheren Planeten im Universum erhoben zu werden. Diese Vorgänge erfordern, daß man strenge Gelübde auf sich nimmt und ein Leben nach strikten Vorschriften führt. Wenn man sich zum Beispiel das cāturmāsya-Gelübde auferlegt, das man während vier Monaten des Jahres (Juli bis Oktober) befolgt, dann unterläßt man es für diese Zeitspanne, sich zu rasieren oder gewisse Speisen zu sich zu nehmen, man ißt nur einmal am Tag oder verläßt das Haus nie. Ein solches Opfer der Annehmlichkeiten des Lebens wird tapomaya-yajña genannt. Andere beschäftigen sich mit verschiedenen Arten mystischen yogas, wie dem Patañjali-System (um in die Existenz des Absoluten einzugehen) oder dem System des haṭha-yoga bzw. aṣṭaṅga-yoga (um bestimmte Arten der Vollkommenheit zu erlangen), und wieder andere reisen zu allen heiligen Pilgerorten. All diese Bemühungen bezeichnet man als yoga-yajña oder Opfer, um eine bestimmte Art von Vollkommenheit in der materiellen Welt zu erreichen. Des weiteren gibt es diejenigen, die das Opfer des Studiums auf sich nehmen, indem sie sich dem Studium der vedischen Schriften, insbesondere der Upaniṣaden und der Vedānta-sūtras, oder dem Studium der sāṅkhya-Philosophie widmen. Diese Vorgänge werden svādhyāya-yajña genannt, Beschäftigungen im Opfer des Studiums. All diese yogīs beschäftigen sich voller Glauben mit verschiedenen Arten von Opfern und streben nach einer höheren Stufe des Lebens. Kṛṣṇa- Bewußtsein aber unterscheidet sich von all diesen Opfern, denn es ist direkter Dienst für den Höchsten Herrn. Kṛṣṇa-Bewußtsein kann man durch keines der oben erwähnten Opfer erlangen, sondern nur durch die Barmherzigkeit des Herrn und Seiner echten Geweihten. Aus diesem Grund ist Kṛṣṇa-Bewußtsein transzendental.

||4-29||

अपाने जुह्वति प्राणं प्राणेऽपानं तथापरे | प्राणापानगती रुद्ध्वा प्राणायामपरायणाः ||४-२९||

apāne juhvati prāṇaṃ prāṇe.apānaṃ tathāpare . prāṇāpānagatī ruddhvā prāṇāyāmaparāyaṇāḥ ||4-29||

apāne — in die Luft, die nach unten strömt; juhvati — opfern; prāṇam — die Luft, die nach außen strömt; prāṇe — in die Luft, die nach außen strömt; apānam — die Luft, die nach unten strömt; tathā — wie auch; apare — andere; prāṇa — der Luft, die nach außen strömt; apāna — und der Luft, die nach unten strömt; gatī — die Bewegung; ruddhvā — anhaltend; prāṇa-āyāma — Trance, die durch das Anhalten des Atems erreicht wird; parāyaṇāḥ — dazu geneigt; apare — andere; niyata — beherrscht habend; āhārāḥ — Essen; prāṇān — die nach außen strömende Luft; prāṇeṣu — in die nach außen strömende Luft; juhvati — opfern.


Wieder andere, die dazu neigen, den Vorgang der Atembeherrschung zu praktizieren, um in Trance zu bleiben, üben sich darin, den ausströmenden Atem in den einströmenden und den einströmenden Atem in den ausströmenden zu opfern. So erreichen sie letztlich Trance, indem sie alles Atmen einstellen. Andere, die das Essen einschränken, bringen den ausströmenden Atem ihm selbst als Opfer dar.


Dieses yoga-System der Atembeherrschung nennt man prāṇāyāma, und im haṭha-yoga-System wird es zu Beginn mit Hilfe verschiedener Sitzstellungen ausgeübt. All diese Vorgänge werden empfohlen, um die Sinne zu beherrschen und in der spirituellen Verwirklichung fortzuschreiten. Zu dieser Technik gehört, daß man die Lüfte im Körper beherrscht, so daß man zum Beispiel die Richtung ihres Strömens umzukehren vermag. Die apāna-Luft strömt nach unten, und die prāṇa-Luft strömt nach oben. Der prāṇāyāma-yogī übt so lange, in entgegengesetzter Richtung zu atmen, bis sich die beiden Luftströme gegenseitig neutralisieren und pūraka, Gleichgewicht, herrscht. Wenn man den ausströmenden Atem in den einströmenden Atem opfert, wird das recaka genannt, und wenn beide Luftströme völlig zur Ruhe kommen, nennt man dies kumbhaka-yoga. Durch das Ausüben von kumbhaka- yoga kann man seine Lebensdauer verlängern, um in der spirituellen Verwirklichung die Vollkommenheit zu erlangen. Ein intelligenter yogī wartet nicht auf das nächste Leben, sondern ist bestrebt, in diesem einen Leben die Vollkommenheit zu erlangen, denn durch das Ausüben von kumbhaka-yoga können die yogīs ihr Leben um viele, viele Jahre verlängern. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch jedoch wird dadurch, daß er immer im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn verankert ist, automatisch der Meister seiner Sinne. Da seine Sinne immer in Kṛṣṇas Dienst beschäftigt sind, gibt es für sie keine Möglichkeit, auf andere Weise tätig zu werden. So gelangt er am Ende seines Lebens von selbst auf die transzendentale Ebene Śrī Kṛṣṇas, und deshalb unternimmt er keine Bemühung, seine Lebensdauer zu verlängern. Er wird sogleich auf die Ebene der Befreiung erhoben, wie es in der Bhagavad-gītā (14.26) beschrieben wird:
māṁ ca yo ’vyabhicāreṇa
bhakti-yogena sevate
sa guṇān samatītyaitān
brahma-bhūyāya kalpate
„Wer sich im ungetrübten hingebungsvollen Dienst des Herrn beschäftigt, überwindet die Erscheinungsweisen der materiellen Natur und wird sogleich auf die spirituelle Ebene erhoben.“ Jemand, der Kṛṣṇa-bewußt ist, befindet sich schon von Anfang an auf der transzendentalen Stufe, und er behält dieses Bewußtsein ständig bei. Er kommt daher nie zu Fall, und am Ende gelangt er direkt in das Reich des Herrn. Dieser Vers erwähnt auch die Methode, sein Essen einzuschränken, und dies wird von selbst erreicht, wenn man nur kṛṣṇa-prasādam ißt, das heißt Speisen, die zuerst dem Herrn geopfert wurden. Um die Sinne zu beherrschen, ist es sehr hilfreich, das Essen einzuschränken. Und ohne die Sinne zu beherrschen, ist es nicht möglich, sich aus der materiellen Verstrickung zu lösen.

||4-30||

अपरे नियताहाराः प्राणान्प्राणेषु जुह्वति | सर्वेऽप्येते यज्ञविदो यज्ञक्षपितकल्मषाः ||४-३०||

apare niyatāhārāḥ prāṇānprāṇeṣu juhvati . sarve.apyete yajñavido yajñakṣapitakalmaṣāḥ ||4-30||

sarve — alle; api — obwohl scheinbar verschieden; ete — diese; yajña-vidaḥ — vertraut mit dem Zweck von Opferdarbringungen; yajña-kṣapita — als Ergebnis solcher Darbringungen geläutert; kalmaṣāḥ — von sündhaften Reaktionen; yajña-śiṣṭa — des Ergebnisses solcher yajña-Durchführungen; amṛta-bhujaḥ — diejenigen, die solchen Nektar gekostet haben; yānti — nähern sich; brahma — der höchsten; sanātanam — ewigen Sphäre.


Diejenigen, die diese Opfer ausführen und ihre Bedeutung kennen, werden von sündhaften Reaktionen gereinigt, und weil sie den Nektar des Ergebnisses dieser Opfer gekostet haben, schreiten sie der höchsten ewigen Sphäre entgegen.


Aus der vorangegangenen Erklärung verschiedener Arten von Opfern (nämlich Opfer des Besitzes, Studium der Veden oder philosophischer Lehren und Ausübung des yoga-Systems) kann man ersehen, daß sie alle das Ziel haben, die Sinne unter Kontrolle zu bringen. Sinnenbefriedigung ist die grundlegende Ursache des materiellen Daseins. Solange man sich daher nicht auf einer Ebene befindet, die von Sinnenbefriedigung frei ist, gibt es keine Möglichkeit, auf die ewige Ebene vollkommenen Wissens, vollkommener Glückseligkeit und vollkommenen Lebens erhoben zu werden. Diese Ebene befindet sich im Bereich der Ewigkeit, der Brahman-Sphäre. Alle oben erwähnten Opfer helfen einem, von den sündhaften Reaktionen des materiellen Daseins geläutert zu werden. Durch diesen Fortschritt wird man nicht nur im gegenwärtigen Leben glücklich und wohlhabend, sondern am Ende erreicht man auch das ewige Königreich Gottes, indem man entweder in das unpersönliche Brahman eingeht oder in die Gemeinschaft der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa, aufgenommen wird.

||4-31||

यज्ञशिष्टामृतभुजो यान्ति ब्रह्म सनातनम् | नायं लोकोऽस्त्ययज्ञस्य कुतोऽन्यः कुरुसत्तम ||४-३१||

yajñaśiṣṭāmṛtabhujo yānti brahma sanātanam . nāyaṃ loko.astyayajñasya kuto.anyaḥ kurusattama ||4-31||

na — nie; ayam — dieser; lokaḥ — Planet; asti — es gibt; ayajñasya — für jemanden, der kein Opfer ausführt; kutaḥ — wo ist; anyaḥ — das andere; kuru-sat-tama — o bester der Kurus.


O Bester der Kuru-Dynastie, ohne Opfer kann man auf diesem Planeten oder in diesem Leben niemals glücklich sein – vom nächsten ganz zu schweigen.


In jeder Form des materiellen Daseins befindet man sich unweigerlich in Unwissenheit über seine wirkliche Stellung. Mit anderen Worten, das Dasein in der materiellen Welt hat seine Ursache in den vielfachen Reaktionen auf unser sündhaftes Leben. Unwissenheit ist die Ursache eines sündigen Lebens, und ein sündiges Leben ist die Ursache dafür, daß man sich weiter im materiellen Dasein dahinschleppt. Die menschliche Lebensform ist das einzige Schlupfloch, durch das man dieser Verstrickung entkommen kann. Die Veden bieten uns deshalb eine Möglichkeit zur Befreiung, indem sie uns die Pfade der Religion, des wirtschaftlichen Fortschritts und der regulierten Sinnenbefriedigung zeigen und letztlich darauf hinweisen, wie man diesen leidvollen Zustand völlig hinter sich lassen kann. Der Pfad der Religion, das heißt der verschiedenen Arten von Opfern, die oben empfohlen wurden, löst automatisch unsere wirtschaftlichen Probleme. Wenn yajñas ausgeführt werden, können wir genug Nahrungsmittel, genug Milch usw. bekommen, selbst im Falle einer sogenannten „Überbevölkerung“. Wenn der Körper mit allem versorgt ist, strebt der Mensch natürlicherweise nach der Befriedigung seiner Sinne. Die Veden schreiben daher eine heilige Heirat vor, um die Befriedigung der Sinne zu regulieren. Auf diese Weise wird man allmählich auf die Ebene erhoben, auf der man von materieller Knechtschaft frei ist, und die höchste Vollkommenheit des befreiten Lebens besteht darin, mit dem Höchsten Herrn zusammensein zu dürfen. Vollkommenheit erlangt man, wie oben beschrieben wurde, wenn man Opfer (yajña) darbringt. Wie kann also jemand, der nicht bereit ist, gemäß den Veden yajñas auszuführen, im gegenwärtigen Leben oder gar im nächsten Leben auf einem anderen Planeten Glück erwarten? Auf den verschiedenen himmlischen Planeten gibt es verschiedene Grade materieller Annehmlichkeiten, und in jedem Fall erwartet diejenigen, die solche yajñas darbringen, unermeßliches Glück. Aber das höchste Glück, das ein Mensch erreichen kann, besteht darin, durch das Praktizieren von Kṛṣṇa-Bewußtsein zu den spirituellen Planeten zu gelangen. Ein Leben im Kṛṣṇa-Bewußtsein ist also die Lösung für alle Probleme des materiellen Daseins.

||4-32||

एवं बहुविधा यज्ञा वितता ब्रह्मणो मुखे | कर्मजान्विद्धि तान्सर्वानेवं ज्ञात्वा विमोक्ष्यसे ||४-३२||

evaṃ bahuvidhā yajñā vitatā brahmaṇo mukhe . karmajānviddhi tānsarvānevaṃ jñātvā vimokṣyase ||4-32||

evam — so; bahu-vidhāḥ — verschiedene Arten von; yajñāḥ — Opfern; vitatāḥ — werden verbreitet; brahmaṇaḥ — der Veden; mukhe — durch den Mund; karma-jān — aus Arbeit geboren; viddhi — du solltest wissen; tān — sie; sarvān — alle; evam — so; jñātvā — kennend; vimokṣyase — du wirst befreit werden.


All diese verschiedenen Opfer werden von den Veden gebilligt, und sie alle entstehen aus verschiedenen Arten der Handlung. Wenn du sie als solche kennst, wirst du befreit werden.


Wie in den vorangegangenen Versen erörtert wurde, beschreiben die Veden verschiedene Arten von Opfern, um den verschiedenen Arten von Menschen gerecht zu werden. Weil die Menschen so tief in die körperliche Lebensauffassung versunken sind, sind diese Opfer so eingerichtet, daß man bei ihrer Ausführung entweder mit dem Körper, mit dem Geist oder mit der Intelligenz tätig sein kann. Aber sie alle werden empfohlen, um letztlich Befreiung vom Körper herbeizuführen. Dies wird hier direkt aus dem Munde des Herrn bestätigt.

||4-33||

श्रेयान्द्रव्यमयाद्यज्ञाज्ज्ञानयज्ञः परन्तप | सर्वं कर्माखिलं पार्थ ज्ञाने परिसमाप्यते ||४-३३||

śreyāndravyamayādyajñājjñānayajñaḥ parantapa . sarvaṃ karmākhilaṃ pārtha jñāne parisamāpyate ||4-33||

śreyān — größer; dravya-mayāt — materieller Besitztümer; yajñāt — als das Opfer; jñāna-yajñaḥ — Opfer in Wissen; param-tapa — o Bezwinger des Feindes; sarvam — alle; karma — Tätigkeiten; akhilam — in ihrer Gesamtheit; pārtha — o Sohn Pṛthās; jñāne — in Wissen; parisamāpyate — enden.


O Bezwinger des Feindes, Opfer in Wissen darzubringen ist besser, als bloß materielle Besitztümer zu opfern. O Sohn Pṛthās, letztlich gipfeln alle Opfer von Arbeit in transzendentalem Wissen.


Der Zweck aller Opfer besteht darin, die Stufe vollständigen Wissens zu erreichen, dann von den Leiden des materiellen Daseins frei zu werden und sich schließlich im liebevollen transzendentalen Dienst des Herrn (Kṛṣṇa-Bewußtsein) zu beschäftigen. Trotzdem liegt in all diesen verschiedenen Opfertätigkeiten ein Geheimnis, und man sollte dieses Geheimnis kennen. Die jeweilige Form eines Opfers ist vom Glauben des Ausführenden abhängig, und derjenige, dessen Glaube die Stufe transzendentalen Wissens erreicht hat, sollte als fortgeschrittener betrachtet werden als diejenigen, die ohne solches Wissen bloß ihre materiellen Besitztümer opfern, denn ohne Wissen bleiben Opfer auf der materiellen Ebene und bringen keinen spirituellen Nutzen. Wirkliches Wissen gipfelt in Kṛṣṇa-Bewußtsein, der höchsten Stufe transzendentalen Wissens. Ohne höheres Wissen sind Opfer nichts weiter als materielle Tätigkeiten. Wenn man solche Tätigkeiten jedoch mit transzendentalem Wissen ausführt, befinden sie sich alle auf der spirituellen Ebene. Je nach den Unterschieden im Bewußtsein werden Opfertätigkeiten manchmal als karma-kāṇḍa (fruchtbringende Tätigkeiten) und manchmal als jñāna-kāṇḍa (Wissen in bezug auf die Suche nach der Wahrheit) bezeichnet. Besser ist es, wenn Wissen das Ziel ist.

||4-34||

तद्विद्धि प्रणिपातेन परिप्रश्नेन सेवया | उपदेक्ष्यन्ति ते ज्ञानं ज्ञानिनस्तत्त्वदर्शिनः ||४-३४||

tadviddhi praṇipātena paripraśnena sevayā . upadekṣyanti te jñānaṃ jñāninastattvadarśinaḥ ||4-34||

tat — dieses Wissen über verschiedene Opfer; viddhi — versuche zu verstehen; praṇipātena — indem du dich an einen spirituellen Meister wendest; paripraśnena — durch ergebenes Fragen; sevayā — durch Dienen; upadekṣyanti — sie werden einweihen; te — dich; jñānam — in Wissen; jñāninaḥ — die selbstverwirklichten; tattva — der Wahrheit; darśinaḥ — Seher.


Versuche die Wahrheit zu erfahren, indem du dich an einen spirituellen Meister wendest. Stelle ihm in ergebener Haltung Fragen und diene ihm. Die selbstverwirklichten Seelen können dir Wissen offenbaren, weil sie die Wahrheit gesehen haben.


Der Pfad der spirituellen Erkenntnis ist zweifellos schwierig. Der Herr gibt uns daher den Rat, einen echten spirituellen Meister in der Kette der Schülernachfolge aufzusuchen, die vom Herrn Selbst ausgeht. Niemand kann ein echter spiritueller Meister sein, ohne sich an diesen Grundsatz der Schülernachfolge zu halten. Der Herr ist der ursprüngliche spirituelle Meister, und jemand, der der Schülernachfolge angehört, kann die Botschaft des Herrn, so wie sie ist, an seinen Schüler weitergeben. Niemand kann zu spiritueller Verwirklichung gelangen, indem er sich seinen eigenen Weg fabriziert, wie es heute bei törichten Heuchlern Mode geworden ist. Im Bhāgavatam (6.3.19) heißt es: dharmaṁ tu sākṣād bhagavat-praṇītam. „Der Pfad der Religion wird direkt vom Herrn festgelegt.“ Deshalb können einem gedankliche Spekulationen oder trockene Argumente nicht helfen, auf den richtigen Pfad zu gelangen. Ebenso kann man durch ein unabhängiges Studium von Büchern des Wissens keinen Fortschritt im spirituellen Leben machen. Man muß sich an einen echten spirituellen Meister wenden, um Wissen zu empfangen. Einen solchen spirituellen Meister sollte man annehmen, indem man sich ihm völlig ergibt, und man sollte ihm wie ein unterwürfiger Diener, ohne falschen Stolz, dienen. Die Zufriedenheit des selbstverwirklichten spirituellen Meisters ist das Geheimnis des Fortschritts im spirituellen Leben. Fragen und Ergebenheit sind die geeignete Kombination, um spirituelles Verständnis zu erlangen. Ohne Ergebenheit und Dienstbereitschaft werden die Fragen, die wir dem gelehrten spirituellen Meister stellen, keine Wirkung haben. Man muß imstande sein, die Prüfung des spirituellen Meisters zu bestehen, und wenn er den aufrichtigen Wunsch des Schülers sieht, segnet er ihn von selbst mit echtem spirituellem Verständnis. In diesem Vers werden sowohl blindes Folgen als auch absurdes Fragen verurteilt. Man sollte dem spirituellen Meister nicht nur in ergebener Haltung zuhören, sondern man muß sich auch durch Ergebenheit, Dienst und Fragen darum bemühen, von ihm ein klares spirituelles Verständnis zu bekommen. Ein echter spiritueller Meister ist von Natur aus zu seinem Schüler sehr gütig. Wenn der Schüler daher dem spirituellen Meister ergeben ist und sich immer bereit zeigt, ihm zu dienen, dann wird ihr Austausch von Wissen und Fragen vollkommen.

||4-35||

यज्ज्ञात्वा न पुनर्मोहमेवं यास्यसि पाण्डव | येन भूतान्यशेषेण द्रक्ष्यस्यात्मन्यथो मयि (var अशेषाणि) ||४-३५||

yajjñātvā na punarmohamevaṃ yāsyasi pāṇḍava . yena bhūtānyaśeṣāṇi drakṣyasyātmanyatho mayi ||4-35||

yat — dies; jñātvā — wissend; na — niemals; punaḥ — wieder; moham — in Illusion; evam — auf diese Weise; yāsyasi — du wirst gehen; pāṇḍava — o Sohn Pāṇḍus; yena — durch welches; bhūtāni — Lebewesen; aśeṣāṇi — alle; drakṣyasi — du wirst sehen; ātmani — in der Höchsten Seele; atha u — oder mit anderen Worten; mayi — in Mir.


Wenn du auf diese Weise von einer selbstverwirklichten Seele wirkliches Wissen empfangen hast, wirst du nie wieder in solche Illusion fallen, denn durch dieses Wissen wirst du sehen, daß alle Lebewesen nichts anderes als Teile des Höchsten sind oder, mit anderen Worten, daß sie Mein sind.


Wenn man von einer selbstverwirklichten Seele, das heißt von jemandem, der die Dinge so kennt, wie sie sind, Wissen empfängt, erkennt man, daß alle Lebewesen Teile der Höchsten Persönlichkeit Gottes, Śrī Kṛṣṇa, sind. Die Vorstellung, etwas existiere getrennt von Kṛṣṇa, wird māyā genannt (mā – nicht, yā – dieses). Einige Menschen glauben, wir hätten mit Kṛṣṇa nichts zu tun; Kṛṣṇa sei nur eine bedeutende historische Persönlichkeit, und das Absolute sei das unpersönliche Brahman. In Wirklichkeit aber ist dieses unpersönliche Brahman, wie in der Bhagavad-gītā bestätigt wird, Kṛṣṇas persönliche Ausstrahlung. Kṛṣṇa, als die Höchste Persönlichkeit Gottes, ist die Ursache von allem. In der Brahma-saṁhitā wird unmißverständlich gesagt, daß Kṛṣṇa die Höchste Persönlichkeit Gottes, die Ursache aller Ursachen, ist. Selbst die Millionen von Inkarnationen sind nur Seine verschiedenen Erweiterungen, ebenso wie auch die Lebewesen Seine Erweiterungen sind. Die Māyāvādī-Philosophen glauben irrtümlicherweise, daß Kṛṣṇa Seine eigene getrennte Individualität verliere, wenn Er Sich in viele Formen erweitere. Aber dies ist eine typisch materielle Vorstellung. In der materiellen Welt machen wir die Erfahrung, daß ein Gegenstand seine ursprüngliche Identität verliert, wenn er in mehrere Teile zerlegt wird. Doch die Māyāvādī-Philosophen verstehen nicht, was absolut bedeutet; sie wissen nicht, daß auf der absoluten Ebene eins plus eins gleich eins und eins minus eins ebenfalls gleich eins ist.
Aus Mangel an ausreichendem Wissen über die absolute Wissen- schaft sind wir nun von Illusion bedeckt und glauben daher, wir seien von Kṛṣṇa getrennt. Obwohl wir getrennte Teile Kṛṣṇas sind, sind wir dennoch nicht von Ihm verschieden. Der körperliche Unterschied zwischen den Lebewesen ist māyā, das heißt, er existiert nicht wirklich. Wir sind alle dafür bestimmt, Kṛṣṇa zufriedenzustellen. Nur unter dem Einfluß von māyā dachte Arjuna, die zeitweilige körperliche Beziehung zu seinen Verwandten sei wichtiger als seine ewige spirituelle Beziehung zu Kṛṣṇa. Das Ziel der ganzen Gītā ist es, uns zu lehren, daß ein Lebewesen als Kṛṣṇas ewiger Diener nie von Kṛṣṇa getrennt sein kann, weshalb seine Vorstellung, eine von Kṛṣṇa getrennte Identität zu besitzen, māyā ist. Die Lebewesen haben als getrennte Bestandteile des Höchsten eine Aufgabe zu erfüllen, doch weil sie diese Aufgabe vergessen haben, wandern sie seit unvordenklichen Zeiten von Körper zu Körper und werden Menschen, Tiere, Halbgötter usw. Solche körperlichen Unterschiede entstehen, weil die Lebewesen den transzendentalen Dienst des Herrn vergessen haben. Wenn man aber durch Kṛṣṇa- Bewußtsein im transzendentalen Dienst tätig ist, wird man sogleich von dieser Illusion befreit. Solch reines Wissen kann man nur erlangen, wenn man sich an einen echten spirituellen Meister wendet, und so vermeidet man auch den Fehler zu glauben, das Lebewesen sei Kṛṣṇa ebenbürtig. Vollkommenes Wissen bedeutet zu verstehen, daß die Höchste Seele, Kṛṣṇa, die höchste Zuflucht für alle Lebewesen ist und daß die Lebewesen, die diesen Schutz aufgeben, von der materiellen Energie getäuscht werden und sich einbilden, getrennt von Kṛṣṇa zu existieren. So geraten sie unter den Einfluß verschiedener Formen materieller Identität und vergessen Kṛṣṇa. Wenn solche getäuschten Lebewesen jedoch ihr Kṛṣṇa- Bewußtsein entwickeln, muß man verstehen, daß sie sich auf dem Pfad der Befreiung befinden. Dies wird im Bhāgavatam (2.10.6) bestätigt: muktir hitvānyathā-rūpaṁ svarūpeṇa vyavasthitiḥ. Befreiung bedeutet, in seiner wesensgemäßen Stellung als ewiger Diener Kṛṣṇas (das heißt im Kṛṣṇa-Bewußtsein) verankert zu sein.

||4-36||

अपि चेदसि पापेभ्यः सर्वेभ्यः पापकृत्तमः | सर्वं ज्ञानप्लवेनैव वृजिनं सन्तरिष्यसि ||४-३६||

api cedasi pāpebhyaḥ sarvebhyaḥ pāpakṛttamaḥ . sarvaṃ jñānaplavenaiva vṛjinaṃ santariṣyasi ||4-36||

api — sogar; cet — wenn; asi — du bist; pāpebhyaḥ — von Sündern; sarve- bhyaḥ — von allen; pāpa-kṛt-tamaḥ — der größte Sünder; sarvam — all diese sündhaften Reaktionen; jñāna-plavena — mit dem Boot des transzendentalen Wissens; eva — gewiß; vṛjinam — den Ozean der Leiden; santariṣyasi — du wirst vollständig überqueren.


Du magst sogar der sündigste aller Sünder sein, doch wenn du dich im Boot des transzendentalen Wissens befindest, wirst du fähig sein, den Ozean der Leiden zu überqueren.


Die eigene wesensgemäße Stellung in Beziehung zu Kṛṣṇa richtig zu verstehen ist so glückverheißend, daß man sogleich aus dem Kampf ums Dasein, den man im Ozean der Unwissenheit austrägt, gerettet werden kann. Die materielle Welt wird manchmal mit einem Ozean der Unwissenheit und manchmal mit einem brennenden Wald verglichen. Mitten im Ozean muß sogar der erfahrenste Schwimmer hart um sein Leben kämpfen. Wenn nun jemand dem ertrinkenden Schwimmer zu Hilfe kommt und ihn aus dem Wasser zieht, so ist er der größte Retter. Ebenso stellt vollkommenes Wissen, das man von der Höchsten Persönlichkeit Gottes empfängt, den Pfad der Befreiung dar. Das Boot des Kṛṣṇa-Bewußtseins ist sehr einfach, aber zugleich höchst erhaben.

||4-37||

यथैधांसि समिद्धोऽग्निर्भस्मसात्कुरुतेऽर्जुन | ज्ञानाग्निः सर्वकर्माणि भस्मसात्कुरुते तथा ||४-३७||

yathaidhāṃsi samiddho.agnirbhasmasātkurute.arjuna . jñānāgniḥ sarvakarmāṇi bhasmasātkurute tathā ||4-37||

yathā — genauso wie; edhāṁsi — Brennholz; samiddhaḥ — loderndes; agniḥ — Feuer; bhasma-sāt — Asche; kurute — verwandelt zu; arjuna — o Arjuna; jñāna-agniḥ — das Feuer des Wissens; sarva-karmāṇi — alle Reaktionen auf materielle Tätigkeiten; bhasma-sāt — zu Asche; kurute — es verwandelt; tathā — in ähnlicher Weise.


So wie ein loderndes Feuer Brennholz zu Asche verwandelt, o Arjuna, so verbrennt das Feuer des Wissens alle Reaktionen auf materielle Tätigkeiten zu Asche.


Vollkommenes Wissen vom Selbst, vom Überselbst und ihrer Beziehung zueinander wird hier mit Feuer verglichen. Dieses Feuer verbrennt nicht nur alle Reaktionen auf sündhafte Tätigkeiten, sondern auch alle Reaktionen auf fromme Tätigkeiten und verwandelt sie zu Asche. Reaktionen manifestieren sich in verschiedenen Stufen: Reaktionen, die gerade entstehen; Reaktionen, die gerade Früchte tragen; Reaktionen, die bereits eingetroffen sind, und Reaktionen a priori. Doch Wissen über die wesensgemäße Stellung des Lebewesens verbrennt alles zu Asche. Wenn man über vollständiges Wissen verfügt, werden alle Reaktionen – sowohl a priori als auch a posteriori – verzehrt. In den Veden (Bṛhad-āraṇyaka Upaniṣad 4.4.22) heißt es: ubhe uhaivaiṣa ete taraty amṛtaḥ sādhv-asādhūnī. „Man überwindet die Reaktionen auf alle frommen und unfrommen Tätigkeiten.“

||4-38||

न हि ज्ञानेन सदृशं पवित्रमिह विद्यते | तत्स्वयं योगसंसिद्धः कालेनात्मनि विन्दति ||४-३८||

na hi jñānena sadṛśaṃ pavitramiha vidyate . tatsvayaṃ yogasaṃsiddhaḥ kālenātmani vindati ||4-38||

na — nichts; hi — gewiß; jñānena — mit Wissen; sadṛśam — im Vergleich; pavitram — geheiligt; iha — in dieser Welt; vidyate — es gibt; tat — dies; svayam — sich selbst; yoga — in Hingabe; saṁsiddhaḥ — er, der reif ist; kālena — im Laufe der Zeit; ātmani — in sich selbst; vindati — genießt.


In dieser Welt gibt es nichts, was so erhaben und rein ist wie transzendentales Wissen. Solches Wissen ist die reife Frucht aller Mystik, und wer auf dem Pfad des hingebungsvollen Dienstes fortgeschritten ist, genießt dieses Wissen schon bald in sich selbst.


Wenn wir von transzendentalem Wissen sprechen, so meinen wir damit spirituelles Verständnis. Daher gibt es nichts, was so erhaben und rein ist wie transzendentales Wissen. Unwissenheit ist die Ursache unserer Knechtschaft, und Wissen ist die Ursache unserer Befreiung. Dieses Wissen ist die reife Frucht hingebungsvollen Dienstes, und wenn man im transzendentalen Wissen verankert ist, braucht man nicht woanders nach Frieden zu suchen, denn man genießt Frieden in sich selbst. Mit anderen Worten, Wissen und Friede finden ihre Vollendung im Kṛṣṇa-Bewußtsein. Das ist die Schlußfolgerung der Bhagavad-gītā.

||4-39||

श्रद्धावाँल्लभते ज्ञानं तत्परः संयतेन्द्रियः | ज्ञानं लब्ध्वा परां शान्तिमचिरेणाधिगच्छति ||४-३९||

śraddhāvā.Nllabhate jñānaṃ tatparaḥ saṃyatendriyaḥ . jñānaṃ labdhvā parāṃ śāntimacireṇādhigacchati ||4-39||

śraddhā-vān — ein gläubiger Mensch; labhate — erreicht; jñānam — Wissen; tat-paraḥ — sehr daran angehaftet; saṁyata — beherrschte; indriyaḥ — Sinne; jñānam — Wissen; labdhvā — erreicht habend; parām — transzendentalen; śāntim — Frieden; acireṇa — sehr bald; adhigacchati — erreicht.


Ein gläubiger Mensch, der sich dem transzendentalen Wissen gewidmet hat, und der seine Sinne unter Kontrolle hat, ist befähigt, solches Wissen zu erlangen, und wenn er es erlangt hat, erreicht er sehr schnell den höchsten spirituellen Frieden.


Das Wissen des Kṛṣṇa-Bewußtseins kann von einem gläubigen Menschen erreicht werden, der fest an Kṛṣṇa glaubt. Jemand wird als gläubig bezeichnet, wenn er davon überzeugt ist, daß er einfach dadurch, daß er im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, die höchste Vollkommenheit erreichen kann. Diesen Glauben erreicht man durch hingebungsvollen Dienst und das Chanten von Hare Kṛṣṇa, Hare Kṛṣṇa, Kṛṣṇa Kṛṣṇa, Hare Hare/ Hare Rāma, Hare Rāma, Rāma Rāma, Hare Hare, wodurch das Herz von allem materiellen Schmutz gereinigt wird. Darüber hinaus sollte man seine Sinne unter Kontrolle halten. Ein Mensch, der auf Kṛṣṇa vertraut und die Sinne beherrscht, kann problemlos und schnell die Vollkommenheit im Wissen des Kṛṣṇa-Bewußtseins erlangen.

||4-40||

अज्ञश्चाश्रद्दधानश्च संशयात्मा विनश्यति | नायं लोकोऽस्ति न परो न सुखं संशयात्मनः ||४-४०||

ajñaścāśraddadhānaśca saṃśayātmā vinaśyati . nāyaṃ loko.asti na paro na sukhaṃ saṃśayātmanaḥ ||4-40||

ajñaḥ — ein Tor, der kein Wissen über die maßgeblichen Schriften hat; ca — und; aśraddadhānaḥ — ohne Glauben an die offenbarten Schriften; ca — auch; saṁśaya — von Zweifeln; ātmā — eine Person; vinaśyati — kommt zu Fall; na — niemals; ayam — in dieser; lokaḥ — Welt; asti — es gibt; na — weder; paraḥ — im nächsten Leben; na — noch; sukham — Glück; saṁśaya — zweifelnden; ātmanaḥ — des Menschen.


Unwissende und ungläubige Menschen aber, die an den offenbarten Schriften zweifeln, erreichen kein Gottesbewußtsein; sie kommen zu Fall. Für die zweifelnde Seele gibt es Glück weder in dieser Welt noch in der nächsten.


Von den vielen maßgebenden und autoritativen offenbarten Schriften ist die Bhagavad-gītā die beste. Menschen, die fast Tieren gleichen, glauben nicht an die maßgebenden offenbarten Schriften und kennen sie nicht, und selbst wenn sie die offenbarten Schriften kennen und aus ihnen zitieren können, glauben sie im Grunde nicht an diese Worte. Und selbst wenn es solche gibt, die an Schriften wie die Bhagavad-gītā glauben, dann glauben sie doch nicht an Śrī Kṛṣṇa, die Persönlichkeit Gottes, und verehren Ihn nicht. Solche Menschen können sich nicht im Kṛṣṇa-Bewußtsein halten; sie kommen zu Fall. Von all den oben erwähnten Menschen machen diejenigen, die keinen Glauben haben und immer zweifeln, keinerlei Fortschritte. Menschen ohne Glauben an Gott und Seine offenbarten Worte erwartet weder in diesem noch im nächsten Leben etwas Gutes. Für sie gibt es nicht das geringste Glück. Man sollte daher den Prinzipien der offenbarten Schriften mit Glauben folgen und dadurch auf die Ebene von Wissen erhoben werden. Nur dieses Wissen wird einem helfen, auf die transzendentale Ebene spirituellen Verständnisses zu gelangen. Mit anderen Worten, zweifelnde Menschen haben nicht die geringste Aussicht auf spirituelle Befreiung. Man sollte daher dem Beispiel großer ācāryas folgen, die der Schülernachfolge angehören, und so zum Erfolg kommen.

||4-41||

योगसंन्यस्तकर्माणं ज्ञानसञ्छिन्नसंशयम् | आत्मवन्तं न कर्माणि निबध्नन्ति धनञ्जय ||४-४१||

yogasaṃnyastakarmāṇaṃ jñānasañchinnasaṃśayam . ātmavantaṃ na karmāṇi nibadhnanti dhanañjaya ||4-41||

yoga — durch hingebungsvollen Dienst in karma-yoga; sannyasta — jemand, der entsagt hat; karmāṇam — den Früchten seiner Handlungen; jñāna — durch Wissen; sañchinna — zerschnitten; saṁśayam — Zweifel; ātma-vantam — im Selbst verankert; na — niemals; karmāṇi — Tätigkeiten; nibadhnanti — binden; dhanam-jaya — o Eroberer von Reichtum.


Wer hingebungsvollen Dienst ausführt, indem er den Früchten seiner Tätigkeiten entsagt, und wessen Zweifel durch transzendentales Wissen zerstört worden sind, ist tatsächlich im Selbst verankert. Deshalb wird er, o Eroberer von Reichtum, von den Reaktionen seiner Tätigkeiten nicht gebunden.


Wer den Unterweisungen der Bhagavad-gītā folgt, wie sie vom Herrn, der Persönlichkeit Gottes, Selbst gegeben werden, wird durch die Gnade des transzendentalen Wissens von allen Zweifeln frei. So wird er als Teil des Herrn völlig Kṛṣṇa-bewußt und befindet sich bereits auf der Ebene der Selbsterkenntnis. Daher steht er zweifellos über der Bindung an Aktion und Reaktion.

||4-42||

तस्मादज्ञानसम्भूतं हृत्स्थं ज्ञानासिनात्मनः | छित्त्वैनं संशयं योगमातिष्ठोत्तिष्ठ भारत ||४-४२||

tasmādajñānasambhūtaṃ hṛtsthaṃ jñānāsinātmanaḥ . chittvainaṃ saṃśayaṃ yogamātiṣṭhottiṣṭha bhārata ||4-42||

tasmāt — daher; ajñāna-sambhūtam — aus Unwissenheit entstanden; hṛt- stham — im Herzen befindlich; jñāna — des Wissens; asinā — mit der Waffe; ātmanaḥ — des Selbst; chittvā — durchschneidend; enam — diesen; saṁśayam — Zweifel; yogam — in yoga; ātiṣṭha — sei verankert; uttiṣṭha — erhebe dich, um zu kämpfen; bhārata — o Nachkomme Bharatas.


Daher sollten die Zweifel, die in deinem Herzen aus Unwissenheit entstanden sind, mit der Waffe des Wissens zerschlagen werden. Bewaffne dich mit yoga, o Bharata, erhebe dich und kämpfe.


Das yoga-System, das in diesem Kapitel erklärt wird, wird als sanātana-yoga, die ewigen Tätigkeiten des Lebewesens, bezeichnet. Dieser yoga wird in zwei Arten von Opfertätigkeiten unterteilt: die eine ist das Opfer materieller Besitztümer, und die andere ist das Entwickeln von Wissen über das Selbst, was eine reine spirituelle Tätigkeit ist. Wenn das Opfer materieller Besitztümer nicht mit spiritueller Verwirklichung verbunden ist, wird ein solches Opfer materiell. Doch wenn man ein solches Opfer mit einem spirituellen Ziel, das heißt im hingebungsvollen Dienst, darbringt, dann ist dies ein vollkommenes Opfer. Was spirituelle Tätigkeiten betrifft, so sehen wir, daß diese ebenfalls in zwei Kategorien unterteilt sind, nämlich einerseits in Wissen über das eigene Selbst (die wesensgemäße Stellung des Selbst) und andererseits die Wahrheit bezüglich der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Wer dem Pfad der Bhagavad-gītā, wie sie ist, folgt, kann diese beiden wichtigen Unterteilungen des spirituellen Wissens sehr leicht verstehen. Für ihn ist es nicht schwierig, vollkommenes Wissen über das Selbst zu erlangen und zu verstehen, daß das Selbst ein winziger Teil des Herrn ist. Und dieses Verständnis hilft einem weiter, so daß man auch die transzendentalen Taten des Herrn leicht verstehen kann. Zu Beginn dieses Kapitels hat der Höchste Herr Selbst über die transzendentale Natur Seiner Taten gesprochen. Wer die Unterweisungen der Gītā nicht versteht, ist ungläubig und mißbraucht offensichtlich die winzige Unabhängigkeit, die ihm vom Herrn gewährt wird. Wer trotz dieser Unterweisungen die wahre Natur Śrī Kṛṣṇas als die ewige, glückselige, allwissende Persönlichkeit Gottes nicht versteht, ist zweifellos der größte Tor. Unwissenheit kann beseitigt werden, wenn man nach und nach die Prinzipien des Kṛṣṇa-Bewußtseins annimmt. Kṛṣṇa-Bewußtsein wird durch verschiedene Arten von Opfern wiedererweckt: durch Opfer zu den Halbgöttern, durch Opfer zum Brahman, durch Opfer im Zölibat, im Haushälterleben, in der Beherrschung der Sinne, in der Ausübung mystischen yogas, in der Auferlegung von tapasya, im Verzicht auf materielle Besitztümer, beim Studium der Veden und bei der Teilnahme an der sozialen Einrichtung des varṇāśrama-dharma. All diese Tätigkeiten werden als Opfer bezeichnet und beruhen auf einer Handlungsweise gemäß Regeln und Vorschriften. Doch bei all diesen Tätigkeiten ist Selbstverwirklichung der wichtigste Faktor. Wer dieses Ziel anstrebt, ist der echte Schüler der Bhagavad-gītā, doch wer an der Autorität Śrī Kṛṣṇas zweifelt, kommt zu Fall. Es wird daher geraten, die Bhagavad-gītā, wie auch jede andere Schrift, unter der Führung eines echten spirituellen Meisters zu studieren, indem man sich ihm ergibt und ihm Dienst darbringt. Ein echter spiritueller Meister gehört der Schülernachfolge an, die seit ewigen Zeiten besteht, und er weicht niemals von den Unterweisungen des Höchsten Herrn ab, wie sie vor Millionen von Jahren dem Sonnengott gegeben wurden, über den diese Lehren der Bhagavad-gītā in das irdische Königreich herabkamen. Man sollte daher dem Pfad der Bhagavad-gītā folgen, so wie er in der Gītā selbst beschrieben wird, und sich vor selbstsüchtigen Menschen hüten, die nur sich selbst verherrlichen wollen und dadurch andere vom rechten Pfad abbringen. Der Herr ist zweifellos die Höchste Person, und Seine Taten sind transzendental. Wer dies versteht, ist schon von Beginn seines Bhagavad-gītā-Studiums an eine befreite Seele.

Глава 5

Karma-yoga – Handeln im Kṛṣṇa-Bewußtsein

||5-1||

अर्जुन उवाच | संन्यासं कर्मणां कृष्ण पुनर्योगं च शंससि | यच्छ्रेय एतयोरेकं तन्मे ब्रूहि सुनिश्चितम् ||५-१||

arjuna uvāca . saṃnyāsaṃ karmaṇāṃ kṛṣṇa punaryogaṃ ca śaṃsasi . yacchreya etayorekaṃ tanme brūhi suniścitam ||5-1||

arjunaḥ uvāca — Arjuna sagte; sannyāsam — Entsagung; karmaṇām — aller Tätigkeiten; kṛṣṇa — o Kṛṣṇa; punaḥ — wieder; yogam — hingebungsvoller Dienst; ca — auch; śaṁsasi — Du lobst; yat — welches; śreyaḥ — ist segensreicher; etayoḥ — dieser beiden; ekam — eines; tat — dieses; me — mir; brūhi — bitte sage; su-niścitam — eindeutig.


Arjuna sagte: O Kṛṣṇa, zuerst forderst du mich auf, aller Tätigkeit zu entsagen, und dann wieder empfiehlst Du mir, in Hingabe zu handeln. Bitte sage mir nun eindeutig, was von beiden segensreicher ist.


Im Fünften Kapitel der Bhagavad-gītā sagt der Herr, daß Handeln im hingebungsvollen Dienst besser ist als trockene mentale Spekulation. Hingebungsvoller Dienst ist einfacher als mentale Spekulation, weil er einen aufgrund seiner transzendentalen Natur von materiellen Reaktionen befreit. Im Zweiten Kapitel wurde das elementare Wissen über die Seele und ihre Verstrickung in den materiellen Körper erklärt. In diesem Zusammenhang wurde auch beschrieben, wie man sich durch buddhi-yoga, das heißt durch hingebungsvollen Dienst, aus der materiellen Gefangenschaft befreien kann. Im Dritten Kapitel wurde erklärt, daß jemand, der sich auf der Ebene des Wissens befindet, keinerlei Pflichten mehr zu erfüllen hat. Und im Vierten Kapitel sagte der Herr zu Arjuna, daß alle Arten von Opfern in Wissen gipfeln. Am Ende des Vierten Kapitels jedoch gab der Herr Arjuna den Rat, aufzuwachen und zu kämpfen, da er jetzt über vollkommenes Wissen verfüge. Weil Kṛṣṇa gleichzeitig die Wichtigkeit von Handeln in Hingabe und Nichthandeln in Wissen betont hatte, war Arjuna verwirrt, und seine Entschlossenheit geriet ins Wanken. Unter Entsagung in Wissen versteht Arjuna, daß man alle Arten von Arbeit, die als Sinnestätigkeiten ausgeführt werden, einstellt. Aber wie kann man aufhören, tätig zu sein, wenn man Arbeit im hingebungsvollen Dienst verrichtet? Mit anderen Worten, er glaubt, Entsagung in Wissen (sannyāsa) müsse völlig frei sein von jeglicher Art des Handelns, denn Handeln und Entsagung erscheinen ihm unvereinbar. Er scheint nicht verstanden zu haben, daß Handeln in völligem Wissen keine Reaktionen zur Folge hat und daher das gleiche ist wie Nichthandeln. Er fragt deshalb, ob er ganz aufhören soll zu handeln oder ob es besser sei, in vollkommenem Wissen zu handeln.

||5-2||

श्रीभगवानुवाच | संन्यासः कर्मयोगश्च निःश्रेयसकरावुभौ | तयोस्तु कर्मसंन्यासात्कर्मयोगो विशिष्यते ||५-२||

śrībhagavānuvāca . saṃnyāsaḥ karmayogaśca niḥśreyasakarāvubhau . tayostu karmasaṃnyāsātkarmayogo viśiṣyate ||5-2||

śrī-bhagavān uvāca — die Persönlichkeit Gottes sprach; sannyāsaḥ — Entsagung des Handelns; karma-yogaḥ — Handeln in Hingabe; ca — auch; niḥśreyasa-karau — führen zum Pfad der Befreiung; ubhau — beide; tayoḥ — von den zweien; tu — aber; karma-sannyāsāt — im Vergleich zur Entsagung fruchtbringender Tätigkeiten; karma-yogaḥ — Handeln in Hingabe; viśiṣyate — ist besser.


Die Persönlichkeit Gottes sprach: Sowohl Entsagung des Handelns als auch Handeln in Hingabe führen zu Befreiung. Doch von diesen beiden ist hingebungsvoller Dienst besser als die Entsagung aller Tätigkeiten.


Fruchtbringende Tätigkeiten (mit dem Ziel der Sinnenbefriedigung) sind die Ursache für materielle Knechtschaft. Solange man Tätigkeiten nachgeht, die das Ziel haben, die körperlichen Annehmlichkeiten zu verbessern, muß man von einem Körper zum anderen wandern und damit seine Gefangenschaft in der Materie unaufhörlich fortsetzen. Das Śrīmad-Bhāgavatam (5.5.4–6) bestätigt dies wie folgt:
nūnaṁ pramattaḥ kurute vikarma
yad indriya-prītaya āpṛṇoti
na sādhu manye yata ātmano ’yam
asann api kleśa-da āsa dehaḥ
parābhavas tāvad abodha-jāto
yāvan na jijñāsata ātma-tattvam
yāvat kriyās tāvad idaṁ mano vai
karmātmakaṁ yena śarīra-bandhaḥ
evaṁ manaḥ karma-vaśaṁ prayuṅkte
avidyayātmany upadhīyamāne
prītir na yāvan mayi vāsudeve
na mucyate deha-yogena tāvat
„Die Menschen sind verrückt nach Sinnenbefriedigung, und sie wissen nicht, daß ihr gegenwärtiger, leidvoller Körper das Ergebnis fruchtbringender Tätigkeiten der Vergangenheit ist. Obwohl dieser Körper zeitweilig ist, bereitet er uns ständig in vieler Hinsicht Schwierigkeiten. Deshalb ist es nicht gut, für Sinnenbefriedigung zu handeln. Das Leben gilt als Fehlschlag, wenn man es versäumt, sich Fragen über seine wahre Identität zu stellen. Solange man nicht seine wahre Identität kennt, ist man gezwungen, für fruchttragende Ergebnisse zu handeln, damit man sich seine Wünsche nach Sinnenbefriedigung erfüllen kann. Und solange man in das Bewußtsein der Sinnenbefriedigung vertieft ist, muß man von einem Körper zum nächsten wandern. Selbst wenn der Geist von fruchtbringenden Tätigkeiten in Anspruch genommen ist und von Unwissenheit beeinflußt wird, muß man Liebe für den hingebungsvollen Dienst Vāsudevas entwickeln. Nur dann hat man die Möglichkeit, von der Fessel des materiellen Daseins frei zu werden.“
Daher reicht jñāna (das Wissen, daß man nicht der materielle Körper, sondern spirituelle Seele ist) für Befreiung nicht aus. Man muß als spirituelle Seele handeln, sonst gibt es kein Entkommen aus der materiellen Knechtschaft. Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein befinden sich jedoch nicht auf der fruchtbringenden Ebene. In vollkommenem Wissen ausgeführte Tätigkeiten erlauben es einem, den Fortschritt in wirklichem Wissen zu stärken. Bloße Entsagung fruchtbringender Tätigkeiten, ohne Kṛṣṇa-Bewußtsein, läutert das Herz einer bedingten Seele im Grunde nicht, und solange das Herz nicht geläutert ist, muß man auf der fruchtbringenden Ebene handeln. Aber wenn man sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein betätigt, kann man automatisch den Ergebnissen fruchtbringender Tätigkeiten entkommen, so daß man nicht wieder Tätigkeiten auf der materiellen Ebene aufzunehmen braucht. Daher ist Handeln im Kṛṣṇa- Bewußtsein stets höher einzustufen als bloße Entsagung, bei der immer die Gefahr besteht, wieder zu Fall zu kommen. Entsagung ohne Kṛṣṇa- Bewußtsein ist unvollkommen, wie Śrīla Rūpa Gosvāmī in seinem Bhakti-rasāmṛta-sindhu (1.2.258) bestätigt:
prāpañcikatayā buddhyā
hari-sambandhi-vastunaḥ
mumukṣubhiḥ parityāgo
vairāgyaṁ phalgu kathyate
„Wenn nach Befreiung strebende Menschen Dingen entsagen, von denen sie denken, sie seien materiell, die in Wirklichkeit aber mit der Höchsten Persönlichkeit Gottes in Beziehung stehen, so nennt man dies unvollkommene Entsagung.“ Entsagung ist vollkommen, wenn sie in dem Wissen ausgeübt wird, daß alles Existierende dem Herrn gehört und daß daher niemand irgend etwas als sein Eigentum beanspruchen sollte. Man sollte verstehen, daß in Wirklichkeit niemandem etwas gehört. Wie kann man also einer Sache entsagen, die einem gar nicht gehört? Jemand, der sich immer darüber bewußt ist, daß alles Kṛṣṇas Eigentum ist, beweist vollkommene Entsagung. Da alles Kṛṣṇa gehört, sollte alles in Kṛṣṇas Dienst gestellt werden. Diese vollkommene Handlungsweise im Kṛṣṇa- Bewußtsein ist weitaus besser als jedes Maß an künstlicher Entsagung von einem sannyāsī der Māyāvādī-Schule.

||5-3||

ज्ञेयः स नित्यसंन्यासी यो न द्वेष्टि न काङ्क्षति | निर्द्वन्द्वो हि महाबाहो सुखं बन्धात्प्रमुच्यते ||५-३||

jñeyaḥ sa nityasaṃnyāsī yo na dveṣṭi na kāṅkṣati . nirdvandvo hi mahābāho sukhaṃ bandhātpramucyate ||5-3||

jñeyaḥ — sollte gekannt werden; saḥ — er; nitya — immer; sannyāsī — jemand, der Entsagung übt; yaḥ — der; na — niemals; dveṣṭi — verabscheut; na — und nicht; kāṅkṣati — wünscht; nirdvandvaḥ — frei von aller Dualität; hi — gewiß; mahā-bāho — o Starkarmiger; sukham — glücklich; bandhāt — von Bindung; pramucyate — wird völlig befreit.


Wer die Früchte seiner Tätigkeiten weder haßt noch begehrt, ist immer in Entsagung verankert. Ein solcher Mensch, befreit von aller Dualität, überwindet leicht die materielle Knechtschaft und ist völlig befreit, o starkarmiger Arjuna.


Wer im Kṛṣṇa-Bewußtsein fest verankert ist, ist immer entsagungsvoll, weil er die Ergebnisse seiner Tätigkeiten weder haßt noch begehrt. Solch ein entsagungsvoller Mensch, der sich dem transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn geweiht hat, verfügt über vollkommenes Wissen, da er seine wesensgemäße Stellung in Beziehung zu Kṛṣṇa kennt. Er weiß sehr wohl, daß Kṛṣṇa das Ganze und daß er ein winziger Teil Kṛṣṇas ist. Dieses Wissen ist vollkommen, weil es die qualitative und quantitative Beziehung des Lebewesens zum Höchsten richtig beschreibt. Zu glauben, das Lebewesen sei mit Kṛṣṇa eins, entspricht nicht der Wahrheit, denn der Teil kann niemals dem Ganzen ebenbürtig sein. Jemand, der erkennt, daß er qualitativ mit Kṛṣṇa eins, doch quantitativ von Ihm verschieden ist, besitzt korrektes transzendentales Wissen, und dieses Wissen führt den Menschen zu innerer Erfüllung, so daß es für ihn nichts mehr gibt, wonach er strebt und worüber er klagt. In seinem Geist gibt es keine Dualität, denn alles, was er tut, tut er für Kṛṣṇa. Wer auf diese Weise von allen Dualitäten frei geworden ist, befindet sich – sogar in der materiellen Welt – auf der befreiten Stufe.

||5-4||

साङ्ख्ययोगौ पृथग्बालाः प्रवदन्ति न पण्डिताः | एकमप्यास्थितः सम्यगुभयोर्विन्दते फलम् ||५-४||

sāṅkhyayogau pṛthagbālāḥ pravadanti na paṇḍitāḥ . ekamapyāsthitaḥ samyagubhayorvindate phalam ||5-4||

sāṅkhya — analytisches Studium der materiellen Welt; yogau — Handeln im hingebungsvollen Dienst; pṛthak — verschieden; bālāḥ — die Unintelligenten; pravadanti — sagen; na — niemals; paṇḍitāḥ — die Gelehrten; ekam — in einem; api — sogar; āsthitaḥ — sich befindend; samyak — vollständig; ubhayoḥ — von beiden; vindate — genießt; phalam — das Ergebnis.


Nur die Unwissenden sagen, hingebungsvoller Dienst [karma-yoga] sei etwas anderes als das analytische Studium der materiellen Welt [sāṅkhya]. Diejenigen, die wahrhaft gelehrt sind, erklären, daß jemand, der sich vollständig einem dieser Pfade widmet, die Ergebnisse beider erreicht.


Das Ziel des analytischen Studiums der materiellen Welt besteht darin, die Seele aller Existenz zu finden. Die Seele der materiellen Welt ist Viṣṇu, die Überseele. Wer dem Herrn hingebungsvollen Dienst darbringt, dient damit auch der Überseele. Der eine Vorgang besteht darin, die Wurzel des Baumes zu finden, und der andere darin, die Wurzel zu bewässern. Der wahre Student der sāṅkhya-Philosophie findet die Wurzel der materiellen Welt, Viṣṇu, und dann beschäftigt er sich in vollkommenem Wissen in dessen Dienst. Daher besteht im wesentlichen kein Unterschied zwischen diesen beiden Pfaden, denn das Ziel beider ist Viṣṇu. Diejenigen, die das endgültige Ziel nicht kennen, sagen, die Ziele von sāṅkhya und karma-yoga seien voneinander verschieden, doch jemand, der gelehrt ist, kennt das gemeinsame Ziel dieser verschiedenen Vorgänge.

||5-5||

यत्साङ्ख्यैः प्राप्यते स्थानं तद्योगैरपि गम्यते | एकं साङ्ख्यं च योगं च यः पश्यति स पश्यति ||५-५||

yatsāṅkhyaiḥ prāpyate sthānaṃ tadyogairapi gamyate . ekaṃ sāṅkhyaṃ ca yogaṃ ca yaḥ paśyati sa paśyati ||5-5||

yat — was; sāṅkhyaiḥ — mittels sāṅkhya-Philosophie; prāpyate — wird erreicht; sthānam — Stellung; tat — diese; yogaiḥ — durch hingebungsvollen Dienst; api — auch; gamyate — man kann erreichen; ekam — eins; sāṅkhyam — analytisches Studium; ca — und; yogam — Tätigkeit in Hingabe; ca — und; yaḥ — jemand, der; paśyati — sieht; saḥ — er; paśyati — sieht wirklich.


Jemand, der weiß, daß man die Stellung, die man durch das analytische Studium erreicht, auch durch hingebungsvollen Dienst erreichen kann, und der daher erkennt, daß sich das analytische Studium und der hingebungsvolle Dienst auf derselben Ebene befinden, sieht die Dinge so, wie sie sind.


Der wahre Zweck philosophischen Forschens besteht darin, das endgültige Ziel des Lebens zu finden. Weil das endgültige Ziel des Lebens Selbstverwirklichung ist, unterscheiden sich die Schlußfolgerungen der beiden oben erwähnten Vorgänge nicht voneinander. Durch die philosophische Forschung des sāṅkhya gelangt man zu der Schlußfolgerung, daß das Lebewesen nicht ein Bestandteil der materiellen Welt, sondern ein Teil des höchsten spirituellen Ganzen ist. Folglich hat die spirituelle Seele nichts mit der materiellen Welt zu tun; ihre Handlungen müssen irgendwie in Beziehung zum Höchsten stehen. Erst wenn sie im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, nimmt sie ihre wesensgemäße Stellung ein. Durch den ersten Vorgang, sāṅkhya, muß man sich von der Materie lösen, und durch den yoga-Vorgang der Hingabe muß man Anhaftungen an Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein entwickeln. Im Grunde sind beide Vorgänge gleich, obwohl oberflächlich betrachtet der eine Loslösung und der andere Anhaftung mit sich bringt. Loslösung von Materie und Anhaftung an Kṛṣṇa sind jedoch das gleiche. Wer das verstehen kann, sieht die Dinge, wie sie sind.

||5-6||

संन्यासस्तु महाबाहो दुःखमाप्तुमयोगतः | योगयुक्तो मुनिर्ब्रह्म नचिरेणाधिगच्छति ||५-६||

saṃnyāsastu mahābāho duḥkhamāptumayogataḥ . yogayukto munirbrahma nacireṇādhigacchati ||5-6||

sannyāsaḥ — der Lebensstand der Entsagung; tu — aber; mahā-bāho — o Starkarmiger; duḥkham — Leid; āptum — man wird getroffen von; ayogataḥ — ohne hingebungsvollen Dienst; yoga-yuktaḥ — wer sich im hingebungsvollen Dienst beschäftigt; muniḥ — ein Denker; brahma — den Höchsten; na cireṇa — ohne Verzug; adhigacchati — erreicht.


Wer bloß allen Tätigkeiten entsagt und sich nicht im hingebungsvollen Dienst des Herrn beschäftigt, kann nicht glücklich werden. Aber ein besonnener Mensch, der hingebungsvollen Dienst ausführt, kann den Höchsten unverzüglich erreichen.


Es gibt zwei Klassen von sannyāsīs, Menschen im Lebensstand der Entsagung. Die Māyāvādī-sannyāsīs sind mit dem Studium der sāṅkhya-Philosophie beschäftigt, während die Vaisṇava-sannyāsīs die Bhāgavatam-Philosophie studieren, die den richtigen Kommentar zu den Vedānta-sūtras liefert. Auch die Māyāvādī-sannyāsīs studieren die Vedānta-sūtras, benutzen dabei jedoch ihren eigenen Kommentar, den Śārīraka-bhāṣya, der von Śaṅkarācārya verfaßt wurde. Die Anhänger der Bhāgavata-Schule betätigen sich gemäß den pāñcarātrikī-Vorschriften im hingebungsvollen Dienst des Herrn, und daher gibt es für die Vaiṣṇava-sannyāsīs in diesem transzendentalen Dienst immer viele Beschäftigungen. Die Vaiṣṇava-sannyāsīs haben nichts mit materiellen Tätigkeiten zu tun, und dennoch führen sie in ihrem hingebungsvollen Dienst zum Herrn verschiedenste Tätigkeiten aus. Die Māyāvādī- sannyāsīs hingegen, die sich mit dem Studium von sāṅkhya und Vedānta und mit Spekulation befassen, können den transzendentalen Dienst des Herrn nicht kosten. Weil ihre Studien mit der Zeit sehr langweilig und fade werden, werden sie es müde, über das Brahman zu spekulieren, und suchen deshalb beim Bhāgavatam Zuflucht, ohne es jedoch richtig zu verstehen. Folglich wird es für sie sehr schwierig, das Śrīmad-Bhāgavatam zu studieren. Die trockenen Spekulationen und unpersönlichen Interpretationen mit künstlichen Mitteln helfen den Māyāvādī-sannyāsīs nicht weiter. Die Vaiṣṇava-sannyāsīs hingegen, die hingebungsvollen Dienst ausführen, erfahren bei der Erfüllung ihrer Pflichten transzendentales Glück, und dazu haben sie die Garantie, schließlich in das Königreich Gottes zu gelangen. Die Māyāvādī- sannyāsīs fallen manchmal vom Pfad der Selbstverwirklichung ab und wenden sich wieder weltlichen Tätigkeiten philanthropischer und altruistischer Natur zu, die nichts weiter als materielle Beschäftigungen sind. Daher lautet die Schlußfolgerung, daß diejenigen, die im Kṛṣṇa- Bewußtsein tätig sind, besser gestellt sind als die sannyāsīs, die nur darüber spekulieren, was Brahman ist und was nicht Brahman ist, obgleich auch sie nach vielen Geburten zum Kṛṣṇa-Bewußtsein kommen.

||5-7||

योगयुक्तो विशुद्धात्मा विजितात्मा जितेन्द्रियः | सर्वभूतात्मभूतात्मा कुर्वन्नपि न लिप्यते ||५-७||

yogayukto viśuddhātmā vijitātmā jitendriyaḥ . sarvabhūtātmabhūtātmā kurvannapi na lipyate ||5-7||

yoga-yuktaḥ — im hingebungsvollen Dienst tätig; viśuddha-ātmā — eine geläuterte Seele; vijita-ātmā — selbstbeherrscht; jita-indriyaḥ — die Sinne bezwungen habend; sarva-bhūta — zu allen Lebewesen; ātma-bhūta- ātmā — voller Mitleid; kurvan api — obwohl Tätigkeiten ausführend; na — niemals; lipyate — wird verstrickt.


Wer in Hingabe handelt, wer eine reine Seele ist und wer Geist und Sinne beherrscht, ist jedem lieb, und jeder ist ihm lieb. Obwohl ein solcher Mensch stets tätig ist, wird er niemals verstrickt.


Jemand, der sich durch Kṛṣṇa-Bewußtsein auf dem Pfad der Befreiung befindet, ist jedem Lebewesen sehr lieb, und jedes Lebewesen ist ihm lieb. Dies ist auf sein Kṛṣṇa-Bewußtsein zurückzuführen. Eine solche Person sieht kein Lebewesen getrennt von Kṛṣṇa, geradeso wie die Blätter und Zweige eines Baumes nicht vom Baum getrennt sind. Er weiß sehr wohl, daß man das Wasser auf die Wurzeln gießen muß und daß das Wasser dann an alle Blätter und Zweige weitergeleitet wird oder daß dann, wenn man den Magen mit Nahrung versorgt, die Energie von selbst im ganzen Körper verteilt wird. Ebenso ist jemand, der sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein betätigt, der Diener eines jeden, und so ist er jedem sehr lieb. Und weil jeder mit seinen Tätigkeiten zufrieden ist, kann man verstehen, daß sein Bewußtsein rein ist. Weil sein Bewußtsein rein ist, ist sein Geist völlig beherrscht, und weil sein Geist beherrscht ist, sind auch seine Sinne beherrscht. Weil sein Geist stets auf Kṛṣṇa gerichtet ist, besteht keine Möglichkeit, daß er von Kṛṣṇa abgelenkt wird oder seine Sinne mit anderen Dingen als dem Dienst des Herrn beschäftigt. Er möchte über nichts anderes hören als über Themen, die mit Kṛṣṇa zu tun haben; er möchte nichts essen, was nicht Kṛṣṇa geopfert wurde, und er möchte nirgendwo hingehen, wenn es nicht mit Kṛṣṇas Dienst verbunden ist. Deshalb sind seine Sinne beherrscht, und ein Mensch mit beherrschten Sinnen kann niemandem Schaden zufügen. Hier könnte sich die Frage erheben, warum Arjuna dann (in der Schlacht) gegenüber anderen Gewalt anwandte. War er etwa nicht Kṛṣṇa-bewußt? Die Antwort ist, daß Arjunas Gewalt nur oberflächlich war, denn (wie bereits im Zweiten Kapitel erklärt wurde) alle auf dem Schlachtfeld versammelten Personen lebten individuell weiter, da die Seele niemals erschlagen werden kann. Spirituell gesehen wurde also auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra niemand getötet. Es wurden nur die äußeren Gewänder gewechselt, wie es der Anweisung Kṛṣṇas entsprach, der persönlich anwesend war. Deshalb kämpfte Arjuna auf dem Schlachtfeld von Kurukṣetra eigentlich gar nicht; er führte nur in völligem Kṛṣṇa-Bewußtsein Kṛṣṇas Befehle aus. Ein solcher Mensch wird niemals in die Reaktionen seiner Handlungen verstrickt.

||5-8||

नैव किञ्चित्करोमीति युक्तो मन्येत तत्त्ववित् | पश्यञ्शृण्वन्स्पृशञ्जिघ्रन्नश्नन्गच्छन्स्वपञ्श्वसन् ||५-८||

naiva kiñcitkaromīti yukto manyeta tattvavit . paśyañśruṇvanspṛśañjighrannaśnangacchansvapañśvasan ||5-8||

na — niemals; eva — gewiß; kiñcit — irgend etwas; karomi — ich tue; iti — so; yuktaḥ — in göttlichem Bewußtsein beschäftigt; manyeta — denkt; tattva-vit — jemand, der die Wahrheit kennt; paśyan — sehend; śṛṇvan — hörend; spṛśan — berührend; jighran — riechend; aśnan — essend; gacchan — gehend; svapan — träumend; śvasan — atmend; pralapan — sprechend; visṛjan — aufgebend; gṛhṇan — annehmend; unmiṣan — öffnend; nimiṣan — schließend; api — trotz; indriyāṇi — die Sinne; indriya- artheṣu — in Sinnenbefriedigung; vartante — mögen sie so beschäftigt sein; iti — auf diese Weise; dhārayan — überlegend.


Ein Mensch im göttlichen Bewußtsein weiß im Innern stets, daß er in Wirklichkeit nicht handelt, obwohl er sieht, hört, berührt, riecht, ißt, sich bewegt, schläft und atmet. Denn während er spricht, sich entleert, etwas annimmt, seine Augen öffnet oder schließt, weiß er immer, daß nur die materiellen Sinne mit ihren Objekten beschäftigt sind und daß er selbst darüber steht.


Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet sich auf der reinen Stufe des Daseins, und folglich hat er nichts mit Tätigkeiten zu tun, die von fünf direkten oder indirekten Ursachen abhängig sind, nämlich dem Handelnden, der Handlung, den Umständen, der Bemühung und der Vorsehung. Dies ist darauf zurückzuführen, daß er sich im liebevollen transzendentalen Dienst Kṛṣṇas beschäftigt. Obwohl er, äußerlich gesehen, mit seinem Körper und seinen Sinnen handelt, ist er sich immer seiner eigentlichen Stellung bewußt, die darin besteht, spirituell tätig zu sein. Im materiellen Bewußtsein sind die Sinne mit Sinnenbefriedigung beschäftigt, doch im Kṛṣṇa-Bewußtsein sind die Sinne damit beschäftigt, Kṛṣṇas Sinne zufriedenzustellen. Deshalb ist ein Kṛṣṇa- bewußter Mensch stets frei, selbst wenn es so scheint, als sei er mit den Sinnesobjekten beschäftigt. Tätigkeiten wie Sehen und Hören sind Funktionen der wissenserwerbenden Sinne, wohingegen Bewegung, Sprache, Entleerung usw. Funktionen der Arbeitssinne sind. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch wird niemals von den Tätigkeiten der Sinne beeinflußt. Er kann nichts anderes tun, als sich im Dienst des Herrn zu betätigen, da er weiß, daß er der ewige Diener des Herrn ist.

||5-9||

प्रलपन्विसृजन्गृह्णन्नुन्मिषन्निमिषन्नपि | इन्द्रियाणीन्द्रियार्थेषु वर्तन्त इति धारयन् ||५-९||

pralapanvisṛjangṛhṇannunmiṣannimiṣannapi . indriyāṇīndriyārtheṣu vartanta iti dhārayan ||5-9||

||5-10||

ब्रह्मण्याधाय कर्माणि सङ्गं त्यक्त्वा करोति यः | लिप्यते न स पापेन पद्मपत्रमिवाम्भसा ||५-१०||

brahmaṇyādhāya karmāṇi saṅgaṃ tyaktvā karoti yaḥ . lipyate na sa pāpena padmapatramivāmbhasā ||5-10||

brahmaṇi — der Höchsten Persönlichkeit Gottes; ādhāya — hingebend; karmāṇi — alle Tätigkeiten; saṅgam — Anhaftung; tyaktvā — aufgebend; karoti — führt aus; yaḥ — der; lipyate — wird beeinflußt; na — niemals; saḥ — er; pāpena — von Sünde; padma-patram — ein Lotosblatt; iva — wie; ambhasā — vom Wasser.


Wer seine Pflicht ohne Anhaftung erfüllt und die Ergebnisse dem Höchsten Herrn hingibt, wird nicht von sündhaften Handlungen beeinflußt, ebenso wie ein Lotosblatt vom Wasser nicht berührt wird.


Brahmaṇi bedeutet hier „im Kṛṣṇa-Bewußtsein“. Die materielle Welt ist eine Gesamtmanifestation der drei materiellen Erscheinungsweisen, die im Sanskrit pradhāna genannt wird. Die vedischen Hymnen wie sarvaṁ hy etad brahma (Māṇḍūkya Upaniṣad 2) und tasmād etad brahma nāma-rūpam annaṁ ca jāyate (Muṇḍaka Upaniṣad 1.1.9) sowie auch die Bhagavad-gītā mit dem Vers mama yonir mahad brahma (14.3) weisen darauf hin, daß alles in der materiellen Welt eine Manifestation des Brahman ist. Zwar mögen die Wirkungen unterschiedlich manifestiert sein, doch sie sind alle nicht verschieden von der Ursache. In der Īśopaniṣad wird gesagt, daß alles mit dem Höchsten Brahman, Kṛṣṇa, verbunden ist und daß daher alles Ihm allein gehört. Wer sich vollkommen der Tatsache bewußt ist, daß alles Kṛṣṇa gehört, daß Er der Besitzer alles Existierenden ist und daß deshalb alles in Seinem Dienst steht, hat nichts mit den Ergebnissen seiner Tätigkeiten zu tun, seien diese nun tugendhaft oder sündhaft. Selbst der materielle Körper, der einem vom Herrn gegeben wurde, um eine bestimmte Art von Handlungen auszuführen, kann im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt werden. Dann befindet er sich jenseits der Verunreinigungen durch sündhafte Reaktionen, genau wie ein Lotosblatt niemals naß wird, obwohl es sich im Wasser befindet. Der Herr sagt in der Gītā (3.30) auch: mayi sarvāṇi karmāṇi sannyasya. „Gib all deine Tätigkeiten Mir (Kṛṣṇa) hin.“ Die Schlußfolgerung lautet, daß ein Mensch ohne Kṛṣṇa-Bewußtsein auf der Ebene des materiellen Körpers und der Sinne aktiv ist, wohingegen ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch in dem Wissen handelt, daß der Körper das Eigentum Kṛṣṇas ist und deshalb in Kṛṣṇas Dienst beschäftigt werden sollte.

||5-11||

कायेन मनसा बुद्ध्या केवलैरिन्द्रियैरपि | योगिनः कर्म कुर्वन्ति सङ्गं त्यक्त्वात्मशुद्धये ||५-११||

kāyena manasā buddhyā kevalairindriyairapi . yoginaḥ karma kurvanti saṅgaṃ tyaktvātmaśuddhaye ||5-11||

kāyena — mit dem Körper; manasā — mit dem Geist; buddhyā — mit der Intelligenz; kevalaiḥ — geläutert; indriyaiḥ — mit den Sinnen; api — sogar; yoginaḥ — diejenigen, die Kṛṣṇa-bewußt sind; karma — Tätigkeiten; kurvanti — sie führen aus; saṅgam — Anhaftung; tyaktvā — aufgebend; ātma — des Selbst; śuddhaye — um der Läuterung willen.


Die yogīs, die Anhaftung aufgeben, handeln mit Körper, Geist, Intelligenz und sogar den Sinnen nur zum Zwecke der Läuterung.


Wenn man im Kṛṣṇa-Bewußtsein für die Zufriedenstellung der Sinne Kṛṣṇas handelt, wird jede Handlung des Körpers, des Geistes, der Intelligenz und sogar der Sinne von materieller Verunreinigung geläutert. Auf die Tätigkeiten eines Kṛṣṇa-bewußten Menschen folgen keine materiellen Reaktionen. Um geläuterte Tätigkeiten (sad-ācāra) auszuführen, genügt es also, sich einfach im Kṛṣṇa- Bewußtsein zu betätigen. Śrī Rūpa Gosvāmī beschreibt dies in seinem Bhakti-rasāmṛta-sindhu (1.2.187) wie folgt:
īhā yasya harer dāsye
karmaṇā manasā girā
nikhilāsv apy avasthāsu
jīvan-muktaḥ sa ucyate
„Jemand, der mit Körper, Geist, Intelligenz und Worten im Kṛṣṇa- Bewußtsein, das heißt im Dienste Kṛṣṇas, handelt, ist sogar schon in der materiellen Welt befreit, obwohl er vielen scheinbar materiellen Tätigkeiten nachgehen mag.“ Er besitzt kein falsches Ego, denn er glaubt nicht, daß er mit dem materiellen Körper identisch ist oder daß er der Besitzer des Körpers ist. Er weiß, daß er nicht der Körper ist und daß ihm der Körper auch nicht gehört. Er selbst gehört Kṛṣṇa, und auch der Körper gehört Kṛṣṇa. Wenn er alles, was er besitzt – Körper, Geist, Intelligenz, Worte, sein Leben, seinen Reichtum usw. –, in Kṛṣṇas Dienst stellt, ist er sogleich mit Kṛṣṇa verbunden. Er ist eins mit Kṛṣṇa und ist frei vom falschen Ego, das einen glauben macht, man sei der Körper, usw. Diese Stufe ist die Vollkommenheit des Kṛṣṇa-Bewußtseins.

||5-12||

युक्तः कर्मफलं त्यक्त्वा शान्तिमाप्नोति नैष्ठिकीम् | अयुक्तः कामकारेण फले सक्तो निबध्यते ||५-१२||

yuktaḥ karmaphalaṃ tyaktvā śāntimāpnoti naiṣṭhikīm . ayuktaḥ kāmakāreṇa phale sakto nibadhyate ||5-12||

yuktaḥ — derjenige, der im hingebungsvollen Dienst tätig ist; karma- phalam — die Ergebnisse aller Tätigkeiten; tyaktvā — aufgebend; śāntim — vollkommenen Frieden; āpnoti — erreicht; naiṣṭhikīm — unerschütterlichen; ayuktaḥ — jemand, der nicht Kṛṣṇa-bewußt ist; kāma-kāreṇa — um das Ergebnis seiner Tätigkeiten zu genießen; phale — im Ergebnis; saktaḥ — angehaftet; nibadhyate — wird verstrickt.


Die fortwährend hingegebene Seele erlangt unverfälschten Frieden, weil sie das Ergebnis aller Tätigkeiten Mir opfert. Jemand hingegen, der nicht mit dem Göttlichen verbunden ist und gierig nach den Früchten seiner Tätigkeiten strebt, wird verstrickt.


Der Unterschied zwischen einem Menschen im Kṛṣṇa-Bewußtsein und einem Menschen im körperlichen Bewußtsein liegt darin, daß der erstere an Kṛṣṇa angehaftet ist und der letztere an die Ergebnisse seiner Tätigkeiten. Derjenige, der an Kṛṣṇa angehaftet ist und allein für Ihn handelt, befindet sich auf der Stufe der Befreiung und begehrt nicht die Ergebnisse seiner Tätigkeiten. Im Bhāgavatam wird erklärt, daß die Ursache aller Sorgen um das Ergebnis einer Tätigkeit darin besteht, daß man unter der Auffassung von Dualität handelt, das heißt ohne Wissen von der Absoluten Wahrheit. Kṛṣṇa ist die Höchste Absolute Wahrheit, die Persönlichkeit Gottes. Im Kṛṣṇa- Bewußtsein gibt es keine Dualität, denn alles, was existiert, ist ein Produkt der Energie Kṛṣṇas, und Kṛṣṇa ist absolut gut. Deshalb befinden sich Tätigkeiten im Kṛṣṇa-Bewußtsein auf der absoluten Ebene; sie sind transzendental und ziehen keine materiellen Reaktionen nach sich. Daher ist man im Kṛṣṇa-Bewußtsein von Frieden erfüllt. Wer jedoch in Profitkalkulationen für Sinnenbefriedigung verstrickt ist, kann diesen Frieden nicht finden. Das Geheimnis des Kṛṣṇa-Bewußtseins besteht also darin, zu erkennen, daß es nichts außerhalb von Kṛṣṇa gibt, und diese Erkenntnis bildet die Ebene von Frieden und Furchtlosigkeit.

||5-13||

सर्वकर्माणि मनसा संन्यस्यास्ते सुखं वशी | नवद्वारे पुरे देही नैव कुर्वन्न कारयन् ||५-१३||

sarvakarmāṇi manasā saṃnyasyāste sukhaṃ vaśī . navadvāre pure dehī naiva kurvanna kārayan ||5-13||

sarva — alle; karmāṇi — Tätigkeiten; manasā — durch den Geist; sannyasya — aufgebend; āste — bleibt; sukham — in Glück; vaśī — derjenige, der beherrscht ist; nava-dvāre — an dem Ort, wo es neun Tore gibt; pure — in der Stadt; dehī — die verkörperte Seele; na — niemals; eva — gewiß; kurvan — irgend etwas tuend; na — nicht; kārayan — veranlassend zu tun.


Wenn das verkörperte Lebewesen seine niedere Natur beherrscht und im Geist allen Handlungen entsagt, wohnt es glücklich in der Stadt der neun Tore [dem materiellen Körper], und weder ist es der Handelnde, noch ist es die Ursache von Handlung.


Die verkörperte Seele lebt in der Stadt der neun Tore. Die Tätigkeiten des Körpers, oder im übertragenen Sinne der Stadt des Körpers, werden von den jeweiligen Erscheinungsweisen der Natur automatisch ausgeführt. Obwohl sich die Seele den Bedingungen des Körpers unterworfen hat, kann sie, wenn sie es wünscht, diese Bedingungen überwinden. Nur weil sie ihre höhere Natur vergessen hat, identifiziert sie sich mit dem materiellen Körper, und daher leidet sie. Durch Kṛṣṇa-Bewußtsein ist es der verkörperten Seele möglich, ihre ursprüngliche Stellung wiederzufinden, um so aus ihrer körperlichen Gefangenschaft herauszukommen. Mit anderen Worten, wenn man sich dem Kṛṣṇa-Bewußtsein zuwendet, löst man sich sogleich von allen körperlichen Tätigkeiten. Wenn man zu einem solch beherrschten Leben findet, in dem man seine Vorstellungen gewandelt hat, wohnt man glücklich in der Stadt der neun Tore. Diese neun Tore werden wie folgt beschrieben:
nava-dvāre pure dehī
haṁso lelāyate bahiḥ
vaśī sarvasya lokasya
sthāvarasya carasya ca
„Der Herr, die Höchste Persönlichkeit Gottes, der Sich im Körper des Lebewesens befindet, ist der Beherrscher aller Lebewesen im ganzen Universum. Der Körper besteht aus neun Toren [zwei Augen, zwei Nasenlöcher, zwei Ohren, ein Mund, der Anus und das Genital]. Im bedingten Zustand identifiziert sich das Lebewesen mit dem Körper, doch wenn es sich mit dem Herrn in seinem Innern identifiziert, wird es ebenso frei wie der Herr, selbst wenn es sich noch im materiellen Körper befindet.“ (Śvetāśvatara Upaniṣad 3.18)
Aus diesem Grund also ist ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch von den äußeren und inneren Tätigkeiten des materiellen Körpers frei.

||5-14||

न कर्तृत्वं न कर्माणि लोकस्य सृजति प्रभुः | न कर्मफलसंयोगं स्वभावस्तु प्रवर्तते ||५-१४||

na kartṛtvaṃ na karmāṇi lokasya sṛjati prabhuḥ . na karmaphalasaṃyogaṃ svabhāvastu pravartate ||5-14||

na — niemals; kartṛtvam — Eigentum; na — weder; karmāṇi — Tätigkeiten; lokasya — der Menschen; sṛjati — erschafft; prabhuḥ — der Herr der Stadt des Körpers; na — noch; karma-phala — mit den Ergebnissen der Tätigkeiten; saṁyogam — Verbindung; svabhāvaḥ — die Erscheinungsweisen der materiellen Natur; tu — aber; pravartate — handeln.


Das verkörperte spirituelle Lebewesen, der Herr in der Stadt seines Körpers, verursacht niemals Tätigkeiten. Weder veranlaßt es andere zu handeln, noch erzeugt es die Früchte seiner Tätigkeiten. All dies wird von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur bewirkt.


Wie im Siebten Kapitel erklärt wird, ist das Lebewesen eine der Energien oder Naturen des Höchsten Herrn, aber es unterscheidet sich von Materie, die eine andere Natur des Herrn ist, nämlich die niedere. Irgendwie ist die höhere Natur, das Lebewesen, seit unvordenklichen Zeiten in Verbindung mit der materiellen Natur. Der zeitweilige Körper, das heißt der materielle Aufenthaltsort, den das Lebewesen bekommt, ist die Ursache einer Vielfalt von Tätigkeiten und der sich daraus ergebenden Reaktionen. Wenn man in einem solch bedingten Zustand lebt, erleidet man die Ergebnisse der Tätigkeiten des Körpers, da man sich (aus Unwissenheit) mit dem Körper identifiziert. Es ist die seit unvordenklichen Zeiten erworbene Unwissenheit, die die Ursache körperlicher Leiden und Nöte ist. Sobald sich das Lebewesen von den Tätigkeiten des Körpers löst, wird es auch von den Reaktionen frei. Solange es sich in der Stadt des Körpers aufhält, scheint es Herr über sie zu sein, doch in Wirklichkeit ist es weder der Besitzer des Körpers noch der Herr über dessen Tätigkeiten und die daraus erfolgenden Reaktionen. Es befindet sich einfach inmitten des materiellen Ozeans und kämpft um seine Existenz. Die Wogen des Ozeans werfen es hin und her, und es hat keine Herrschaft über sie. Die beste Lösung, um aus dem Wasser herauszugelangen, besteht darin, sich dem transzendentalen Kṛṣṇa-Bewußtsein zuzuwenden. Nur dies wird einen aus allem Unheil erretten.

||5-15||

नादत्ते कस्यचित्पापं न चैव सुकृतं विभुः | अज्ञानेनावृतं ज्ञानं तेन मुह्यन्ति जन्तवः ||५-१५||

nādatte kasyacitpāpaṃ na caiva sukṛtaṃ vibhuḥ . ajñānenāvṛtaṃ jñānaṃ tena muhyanti jantavaḥ ||5-15||

na — nie; ādatte — nimmt an; kasyacit — irgend jemandes; pāpam — Sünde; na — und nicht; ca — auch; eva — gewiß; su-kṛtam — fromme Tätigkeiten; vibhuḥ — der Höchste Herr; ajñānena — durch Unwissenheit; āvṛtam — bedeckt; jñānam — Wissen; tena — dadurch; muhyanti — sind verwirrt; jantavaḥ — die Lebewesen.


Ebenso nimmt der Höchste Herr niemandes sündhafte oder fromme Tätigkeiten auf Sich. Die verkörperten Wesen jedoch sind verwirrt, da Unwissenheit ihr wahres Wissen bedeckt.


Das Sanskritwort vibhu bezeichnet den Höchsten Herrn, der unbegrenztes Wissen, unbegrenzte Reichtümer, unbegrenzte Stärke, unbegrenzten Ruhm, unbegrenzte Schönheit und unbegrenzte Entsagung in Vollkommenheit besitzt. Er ist immer in Sich Selbst zufrieden und wird weder von sündigen noch von frommen Tätigkeiten gestört. Er schafft für niemanden besondere Umstände; vielmehr ist es das Lebewesen selbst, das, durch Unwissenheit verwirrt, den Wunsch entwickelt, in bestimmte Lebensumstände versetzt zu werden, womit seine Kette von Aktion und Reaktion beginnt. Da das Lebewesen von höherer Natur ist, ist es voller Wissen. Trotzdem neigt es aufgrund seiner begrenzten Kraft dazu, von Unwissenheit beeinflußt zu werden. Der Herr ist allmächtig, das Lebewesen jedoch nicht. Der Herr ist vibhu (allwissend), und das Lebewesen ist aṇu (atomisch klein). Weil es eine lebendige Seele ist, hat es die Fähigkeit, nach seinem freien Willen zu wünschen, doch all diese Wünsche werden nur vom allmächtigen Herrn erfüllt. Wenn das Lebewesen verwirrte Wünsche hat, ist es ebenfalls der Herr, der es ihm erlaubt, diese Wünsche zu erfüllen; doch der Herr ist niemals für die Aktionen und Reaktionen verantwortlich, die durch die Wünsche des Lebewesens hervorgerufen werden. Da sich die verkörperte Seele in einem verwirrten Zustand befindet, identifiziert sie sich mit dem umständebedingten materiellen Körper und wird so dem zeitweiligen Leid und Glück des Lebens unterworfen. Der Herr ist als Paramātmā, die Überseele, der ständige Begleiter des Lebewesens und kennt deshalb die Wünsche der individuellen Seele, ebenso wie man den Duft einer Blume riechen kann, einfach indem man in ihrer Nähe ist. Wünsche sind eine feinstoffliche Form der Bindung des Lebewesens. Der Herr erfüllt die Wünsche des Lebewesens in dem Maße, wie es das Lebewesen verdient. „Der Mensch denkt, und Gott lenkt.“ Das Individuum besitzt also nicht die Allmacht, sich seine Wünsche selbst zu erfüllen. Der Herr jedoch kann die Wünsche eines jeden erfüllen, und weil Er Sich jedem gegenüber neutral verhält, mischt Er Sich nicht in die Wünsche der winzigen unabhängigen Lebewesen ein. Wenn sich jemand aber Kṛṣṇa wünscht, dann kümmert Sich Kṛṣṇa in besonderer Weise um ihn und ermutigt ihn, seine Wünsche so auszurichten, daß er den Herrn erreicht und ewig glücklich sein kann. Die vedischen Hymnen sagen daher: eṣa u hy eva sādhu karma kārayati taṁ yam ebhyo lokebhya unninīṣate. eṣa u evāsādhu karma kārayati yam adho ninīṣate: „Der Herr beschäftigt das Lebewesen mit frommen Tätigkeiten, so daß es erhoben werden kann, und Er beschäftigt es mit unfrommen Tätigkeiten, so daß es in die Hölle absinken kann.“ (Kauṣītakī Upaniṣad 3.8) In ähnlicher Weise heißt es im Mahābhārata (Vana-parva 31.27):
ajño jantur anīśo ’yam
ātmanaḥ sukha-duḥkhayoḥ
īśvara-prerito gacchet
svargaṁ vāśv abhram eva ca
„Das Lebewesen ist in seinem Leid und Glück völlig abhängig. Durch den Willen des Höchsten kann es in den Himmel oder in die Hölle gehen, geradeso wie eine Wolke vom Wind getrieben wird.“
Somit verursacht die verkörperte Seele aufgrund ihres seit unvordenklichen Zeiten bestehenden Wunsches, Kṛṣṇa-Bewußtsein zu meiden, ihre eigene Verwirrung. Die Seele ist dem Wesen nach ewig, glückselig und wissend, aber weil sie winzig klein ist, kann sie ihre wesensgemäße Stellung als Diener des Herrn vergessen und in der Folge von Unwissenheit gefangen werden. Und im Bann der Unwissenheit macht das Lebewesen den Herrn für sein bedingtes Dasein verantwortlich. Aber die Vedānta-sūtras (2.1.34) bestätigen: vaiṣamya-nairghṛṇye na sāpekṣatvāt tathā hi darśayati. „Der Herr haßt oder liebt niemanden, obwohl es so erscheint.“

||5-16||

ज्ञानेन तु तदज्ञानं येषां नाशितमात्मनः | तेषामादित्यवज्ज्ञानं प्रकाशयति तत्परम् ||५-१६||

jñānena tu tadajñānaṃ yeṣāṃ nāśitamātmanaḥ . teṣāmādityavajjñānaṃ prakāśayati tatparam ||5-16||

jñānena — durch Wissen; tu — aber; tat — diese; ajñānam — Unwissenheit; yeṣām — wessen; nāśitam — wird zerstört; ātmanaḥ — des Lebewesens; teṣām — ihr; āditya-vat — wie die aufgehende Sonne; jñānam — Wissen; prakāśayati — enthüllt; tat param — Kṛṣṇa-Bewußtsein.


Wenn aber jemand mit dem Wissen erleuchtet ist, durch das Unwissenheit zerstört wird, dann enthüllt sein Wissen alles, ebenso wie die Sonne am Tage alles erleuchtet.


Diejenigen, die Kṛṣṇa vergessen haben, müssen zweifellos verwirrt sein, aber diejenigen, die sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befinden, sind nicht im geringsten verwirrt. In der Bhagavad-gītā heißt es: sarvaṁ jñāna-plavena, jñānāgniḥ sarva-karmāṇi und na hi jñānena sadṛśam. Wissen wird also immer als sehr wertvoll erachtet. Und was ist mit diesem Wissen gemeint? Vollkommenes Wissen, wie im Siebten Kapitel, Vers 19, erklärt wird, erlangt man, wenn man sich Kṛṣṇa ergibt: bahūnāṁ janmanām ante jñānavān māṁ prapadyate. Wenn man sich nach vielen, vielen Geburten in vollkommenem Wissen Kṛṣṇa ergibt, das heißt, wenn man Kṛṣṇa-Bewußtsein erreicht, dann wird einem alles enthüllt, ebenso wie die Sonne am Tage alles enthüllt. Das Lebewesen ist in so vieler Hinsicht verwirrt. Wenn es zum Beispiel in seiner Verwegenheit glaubt, selbst Gott zu sein, geht es in Wirklichkeit in die letzte Falle der Unwissenheit. Wenn ein Lebewesen Gott ist, wie kann es dann von Unwissenheit verwirrt werden? Kann Gott von Unwissenheit verwirrt werden? Wäre dies der Fall, dann wäre Unwissenheit oder Satan größer als Gott. Wirkliches Wissen kann man von jemandem empfangen, der über vollkommenes Kṛṣṇa-Bewußtsein verfügt. Deshalb muß man einen solchen echten spirituellen Meister finden und unter seiner Anleitung lernen, was Kṛṣṇa-Bewußtsein ist, denn Kṛṣṇa-Bewußtsein wird zweifellos alle Unwissenheit vertreiben, ebenso wie die Sonne die Dunkelheit vertreibt. Selbst wenn ein Mensch völlig erkannt hat, daß er nicht der Körper ist, sondern in transzendentaler Stellung zum Körper steht, bedeutet dies nicht, daß er imstande ist, zwischen der Seele und der Überseele zu unterscheiden. Er kann jedoch alles richtig erkennen, wenn er sich darum bemüht, bei einem vollkommenen, echten Kṛṣṇa-bewußten spirituellen Meister Zuflucht zu suchen. Man kann Gott und seine Beziehung zu Ihm nur dann verstehen, wenn man tatsächlich einen echten Stellvertreter Gottes trifft. Weil ein Stellvertreter Gottes Wissen über Gott besitzt, wird ihm die gleiche Ehre erwiesen, die man gewöhnlich Gott erweist; aber ein Stellvertreter Gottes behauptet niemals, selbst Gott zu sein. Man muß also lernen, worin der Unterschied zwischen Gott und dem Lebewesen besteht. Śrī Kṛṣṇa sagte daher im Zweiten Kapitel (2.12), daß jedes Lebewesen ein Individuum ist und daß der Herr ebenfalls ein Individuum ist. Sie alle waren Individuen in der Vergangenheit; sie sind Individuen in der Gegenwart, und sie werden auch in der Zukunft – selbst nach der Befreiung – weiterhin Individuen bleiben. In der Dunkelheit der Nacht scheint alles eins zu sein, doch am Tage, im Licht der Sonne, sehen wir die Dinge in ihrer wahren Identität. Identität mit Individualität im spirituellen Leben ist wahres Wissen.

||5-17||

तद्बुद्धयस्तदात्मानस्तन्निष्ठास्तत्परायणाः | गच्छन्त्यपुनरावृत्तिं ज्ञाननिर्धूतकल्मषाः ||५-१७||

tadbuddhayastadātmānastanniṣṭhāstatparāyaṇāḥ . gacchantyapunarāvṛttiṃ jñānanirdhūtakalmaṣāḥ ||5-17||

tat-buddhayaḥ — jene, deren Intelligenz immer auf den Höchsten gerichtet ist; tat-ātmānaḥ — diejenigen, deren Geist immer auf den Höchsten gerichtet ist; tat-niṣṭhāḥ — diejenigen, deren Glauben nur auf den Höchsten gerichtet ist; tat-parāyaṇāḥ — die vollständig bei Ihm Zuflucht gesucht haben; gacchanti — gehen; apunaḥ-āvṛttim — zur Befreiung; jñāna — durch Wissen; nirdhūta — gereinigt; kalmaṣāḥ — unheilvolle Dinge.


Wenn Intelligenz, Geist, Glaube und Zuflucht allesamt auf den Höchsten gerichtet sind, wird man durch vollständiges Wissen von allen unheilvollen Dingen gereinigt und kann so auf dem Pfad der Befreiung unbeirrt fortschreiten.


Die Höchste Transzendentale Wahrheit ist Śrī Kṛṣṇa. Die ganze Bhagavad-gītā dreht sich um die Erklärung, daß Śrī Kṛṣṇa die Höchste Persönlichkeit Gottes ist. Dies ist die Aussage aller vedischen Schriften. Para-tattva bedeutet die Höchste Realität, die von den Kennern des Höchsten als Brahman, Paramātmā und Bhagavān wahrgenommen wird. Bhagavān, die Höchste Persönlichkeit Gottes, ist der höchste Aspekt des Absoluten. Es gibt nichts Höheres. Der Herr sagt: mattaḥ parataraṁ nānyat kiñcid asti dhanañ-jaya. Auch das unpersönliche Brahman ist von Kṛṣṇa abhängig: brahmaṇo hi pratiṣṭhāham. Deshalb ist Kṛṣṇa in jeder Hinsicht die Höchste Realität. Jemand, dessen Geist, Intelligenz, Glaube und Zuflucht immer fest auf Kṛṣṇa gerichtet sind, das heißt jemand, der völlig Kṛṣṇa-bewußt ist, ist zweifellos von allen unheilvollen Dingen reingewaschen und besitzt vollkommenes Wissen über die Transzendenz. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch versteht genau, daß es in Kṛṣṇa Dualität gibt (nämlich gleichzeitige Identität und Individualität), und wenn man solches transzendentales Wissen besitzt, kann man auf dem Pfad der Befreiung stetigen Fortschritt machen.

||5-18||

विद्याविनयसम्पन्ने ब्राह्मणे गवि हस्तिनि | शुनि चैव श्वपाके च पण्डिताः समदर्शिनः ||५-१८||

vidyāvinayasampanne brāhmaṇe gavi hastini . śuni caiva śvapāke ca paṇḍitāḥ samadarśinaḥ ||5-18||

vidyā — mit Wissen; vinaya — und edler Natur; sampanne — voll ausgestattet; brāhmaṇe — im brāhmaṇa; gavi — in der Kuh; hastini — im Elefanten; śuni — im Hund; ca — und; eva — gewiß; śva-pāke — in dem Hundeesser (dem Kastenlosen); ca — beziehungsweise; paṇḍitāḥ — diejenigen, die weise sind; sama-darśinaḥ — die mit gleicher Sicht sehen.


Die demütigen Weisen sehen kraft wahren Wissens einen gelehrten und edlen brāhmaṇa, eine Kuh, einen Elefanten, einen Hund und einen Hundeesser [Kastenlosen] mit gleicher Sicht.


Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch macht keinen Unterschied zwischen Lebensformen oder Kasten. Der brāhmaṇa und der Kastenlose mögen vom sozialen Standpunkt aus betrachtet verschieden sein, so wie auch ein Hund, eine Kuh und ein Elefant in bezug auf die Lebensform verschieden sind, doch diese Unterschiede des Körpers sind in den Augen eines gelehrten Transzendentalisten bedeutungslos. Dies ist so, weil er sie alle in ihrer Beziehung zum Höchsten sieht, denn der Höchste Herr ist durch Seine vollständige Erweiterung als Paramātmā im Herzen eines jeden gegenwärtig. Ein solches Verständnis vom Höchsten ist wirkliches Wissen. Der Herr ist jedem Lebewesen in gleichem Maße gütig gesinnt, da Er alle als Freund behandelt, unabhängig davon, zu welcher Kaste oder Lebensart der Körper gehört. Die Lebewesen mögen sich in den verschiedensten Umständen befinden, doch der Herr behält immer Seine Stellung als Paramātmā bei. Der Herr ist sowohl im Kastenlosen als auch im brāhmaṇa als Paramātmā gegenwärtig, obwohl der Körper eines brāhmaṇa und der eines Kastenlosen nicht das gleiche sind. Die Körper sind materielle Erzeugnisse der verschiedenen Erscheinungsweisen der materiellen Natur, doch die Seele und die Überseele im Körper sind von der gleichen spirituellen Eigenschaft. Daß die Seele und die Überseele qualitativ gleich sind, bedeutet jedoch nicht, daß sie auch in der Quantität gleich sind, denn die individuelle Seele ist nur in ihrem jeweiligen Körper gegenwärtig, wohingegen der Paramātmā in allen Körpern gegenwärtig ist. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch ist sich dessen völlig bewußt, und daher ist er wahrhaft gelehrt und sieht alles mit gleicher Sicht. Die gemeinsamen Merkmale der Seele und der Überseele bestehen darin, daß sie beide bewußt, ewig und glückselig sind. Der Unterschied jedoch liegt darin, daß sich die individuelle Seele nur des Bereiches innerhalb der Grenzen ihres eigenen Körpers bewußt ist, wohingegen Sich die Überseele aller Körper bewußt ist. Die Überseele ist ohne Unterschied in allen Körpern gegenwärtig.

||5-19||

इहैव तैर्जितः सर्गो येषां साम्ये स्थितं मनः | निर्दोषं हि समं ब्रह्म तस्माद् ब्रह्मणि ते स्थिताः ||५-१९||

ihaiva tairjitaḥ sargo yeṣāṃ sāmye sthitaṃ manaḥ . nirdoṣaṃ hi samaṃ brahma tasmād brahmaṇi te sthitāḥ ||5-19||

iha — in diesem Leben; eva — gewiß; taiḥ — von ihnen; jitaḥ — überwunden; sargaḥ — Geburt und Tod; yeṣām — deren; sāmye — in Gleichmut; sthitam — sich befindend; manaḥ — Geist; nirdoṣam — makellos; hi — gewiß; samam — in Ausgeglichenheit; brahma — wie das Höchste; tasmāt — deshalb; brahmaṇi — im Höchsten; te — sie; sthitāḥ — befinden sich.


Diejenigen, deren Geist in Gleichmut und Ausgeglichenheit ruht, haben bereits die Bedingtheit von Geburt und Tod überwunden. Sie sind unbefleckt wie das Brahman, und so sind sie bereits im Brahman verankert.


Ausgeglichenheit des Geistes, wie oben erwähnt, ist das Zeichen von Selbstverwirklichung. Diejenigen, die diese Stufe tatsächlich erreicht haben, sollten als Seelen betrachtet werden, die alle Formen der materiellen Bedingtheit, insbesondere Geburt und Tod, überwunden haben. Solange man sich mit seinem Körper identifiziert, gilt man als bedingte Seele, doch sobald man durch Erkenntnis des Selbst zur Stufe der Ausgeglichenheit erhoben wird, ist man vom bedingten Leben befreit. Mit anderen Worten, auf dieser Stufe ist man nicht mehr gezwungen, in der materiellen Welt geboren zu werden, sondern kann nach dem Tod in den spirituellen Himmel gelangen. Der Herr ist unbefleckt, weil Er frei von Anziehung und Haß ist, und wenn ein Lebewesen Anziehung und Haß überwindet, wird es ebenso unbefleckt und qualifiziert sich, in den spirituellen Himmel einzugehen. Solche Menschen müssen als bereits befreite Seelen angesehen werden, und ihre Merkmale werden im folgenden beschrieben.

||5-20||

न प्रहृष्येत्प्रियं प्राप्य नोद्विजेत्प्राप्य चाप्रियम् | स्थिरबुद्धिरसम्मूढो ब्रह्मविद् ब्रह्मणि स्थितः ||५-२०||

na prahṛṣyetpriyaṃ prāpya nodvijetprāpya cāpriyam . sthirabuddhirasammūḍho brahmavid brahmaṇi sthitaḥ ||5-20||

na — nicht; prahṛṣyet — frohlockt; priyam — Angenehmes; prāpya — erreichend; na — nicht; udvijet — wird erregt; prāpya — erreichend; ca — auch; apriyam — Unangenehmes; sthira-buddhiḥ — im Selbst verankerte Intelligenz; asammūḍhaḥ — nicht verwirrt; brahma-vit — jemand, der den Höchsten in vollkommener Weise kennt; brahmaṇi — in der Transzendenz; sthitaḥ — verankert.


Wer weder frohlockt, wenn er etwas Angenehmes erreicht, noch klagt, wenn ihm etwas Unangenehmes widerfährt, wessen Intelligenz im Selbst verankert ist, wer nicht verwirrt ist und die Wissenschaft Gottes kennt, befindet sich bereits auf der Ebene der Transzendenz.


Hier werden die Merkmale eines selbstverwirklichten Menschen beschrieben. Das erste Merkmal ist, daß er nicht der Illusion unterliegt, den Körper fälschlich mit dem wahren Selbst gleichzusetzen. Er weiß genau, daß er nicht der Körper ist, sondern ein fragmentarischer Teil der Höchsten Persönlichkeit Gottes. Daher frohlockt er nicht, wenn er etwas bekommt, und klagt nicht, wenn er etwas verliert, das in Beziehung zu seinem Körper steht. Diese Ausgeglichenheit des Geistes wird als sthira-buddhi, im Selbst verankerte Intelligenz, bezeichnet. Ein Mensch mit solchen Eigenschaften gerät deshalb nie in die Illusion zu denken, der grobstoffliche Körper sei die Seele, denn er hält den Körper nicht für dauerhaft, ebensowenig wie er die Existenz der Seele ignoriert. Dieses Wissen erhebt ihn auf die Stufe, auf der er die Wissenschaft von der Absoluten Wahrheit – Brahman, Paramātmā und Bhagavān – vollständig versteht. Er kennt daher seine wesensgemäße Stellung sehr genau und versucht nicht fälschlich, mit dem Höchsten in jeder Beziehung eins zu werden. Dies bezeichnet man als Brahman-Erkenntnis oder auch als Selbstverwirklichung. Ein solches stetiges Bewußtsein wird Kṛṣṇa-Bewußtsein genannt.

||5-21||

बाह्यस्पर्शेष्वसक्तात्मा विन्दत्यात्मनि यत्सुखम् | स ब्रह्मयोगयुक्तात्मा सुखमक्षयमश्नुते ||५-२१||

bāhyasparśeṣvasaktātmā vindatyātmani yatsukham . sa brahmayogayuktātmā sukhamakṣayamaśnute ||5-21||

bāhya-sparśeṣu — an äußerer Sinnenfreude; asakta-ātmā — jemand, der nicht angehaftet ist; vindati — genießt; ātmani — im Selbst; yat — das, was; sukham — Glück; saḥ — er; brahma-yoga — durch Konzentration auf das Brahman; yukta-ātmā — mit dem Selbst verbunden; sukham — Glück; akṣayam — unbegrenztes; aśnute — genießt.


Solch ein befreiter Mensch fühlt sich nicht zu materieller Sinnenfreude hingezogen, sondern befindet sich immer in Trance und genießt die Freude im Innern. Auf diese Weise genießt der Selbstverwirklichte unbegrenztes Glück, denn er konzentriert sich auf den Höchsten.


Śrī Yāmunācārya, ein großer Gottgeweihter im Kṛṣṇa-Bewußtsein, sagte:
yad-avadhi mama cetaḥ kṛṣṇa-pādāravinde
nava-nava-rasa-dhāmany udyataṁ rantum āsīt
tad-avadhi bata nārī-saṅgame smaryamāne
bhavati mukha-vikāraḥ suṣṭhu niṣṭhīvanaṁ ca
„Seitdem ich im transzendentalen liebevollen Dienst Kṛṣṇas tätig bin, erfahre ich in Ihm immer neue Freude, und immer wenn ich an sexuellen Genuß denke, speie ich auf diesen Gedanken, und meine Lippen verziehen sich vor Abscheu.“
Ein Mensch auf dem Pfad des brahma-yoga, des Kṛṣṇa-Bewußtseins, ist so sehr in den liebevollen Dienst Kṛṣṇas vertieft, daß er jeglichen Geschmack an materieller Sinnenfreude verliert. Die höchste materielle Freude ist sexuelle Freude. Die ganze Welt bewegt sich unter ihrem Zauber, und kein Materialist kann ohne diesen Beweggrund arbeiten. Ein Gottgeweihter im Kṛṣṇa-Bewußtsein hingegen kann mit viel größerer Energie arbeiten, ohne von sexueller Lust getrieben zu sein, die er, im Gegenteil, völlig vermeidet. Dies ist der Prüfstein für spirituelle Verwirklichung, denn spirituelle Verwirklichung und sexueller Genuß sind unvereinbar. Weil ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch eine befreite Seele ist, fühlt er sich zu keiner Art von Sinnenfreude hingezogen.

||5-22||

ये हि संस्पर्शजा भोगा दुःखयोनय एव ते | आद्यन्तवन्तः कौन्तेय न तेषु रमते बुधः ||५-२२||

ye hi saṃsparśajā bhogā duḥkhayonaya eva te . ādyantavantaḥ kaunteya na teṣu ramate budhaḥ ||5-22||

ye — jene; hi — gewiß; saṁsparśa-jāḥ — durch Berührung mit den materiellen Sinnen; bhogāḥ — Genuß; duḥkha — Leid; yonayaḥ — Quellen von; eva — gewiß; te — sie sind; ādi — Anfang; anta — Ende; vantaḥ — unterworfen; kaunteya — o Sohn Kuntīs; na — niemals; teṣu — an diesen; ramate — findet Freude; budhaḥ — der Intelligente.


Ein intelligenter Mensch schöpft nicht aus den Quellen des Leids, die aus der Berührung mit den materiellen Sinnen entstehen. O Sohn Kuntīs, solche Freuden haben einen Anfang und ein Ende, und daher erfreut sich der Weise nicht an ihnen.


Materielle Sinnenfreuden entstehen aus dem Kontakt mit den materiellen Sinnen, die alle zeitweilig sind, weil der Körper selbst zeitweilig ist. Eine befreite Seele ist an nichts Zeitweiligem interessiert. Wie könnte sich eine befreite Seele, die die Glückseligkeit transzendentaler Freude kennt, auf den Genuß falscher Freuden einlassen? Im Padma Purāṇa heißt es:
ramante yogino ’nante
satyānande cid-ātmani
iti rāma-padenāsau
paraṁ brahmābhidhīyate
„Die Mystiker schöpfen unbegrenzte transzendentale Freude aus der Absoluten Wahrheit, und daher ist die Höchste Absolute Wahrheit, die Persönlichkeit Gottes, auch als Rāma bekannt.“
Auch im Śrīmad-Bhāgavatam (5.5.1) wird gesagt:
nāyaṁ deho deha-bhājāṁ nṛ-loke
kaṣṭān kāmān arhate viḍ-bhujāṁ ye
tapo divyaṁ putrakā yena sattvaṁ
śuddhyed yasmād brahma-saukhyaṁ tv anantam
„Meine lieben Söhne, es gibt keinen Grund, in dieser menschlichen Lebensform sehr schwer für Sinnenfreude zu arbeiten; solche Freuden sind auch den Kotfressern (Schweinen) zugänglich. Vielmehr solltet ihr euch in diesem Leben tapasya auferlegen, durch die euer Dasein geläutert wird, und als Ergebnis werdet ihr imstande sein, grenzenlose transzendentale Glückseligkeit zu genießen.“
Deshalb verspüren wahre yogīs und gelehrte Transzendentalisten keinerlei Anziehung zu Sinnenfreuden, die die Ursache fortgesetzten materiellen Daseins sind. Je mehr man an materiellen Freuden hängt, desto mehr wird man von materiellen Leiden gefangen.

||5-23||

शक्नोतीहैव यः सोढुं प्राक्शरीरविमोक्षणात् | कामक्रोधोद्भवं वेगं स युक्तः स सुखी नरः ||५-२३||

śaknotīhaiva yaḥ soḍhuṃ prākśarīravimokṣaṇāt . kāmakrodhodbhavaṃ vegaṃ sa yuktaḥ sa sukhī naraḥ ||5-23||

śaknoti — ist imstande; iha eva — im gegenwärtigen Körper; yaḥ — derjenige, der; soḍhum — zu erdulden; prāk — bevor; śarīra — den Körper; vimokṣaṇāt — aufgebend; kāma — Begierde; krodha — und Zorn; udbhavam — entstanden aus; vegam — Dränge; saḥ — er; yuktaḥ — in Trance; saḥ — er; sukhī — glücklich; naraḥ — Mensch.


Wenn jemand, bevor er den gegenwärtigen Körper aufgibt, lernt, dem Drang der materiellen Sinne zu widerstehen und die Macht von Lust und Zorn zu bezwingen, befindet er sich in einer sicheren Stellung und lebt glücklich in dieser Welt.


Wenn man auf dem Pfad der Selbstverwirklichung stetig fortschreiten will, muß man versuchen, die Dränge der materiellen Sinne zu beherrschen. Es gibt den Drang des Redens, des Zornes, des Geistes, des Magens, des Genitals und der Zunge. Wer fähig ist, die Dränge all dieser verschiedenen Sinne wie auch den Geist zu beherrschen, wird gosvāmī oder svāmī genannt. Solche gosvāmīs führen ein streng beherrschtes Leben und gehen den Drängen der Sinne ganz aus dem Weg. Wenn materielle Wünsche nicht befriedigt werden, erzeugen sie Zorn, und so werden der Geist, die Augen und die Brust erregt. Deshalb muß man sich darin üben, die Sinne zu beherrschen, bevor man den materiellen Körper aufgibt. Wer dazu fähig ist, wird als selbstverwirklicht angesehen, und er ist glücklich in diesem Zustand der Selbstverwirklichung. Es ist die Pflicht des Transzendentalisten, mit aller Kraft zu versuchen, Lust und Zorn zu beherrschen.

||5-24||

योऽन्तःसुखोऽन्तरारामस्तथान्तर्ज्योतिरेव यः | स योगी ब्रह्मनिर्वाणं ब्रह्मभूतोऽधिगच्छति ||५-२४||

yo.antaḥsukho.antarārāmastathāntarjyotireva yaḥ . sa yogī brahmanirvāṇaṃ brahmabhūto.adhigacchati ||5-24||

yaḥ — jemand, der; antaḥ-sukhaḥ — glücklich im Innern; antaḥ-ārāmaḥ — aktiv im Innern genießend; tathā — wie auch; antaḥ-jyotiḥ — nach innen gerichtet; eva — gewiß; yaḥ — jeder; saḥ — er; yogī — ein Transzendentalist; brahma-nirvāṇam — Befreiung im Höchsten; brahma-bhūtaḥ — auf der Stufe der Selbstverwirklichung; adhigacchati — erreicht.


Jemand, dessen Glück im Innern liegt, der im Innern tätig ist und im Innern Freude erfährt und dessen Ziel im Innern liegt, ist wahrhaft der vollkommene Mystiker. Er ist im Höchsten befreit, und letztlich erreicht er den Höchsten


Wie kann man, solange man nicht fähig ist, Glück im Innern zu kosten, aufhören, in weltlichen Beschäftigungen nach äußerem, oberflächlichem Glück zu suchen? Ein Mensch auf der Stufe der Befreiung genießt Glück durch tatsächliche Erfahrung. Er kann sich daher an jedem beliebigen Ort schweigend niederlassen und die Tätigkeiten des Lebens von innen her genießen. Solch ein befreiter Mensch begehrt nicht mehr äußeres, materielles Glück. Diesen Zustand nennt man brahma-bhūta, und wenn man ihn erreicht, ist es sicher, daß man zu Gott, nach Hause, zurückkehrt.

||5-25||

लभन्ते ब्रह्मनिर्वाणमृषयः क्षीणकल्मषाः | छिन्नद्वैधा यतात्मानः सर्वभूतहिते रताः ||५-२५||

labhante brahmanirvāṇamṛṣayaḥ kṣīṇakalmaṣāḥ . chinnadvaidhā yatātmānaḥ sarvabhūtahite ratāḥ ||5-25||

labhante — erreichen; brahma-nirvāṇam — Befreiung im Höchsten; ṛṣayaḥ — diejenigen, die im Innern aktiv sind; kṣīṇa-kalmaṣāḥ — die frei von allen Sünden sind; chinna — durchtrennt habend; dvaidhāḥ — Dualität; yata-ātmānaḥ — mit Selbstverwirklichung beschäftigt; sarva-bhūta — für alle Lebewesen; hite — in Wohlfahrtstätigkeit; ratāḥ — beschäftigt.


Diejenigen, die sich jenseits der Dualitäten befinden, die aus Zweifeln entstehen, deren Geist im Innern tätig ist, die immer für das Wohl aller Lebewesen handeln und die von allen Sünden frei sind, erreichen Befreiung im Höchsten.


Nur von einem völlig Kṛṣṇa-bewußten Menschen kann man sagen, daß er zum Wohl aller Lebewesen handelt. Wenn jemand wirklich verstanden hat, daß Kṛṣṇa der Urquell von allem ist, und auch in diesem Bewußtsein handelt, dann handelt er zum Wohl aller. Die Menschheit leidet, weil sie vergessen hat, daß Kṛṣṇa der höchste Genießer, der höchste Besitzer und der höchste Freund ist. Daher ist es die höchste Wohltätigkeitsarbeit, wenn man sich darum bemüht, dieses Bewußtsein in der ganzen menschlichen Gesellschaft wiederzubeleben. Man kann keine solche erstklassige Wohlfahrtsarbeit leisten, ohne im Höchsten befreit zu sein. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch zweifelt nicht an der Oberherrschaft Kṛṣṇas. Er kennt keine Zweifel, weil er völlig frei von allen Sünden ist. Das ist die Stufe göttlicher Liebe.
Jemand, der sich nur um das körperliche Wohlergehen der menschlichen Gesellschaft bemüht, kann im Grunde niemandem helfen. Eine zeitweilige Linderung der Leiden des äußeren Körpers und des Geistes stellt keine befriedigende Lösung dar. Die eigentliche Ursache der Schwierigkeiten im harten Lebenskampf liegt darin, daß man seine Beziehung zum Höchsten Herrn vergessen hat. Wenn sich ein Mensch seiner Beziehung zu Kṛṣṇa völlig bewußt ist, ist er tatsächlich eine befreite Seele, obwohl er sich noch im materiellen Leib befinden mag.

||5-26||

कामक्रोधवियुक्तानां यतीनां यतचेतसाम् | अभितो ब्रह्मनिर्वाणं वर्तते विदितात्मनाम् ||५-२६||

kāmakrodhaviyuktānāṃ yatīnāṃ yatacetasām . abhito brahmanirvāṇaṃ vartate viditātmanām ||5-26||

kāma — von Begierden; krodha — und Zorn; vimuktānām — derjenigen, die befreit sind; yatīnām — der heiligen Persönlichkeiten; yata-cetasām — die den Geist völlig unter Kontrolle haben; abhitaḥ — in naher Zukunft zugesichert; brahma-nirvāṇam — Befreiung im Höchsten; vartate — gibt es; vidita-ātmanām — von denen, die selbstverwirklicht sind.


Denjenigen, die von Zorn und allen materiellen Wünschen frei sind, die selbstverwirklicht, selbstdiszipliniert und ständig um Vollkommenheit bemüht sind, ist in sehr naher Zukunft Befreiung im Höchsten sicher.


Von allen heiligen Menschen, die ohne Abweichung nach Erlösung streben, ist derjenige, der sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein befindet, der beste. Dies wird im Bhāgavatam (4.22.39) wie folgt bestätigt:
yat-pāda-paṅkaja-palāśa-vilāsa-bhaktyā
karmāśayaṁ grathitam udgrathayanti santaḥ
tadvan na rikta-matayo yatayo ’pi ruddha-
sroto-gaṇās tam araṇaṁ bhaja vāsudevam
„Versuche einfach, Vāsudeva, die Höchste Persönlichkeit Gottes, durch hingebungsvollen Dienst zu verehren. Selbst große Weise sind nicht fähig, die Dränge der Sinne so wirksam zu beherrschen wie diejenigen, die transzendentale Glückseligkeit erfahren, indem sie den Lotosfüßen des Herrn dienen und so den tiefverwurzelten Wunsch nach fruchtbringenden Tätigkeiten entwurzeln.“
Der Wunsch, die Früchte der Arbeit zu genießen, ist in der bedingten Seele so tief verwurzelt, daß es selbst für große Weise – trotz harter Bemühung – sehr schwierig ist, diese Wünsche zu beherrschen. Ein Geweihter des Herrn, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein ohne Unterlaß hingebungsvollen Dienst darbringt und sich auf der vollkommenen Stufe der Selbstverwirklichung befindet, erreicht sehr schnell Befreiung im Höchsten. Weil er vollständiges Wissen über Selbstverwirklichung besitzt, bleibt er immer in Trance verankert. In diesem Zusammenhang gibt es einen schönen Vergleich:
darśana-dhyāna-saṁsparśair
matsya-kūrma-vihaṅgamāḥ
svāny apatyāni puṣṇanti
tathāham api padma-ja
„Allein durch Anblicken, Meditation und Berührung sorgen der Fisch, die Schildkröte und die Vögel für ihre Nachkommen. Und dasselbe gilt für mich, o Padmaja!“
Der Fisch zieht seine Nachkommen auf, indem er sie einfach anblickt, und die Schildkröte, indem sie einfach über sie meditiert. Die Schildkröte versteckt ihre Eier am Land und kehrt dann wieder ins Wasser zurück, wo sie aus der Distanz über ihre Eier meditiert. Ebenso ist der Gottgeweihte im Kṛṣṇa-Bewußtsein imstande, obwohl er vom Reich des Herrn weit entfernt ist, sich in dieses Reich zu erheben, indem er einfach ständig über den Herrn meditiert, das heißt, sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt. Er nimmt die Qualen der materiellen Leiden nicht wahr. Diese Stufe des Lebens wird brahma-nirvāṇa, die Abwesenheit materieller Leiden aufgrund ständiger Meditation über den Höchsten, genannt.

||5-27||

स्पर्शान्कृत्वा बहिर्बाह्यांश्चक्षुश्चैवान्तरे भ्रुवोः | प्राणापानौ समौ कृत्वा नासाभ्यन्तरचारिणौ ||५-२७||

sparśānkṛtvā bahirbāhyāṃścakṣuścaivāntare bhruvoḥ . prāṇāpānau samau kṛtvā nāsābhyantaracāriṇau ||5-27||

sparśān — Sinnesobjekte, wie zum Beispiel Klang; kṛtvā — haltend; bahiḥ — äußere; bāhyān — unnötig; cakṣuḥ — Augen; ca — ebenfalls; eva — gewiß; antare — zwischen; bhruvoḥ — den Augenbrauen; prāṇa- apānau — die nach oben und nach unten strömende Luft; samau — in Aufhebung; kṛtvā — haltend; nāsa-abhyantara — in den Nasenöffnungen; cāriṇau — blasend; yata — beherrscht; indriya — Sinne; manaḥ — Geist; buddhiḥ — Intelligenz; muniḥ — der Transzendentalist; mokṣa — für Befreiung; parāyaṇaḥ — bestimmt für; vigata — aufgegeben habend; icchā — Begierden; bhaya — Angst; krodhaḥ — Zorn; yaḥ — jemand, der; sadā — immer; muktaḥ — befreit; eva — gewiß; saḥ — er ist.


Indem der Transzendentalist, der nach Befreiung strebt, alle äußeren Sinnesobjekte ausschließt, die Augen und den Blick zwischen die beiden Augenbrauen richtet, den ein- und ausströmenden Atem in den Nasenöffnungen zum Stillstand bringt und so Geist, Sinne und Intelligenz beherrscht, wird er von Begierden, Angst und Zorn frei. Wer sich immer in diesem Zustand befindet, ist gewiß befreit.


Jemand, der Kṛṣṇa-Bewußtsein praktiziert, kann sogleich seine spirituelle Identität verstehen, und dann kann er durch seinen hingebungsvollen Dienst auch den Höchsten Herrn verstehen. Wenn man im hingebungsvollen Dienst verankert ist, gelangt man auf die transzendentale Ebene, auf der man qualifiziert ist, im Bereich seiner Tätigkeiten die Gegenwart des Herrn zu spüren. Diese Ebene wird Befreiung im Höchsten genannt.
Nachdem der Herr die obengenannten Prinzipien der Befreiung im Höchsten erklärt hat, unterweist Er Arjuna, wie man diese Ebene durch mystischen yoga, bekannt als aṣṭāṅga-yoga, erreichen kann. Dieser yoga ist in acht Stufen unterteilt: yama, niyama, āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra, dhāraṇā, dhyāna und samādhi. Eine ausführliche Beschreibung dieses yoga-Systems ist im Sechsten Kapitel zu finden; hier, am Ende des Fünften Kapitels, wird dieses Thema nur vorbereitend erklärt. Durch den yoga-Vorgang des pratyāhāra muß man sich von den Sinnesobjekten, wie Klang, Berührung, Form, Geschmack und Geruch, lösen, dann den Blick zwischen die beiden Augenbrauen richten und sich mit halbgeschlossenen Lidern auf die Nasenspitze konzentrieren. Es nützt nichts, die Augen ganz zu schließen, da dann immer die Möglichkeit besteht einzuschlafen. Auch nützt es nichts, die Augen vollständig zu öffnen, da dann die Gefahr besteht, von Sinnesobjekten angezogen zu werden. Die Atembewegung wird in den Nasenöffnungen angehalten, indem man die auf- und abströmende Luft im Körper neutralisiert. Durch die Ausübung solchen yogas erlangt man die Fähigkeit, die Sinne zu beherrschen, sich von äußeren Sinnesobjekten zurückzuziehen und sich so auf die Befreiung im Höchsten vorzubereiten.
Dieser yoga-Vorgang hilft einem, von allen Arten der Angst und des Zornes frei zu werden und so auf der transzendentalen Ebene die Gegenwart der Überseele wahrzunehmen. Mit anderen Worten, Kṛṣṇa- Bewußtsein ist der einfachste Vorgang, um die Prinzipien des yoga auszuführen. Dies wird im nächsten Kapitel ausführlich erklärt werden. Weil ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch immer im hingebungsvollen Dienst beschäftigt ist, besteht für ihn nicht die Gefahr, daß seine Sinne von irgendwelchen anderen Tätigkeiten abgelenkt werden. Deshalb ist dies eine bessere Methode der Sinnesbeherrschung als aṣṭāṅga-yoga.

||5-28||

यतेन्द्रियमनोबुद्धिर्मुनिर्मोक्षपरायणः | विगतेच्छाभयक्रोधो यः सदा मुक्त एव सः ||५-२८||

yatendriyamanobuddhirmunirmokṣaparāyaṇaḥ . vigatecchābhayakrodho yaḥ sadā mukta eva saḥ ||5-28||

||5-29||

भोक्तारं यज्ञतपसां सर्वलोकमहेश्वरम् | सुहृदं सर्वभूतानां ज्ञात्वा मां शान्तिमृच्छति ||५-२९||

bhoktāraṃ yajñatapasāṃ sarvalokamaheśvaram . suhṛdaṃ sarvabhūtānāṃ jñātvā māṃ śāntimṛcchati ||5-29||

bhoktāram — der Nutznießer; yajña — von Opfern; tapasām — Bußen und Entsagungen; sarva-loka — aller Planeten und der Halbgötter auf ihnen; maha-īśvaram — der Höchste Herr; su-hṛdam — der Wohltäter; sarva — aller; bhūtānām — Lebewesen; jñātvā — auf diese Weise kennend; mām — Mich (Śrī Kṛṣṇa); śāntim — Linderung aller materiellen Qualen; ṛcchati — man erreicht.


Derjenige, der sich vollkommen über Mich bewußt ist und weiß, daß Ich der letztliche Nutznießer aller Opfer und Entsagungen, der Höchste Herr aller Planeten und Halbgötter und der Wohltäter und wohlmeinende Freund aller Lebewesen bin, erlangt Frieden von den Qualen des materiellen Daseins.


Die bedingten Seelen, die sich in den Fängen der illusionierenden Energie befinden, sind alle bestrebt, in der materiellen Welt Frieden zu finden. Sie kennen jedoch die Friedensformel nicht, die in diesem Teil der Bhagavad-gītā erklärt wird. Die beste Friedensformel lautet einfach: Śrī Kṛṣṇa ist der Nutznießer aller menschlichen Tätigkeiten. Die Menschen sollten alles für den transzendentalen Dienst des Herrn opfern, denn Er ist der Besitzer aller Planeten und aller Halbgötter, die auf ihnen wohnen. Niemand ist größer als Er. Er ist größer als die größten der Halbgötter, Śiva und Brahmā. Dies wird in den Veden (Śvetāśvatara Upaniṣad 6.7) beschrieben: tam īśvarāṇāṁ paramaṁ maheśvaram. Im Banne der Illusion versuchen die Lebewesen, alles in ihrem Umkreis zu beherrschen; in Wirklichkeit aber werden sie von der materiellen Energie des Herrn beherrscht. Der Herr ist der Meister der materiellen Natur, und die bedingten Seelen unterstehen ihren strengen Regeln. Solange man diese einfachen Tatsachen nicht versteht, ist es nicht möglich, auf der Welt Frieden zu erreichen, weder individuell noch kollektiv. Dies ist der Grundgedanke des Kṛṣṇa-Bewußtseins: Śrī Kṛṣṇa ist der Höchste Herrscher, und alle Lebewesen, einschließlich der großen Halbgötter, sind Seine Untergebenen. Vollkommener Friede läßt sich nur in vollkommenem Kṛṣṇa-Bewußtsein finden.
Das Fünfte Kapitel ist eine praktische Erklärung des Kṛṣṇa-Bewußtseins, das allgemein als karma-yoga bezeichnet wird. Die Frage der mentalen Spekulanten, wie karma-yoga zu Befreiung führen kann, ist hiermit beantwortet. Im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln bedeutet, mit vollständigem Wissen über die Oberherrschaft des Herrn zu handeln. Solches Handeln ist nicht verschieden von transzendentalem Wissen. Direktes Kṛṣṇa-Bewußtsein ist bhakti-yoga, und jñāna-yoga ist ein Pfad, der zu bhakti-yoga führt. Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet, in vollständigem Bewußtsein über seine Beziehung zum Höchsten Absoluten zu handeln, und die Vollkommenheit dieses Bewußtseins besteht darin, vollständiges Wissen über Kṛṣṇa, die Höchste Persönlichkeit Gottes, zu besitzen. Die reine Seele ist als fragmentarischer Teil Gottes dessen ewiger Diener, doch wenn sie den Wunsch entwickelt, über māyā zu herrschen, kommt sie mit māyā (Illusion) in Berührung, und das ist die Ursache ihrer vielen Leiden. Solange die Seele mit Materie in Berührung ist, muß sie entsprechend ihren materiellen Bedürfnissen handeln. Kṛṣṇa-Bewußtsein erhebt einen jedoch auf die Ebene des spirituellen Lebens, selbst wenn man sich noch im Einflußbereich der Materie befindet, denn Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet, durch praktisches Handeln in der materiellen Welt das spirituelle Dasein wiederzuerwecken. Je weiter man fortschreitet, desto mehr wird man aus der Gewalt der Materie befreit. Der Herr bevorzugt oder benachteiligt niemanden. Alles hängt davon ab, inwieweit man seine Pflichten im Kṛṣṇa-Bewußtsein praktisch erfüllt, was einem hilft, die Sinne in jeder Beziehung zu beherrschen und den Einfluß von Lust und Zorn zu bezwingen. Und jemand, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein einen solch festen Stand hat und die oben erwähnten Leidenschaften beherrscht, befindet sich tatsächlich auf der transzendentalen Ebene, der Ebene des brahma-nirvāṇa. Der achtfache Pfad des mystischen yoga ist im Kṛṣṇa-Bewußtsein automatisch mit eingeschlossen, weil man im Kṛṣṇa- Bewußtsein direkt das letztliche Ziel dieses Pfades erreicht. Durch das Beschreiten der acht Stufen von yama, niyama, āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra, dhāraṇā, dhyāna und samādhi kann man allmählich erhoben werden, doch dies sind nur Vorstufen der Vollkommenheit, die man durch hingebungsvollen Dienst erreichen kann. Nur hingebungsvoller Dienst kann dem Menschen Frieden bringen. Er ist die höchste Vollkommenheit des Lebens.

Глава 6

Dhyāna-yoga

||6-1||

श्रीभगवानुवाच | अनाश्रितः कर्मफलं कार्यं कर्म करोति यः | स संन्यासी च योगी च न निरग्निर्न चाक्रियः ||६-१||

śrībhagavānuvāca . anāśritaḥ karmaphalaṃ kāryaṃ karma karoti yaḥ . sa saṃnyāsī ca yogī ca na niragnirna cākriyaḥ ||6-1||

śrī-bhagavān uvāca — der Herr sprach; anāśritaḥ — ohne Zuflucht zu suchen; karma-phalam — des Ergebnisses der Arbeit; kāryam — pflichtgemäße; karma — Tätigkeit; karoti — führt aus; yaḥ — jemand, der; saḥ — er; sannyāsī — im Lebensstand der Entsagung; ca — auch; yogī — Mystiker; ca — auch; na — nicht; niḥ — ohne; agniḥ — Feuer; na — nicht; ca — auch; akriyaḥ — ohne Pflicht.


Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Wer nicht an den Früchten seiner Arbeit haftet und so handelt, wie es seine Pflicht vorschreibt, befindet sich im Lebensstand der Entsagung. Er ist der wahre Mystiker, und nicht der, der kein Feuer entzündet und keine Pflicht erfüllt.


In diesem Kapitel erklärt der Herr, daß der Vorgang des achtfachen yoga-Systems ein Mittel ist, um den Geist und die Sinne zu beherrschen. Dies ist jedoch für die meisten Menschen sehr schwierig, besonders im Zeitalter des Kali. Obwohl in diesem Kapitel das achtfache yoga-System empfohlen wird, betont der Herr, daß der Vorgang des karma-yoga, das heißt des Handelns im Kṛṣṇa-Bewußtsein, besser ist. Jeder auf dieser Welt ist tätig, um seine Familie und alles, was dazugehört, zu erhalten; aber niemand handelt ohne irgendein Selbstinteresse oder irgendeine persönliche Befriedigung – ob nun für sich selbst oder für einen erweiterten Kreis. Das Kriterium für Vollkommenheit besteht darin, daß man im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, frei von dem Wunsch, die Früchte seiner Tätigkeiten selbst zu genießen. Im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu handeln ist die Pflicht aller Lebewesen, da sie alle von Natur aus winzige Teile des Höchsten sind. Die Teile des Körpers arbeiten für die Zufriedenstellung des ganzen Körpers. Sie handeln nicht zu ihrer eigenen Zufriedenstellung, sondern zur Zufriedenstellung des vollständigen Ganzen. In ähnlicher Weise ist das Lebewesen, das zur Zufriedenstellung des Höchsten Ganzen handelt, und nicht für die eigene Befriedigung, der vollkommene sannyāsī, der vollkommene yogī.
Manchmal gibt es sannyāsīs, die künstlich glauben, sie seien von allen materiellen Pflichten frei geworden, und die deshalb aufhören, agnihotra yajñas (Feueropfer) darzubringen. In Wirklichkeit aber ist auch dies ein selbstisches Interesse, denn ihr Ziel ist es, mit dem unpersönlichen Brahman eins zu werden. Ein solcher Wunsch ist erhabener als jeder materielle Wunsch, aber er ist nicht frei von selbstischen Motiven. Ebenso trachtet der mystische yogī, der mit halbgeöffneten Augen das yoga-System praktiziert und alle materiellen Tätigkeiten einstellt, nach irgendeiner Befriedigung für sich selbst. Jemand aber, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein handelt, arbeitet für die Zufriedenstellung des Ganzen und hegt keine selbstischen Motive. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch ist frei von allen Verlangen nach eigener Befriedigung. Sein Kriterium für Erfolg ist die Zufriedenheit Kṛṣṇas, und daher ist er der vollkommene sannyāsī und der vollkommene yogī. Śrī Caitanya, das höchste Beispiel für vollkommene Entsagung, sprach das folgende Gebet:
na dhanaṁ na janaṁ na sundarīṁ
kavitāṁ vā jagad-īśa kāmaye
mama janmani janmanīśvare
bhavatād bhaktir ahaitukī tvayi
„O allmächtiger Herr, ich begehre weder Reichtum noch schöne Frauen, noch eine große Anhängerschaft. Das einzige, was ich möchte, ist die grundlose Barmherzigkeit Deines hingebungsvollen Dienstes – Geburt für Geburt.“

||6-2||

यं संन्यासमिति प्राहुर्योगं तं विद्धि पाण्डव | न ह्यसंन्यस्तसङ्कल्पो योगी भवति कश्चन ||६-२||

yaṃ saṃnyāsamiti prāhuryogaṃ taṃ viddhi pāṇḍava . na hyasaṃnyastasaṅkalpo yogī bhavati kaścana ||6-2||

yam — was; sannyāsam — Entsagung; iti — so; prāhuḥ — sie nennen; yogam — sich mit dem Höchsten verbinden; tam — dieses; viddhi — du mußt wissen; pāṇḍava — o Sohn Pāṇḍus; na — niemals; hi — gewiß; asannyasta — ohne aufzugeben; saṅkalpaḥ — den Wunsch nach eigener Befriedigung; yogī — ein mystischer Transzendentalist; bhavati — wird; kaścana — jemand.


Du solltest wissen, daß das, was man als Entsagung bezeichnet, das gleiche ist wie yoga oder der Vorgang der Verbindung mit dem Höchsten, o Sohn Pāṇḍus, denn niemand kann ein yogī werden, solange er nicht dem Wunsch nach Sinnenbefriedigung entsagt.


Die wirkliche Bedeutung von sannyāsa-yoga oder bhakti besteht darin, daß man seine wesensgemäße Stellung als Lebewesen kennt und dementsprechend handelt. Das Lebewesen hat keine gesonderte, unabhängige Identität. Es ist die marginale Energie des Höchsten. Wenn es von der materiellen Energie gefangen ist, ist es bedingt, und wenn es Kṛṣṇa-bewußt ist, das heißt bewußt über die spirituelle Energie, befindet es sich in seinem wirklichen und natürlichen Lebenszustand. Wenn man daher über vollständiges Wissen verfügt, löst man sich von aller materiellen Sinnenbefriedigung, das heißt, man entsagt allen Arten sinnenbefriedigender Tätigkeiten. Dies wird von den yogīs praktiziert, die ihre Sinne von materieller Anhaftung zurückziehen. Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein aber hat gar keine Gelegenheit, seine Sinne mit irgend etwas zu beschäftigen, was nicht im Interesse Kṛṣṇas ist. Daher ist ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch gleichzeitig ein sannyāsī und ein yogī. Im Kṛṣṇa-Bewußtsein erreicht man automatisch das Ziel der Vorgänge des jñāna und yoga, nämlich Wissen und Sinnesbeherrschung. Wenn man unfähig ist, seine selbstische Natur zu überwinden, dann haben jñāna und yoga keinen Nutzen. Das wirkliche Ziel für das Lebewesen besteht darin, jede selbstische Befriedigung aufzugeben und bereit zu sein, den Höchsten zufriedenzustellen. Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein trachtet nach keinerlei persönlichem Genuß, sondern strebt immer danach, den Höchsten zu erfreuen. Wer kein Wissen über den Höchsten hat, muß deshalb gezwungenermaßen selbstischen Tätigkeiten nachgehen, denn niemand kann sich in einem Zustand der Untätigkeit halten. Man erreicht in vollkommener Weise das Ziel aller anderen Vorgänge, wenn man einfach Kṛṣṇa-Bewußtsein praktiziert.

||6-3||

आरुरुक्षोर्मुनेर्योगं कर्म कारणमुच्यते | योगारूढस्य तस्यैव शमः कारणमुच्यते ||६-३||

ārurukṣormuneryogaṃ karma kāraṇamucyate . yogārūḍhasya tasyaiva śamaḥ kāraṇamucyate ||6-3||

ārurukṣoḥ — jemand, der gerade mit yoga begonnen hat; muneḥ — des Weisen; yogam — das achtfache yoga-System; karma — Arbeit; kāraṇam — der Weg; ucyate — man sagt, es sei; yoga — achtfacher yoga; ārūḍhasya — von jemandem, der erreicht hat; tasya — sein; eva — gewiß; śamaḥ — Beendigung aller materiellen Tätigkeiten; kāraṇam — der Weg; ucyate — man sagt, es sei.


Einem Neuling im achtfachen yoga-System wird Arbeit als Weg empfohlen, und die Einstellung aller materiellen Tätigkeiten gilt als Weg für denjenigen, der im yoga bereits fortgeschritten ist.


Der Vorgang, sich mit dem Höchsten zu verbinden, wird yoga genannt. Yoga kann mit einer Leiter verglichen werden, mit deren Hilfe man die höchste spirituelle Verwirklichung erreichen kann. Diese Leiter beginnt bei der niedrigsten materiellen Lebensstufe und führt das Lebewesen bis hin zur vollkommenen Selbstverwirklichung im reinen spirituellen Leben. Die verschiedenen Sprossen der Leiter werden nach den verschiedenen Graden des spirituellen Fortschritts benannt, und sie werden in drei Teile unterteilt, nämlich in jñāna-yoga, dhyāna-yoga und bhakti-yoga; die Leiter an sich aber heißt immer yoga. Der Anfang der Leiter wird als yoga-rurukṣu-Stufe bezeichnet und die höchste Sprosse als yogārūḍha.
Was das achtfache yoga-System betrifft, so muß man am Anfang, um in Meditation zu versinken, regulierenden Prinzipien folgen und sich in verschiedenen Sitzstellungen üben (die alle mehr oder weniger körperliche Übungen sind); diese anfänglichen Stufen gelten als fruchtbringende materielle Tätigkeiten. All diese Tätigkeiten führen letztlich zu vollkommener geistiger Ausgeglichenheit, so daß man seine Sinne beherrschen kann. Wenn man den Vorgang der Meditation vollendet beherrscht, beendet man alle störenden Einflüsse des Geistes.
Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch jedoch befindet sich von Anfang an auf der Ebene der Meditation, weil er immer an Kṛṣṇa denkt. Und da er ständig im Dienste Kṛṣṇas beschäftigt ist, hat er zweifellos alle materiellen Tätigkeiten beendet.

||6-4||

यदा हि नेन्द्रियार्थेषु न कर्मस्वनुषज्जते | सर्वसङ्कल्पसंन्यासी योगारूढस्तदोच्यते ||६-४||

yadā hi nendriyārtheṣu na karmasvanuṣajjate . sarvasaṅkalpasaṃnyāsī yogārūḍhastadocyate ||6-4||

yadā — wenn; hi — gewiß; na — nicht; indriya-artheṣu — mit Sinnenbefriedigung; na — niemals; karmasu — mit fruchtbringenden Tätigkeiten; anuṣajjate — beschäftigt sich notwendigerweise; sarva-saṅkalpa — allen materiellen Wünschen; sannyāsī — jemand, der entsagt; yoga-ārūḍhaḥ — im yoga fortgeschritten; tadā — zu dieser Zeit; ucyate — man sagt, er sei.


Man sagt, jemand sei in yoga fortgeschritten, wenn er alle materiellen Wünsche aufgegeben hat und weder für Sinnenbefriedigung handelt noch fruchtbringenden Tätigkeiten nachgeht.


Wenn jemand völlig im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn beschäftigt ist, ist er im Selbst zufrieden, und daher beschäftigt er sich nicht mehr mit Sinnenbefriedigung oder fruchtbringenden Tätigkeiten. Wenn man sich nicht auf dieser Ebene befindet, beschäftigt man sich gezwungenermaßen mit Sinnenbefriedigung, da niemand leben kann, ohne tätig zu sein. Wer nicht Kṛṣṇa-bewußt ist, geht zwangsläufig ständig egoistischen Tätigkeiten nach, die entweder für ihn selbst bestimmt sind oder für diejenigen, mit denen er sich identifiziert. Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch jedoch verrichtet all seine Tätigkeiten für die Zufriedenstellung Kṛṣṇas und kann so auf vollkommene Weise von Sinnenbefriedigung losgelöst sein. Jemand, der sich nicht auf dieser Stufe der Verwirklichung befindet, muß auf mechanische Weise versuchen, materiellen Wünschen zu entkommen, bevor er die höchste Sprosse der yoga-Leiter erreichen kann.

||6-5||

उद्धरेदात्मनात्मानं नात्मानमवसादयेत् | आत्मैव ह्यात्मनो बन्धुरात्मैव रिपुरात्मनः ||६-५||

uddharedātmanātmānaṃ nātmānamavasādayet . ātmaiva hyātmano bandhurātmaiva ripurātmanaḥ ||6-5||

uddharet — man muß befreien; ātmanā — durch den Geist; ātmānam — die bedingte Seele; na — niemals; ātmānam — die bedingte Seele; avasādayet — erniedrigt; ātmā — Geist; eva — gewiß; hi — in der Tat; ātmanaḥ — der bedingten Seele; bandhuḥ — Freund; ātmā — Geist; eva — gewiß; ripuḥ — Feind; ātmanaḥ — der bedingten Seele.


Man sollte sich mit Hilfe seines Geistes befreien, und nicht erniedrigen. Der Geist ist der Freund der bedingten Seele, aber auch ihr Feind.


Das Wort ātmā bedeutet, je nach Zusammenhang, Körper, Geist oder Seele. Im yoga-System sind der Geist und die bedingte Seele von besonderer Bedeutung. Da der Geist der Mittelpunkt der yoga-Praxis ist, bezieht sich ātmā hier auf den Geist. Das Ziel des yoga-Systems besteht darin, den Geist zu beherrschen und von der Anhaftung an die Sinnesobjekte zurückzuziehen. Es wird hier betont, daß der Geist so geschult werden muß, daß er die bedingte Seele aus dem Sumpf der Unwissenheit ziehen kann. Im materiellen Dasein unterliegt man dem Einfluß des Geistes und der Sinne, ja der Geist ist die Ursache davon, daß die reine Seele in die materielle Welt verstrickt wird, weil er sich mit dem falschen Ego identifiziert, das danach strebt, die materielle Natur zu beherrschen. Deshalb sollte der Geist so geschult werden, daß er durch das Geflimmer der materiellen Natur nicht erregt wird; auf diese Weise kann die bedingte Seele gerettet werden. Man sollte sich nicht erniedrigen, indem man den Reizen der Sinnesobjekte erliegt, denn je mehr man sich zu den Sinnesobjekten hingezogen fühlt, desto mehr wird man ins materielle Dasein verstrickt. Der beste Weg, sich aus dieser Verstrickung zu lösen, besteht darin, den Geist ständig im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu beschäftigen. Das Wort hi wird hier gebraucht, um diesen Punkt hervorzuheben, daß man nämlich auf diese Weise handeln muß. An einer anderen Stelle heißt es:
mana eva manuṣyāṇāṁ
kāraṇaṁ bandha-mokṣayoḥ
bandhāya viṣayāsaṅgo
muktyai nirviṣayaṁ manaḥ
„Für den Menschen ist der Geist sowohl die Ursache von Knechtschaft als auch die Ursache von Befreiung. Der in Sinnesobjekte vertiefte Geist ist die Ursache von Knechtschaft, und der von den Sinnesobjekten losgelöste Geist ist die Ursache von Befreiung.“ (Amṛta-bindu Upaniṣad 2) Deshalb ist der Geist, der immer im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt ist, die Ursache höchster Befreiung.

||6-6||

बन्धुरात्मात्मनस्तस्य येनात्मैवात्मना जितः | अनात्मनस्तु शत्रुत्वे वर्तेतात्मैव शत्रुवत् ||६-६||

bandhurātmātmanastasya yenātmaivātmanā jitaḥ . anātmanastu śatrutve vartetātmaiva śatruvat ||6-6||

bandhuḥ — Freund; ātmā — der Geist; ātmanaḥ — des Lebewesens; tasya — von ihm; yena — durch den; ātmā — der Geist; eva — gewiß; ātmanā — vom Lebewesen; jitaḥ — bezwungen; anātmanaḥ — desjenigen, der es versäumt hat, den Geist zu beherrschen; tu — aber; śatrutve — aufgrund von Feindschaft; varteta — bleibt; ātmā eva — der gleiche Geist; śatru-vat — als Feind.


Für den, der den Geist bezwungen hat, ist der Geist der beste Freund; doch für den, der dies versäumt hat, bleibt der Geist der größte Feind.


Es ist das Ziel des achtfachen yoga, den Geist zu beherrschen, um ihn zu einem Freund zu machen, der die Aufgabe des menschlichen Lebens zu erfüllen hilft. Ohne den Geist zu beherrschen, ist das Praktizieren von yoga (als Show) nichts als Zeitverschwendung. Wer seinen Geist nicht beherrschen kann, lebt ständig mit dem größten Feind zusammen, und so wird sein menschliches Leben und dessen Mission ruiniert. Es ist die wesensgemäße Stellung des Lebewesens, die Anordnungen eines Höheren auszuführen. Solange der Geist ein unbezwungener Feind bleibt, muß man dem Diktat von Lust, Zorn, Geiz, Illusion usw. folgen. Wenn aber der Geist bezwungen ist, folgt man freiwillig den Anweisungen der Persönlichkeit Gottes, die im Herzen eines jeden als Paramātmā gegenwärtig ist. Echte yoga-Praxis läuft darauf hinaus, dem Paramātmā im Herzen zu begegnen und dann Seinen Anweisungen zu folgen. Derjenige jedoch, der sich direkt dem Kṛṣṇa- Bewußtsein zuwendet, wird sich automatisch auf vollkommene Weise den Anordnungen des Herrn ergeben.

||6-7||

जितात्मनः प्रशान्तस्य परमात्मा समाहितः | शीतोष्णसुखदुःखेषु तथा मानापमानयोः ||६-७||

jitātmanaḥ praśāntasya paramātmā samāhitaḥ . śītoṣṇasukhaduḥkheṣu tathā mānāpamānayoḥ ||6-7||

jita-ātmanaḥ — desjenigen, der den Geist bezwungen hat; praśāntasya — der durch solche Beherrschung des Geistes Ausgeglichenheit erlangt hat; parama-ātmā — die Überseele; samāhitaḥ — vollständig erreicht; śīta — in Kälte; uṣṇa — Hitze; sukha — Glück; duḥkheṣu — und Leid; tathā — auch; māna — in Ehre; apamānayoḥ — und Schmach.


Für jemanden, der den Geist bezwungen hat, ist die Überseele bereits erreicht, denn er hat Ausgeglichenheit erlangt. Für einen solchen Menschen sind Glück und Leid, Hitze und Kälte, Ehre und Schmach alle das gleiche.


Eigentlich wird von jedem Lebewesen erwartet, daß es den Anweisungen des Herrn, der Höchsten Persönlichkeit Gottes, folgt, der Sich als Paramātmā im Herzen eines jeden befindet. Wenn der Geist durch die äußere, illusionierende Energie irregeführt wird, wird man in materielle Tätigkeiten verstrickt. Sobald man daher den Geist durch eines der yoga-Systeme zu beherrschen vermag, kann man sagen, daß man das Ziel bereits erreicht hat. Das Lebewesen muß in jedem Fall höheren Weisungen folgen. Wenn der Geist fest auf die höhere Natur gerichtet ist, hat er keine andere Möglichkeit, als den Weisungen des Höchsten zu folgen. Der Geist muß sich einer höheren Anweisung fügen und ihr dann folgen. Wenn man den Geist einmal beherrscht, folgt man von selbst den Anweisungen des Paramātmā, der Überseele. Durch Kṛṣṇa-Bewußtsein kann man diese transzendentale Ebene sogleich erreichen, weshalb der Geweihte Kṛṣṇas von der Dualität des materiellen Daseins – Leid und Glück, Kälte und Hitze usw. – nicht berührt wird. Dieser Zustand ist praktischer samādhi, Versenkung in den Höchsten.

||6-8||

ज्ञानविज्ञानतृप्तात्मा कूटस्थो विजितेन्द्रियः | युक्त इत्युच्यते योगी समलोष्टाश्मकाञ्चनः ||६-८||

jñānavijñānatṛptātmā kūṭastho vijitendriyaḥ . yukta ityucyate yogī samaloṣṭāśmakāñcanaḥ ||6-8||

jñāna — durch gelerntes Wissen; vijñāna — und verwirklichtes Wissen; tṛpta — zufrieden; ātmā — ein Lebewesen; kūṭa-sthaḥ — spirituell situiert; vijita-indriyaḥ — mit beherrschten Sinnen; yuktaḥ — für Selbstverwirklichung qualifiziert; iti — so; ucyate — wird genannt; yogī — ein Mystiker; sama — sieht als gleich; loṣṭra — Kiesel; aśma — Stein; kāñcanaḥ — Gold.


Ein Mensch gilt als selbstverwirklicht und wird als yogī [Mystiker] bezeichnet, wenn er kraft gelernten und verwirklichten Wissens völlig zufrieden ist. Ein solcher Mensch ist in der Transzendenz verankert und selbstbeherrscht. Er sieht alles – ob Kiesel, Steine oder Gold – als gleich an.


Buchwissen ohne Verwirklichung der Höchsten Wahrheit ist nutzlos. Dies wird wie folgt bestätigt:
ataḥ śrī-kṛṣṇa-nāmādi
na bhaved grāhyam indriyaiḥ
sevonmukhe hi jihvādau
svayam eva sphuraty adaḥ
„Niemand kann das transzendentale Wesen des Namens, der Gestalt, der Eigenschaften und der Spiele Śrī Kṛṣṇas mit seinen materiell verunreinigten Sinnen verstehen. Nur jemandem, der durch den transzendentalen Dienst des Herrn spirituell erfüllt ist, werden der transzendentale Name, die transzendentale Gestalt, die transzendentalen Eigenschaften und die transzendentalen Spiele des Herrn offenbart.“ (Bhakti-rasāmṛta-sindhu 1.2.234)
Die Bhagavad-gītā ist die Wissenschaft des Kṛṣṇa-Bewußtseins. Allein durch weltliche Gelehrtheit kann niemand Kṛṣṇa-bewußt werden. Man muß das Glück haben, mit jemandem zusammenzukommen, der in reinem Bewußtsein verankert ist. Weil ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch allein mit reinem hingebungsvollem Dienst zufrieden ist, verfügt er durch die Gnade Kṛṣṇas über verwirklichtes Wissen, und durch verwirklichtes Wissen erreicht man die Vollkommenheit. Aufgrund von transzendentalem Wissen bleibt man in seinen Überzeugungen gefestigt, wohingegen jemand, der bloß akademisches Wissen besitzt, durch vermeintliche Widersprüche leicht getäuscht und verwirrt werden kann. Nur jemand, der eine verwirklichte Seele ist, ist tatsächlich selbstbeherrscht, und zwar weil er sich Kṛṣṇa ergeben hat. Er ist transzendental, weil er nichts mit weltlicher Gelehrsamkeit zu tun hat. Für ihn sind weltliche Gelehrsamkeit und mentale Spekulation, die anderen so wertvoll wie Gold erscheinen mögen, nicht mehr wert als Kiesel oder Steine.

||6-9||

सुहृन्मित्रार्युदासीनमध्यस्थद्वेष्यबन्धुषु | साधुष्वपि च पापेषु समबुद्धिर्विशिष्यते ||६-९||

suhṛnmitrāryudāsīnamadhyasthadveṣyabandhuṣu . sādhuṣvapi ca pāpeṣu samabuddhirviśiṣyate ||6-9||

su-hṛt — von Natur aus wohlmeinende Freunde; mitra — Wohltäter mit Zuneigung; ari — Feinde; udāsīna — neutral zwischen den Gegnern; madhya-stha — Vermittler zwischen gegnerischen Parteien; dveṣya — die Neidischen; bandhuṣu — und die Verwandten oder Freunde; sādhuṣu — den Frommen; api — sowie auch; ca — und; pāpeṣu — den Sündern; sama-buddhiḥ — mit gleicher Intelligenz; viśiṣyate — ist weit fortgeschritten.


Als noch weiter fortgeschritten gilt derjenige, der aufrichtige Gönner, zugeneigte Wohltäter, Neutralgesinnte, Vermittler und Neider, Freunde und Feinde sowie die Frommen und die Sünder alle mit gleicher Geisteshaltung sieht.

||6-10||

योगी युञ्जीत सततमात्मानं रहसि स्थितः | एकाकी यतचित्तात्मा निराशीरपरिग्रहः ||६-१०||

yogī yuñjīta satatamātmānaṃ rahasi sthitaḥ . ekākī yatacittātmā nirāśīraparigrahaḥ ||6-10||

yogī — ein Transzendentalist; yuñjīta — muß sich im Kṛṣṇa-Bewußtsein konzentrieren; satatam — ständig; ātmānam — sich (mit Körper, Geist und Selbst); rahasi — an einem einsamen Ort; sthitaḥ — sich befindend; ekākī — allein; yata-citta-ātmā — immer achtsam im Geist; nirāśīḥ — ohne von irgend etwas anderem angezogen zu werden; aparigrahaḥ — frei von dem Gefühl der Besitzgier.


Ein Transzendentalist sollte seinen Körper, seinen Geist und sein Selbst immer in Beziehung zum Höchsten beschäftigen; er sollte allein an einem einsamen Ort leben und seinen Geist stets sorgfältig beherrschen. Er sollte von Wünschen und Gefühlen der Besitzgier frei sein.


Kṛṣṇa wird in verschiedenen Stufen als Brahman, Paramātmā und die Höchste Persönlichkeit Gottes erkannt. Kṛṣṇa- Bewußtsein bedeutet, kurz gesagt, immer im transzendentalen liebevollen Dienst des Herrn beschäftigt zu sein. Aber auch diejenigen, die sich auf das unpersönliche Brahman oder die lokalisierte Überseele konzentrieren, sind teilweise Kṛṣṇa-bewußt, denn das unpersönliche Brahman ist die spirituelle Ausstrahlung Kṛṣṇas, und die Überseele ist die alldurchdringende Teilerweiterung Kṛṣṇas. Folglich sind auch der Unpersönlichkeitsanhänger und der Meditierende indirekt Kṛṣṇa- bewußt. Aber ein Gottgeweihter, der direkt Kṛṣṇa-Bewußtsein entwickelt, ist der höchste Transzendentalist, da er sowohl das Brahman als auch den Paramātmā versteht. Sein Wissen über die Absolute Wahrheit ist vollkommen, wohingegen der Unpersönlichkeitsanhänger und der meditierende yogī nur unvollkommen Kṛṣṇa-bewußt sind.
Nichtsdestoweniger wird ihnen allen hiermit geraten, ohne Abweichung ihrem jeweiligen Pfad zu folgen, so daß sie früher oder später die höchste Vollkommenheit erreichen. Das oberste Gebot für einen Transzendentalisten lautet, seinen Geist immer auf Kṛṣṇa zu richten. Man sollte immer an Kṛṣṇa denken und Ihn nicht einmal für einen Augenblick vergessen. Die Konzentration des Geistes auf den Höchsten wird samādhi oder Trance genannt. Um den Geist zu konzentrieren, sollte man immer in der Abgeschiedenheit bleiben und jede Störung durch äußere Objekte vermeiden. Der Transzendentalist sollte sehr darauf achten, Bedingungen, die seine Verwirklichung günstig beeinflussen, anzunehmen und ungünstige Bedingungen abzulehnen. Und er sollte es mit vollkommener Entschlossenheit vermeiden, nach unnötigen materiellen Dingen zu streben, die ihn in Besitzgier verstricken.
Wenn man sich jedoch direkt im Kṛṣṇa-Bewußtsein beschäftigt, sind all diese Voraussetzungen und Vorsichtsmaßnahmen auf vollkommene Weise erfüllt, denn direktes Kṛṣṇa-Bewußtsein bedeutet Selbstentäußerung, wobei kaum eine Möglichkeit für materielle Besitzgier besteht. Śrīla Rūpa Gosvāmī charakterisiert Kṛṣṇa-Bewußtsein wie folgt:
anāsaktasya viṣayān, yathārham upayuñjataḥ
nirbandhaḥ kṛṣṇa-sambandhe, yuktaṁ vairāgyam ucyate
prāpañcikatayā buddhyā
hari-sambandhi-vastunaḥ
mumukṣubhiḥ parityāgo
vairāgyaṁ phalgu kathyate
„Wenn man an nichts haftet, aber zugleich alles in Beziehung zu Kṛṣṇa annimmt, ist man auf richtige Weise frei von aller Besitzgier. Wer andererseits alles zurückweist, ohne die Beziehung dieser Dinge zu Kṛṣṇa zu kennen, ist in seiner Entsagung nicht so vollkommen.“ (Bhaktirasāmṛta-sindhu 1.2.255–256)
Ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch weiß sehr wohl, daß alles Kṛṣṇa gehört, und daher ist er stets frei von dem Gefühl, etwas persönlich zu besitzen. Er begehrt daher nichts für sich selbst. Er weiß die Dinge anzunehmen, die für sein Kṛṣṇa-Bewußtsein vorteilhaft sind, und die Dinge abzulehnen, die für sein Kṛṣṇa-Bewußtsein nachteilig sind. Er steht über materiellen Dingen, weil er sich immer auf der transzendentalen Ebene befindet, und er ist immer allein, da er nichts mit Menschen zu tun hat, die nicht Kṛṣṇa-bewußt sind. Deshalb ist ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein der vollkommene yogī.

||6-11||

शुचौ देशे प्रतिष्ठाप्य स्थिरमासनमात्मनः | नात्युच्छ्रितं नातिनीचं चैलाजिनकुशोत्तरम् ||६-११||

śucau deśe pratiṣṭhāpya sthiramāsanamātmanaḥ . nātyucchritaṃ nātinīcaṃ cailājinakuśottaram ||6-11||

śucau — in einer geheiligten; deśe — Gegend; pratiṣṭhāpya — aufstellend; sthiram — fest; āsanam — Sitz; ātmanaḥ — seinen eigenen; na — nicht; ati — zu; ucchritam — hoch; na — und nicht; ati — zu; nīcam — niedrig; caila-ajina — aus einem weichen Tuch und einem Rehfell; kuśa — und kuśa-Gras; uttaram — bedeckend; tatra — darauf; eka-agram — mit konzentrierter Aufmerksamkeit; manaḥ — Geist; kṛtvā — machend; yata-citta — den Geist beherrschend; indriya — Sinne; kriyaḥ — und Tätigkeiten; upaviśya — sitzend; āsane — auf dem Sitz; yuñjyāt — sollte ausführen; yogam — den Vorgang des yoga; ātma — das Herz; viśuddhaye — um zu reinigen.


Um yoga zu praktizieren, sollte man an einen einsamen Ort gehen, kuśa-Gras auf den Boden legen und es mit einem Rehfell und einem weichen Tuch bedecken. Der Sitz sollte nicht zu hoch und nicht zu niedrig sein, und er sollte sich an einem heiligen Ort befinden. Der yogī sollte fest darauf sitzen und sich in den Vorgang des yoga vertiefen, um sein Herz zu reinigen, indem er seinen Geist, seine Sinne und seine Tätigkeiten beherrscht und den Geist auf einen Punkt fixiert.


„Heiliger Ort“ bezieht sich auf einen Pilgerort. In Indien verlassen die yogīs – die Transzendentalisten oder die Gottgeweihten – alle ihr Zuhause und lassen sich an heiligen Orten wie Prayāga, Mathurā, Vṛndāvana, Rishikesh und Haridwar nieder, um dort am Ufer von heiligen Flüssen wie der Yamunā und dem Ganges in Einsamkeit yoga zu praktizieren. Dies ist aber oft nicht möglich, besonders für westliche Menschen. Die sogenannten yoga-Gesellschaften in den großen Städten mögen zwar erfolgreich darin sein, einen materiellen Nutzen zu erzielen, doch für die eigentliche Ausübung von yoga sind sie völlig ungeeignet. Wer nicht selbstbeherrscht ist und einen ungestörten Geist besitzt, kann nicht meditieren. Deshalb wird im Bṛhan-nāradīya Purāṇa gesagt, daß im Kali-yuga (dem gegenwärtigen yuga oder Zeitalter), in dem die Menschen im allgemeinen nur noch ein kurzes Leben haben, sich nur langsam der spirituellen Verwirklichung zuwenden und immer von Ängsten und Sorgen geplagt werden, das beste Mittel für spirituelle Verwirklichung darin besteht, den Heiligen Namen des Herrn zu chanten.
harer nāma harer nāma
harer nāmaiva kevalam
kalau nāsty eva nāsty eva
nāsty eva gatir anyathā
„In diesem Zeitalter des Streites und der Heuchelei ist das einzige Mittel zur Befreiung das Chanten der Heiligen Namen des Herrn. Es gibt keinen anderen Weg. Es gibt keinen anderen Weg. Es gibt keinen anderen Weg.“

||6-12||

तत्रैकाग्रं मनः कृत्वा यतचित्तेन्द्रियक्रियः | उपविश्यासने युञ्ज्याद्योगमात्मविशुद्धये ||६-१२||

tatraikāgraṃ manaḥ kṛtvā yatacittendriyakriyaḥ . upaviśyāsane yuñjyādyogamātmaviśuddhaye ||6-12||

||6-13||

समं कायशिरोग्रीवं धारयन्नचलं स्थिरः | सम्प्रेक्ष्य नासिकाग्रं स्वं दिशश्चानवलोकयन् ||६-१३||

samaṃ kāyaśirogrīvaṃ dhārayannacalaṃ sthiraḥ . samprekṣya nāsikāgraṃ svaṃ diśaścānavalokayan ||6-13||

samam — gerade; kāya — Körper; śiraḥ — Kopf; grīvam — und Hals; dhārayan — haltend; acalam — unbewegt; sthiraḥ — ruhig; samprekṣya — blickend; nāsikā — der Nase; agram — auf die Spitze; svam — eigene; diśaḥ — an allen Seiten; ca — auch; anavalokayan — nicht blickend; praśānta — ungestört; ātmā — Geist; vigata-bhīḥ — frei von Furcht; brahmacāri-vrate — im Gelübde des Zölibats; sthitaḥ — verankert; manaḥ — Geist; saṁyamya — völlig bezwingend; mat — auf Mich (Kṛṣṇa); cittaḥ — den Geist konzentrierend; yuktaḥ — der wahre yogī; āsīta — sollte sitzen; mat — Mich; paraḥ — das endgültige Ziel.


Man sollte Körper, Hals und Kopf aufrecht in einer geraden Linie halten und fortwährend auf die Nasenspitze starren. Auf diese Weise sollte man mit ungestörtem, beherrschtem Geist, ohne Furcht und völlig frei von sexuellem Verlangen über Mich im Herzen meditieren und Mich zum endgültigen Ziel des Lebens machen.


Das Ziel des Lebens besteht darin, Kṛṣṇa zu erkennen, der Sich als Paramātmā, die vierhändige Viṣṇu-Form, im Herzen eines jeden Lebewesens befindet. Der yoga-Vorgang wird praktiziert, um diese lokalisierte Form Viṣṇus zu entdecken und zu sehen, und für keinen anderen Zweck. Die lokalisierte viṣṇu-mūrti ist die vollständige Repräsentation Kṛṣṇas, die im Herzen eines jeden gegenwärtig ist. Wer nicht die Absicht hat, diese viṣṇu-mūrti zu erkennen, ist nur mit nutzlosem Schein-yoga beschäftigt und verschwendet seine Zeit. Kṛṣṇa ist das endgültige Ziel des Lebens, und die viṣṇu-mūrti im Herzen zu erkennen ist das Ziel des yoga-Vorganges. Um dies zu erreichen, muß man sich jeglichen geschlechtlichen Kontaktes enthalten; daher muß man sein Heim verlassen und allein an einem einsamen Ort leben, indem man in der oben beschriebenen Sitzstellung verharrt. Man kann nicht täglich zu Hause oder anderswo dem Geschlechtsleben frönen, dann an einem sogenannten yoga-Kursus teilnehmen und so zu einem yogī werden. Man muß sich darin üben, den Geist zu beherrschen und alle Arten von Sinnenbefriedigung zu vermeiden, von denen Sexualität an erster Stelle steht. In den Regeln des Zölibats, die von dem großen Weisen Yājñavalkya niedergeschrieben wurden, heißt es:
karmaṇā manasā vācā
sarvāvasthāsu sarvadā
sarvatra maithuna-tyāgo
brahmacaryaṁ pracakṣate
„Das Gelübde des brahmacarya soll einem helfen, sich in Taten, Worten und Gedanken – zu allen Zeiten, unter allen Umständen und an allen Orten – der Sexualität vollständig zu enthalten.“
Es ist nicht möglich, richtigen yoga zu praktizieren, wenn man seinem Geschlechtstrieb nachgibt. Brahmacarya wird deshalb von Kindheit an gelehrt, wenn man noch nichts von Sexualität weiß. Im Alter von fünf Jahren werden die Kinder zur guru-kula geschickt, dem Ort, an dem der spirituelle Meister lebt, und der Meister erzieht die Knaben in der strikten Disziplin, brahmacārīs zu werden. Ohne diese Grundlage kann man in keinem yoga Fortschritte machen, weder in dhyāna, jñāna noch in bhakti. Als brahmacārī wird aber auch derjenige bezeichnet, der den Regeln und Vorschriften des verheirateten Lebens folgt und nur mit seiner Frau eine sexuelle Beziehung unterhält (und auch das nur unter Regulierungen). Ein solcher enthaltsamer Haushälter-brahmacārī wird von der bhakti-Schule akzeptiert, doch die jñāna- und die dhyāna-Schule erkennen nicht einmal einen Haushälter-brahmacārī an. Sie fordern kompromißlos völlige Enthaltsamkeit. In der bhakti-Schule ist einem Haushälter-brahmacārī ein beherrschtes Geschlechtsleben erlaubt, denn der Vorgang des bhakti-yoga ist so mächtig, daß man auf natürliche Weise die Anziehung zur Sexualität verliert, weil man die höhere Freude des Dienstes zum Herrn erfährt. In der Bhagavad-gītā (2.59) heißt es:
viṣayā vinivartante
nirāhārasya dehinaḥ
rasa-varjaṁ raso ’py asya
paraṁ dṛṣṭvā nivartate
Während andere sich zwingen müssen, sich von Sinnenbefriedigung zurückzuhalten, verzichtet ein Geweihter des Herrn von selbst darauf, da er einen höheren Geschmack erfährt. Außer den Gottgeweihten kennt niemand diesen höheren Geschmack.
Vigata-bhīḥ. Man kann nicht furchtlos sein, solange man nicht völlig Kṛṣṇa-bewußt ist. Eine bedingte Seele ist ständig voller Furcht, weil ihr Gedächtnis verkümmert ist, das heißt, weil sie ihre ewige Beziehung zu Kṛṣṇa vergessen hat. Im Bhāgavatam (11.2.37) heißt es: bhayaṁ dvitīyābhiniveśataḥ syād īśād apetasya viparyayo ’smṛtiḥ. Kṛṣṇa-Bewußtsein ist die einzige Grundlage für Furchtlosigkeit; deshalb ist es nur einem Kṛṣṇa-bewußten Menschen möglich, yoga in Vollkommenheit zu praktizieren. Und weil er bereits das endgültige Ziel des yoga erreicht hat, nämlich den Herrn im Innern zu sehen, ist er der beste aller yogīs. Dies sind die Prinzipien des yoga-Systems, und sie unterscheiden sich sehr von denen der populären sogenannten yoga-Gesellschaften.

||6-14||

प्रशान्तात्मा विगतभीर्ब्रह्मचारिव्रते स्थितः | मनः संयम्य मच्चित्तो युक्त आसीत मत्परः ||६-१४||

praśāntātmā vigatabhīrbrahmacārivrate sthitaḥ . manaḥ saṃyamya maccitto yukta āsīta matparaḥ ||6-14||

||6-15||

युञ्जन्नेवं सदात्मानं योगी नियतमानसः | शान्तिं निर्वाणपरमां मत्संस्थामधिगच्छति ||६-१५||

yuñjannevaṃ sadātmānaṃ yogī niyatamānasaḥ . śāntiṃ nirvāṇaparamāṃ matsaṃsthāmadhigacchati ||6-15||

yuñjan — sich übend; evam — wie oben beschrieben; sadā — ständig; ātmānam — Körper, Geist und Seele; yogī — der mystische Transzendentalist; niyata-mānasaḥ — mit reguliertem Geist; śāntim — Frieden; nirvāṇa-paramām — Beendigung des materiellen Daseins; mat-saṁsthām — den spirituellen Himmel (das Königreich Gottes); adhigacchati — erreicht.


Indem sich der mystische Transzendentalist auf diese Weise ständig darin übt, Körper, Geist und Tätigkeiten zu beherrschen, beendet er das materielle Dasein, da sein Geist reguliert ist, und erreicht das Königreich Gottes [das Reich Kṛṣṇas].


Das endgültige Ziel von yoga wird hiermit eindeutig erklärt. Yoga ist nicht dafür gedacht, irgendwelche materiellen Annehmlichkeiten zu erlangen; yoga soll einen dazu befähigen, das materielle Dasein zu beenden. Wer seine Gesundheit verbessern will und nach materieller Vollkommenheit strebt, ist gemäß der Bhagavad-gītā kein yogī. Das materielle Dasein vollständig zu beenden bedeutet aber nicht, daß man in „die Leere“ eingeht, die sowieso nur in der Phantasie existiert, denn nirgendwo in der Schöpfung des Herrn gibt es Leere. Vielmehr wird man durch die Beendigung des materiellen Daseins dazu befähigt, in den spirituellen Himmel, das Reich des Herrn, einzutreten. Dieses Reich wird ebenfalls in der Bhagavad-gītā beschrieben, wo es heißt, daß dort weder Sonne noch Mond, noch Elektrizität notwendig sind. Alle Planeten im spirituellen Königreich leuchten aus sich selbst heraus, so wie die Sonne am materiellen Himmel. Das Königreich Gottes ist überall, doch der spirituelle Himmel und seine Planeten werden als paraṁ dhāma, die übergeordneten Reiche, bezeichnet.
Ein yogī auf der höchsten Stufe, der vollkommenes Wissen über Śrī Kṛṣṇa besitzt, kann wahren Frieden finden. Wie hier vom Herrn Selbst erklärt wird (mat-cittaḥ, mat-paraḥ, mat-saṁsthām), erreicht ein solcher yogī schließlich Sein höchstes Reich, Kṛṣṇaloka, das auch Goloka Vṛndāvana genannt wird. In der Brahma-saṁhitā (5.37) heißt es: goloka eva nivasaty akhilātma-bhūtaḥ. Obwohl Sich der Herr ewig in Seinem Reich Goloka aufhält, manifestiert Er Sich kraft Seiner höheren, spirituellen Energien gleichzeitig als alldurchdringendes Brahman und als lokalisierter Paramātmā. Niemand kann den spirituellen Himmel (Vaikuṇṭha) oder das ewige Reich Kṛṣṇas (Goloka Vṛndāvana) erreichen, ohne Kṛṣṇa und Seine vollständige Erweiterung Viṣṇu richtig zu verstehen. Deshalb ist jemand, der im Kṛṣṇa-Bewußtsein tätig ist, der vollkommene yogī, da sein Geist immer in Kṛṣṇas Taten vertieft ist (sa vai manaḥ kṛṣṇa- padāravindayoḥ). Ebenso heißt es in den Veden (Śvetāśvatara Upaniṣad 3.8): tam eva viditvāti mṛtyum eti. „Man kann den Pfad von Geburt und Tod nur überwinden, wenn man die Höchste Persönlichkeit Gottes, Kṛṣṇa, versteht.“ Mit anderen Worten, die Vollkommenheit des yoga besteht in der Befreiung vom materiellen Dasein und nicht in irgendwelchen magischen Spielereien oder gymnastischen Kunststücken, nur um damit unschuldige Menschen zum Narren zu halten.

||6-16||

नात्यश्नतस्तु योगोऽस्ति न चैकान्तमनश्नतः | न चातिस्वप्नशीलस्य जाग्रतो नैव चार्जुन ||६-१६||

nātyaśnatastu yogo.asti na caikāntamanaśnataḥ . na cātisvapnaśīlasya jāgrato naiva cārjuna ||6-16||

na — niemals; ati — zuviel; aśnataḥ — von jemandem, der ißt; tu — aber; yogaḥ — Verbindung mit dem Höchsten; asti — es gibt; na — nicht; ca — auch; ekāntam — zu sehr; anaśnataḥ — sich vom Essen zurückhaltend; na — nicht; ca — auch; ati — zuviel; svapna-śīlasya — von jemandem, der schläft; jāgrataḥ — oder jemand, der zu lange Nachtwache hält; na — nicht; eva — jemals; ca — und; arjuna — o Arjuna.


O Arjuna, es ist nicht möglich, ein yogī zu werden, wenn man zuviel ißt oder zuwenig ißt, wenn man zuviel schläft oder nicht genug schläft.


Hier wird den yogīs empfohlen, Essen und Schlafen zu regulieren. Zuviel zu essen bedeutet, mehr zu essen, als notwendig ist, um Körper und Seele zusammenzuhalten. Für die Menschen ist es nicht notwendig, Tiere zu essen, da ausreichend für Getreide, Gemüse, Früchte und Milch gesorgt ist. Nach Aussage der Bhagavad-gītā befinden sich solch einfache Nahrungsmittel in der Erscheinungsweise der Tugend. Tierfleisch ist für die Menschen in der Erscheinungsweise der Unwissenheit bestimmt. Daher werden diejenigen, die Fleisch essen, trinken, rauchen und Nahrung zu sich nehmen, die nicht zuerst Kṛṣṇa geopfert wurde, sündhafte Reaktionen erleiden, da sie nur verunreinigte Dinge essen. Bhuñjate te tv aghaṁ pāpā ye pacanty ātma-kāraṇāt. Jeder, der nur zur Sinnenfreude ißt und für sich selbst kocht, ohne seine Nahrung Kṛṣṇa zu opfern, ißt nur Sünde. Wer Sünde ißt und mehr ißt, als ihm zusteht, ist unfähig, vollkommenen yoga zu praktizieren. Das beste ist, nur die Überreste von Speisen zu essen, die Kṛṣṇa geopfert wurden. Ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein ißt nichts, was nicht zuerst Kṛṣṇa geopfert wurde. Deshalb kann nur ein Kṛṣṇa-bewußter Mensch Vollkommenheit im yoga erreichen. Ebensowenig kann jemand yoga praktizieren, der sich künstlich vom Essen zurückhält und nach eigener Laune fastet. Der Kṛṣṇa-bewußte Mensch fastet, wie es in den Schriften empfohlen wird. Er fastet nicht länger und ißt nicht mehr als notwendig, und daher ist er fähig, yoga zu praktizieren. Wer mehr ißt, als er braucht, wird während des Schlafes viel träumen und muß folglich länger schlafen als notwendig. Man sollte täglich nicht mehr als sechs Stunden schlafen. Wer von den vierundzwanzig Stunden mehr als sechs Stunden schläft, wird zweifellos von der Erscheinungsweise der Unwissenheit beeinflußt. Ein Mensch in der Erscheinungsweise der Unwissenheit ist träge und neigt dazu, viel zu schlafen. Für einen solchen Menschen ist es nicht möglich, yoga zu praktizieren.

||6-17||

युक्ताहारविहारस्य युक्तचेष्टस्य कर्मसु | युक्तस्वप्नावबोधस्य योगो भवति दुःखहा ||६-१७||

yuktāhāravihārasya yuktaceṣṭasya karmasu . yuktasvapnāvabodhasya yogo bhavati duḥkhahā ||6-17||

yukta — geregelt; āhāra — Essen; vihārasya — Erholung; yukta — geregelt; ceṣṭasya — von jemandem, der für seinen Unterhalt arbeitet; karmasu — bei der Erfüllung der Pflichten; yukta — geregelt; svapna-avabodhasya — Schlaf und Wachsein; yogaḥ — Ausübung von yoga; bhavati — wird; duḥkha-hā — Leiden vermindern.


Wer in seinen Gewohnheiten des Essens, Schlafens, Entspannens und Arbeitens maßvoll ist, kann alle materiellen Leiden lindern, indem er das yoga-System praktiziert.


Ein Übermaß an Essen, Schlaf, Verteidigung und Geschlechtsverkehr – was Bedürfnisse des Körpers sind – kann den Fortschritt auf dem Pfad des yoga behindern. Was das Essen betrifft, so kann es nur reguliert sein, wenn man es gewohnt ist, prasādam, geheiligte Nahrung, zu sich zu nehmen. Wie in der Bhagavad-gītā (9.26) beschrieben wird, kann man Śrī Kṛṣṇa Gemüse, Blumen, Früchte, Getreide, Milch usw. opfern. Auf diese Weise wird ein Mensch im Kṛṣṇa-Bewußtsein automatisch geschult, nichts zu sich zu nehmen, was nicht für die Ernährung des Menschen bestimmt ist und sich nicht in der Kategorie der Tugend befindet. Was das Schlafen betrifft, so ist ein Gottgeweihter immer sehr begierig, seine Pflichten im Kṛṣṇa-Bewußtsein zu erfüllen, und deshalb sieht er jede unnötig verschlafene Zeit als großen Verlust an. Für einen Kṛṣṇa-bewußten Menschen ist es unerträglich, auch nur eine Minute seines Lebens verstreichen zu lassen, ohne im Dienste Kṛṣṇas beschäftigt zu sein (avyartha-kālātvam). Deshalb beschränkt er seinen Schlaf auf ein Mindestmaß. Sein Vorbild in dieser Hinsicht ist Śrīla Rūpa Gosvāmī, der ständig im Dienste Kṛṣṇas beschäftigt war und nicht länger als zwei Stunden täglich schlafen konnte, und manchmal nicht einmal das. Und Ṭhākura Haridāsa dachte nicht daran, prasādam zu sich zu nehmen oder auch nur für einen Augenblick zu schlafen, bevor er nicht täglich auf seiner Gebetskette dreihunderttausendmal den Heiligen Namen gechantet hatte. Was Arbeit betrifft, so tut ein Kṛṣṇa- bewußter Mensch nichts, was nicht mit dem Interesse Kṛṣṇas verbunden ist, und daher sind seine Tätigkeiten immer reguliert und unberührt von Sinnenbefriedigung. Da jemand, der Kṛṣṇa-bewußt ist, kein Interesse an Sinnenbefriedigung hat, gibt es für ihn auch keinen materiellen Müßiggang. Und da er in seinem Handeln, Sprechen, Schlafen, Wachsein und allen anderen körperlichen Tätigkeiten reguliert ist, gibt es für ihn kein materielles Leid.